Frühlingsgeschichten

Endlich! Der Frost ist verflogen und die Sonne überzeugt wieder, berührt. Wir atmen auf, atmen durch. Die Blumen auch. Hoffnung streift wie ein warmer Wind über das Land, durch das Leben. Pläne, Ideen, Vorfreude huschen in die Tage wie Licht.

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Das macht Lust auf Frühlingsgedichte, Frühlingsgeschichten.
Wer Frühlingsgeschichten lesen oder zum Muttertag verschenken möchte, findet auch in dem Buch „Die Füße der Sterne“ welche.
Die Zeitschrift „Bella“ schrieb in ihrer Ausgabe 2/2010:
GLÜCK ZUM LESEN
Für den einen ändert sich das Leben, nur weil er einmal schwimmen geht. Für den anderen bringt ein Pappkarton die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Und ein weiterer Mensch bewirkt, dass sich die Sterne anders benehmen als sonst. Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung “Die Füße der Sterne” (Dr. Ronald Henss Verlag).

Ein paar Leseproben:

Aus: Der Morgen von Gestern
…In dieser Aprildämmerung trug der Himmel zartgraue Falten und Hellgrün war über die nackten Bäume gewischt wie feuchter Staub. Die Erde roch nach frischem Kräuterbrot als sie aus dem Haus trat. Dicke Stille lag im dünnen Nebel über den Straßen, nur weit oben zogen Kraniche mit lauten Rufen nach Norden über die Großstadt hinweg, in der sie niemals landen würden. Die Sonne war noch lange nicht aufgegangen. Es war gerade fünf Uhr vorbei, aber Reni musste um sechs im Laden sein. Wenn Herr Yilmaz vom Fruchthof kam wurde sie gebraucht, um die Paletten auszuladen, das Obst zu sortieren und die Preise zu schreiben. Reni liebte ihre Arbeit, ihre Kunden, und beinahe ihren Chef.
Selten begegnete ihr um diese Zeit jemand auf der Straße. Erst am Bahnhof fanden sich sonst andere verschlafene Gesichter ein. Darum fiel ihr die kleine Gestalt schon von weitem auf. Schmal stand sie an der Ampel, ging dann ein paar Schritte zurück und sah sich ratlos um, die Arme verschränkt, als wollte sie sich darin einwickeln. Lange Haare bewegten sich im kühlen Wind ungekämmt um ihre Schultern…

