Vermächtnis im Laub

Man kann es mit der Ordnungsliebe auch übertreiben. Alle jammern über das fallende Laub. Manche Gartenbesitzer scheinen unter den Bäumen zu stehen und auf die Blätter zu warten, damit auch ja keines ihren englischen Rasen berührt. Laub scheint dieser Tage die Plage der Nation darzustellen.
Ich liebe es, auch wenn ich manchmal Blasen bekomme, wenn ich es denn endlich auch mal aufharke, damit nichts darunter erstickt. Für mich erzählt es von dem vergangenen Frühling, von glücklichen Sommertagen, wie lauter alte Briefe. Es raschelt und duftet wie das Leben selbst. Wenn ich früher übermütig war, bin ich vom Garagendach in die Laubhaufen gesprungen. Dieses ausgelassene Gefühl habe ich heute noch manchmal, wenn ich eine Geschichte schreibe und in zuviel Wörtern bade, die ich dann wieder aus dem Text streichen muss.
Es ist doch faszinierend, dass all dieses Rot und Gelb das ganze Jahr über in den Blättern ist, man es aber jetzt erst sieht, da das Grün verschwindet. Und wie unterschiedlich das Laub, je nach Blattform, zu Boden segelt, fällt, kreiselt, schwebt. Die Art, wie Tautropfen sich darauf sammeln, zur Lupe werden oder das Licht einfangen.
Ich kannte jemanden, der noch mehr damit anzufangen wußte. Nennen wir ihn Walter, denn so heißt er in meinen Geschichten. Das war lange vor meiner Heirat mit Peter. Mit Walter verband mich eine bittersüße Freundschaft, die das Leben feierte und wie das Echo einer Liebe war, die hätte sein sollen. Wenn das Leben nicht zu groß für Walter gewesen wäre und seines schon fast zu Ende, als ich ihn kennen lernte. Walter war Lehrer und Künstler, und er mochte alte Blätter.
Mein Text „Vermächtnis im Laub“ erzählt davon:

