Ein merkwürdiger Engel

Winterabende eignen sich hervorragend zum Vorlesen...

Noch viel schöner als Geschenke fand ich es früher, wenn mir in der Vorweihnachtszeit jemand Geschichten vorlas. Der ganze Zauber von Weihnachten entfaltete sich dadurch erst in meiner Phantasie. Das gehört zu meinen schönsten Erinnerungen, und ich würde diese Freude von damals, dieses helle Stück Kindheit, gern an Kinder von Heute weitergeben.
In meinem Buch „Der Weihnachtswind“ gibt es mehrere Weihnachtsgeschichten, die sich zum Vorlesen für Kinder eignen. Zum Beispiel diese:

Der verkehrte Engel

Jedes Jahr freute sich Sanni darauf, dass am ersten Advent das Engelsglockenspiel aufgestellt wurde.
Schon die Schachtel klapperte so aufregend, wenn Oma sie aus dem großen Karton holte. Oma kam jedes Jahr zum ersten Advent zu Besuch und blieb, bis das neue Jahr anfing. Weil Mama mit dem Backen soviel zu tun hatte, waren es Oma und Sanni, die für den Adventsschmuck zuständig waren. Es gab große Strohsterne, die mit spitzen Reißzwecken an die Wände geheftet wurden, und Lichterfiguren für die Fenster.
Aber am liebsten mochte Sanni das Engelsglockenspiel.
Es schimmerte golden. Unten war ein Teller mit vier Kerzenhaltern, in die Sanni rote Kerzen stellen durfte. In der Mitte steckte ein Stiel, und an diesem Stiel hingen drei Glocken. Ganz oben drauf kam ein Flügelrad, das sich drehte, wenn die Kerzen an waren.
Und an dieses Rad hängte Oma ganz zum Schluss das Allerwichtigste: fünf goldene Engel. Die Engel hielten jeder eine zarte Stange, mit der sie gegen die Glocken schlugen, wenn das Rad sich drehte. So ertönte eine feine, silberhelle Musik. Sanni spürte jedes Mal ein glückliches Kribbeln im Bauch, wenn das Klingeln anfing.
Oma und Vater konnten die Musik nicht mehr hören, weil ihre Ohren schon so alt waren. Das machte die Musik noch aufregender, weil sie fast nur für Sannis Ohren war, so als teile sie mit den Engeln ein Geheimnis.
Diesmal aber blickte der Vater streng auf das Glockenspiel, als sie beim Kaffee saßen und die erste Kerze auf dem Adventskranz leuchtete. „Da stimmt was nicht“, sagte er vorwurfsvoll. „Der eine Engel ist verkehrt!“
Tatsächlich hatte Oma den Engel falsch herum aufgehängt. Alle Engel flogen ordentlich vorwärts, nur dieser eine, der flog rückwärts. Sanni staunte, wie gut er das konnte.
Oma strich sich eine widerspenstige weiße Haarsträhne aus der Stirn und aß seelenruhig ihren Marzipanstollen. „Das macht gar nichts, wenn sich einer mal anders benimmt als alle anderen“, sagte sie. „Auch bei Engeln nicht.“
Mama versuchte, den Engel richtig herum zu hängen, doch der Engel war heiß von den Kerzenflammen, und sie konnte ihn nicht anfassen. Also flog er weiter rückwärts.
Am nächsten Tag, als die Kerzen aus waren, sah Sanni, wie der Vater den Engel sorgfältig richtig herum drehte.
Doch seltsam, als sie am zweiten Advent neue Kerzen anzündeten, flog der Engel wieder rückwärts. Vater schüttelte den Kopf. Oma aß Marzipanstollen. Und Sanni bewunderte den Engel. Sie fand ihn mutig.
„Oma“, fragte sie, „Engel, die rückwärts fliegen, laufen die auch rückwärts?“
„Ganz bestimmt laufen die rückwärts“, sagte Oma.
Vater pustete laut in seinen Kaffee.
Am Montag in der Schule schüttelte die Lehrerin den Kopf über Sanni. „Du sollst doch mit der rechten Hand schreiben, nicht mit der linken“, sagte sie. „Die anderen Kinder machen das auch alle so.“
„Das ist doch nicht schlimm“, sagte Sanni. „Es gibt sogar Engel, die sich anders benehmen als alle anderen.“
„Soso“, sagte die Lehrerin. “Ich dachte, gerade Engel sind besonders brav.“
Am Mittwochmorgen zeigte Jörg mit dem Finger auf Sanni und lachte sie aus. „Guckt mal, die Sanni kann sich noch nicht mal richtig anziehen!“
Sanni sah an sich herunter und merkte, dass sie ihre Jacke in der Eile verkehrt herum angezogen hatte.
„Na und“, sagte sie. „Es gibt schließlich sogar Engel, die verkehrt herum fliegen!“ Jörg lachte noch mehr, aber Sanni ließ sein Lachen einfach nicht in ihre Ohren, sondern stellte sich vor, es wäre das helle Klingeln der Engelsglocken.
Am Freitag sah sie, wie Rolf und Jörg auf dem Pausenhof mit harten Schneebällen nach dem kleinen Hajo warfen. „Seht mal, wie der Esel rennt!“ riefen sie. Hajos rechtes Bein war kürzer als das linke und auch nicht so kräftig. Wenn er rannte, sah es ein wenig aus wie ein Galopp.
Sanni nahm Hajo bei der Hand. „Lasst ihn in Ruhe!“ schrie sie. „Es macht nichts, dass er anders ist. Es gibt auch Engel, die anders laufen als alle anderen! Das sind ganz besondere Engel!“
„Die spinnt mit ihren Engeln“, sagte Jörg zu Rolf. „Hast Du schon mal ´nen Engel gesehen, der verkehrt herum fliegt?“
„Ich hab überhaupt noch keinen Engel gesehen“, sagte Rolf. „Die Sanni hat’n Knall.“
Als Oma Sanni ins Bett brachte, erzählte sie der Oma alles.
„Hmmm“, sagte Oma nur.
An diesem Sonntag brannten drei Kerzen auf dem Adventskranz, und der eine Engel flog immer noch rückwärts. Draußen schneite es zum ersten Mal in diesem Jahr.
Am Montag schneite es immer noch, und weil die Wolken so schwer und dunkel waren, wurde es gar nicht richtig hell. Mitten in der Mathestunde sprang Jörg, der am Fenster saß, plötzlich auf und zeigte aufgeregt nach draußen. „Da, seht mal!“ Die anderen rannten auch zum Fenster. „Kinder!“ rief die Lehrerin und schüttelte den Kopf. Niemand hörte ihr zu, also wurde auch sie neugierig und sah hinaus.
Draußen lief eine Gestalt über den Hof…