Aus: Eine Frage der Zeit
…Ich fasste mir ein Herz und klingelte. Der Gong war heiser.
Es passierte gar nichts. Ich ging ums Haus und stellte fest, dass es frische Fußspuren zwischen einer Hintertür und einer Voliere gab, in der ein riesiger schwarzer Vogel kreischte und enorme Schwingen ausbreitete. Gleichzeitig fing drinnen ein Hund zu bellen an. „Ruhig, Cerberus“ rief eine Stimme. Eigentlich hätte eine rübezahlmäßige Basstimme hierhergepasst. Stattdessen war es war eine überraschend sympathische Tenorstimme.
Aber „Cerberus“! Der Höllenhund. Das Kläffen klang zwar nicht sehr gefährlich, aber ein Cerberus konnte ja eigentlich nur bissig sein.
Das wurde ja immer besser. Und der schwarze Riesenvogel sah auch nicht sehr vertrauenerweckend aus. Vielleicht würde ich als Zwerg zu Tante Marietta zurückkehren, oder als Kröte. Wahrscheinlich war Julius Anwander eine männliche Hexe, und darum war meine Tante so schlecht auf ihn zu sprechen. Das wäre ja mal eine gute Story für den Priemer.
„Lass die Kindereien, Karla“, schimpfte ich mit mir selbst, und ging klopfen, diesmal nachdrücklich und an der Hintertür.
Irgendwo schlug eine andere Tür. Ich hoffte, er hatte Cerberus eingesperrt.
„Wer ist da?“ fragte die sympathische Tenorstimme von drinnen.
„Karla März. Meine Mutter war eine Cousine dritten Grades von Ihnen.“
Die Tür wurde mit Schwung aufgerissen. Cerberus kam herausgestürzt und sprang schwanzwedelnd an mir empor.
Der Höllenhund war ein winziger, weißer Terrier, von dem im Schnee kaum mehr zu erkennen war, als ein paar schwarze Knopfaugen. Darum trug ich mein bestes Lächeln, als ich meine Aufmerksamkeit auf Julius Anwander lenkte.
Er erwiderte es nicht.
Nicht, dass er unfreundlich wirkte. Sein Blick war sachlich.
Zu meiner Überraschung war er nicht größer als meine eigenen einsfünfundsechzig, und er trug auch nicht den Vollbart, den ich aus irgendeinem Grunde erwartet hatte. Er war schmal, hatte etwas wirre Locken und trug eine randlose Brille, alte Jeans und ein kurzärmeliges T-shirt mit der Aufschrift „Be happy.“
So hatte sich der Priemer einen romantischen Helden bestimmt nicht vorgestellt.
„Was wollen Sie?“
„Einen Verwandten besuchen?“ versuchte ich.
„Warum?“
Die Frage war berechtigt. Ich hatte es immer gehasst, irgendwelche Verwandten zu besuchen, die ich entweder nicht kannte oder nicht mochte. Aber Pflichtgefühl wurde in unserer Familie großgeschrieben. Dass Julius davon nichts zu halten schien, machte ihn noch sympathischer.
„Hören Sie, ich bin seit über zwei Stunden unterwegs, meine Füße sind nass und ich wünsche mir eine Tasse Tee, meinetwegen auch heißes Wasser.“
„Das ist wenigstens ein Grund“, sagte er. „Kommen Sie rein.“
Ich durfte mich in die Küche auf die Bank setzen. Zum Glück war die Heizung dahinter. Julius Anwander braute mir eine Tasse Tee von merkwürdig grauer Farbe. Dann setzte er sich mir gegenüber und stellte mir eine Sanduhr vor die Nase. Sie war nicht viel größer als eine Eieruhr.
„So“, sagte er. „Wenn die abgelaufen ist, gehen Sie wieder.“
Das verschlug mir die Sprache, was nicht oft vorkommt.
Aber der Sand rieselte, und Julius meinte, was er sagte. Ich zweifelte nicht daran.
„Machen Sie das immer so? Auch mit Ihren Freunden?“ fragte ich empört.
„Mit allen“, versicherte er.
„Sie wissen ja noch nicht mal, was ich von Ihnen will.“
„Nein. Ich warte immer noch darauf, dass Sie es mir sagen.“
Eins zu Null für ihn. Ich schlürfte meinen Tee und überlegte.
„Ich habe Ihre Bücher gelesen. Eigentlich wollte ich danach Arktisforscherin werden“, erzählte ich.
„Was hindert Sie daran?“
So ein Mist. Auf Umwegen ging es nicht. Er war von der direkten Sorte.
„Warum geben Sie keine Interviews?“ platzte ich heraus.
„Warum sagen Sie nicht, dass Sie eines wollen?“
„Also gut. Mein Chef setzt mich unter Druck. Ich jobbe bei unserer Lokalzeitung.“
Julius zeigte auf die Sanduhr. Die letzten Körner fielen gerade auf den kleinen Hügel am Boden. „Ihre Zeit ist um“, sagte er. „Und Sie sehen nicht wirklich aus wie jemand, der sich von einem Chef unter Druck setzen lässt.“
Ich lehnte mich nach vorn. Meine Füße froren immer noch, und ich war müde und erbost. Dafür hatte ich nun karierte Wände und einen stundenlangen Fußmarsch ertragen. „Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, dass mich Ihre Bücher tatsächlich beeindruckt haben? Dass ich es toll fand, mit Julius Anwander verwandt zu sein und mich gefragt habe, warum seine Familie ihn nicht kennt? Dass ich wirklich gerne wüsste, wer Sie sind und warum Sie sich zurückgezogen haben?“

Aus: „Zitronenluft“ :
…Trotz der steifen Brise und der Kapuze über ihren Ohren hörte Ella Berger plötzlich ein Getöse, ein Poltern und einen erschrockenen Ausruf. Die Geräusche kamen aus dem Garten, an dem sie gerade vorbeigelaufen war. Sie zögerte, dann kehrte sie um, lehnte sich über die verwitterte Holzpforte und rief „Hallo? Alles in Ordnung?“
Sicher war sie sich nicht, aber sie glaubte, im Wind einen Hilferuf zu hören….Zu Ellas Rechten kuschelten sich steile Gärten hinter den Deich. Reetgedeckte Häuser saßen darin wie in einem Nest. Die Gärten waren sandig und karg; es gab nicht viel nahrhafte Erde hier, und die meisten Gartenblumen waren zu zart, um dem Wind zu trotzen. Nur ein paar späte Narzissen kämpften in einigen Kuhlen darum, aufrecht zu bleiben.
Dass es Frühling war, sah man ansonsten fast nur an der Farbe des Himmels und den zarten Blättern einiger weniger verfrorener Birken, die sich hier und da in windgeschützten Ecken ans Leben klammerten. Es gab sonst kaum Bäume auf der Insel, nur einige in die Dünentäler geduckte Kiefern.
Als sie sich jetzt auf der Suche nach dem Hilferufenden über das fremde Tor beugte, konnte sie nichts sehen, denn der Garten fiel besonders steil ab, und links und rechts duckten sich Kiefern. Kurz entschlossen drückte sie die Klinke. Es war nicht verschlossen. Etwas mühsam stieg sie die Düne herab und sah sich staunend um. Der Abhang war sandig gewesen wie die gewohnte Insellandschaft, aber hier unten war alles anders. Der Boden bestand aus fruchtbarer schwarzer Erde, es gab ein Stück wirklichen weichen, dichten Rasens und drei runde Beete, die sich in den Schutz der Düne schmiegten und dicht gefüllt waren mit zarten weißen und blauen Glockenblumen, violettem Fingerhut, Purpurglöckchen und anderen Blumen, die sie hier nie vermutet hätte.
An die Hauswand lehnte sich eine Art Gewächshaus, eher ein Schuppen, und von dort kamen die Geräusche. Die Tür war angelehnt. Ella stapfte in ihren Gummistiefeln hin und klopfte. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Jawohl bitte“, kam eine Basstimme von drinnen.
Ella stieß die Tür auf und fiel fast über ein paar große nackte Füße. Zu den Füßen gehörte ein ziemlich stattlicher Mann, der auf dem Rücken lag, offensichtlich umgeworfen und festgeklemmt von einem Baum in einem blauen Kübel…

