Ein Dank an meinen Schreibtisch

Als kleines Kind liebte ich den Schreibtisch meines Vaters. Gerne saß ich in seinem riesigen Ledersessel und blickte über die weite, polierte Fläche, auf der Locher und Klemmern, Büroklammern und Stempel, Scheren und Farbbänder, Briefbeschwerer und die Schreibmaschine ein aufregendes Leben führten. Aber ich sollte nichts anfassen, vor allem nichts durcheinanderbringen. Und außerdem saß er ja meist selbst da. So träumte ich davon, eines Tages auch einen solchen Schreibtisch zu besitzen. Kein bißchen kleiner dürfte er sein. Er brauchte Platz für Worte, Träume und viel Papier.
Ich war zwanzig, als ich, mit meinen ersten Gehältern als studentische Hilfskraft auf dem Konto, endlich auf die Suche gehen konnte. Ich durchstöberte mal mit Freundin, mal mit meiner Mutter, mal mit meinem Vater ganz Berlin. Den Schreibtisch meiner Träume schien es nicht zu geben. Und schon gar nicht fand irgendein Verkäufer in jenen Geschäften, die mehr führten als Sperrholzmöbel (Kreuzberger Eiche heißt das in Berlin), dass eine zwanzigjährige Göre so etwas besitzen dürfe. Schließlich fand ich einen einzigen, der meinem Wunschtraum annähernd nahe kam.Er hatte eine ziemlich lange Lieferzeit, aber endlich stand er in meiner Studentenkammer unterm Dach.
Später zog er mit in eine „richtige“ Wohnung und als ich meinen Mann kennenlernte dann auf die andere Seite Berlins in unser Häuschen.

schreibtisch1

Ich habe daran gebastelt, für Prüfungen gebüffelt, Praktikumsberichte, Referate und eine Diplomarbeit geschrieben, Liebesbriefe und Tagebuch und meine allerersten Veröffentlichungen. Erst stand eine Schreibmaschine darauf, dann ein ziemliches Monstrum von Computer, der dann bis zu meinem Laptop von immer kleineren, fähigeren Modellen abgelöst wurde.
Mein zweiter großer Kindheitstraum außer dem Schreibtisch war es, ein Buch zu schreiben, und das ist nun auch gelungen: an meinem guten, inzwischen ein Vierteljahrhundert alten Freund, dem Schreibtisch, schrieb ich den „Weihnachtswind“ und „Die Füße der Sterne„. Ich bin froh und dankbar, dass er für alle meine Hirngespinste und Launen stets eine verläßliche Unterlage bietet.
Heute habe ich den Schreibtisch aufgeräumt, von der Unordnung des letzten Jahres befreit und dann hat er fast eine halbe Flasche Möbelpolitur „geschluckt“. Nun sind wir beide bereit für neue Taten.

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