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, findet sie hier

Und damit niemand die Katze im Sack oder vielmehr die Wörter zwischen den Deckeln kaufen muß, stelle ich hier noch zwei weitere Geschichten aus dem Buch vor:

Der Weihnachtsspatz
Der Weihnachtsbaum war beinahe so groß wie die kleine Kirche, neben der die Menschen ihn aufgestellt hatten. Ganz auf der Spitze saß aufrecht ein Engel und breitete seine goldenen Flügel aus.
Auf dem Kirchturm saß ein kleiner Spatz und betrachtete den Engel. Der Spatz sah aus, wie alle Spatzen in allen Städten. Er war braun und fiel nicht weiter auf. Er hatte nicht einmal einen Namen. Jeden Tag flog er mit seinen Geschwistern und Freunden von Dach zu Dach und auf dem Marktplatz herum, und niemand beachtete ihn. Nur selten warf ihm ein Kind einen Krümel zu.
Der kleine Spatz wäre sehr gern ein Engel gewesen, ein Engel mit goldenen Flügeln, auch wenn der nur aus Plastik war.
„Möchtest Du mich für eine Weile vertreten, kleiner Spatz?“ fragte der Engel. „Ich habe nämlich etwas Wichtiges zu erledigen.“
Der kleine Spatz fiel vor Schreck fast von der Kirchturmspitze. Der Engel war ja gar nicht aus Plastik. Er war lebendig!
Der kleine Spatz konnte ja nicht wissen, dass die Engel auf den Weihnachtsbäumen, die neben Kirchen stehen, oft wirkliche Engel sind. Das ist deshalb praktisch, weil die Menschen ihre Sorgen meistens in der Kirche erzählen. So wissen die Engel gleich Bescheid, um wen sie sich kümmern müssen. Engel sind schließlich dazu da, den Menschen zu helfen, besonders an Weihnachten. Und zum Glück haben sie sehr gute Ohren.
„Du könntest für mich heute Nachmittag hier oben sitzen“, sagte der Engel. „Dann könnte ich zu einem kleinen Mädchen fliegen, das getröstet werden muss. Sie heißt Katja und ist im Herbst von einer Schaukel gefallen. Beide Beine hat sie sich gebrochen und muss nun schon so lange im Bett liegen, dass sie vor Langeweile sehr traurig ist.“
„Aber ich bin doch nur ein Spatz“, sagte der kleine Spatz verwundert. Es stimmte ja, dass er sich gerade goldene Flügel gewünscht hatte. Aber einen wirklichen Engel vertreten, das war doch was anderes. Er wusste nicht, ob er das konnte.
„Du brauchst bloß hier oben zu sitzen und die Flügel ausbreiten. Es wird niemandem auffallen“, sagte der Engel. „Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Niemand erwartet einen Spatz, wo ein Engel sein sollte. Außerdem können wir ein bisschen nachhelfen.“
Der Engel rückte also zur Seite und der kleine Spatz flog auf die Spitze des Weihnachtsbaums. Er musste sich gut festhalten, denn der Baum schwankte im Wind. Auf der Kirchturmspitze hatte sich der kleine Spatz sicherer gefühlt.
„Ein wenig aufrechter, bitte“, sagte der Engel. Der kleine Spatz streckte sich und plusterte sich auf, bis er größer aussah. „Und jetzt die Flügel ausbreiten“, sagte der Engel.
Der kleine Spatz breitete die Flügel aus.
„Gut“, sagte der Engel. Er griff in seine Hemdtasche und streute etwas über den kleinen Spatz. „Sternenstaub“, sagte der Engel. Der kleine Spatz sah an sich herunter. Seine Flügel glitzerten jetzt wunderschön golden. Vor Stolz machte er sich noch ein wenig größer.
„Das ist zwar geschummelt“, lachte der Engel, „aber die Menschen machen sowas auch. Sie nennen es schminken“. …