„Für mich stehst du noch immer auf jedem Bahnhof, den ich betrete, und wartest auf den Zug nach Potsdam.
Dabei wolltest du irgendwann ein fröhlicher alter Mann werden, wie du auf der Fähre nach Kladow, mit einer Currywurst in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand, einmal bemerktest. Wir waren unterwegs, so wie du immer unterwegs warst, von dir weg, von uns. Doch je mehr du dich davonmachtest, innerlich und schließlich ganz, umso mehr schriebst du dich mit deinem Zeichenstift unwiderruflich in meine Welt. Es wird immer alte, zerbröselnde Blätter geben, hinter Hausecken, unter Bänken, an Ufern, und du bist in ihnen, zwischen ihnen, treibst dich herum mit ihnen im Wind, um meine Füße. Abends finde ich sie in meinen Hosenaufschlägen. Du blätterst in meinem Leben, nur anders.
Auf der anonymen Grabstelle in Potsdam gibt es kein altes Laub, nicht im Frühling, nicht einmal im Herbst. Dort ist sauber gefegt. Da, wo du sein solltest, ist nichts von dir, doch überall woanders. Du bist nie angekommen. Nicht einmal das eigenwillige Unkraut wächst auf jener Wiese, das im April weinrot blüht und das ich zum ersten Mal auf einem unserer Entdeckungsausflüge sah. Ich benannte es kurzerhand nach dir. In den Jahren danach nahm die Walterblume immer mehr von der Stadt in Beschlag. Sie blüht an Bahngleisen, Laternen und auf Fußgängerinseln, verdrängt im Park den Rasen und findet sich in Balkonkästen wie ein Aprilscherz. Sie gehört zu den Nesseln, besticht durch ihre Farbe, wird aber wehrhaft, wenn man ihr zu nahe kommt. Dein Name passt zu ihr.
Bevor wir uns das erste Mal sahen, kannte ich dich eine Ewigkeit nur aus deinen Briefen. Du machtest lange und mit Vergnügen ein Geheimnis aus dir. Jemand hatte dir erzählt, dass ich Manuskripte abtippe, und vertrauensvoll schicktest du mir deins, obwohl wir nichts voneinander wussten. Für das fertige erste Kapitel brachte mir die Post einen Dank von dir in Form eines braungelben, löchrigen Birkenblatts, aufgeklebt auf eine alte Karteikarte. Viele Füße waren achtlos darauf getreten, nachdem es fiel. Du allein hattest etwas Besonderes darin wahrgenommen und dich danach gebückt. Durch ein paar Striche, ein Auge, eine angedeutete Dämmerung schwebte verspielt über einer kleinen Landschaft eindeutig das, was du auch darunter geschrieben hattest: „Nachdenklicher Fledermausgeist“.
Du hattest kein Geld. Du bezahltest meine Tipparbeiten fortan in Blattgeistern und der eigenwilligen Freundschaft, die nebenbei entstand. Nie zuvor und nie wieder habe ich so sehr auf die Post gewartet. Meine Wände und Regale bevölkerten sich mit deinen Wesen und die Nachbarn kamen aus Neugier öfter vorbei, um den Blattgeist des Tages in Augenschein zu nehmen.
Da gibt es den „Vierflügeligen Großohren-Geist“, der aus einer Kleeblüte mit langem Stängel entstanden ist und einen winzigen Kirchturm umkreist, als gehöre ihm der Himmel und der Himmel sei größer als alles andere. Der frierende „Pelikan-Geist im Wintermantel“ aus einem umgekehrten Erdbeerblatt lehnt an der Standuhr und beobachtet die Zeit. Der „Einbeinige Krähen-Geist“ mit dem süffisanten Lächeln hat einen zerfaserten Blattrest als Körper, in dem außer dir kein Mensch auf dieser Welt etwas anderes als Abfall gesehen hätte. Und der „Schnurrbärtige Tanzgeist“ bekam seinen Schwung von einem jungen Eichenblatt, das noch immer vom Wind getragen scheint, nachdem es zwölf Jahre auf der Rückseite eines Kassenzettels klebt.
Wenn du in Schwierigkeiten warst, half ich, soweit es ging, und du bedanktest dich in Bildern. Wirklich erreichen konnte ich dich nie; seltsam nur, dass ich dich bis heute ebenso wenig verlieren konnte.
Kurz vor deinem Tod schenktest du mir ein Bild, das verblüffend solider war als alle anderen und Gewicht hatte, so als glaubtest du, die leichten Geister könnten nicht ausreichen, um dich in meiner Erinnerung zu halten. Es war ein breites, armlanges Stück Baumstamm, das an einem deiner letzten Wintertage in deinem Kamin gebrannt, dann geschwelt hatte und schließlich verlöscht war. Tiefschwarz verkohlt, hatte es eine seltsame Form mit schuppiger Oberfläche angenommen. Du schraubtest es auf ein helles Brett, verliehst ihm mit einer schützenden Lackschicht einen seidenmatten Glanz und montiertest darin ein einziges zyklopenhaftes Auge. Ein blaues, nachdenkliches Auge, das einmal einer Schaufensterpuppe gehört hatte, mit einem klappbaren Lid und Wimpern. „Es kann dich anglimpsen oder du kannst es ausglimpsen, ganz wie du willst“, sagtest du. Glimpsen, das Wort hast du erfunden, weil dir schlichtes Sehen nicht genügte. Glimpsen, das hieß staunen, hieß einen Augenblick Glück beim Schauen, hieß, ein Leuchten vorzufinden.
Ein großer Dübel hält das schwere Objekt fest an meiner Wand. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaut es mir über die Schulter. Wenn ich mich umdrehe, sieht es mich an. Je nach Lichteinfall entstehen immer neue Gesichter auf dem Holz. Ich habe das Auge nie geschlossen; es bleibt wach. Ich erzähle ihm wortlos meine Geschichten. Manchmal ist es mir unheimlich, doch ich stelle mich seinem Blick. Es ist dir merkwürdig ähnlicher als dein Selbstportrait.
Doch auch ohne diesen Baumstamm, der mich fixiert, wärest du geblieben, indem du wiederkommst. Im Frühling ist es am stärksten; dann streunt nicht nur das vorjährige braune Herbstlaub aus seinen Verstecken hervor, sondern mit der Tageslänge strecken sich über mir die neuen Blätter dem Wolkengrau entgegen, hellgrün, hungrig, unaufhaltsam. Unter den Bäumen legt ihnen die Walterblume einen roten Teppich zu Füßen. Die Blätter wachsen, breiten sich aus, färben sich von hell über tiefgrün ins Braune, werden fallen, werden von dir erzählen, werden mir ein Echo deines spöttischen Schmunzelns schenken und unerwartete Ideen. Du bist mein Perpetuum mobile geworden. Ich will nichts von dem versäumen, was mir der Alltag zuwirft. Du hast mir gezeigt, was sich in dem verbirgt, auf das andere treten. Deine Zeichen in den Blättern mahnen mich immer neu. Du bist unterwegs, du treibst meine Gedanken um wie der Wind deine Spuren. Wo Blätter sind, schweigst du nicht.“

Ja, und dann gibt es noch die Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ in dem Buch „Weihnachtsgeschichten.
Mit dieser Geschichte habe ich Walter so etwas wie ein Denkmal gesetzt. Sie erzählt von einem ganz besonderen Abschied. Hier ein Auszug:
„Walter war mein Freund gewesen, nicht DER Freund, aber einer von jenen, die die Tage anders färben, als sie ohne ihre Gegenwart gewesen wären.
Sein Tod war nicht unerwartet gewesen. Ich hatte ihn bei unserem letzten Treffen in Walters Augen gesehen, als eine geduldige Gegenwart. Ja, ich hatte Walter in diesem Wissen sogar einen Abschiedskuss gegeben, den ersten und letzten Kuss, den es zwischen uns gegeben hatte, und in dem Kuss war ein Bedauern gewesen und ein Frösteln.
Doch ich hatte noch viele Briefe und Telefonate in unsere Zeit gerechnet. Walter pflegte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu klingeln, um zwei oder drei Uhr, und mir Bruchstücke von Geschichten vorzulesen, die ihn gerade faszinierten. Nach dem ersten Ärger gewöhnte ich mich daran und fiel, wenn er seine Gegenwart in meinem Ohr mit dem Hörerklicken beendete, sofort und besser in den Schlaf, in den ich die Geschichten mitnahm und zu Ende träumte. Kurz vor Weihnachten waren es immer besonders viele Geschichten, als gäbe es in Walter einen Stau, den er noch vor Jahresende auflösen musste.
Manchmal waren es auch kratzige Lieder, die er mit seinem ausgeleierten Diktafon im Radio gehört und aufgenommen hatte und mir durch das Telefon vorspielte. Schon da hörte es sich an, als würde er von viel weiter weg anrufen als von dieser Erde. Im November war es „I believe in Angels“ gewesen, immer und immer wieder, obwohl das gar nicht zu Walter passte…

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