Billigreisen

Ich habe mich in Geschichten und Bücher in dem Moment verliebt, als ich erkannte, dass Worte mich an einen anderen Ort bringen konnten ohne dass ich mich einen Zentimeter bewegen musste. Damals war ich ungefähr vier, hatte mich in meinem Bademantel gekuschelt und lauschte meiner großen Schwester, die mir “Das Getüm” (Dietlind Neven-du-Mont) vorlas. Mit dem Getüm und seiner “Siebenmal Urgroßmutter Esmeralda” reiste ich in die Urzeit, zum Kaiser von China, mit Piraten und in Ritterburgen. Von da an war mein Fernweh unersättlich und ich war gezwungen, lesen zu lernen, da meine Schwester lieber vor Ort blieb und Kleider nähte. Bald war ich mit Kalle Wirsch unter der Erde unterwegs und flog mit dem kleinen Gespenst nachts durch den Wald.
Menschen, die die Bücher schrieben, waren für mich Magier. Mit ihren Buchstaben schenkten sie mir mehr als eine ganze Welt, in der ich mich frei bewegen konnte. Das kostete nicht einmal Eintritt. Manchmal betrachtete ich meinen Bleistift und überlegte, ob ich ihn eines Tages in einen Zauberstab verwandeln könnte. Ich wollte auch Bücher schreiben und die Menschen auf Reisen schicken. Eines Tages.
Ich bin dabei, mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen.
Das ist ein Zitat aus meiner Geschichte „Hannas Feiertage“:

„Die Milchstraße brannte sich einen Weg durch ein so unbekannt tiefes Schwarz, dass ich kaum zu atmen wagte. Mir war, als hätte jemand die Erde umgedreht wie eine Eieruhr und ich wäre als ein Sandkorn in das andere Teil gestürzt.
Es war Oktober, und zuhause war alles klar rot und gelb. Hier aber flossen neue Farben weich ineinander, überschwänglich und zahllos, als wäre ich mitten in Omas Seidenschal gelandet.
Der Strand war wie aus heißem Licht und das Meer gleichzeitig warm und kühl. Das Wasser glühte in einem Ton zwischen Türkis und Smaragd, den ich noch nie gesehen hatte, mit dunklen Flecken aus Seegraswiesen.
Über die Dünen zogen sich Ranken voll hellblauer Trichterblüten, und irgendwo in dem Gewirr dröhnte ein Zikadenorchester in einem Rhythmus, der meinen Herzschlag aufnahm als gehörte ich in dieses Land.
Wolken türmten sich hier nur morgens und abends, dann aber gewaltig. Dazwischen spann sich in hohem Bogen ein gleißender Tag von dreiunddreißig Grad im Schatten.“

Es ist wie beim Lesen: wenn ich schreibe, kann ich in jede Landschaft reisen. Es ist immer, als wäre ich wirklich dort. An dem Tag, an dem ich das geschrieben habe, war mir ausnahmsweise nach etwas Südlichem. Und ich wünsche mir, dass es mir gelingt auch die Leser genauso gründlich und billig aus einem naßkalten Novembertag wenigstens für eine Stunde in den Urlaub zu schicken. Es gibt noch so eine Geschichte:

Aus: „Seenoten“:
„Sie hatten in den flachen Wellen geplanscht und mit den Zehen nach Muschelschalen gefühlt. Noch nie zuvor hatten sie so warmes, klares Wasser und so lange leuchtende Tage erlebt. Statt eines Sandeimers, den es aus unerfindlichen Gründen nicht zu kaufen gab, hatte ihre Mutter zwei kleine Plastikaquarien erstanden. Holger baute Burgen damit, indem er es als Sandform benutzte. Heinz füllte seines immer wieder mit Meerwasser und fing mit dem Netz Schnecken, Krabben und kleine Flundern, die für ein Weilchen seine Gäste wurden. Stundenlang lag er auf dem Bauch und beobachtete sie durch die zerkratzte Scheibe, dann ließ er sie behutsam wieder frei.
Eines Tages entdeckte er zwei Wesen in seinem Behältnis, die er noch nie gesehen hatte. Mit offenem Mund saß er davor und wagte nicht zu blinzeln aus Angst, sie könnten danach verschwunden sein.
Seine Eltern kannten diese Tiere auch nicht, doch seine Mutter hatte, wie immer, ein Buch zum Nachschlagen im Koffer.
Laut Seite sechsundsiebzig waren es Fische und hießen Seenadeln. Aber dieser unschöne, pieksige Name konnte ihnen den Zauber, den sie für Heinz hatten, nicht nehmen. Für ihn waren es Märchenwesen. Sie waren durchsichtig wie ein Gedanke, dünner als ein Bleistift und nicht länger als sein Zeigefinger, mit beweglichen Augen und einem langen Maul, das ein kleines Lächeln trug. Sie schwammen aufrecht, und fast unsichtbare Flossen fächelten an ihren Seiten wie winzige Flügel. Ohne Heinz zu beachten, bewegten sie sich zwischen dem Seetang, den er mit ins Becken getan hatte, in einem stillen Ballett umeinander.
Und Heinz hörte Musik. Nicht mit den Ohren. Sie sprudelte plötzlich in seinem Kopf wie aus einem Brunnen. Erst leise, dann lauter. Verzückt hörte er zu, während sein Blick den Wesen folgte. Dann summte er die Melodie nach, die in ihm brauste. Er war noch nie so glücklich gewesen.
„Heinz“, sagte sein Vater und hockte sich neben ihn, „was singst Du da? Wo hast Du das gehört?“
„Weiß nicht“, sagte Heinz, „guck mal, Papa, wie die tanzen!“
„Ja, wunderschön“, gab Vater zu. „Aber ich wüsste wirklich gern, was das für eine Melodie ist.“
„Die kam aus meinem Kopf“, sagte Heinz. „Papa, glaubst Du, da draußen gibt es noch mehr solche Fische, die keine Fische sind?“
Die ganze Geschichte gibt es in:
Die Füße der Sterne

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