Als Johanna am Christkind zweifelte

…Dieses Jahr schien es noch länger zu dauern als sonst. Die Plätzchen waren schon alle und Onkel Richard hatte bereits fünf Kugeln fertig. Plötzlich ließ Johanna vor Schreck den Ring fallen, den sie gerade erst zusammengeklebt hatte. Ganz deutlich hatte sie gehört, wie auf der anderen Seite der Tür jemand die Leiter gerückt hatte! Sie kannte das Geräusch, denn Mutter brauchte diese Leiter ja immer zum Fenster putzen und Gardinen aufhängen. Die Gummifüße schrammten auf dem Parkett entlang und die Aluminiumsprossen klapperten. Dieses Geräusch konnte man nicht verwechseln.
Da konnte etwas nicht stimmen. Bis jetzt war es immer leise im Wohnzimmer gewesen. Man hatte höchstens ein wenig Papierrascheln und Flüstern gehört. „Onkel Richard“, sagte Johanna, „das Christkind braucht doch keine Leiter, oder? Das Christkind kann doch fliegen!“
„Na klar kann das Christkind fliegen.“
„Aber ich hab die Leiter gehört“, sagte Johanna.
„Also ich habe überhaupt nichts gehört“, sagte Onkel Richard. „Kannst du mal diesen Faden festknoten?“
Johanna knotete und dachte nach. Ob es am Ende gar kein Christkind gab? Vielleicht veräppelten die Erwachsenen sie nur und hingen die Lichterketten alleine auf. Klar, dass sie dann die Leiter brauchten.
„Und jetzt halt diese Kugel fest“, sagte Onkel Richard. „Nicht bewegen, sonst verrutschen die Klebestellen. Ich hole uns solange neue Plätzchen und einen Kakao.“
Er schlüpfte so geschickt durch die Tür, dass Johanna nicht an seinem Bauch vorbeigucken konnte. Sie hielt also die Kugel fest und dachte nach, und je länger sie nachdachte, desto sicherer wurde sie, dass nie ein Christkind das Wohnzimmer geschmückt hatte, sondern stattdessen jedes Jahr ihre Eltern und Tante Lina auf der Leiter herumturnten.
Onkel Richard war etwas länger weg, und als er wiederkam, brachte er einen ganzen Teller von Johannas Lieblingszimtsternen mit. „Das Christkind ist fast fertig“, sagte er etwas atemlos, so als wäre er die Treppe hinaufgerannt. Er roch sogar ein wenig nach Winterwind. „Stell dir vor, was passiert ist! Ich weiß jetzt, warum das Christkind dieses Jahr eine Leiter braucht.“ Herzhaft biss er in einen Zimtstern.
Johanna pustete in ihren Kakao und wartete ungeduldig, bis Onkel Richard heruntergeschluckt hatte.
„Das Christkind hatte nämlich einen Unfall!“ sagte er…

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  1. Patricia, schön, dass Du Deine Weihnachtsgeschichten hier vorstellst.
    Besonders habe ich mich gefreut, dass eine meiner Lieblingsparticiaweihnachtsgeschichten dabei ist:
    Der verkehrte Engel.
    Stellst Du:
    Was der Weihnachtself suchte
    auch noch hier vor?
    Das Foto übrigens… sehr stimmungsvoll !

  2. Hallo Bettina,
    „Was der Weihnachtself suchte“ stelle ich bei „Geschenke für Eltern“ vor, denn darin geht es ja darum, dass es nicht immer einfach ist, die Wünsche der Erwachsenen herauszufinden…

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