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Aus: „Himmel auf Abwegen“
…„Wenn Sie beide nichts ändern, wird ganz sicher nichts mehr zu retten sein“, sagte Robin streng. „Ich sitze auch nicht da und überlege, ob der alte Projektor nicht auf den Schrott gehört. Ich fummele daran herum, bis er wieder geht. Das ist auch nicht immer einfach. Aber für einen Neuen ist kein Geld da, ebenso wie man sich nicht einfach ein neues Leben kaufen kann. Bis jetzt habe ich die Sterne noch immer wieder in Gang bekommen.“
Viktoria dachte nach. „Schon“, sagte sie. „Aber den Lauf der Sterne können Sie auch nicht ändern. Die sind da, wo sie eben sind. Die Milchstraße führt dahin, wo sie immer hingeführt hat. Die Planeten müssen auf ihrer vorgeschriebenen Bahn bleiben. Ich glaube nicht, dass das Ende unserer Ehe noch abzuwenden ist. Sternschnuppen stürzen ab, verglühen. Wir sind schon viel zu dicht über dem Horizont.“
„Schade“, sagte Robin. „Da kann ich dann wohl auch nichts machen. Schön, dass die Sterne Ihnen wenigstens jeden Abend ein bisschen Trost bieten. Kommen Sie ruhig weiterhin, man kann nie wissen.“
Er stand auf. „So, nun muss ich aber nach Hause. Nicht, dass mein Gummiboot auch noch ein Leck bekommt.“ Er schaltete den Projektor ab, drehte sorgfältig die Lichter aus, und ließ Viktoria draußen auf dem Bürgersteig mit ihrer Traurigkeit und dem Frühlingsabend allein.
Er wäre nicht Robin gewesen, wenn er so schnell aufgegeben hätte. Das musste sie ja nicht gleich wissen. Heute noch nicht.
Aber morgen.
Am nächsten Abend war Viktoria wieder da. Robin riss ihre Eintrittskarte ab und sagte freundlich guten Abend. Sie sah ihn ein wenig unsicher an. Er lächelte ihr unverbindlich zu und sagte „Der Nächste, bitte.“ Seine Erleichterung ließ er sich nicht anmerken. Er hatte ernsthaft befürchtet, sie verscheucht zu haben.
Der Saal blieb an diesem Abend ziemlich leer. Der honigduftende weiche Frühling draußen war einfach zu schön. Die wenigen Gäste jedoch, die anwesend waren, hatten allen Grund, zu staunen.
Der diensthabende Professor auch. Nach den ersten drei Minuten verschlug es ihm schlichtweg die Sprache, was noch nie vorgekommen war…

Aus: Jojo
….Opa Gerhard staunte darüber, was Jojo alles fand. Er selbst hätte das meiste davon nie bemerkt. Es war erst Ende März, ein kalter März obendrein, und Jojo hatte sage und schreibe die offenen Blüten dreiundzwanzig verschiedener Blumen gefunden.
Bei den schönsten Wundern sprang Jojo vor Freude auf und ab wie ein Gummiball, wenn er sie entdeckte. Andere hielt er eine Ewigkeit in der Hand und betrachtete sie mit großen Augen.
Wenn sie damit fertig waren, die Namen zu suchen und die Dinge zu zählen, machte Opa Gerhard ein Foto. Die Fotos klebte er später in ein Heft, das er „Jojos Tagebuch“ nannte. Dann legte Opa Gerhard die Blüten in eine Wasserschale und stellte sie auf den Wohnzimmertisch, und den Rest füllte Jojo in den Käfer und brachte ihn auf den Komposthaufen.
Am nächsten Tag ging alles von vorne los.
Ein paar Mal wollte Opa Gerhard für Abwechslung sorgen. Er schenkte Jojo Murmeln und zeigte ihm, wie man in der Sandkiste Murmelbahnen baut. Dann versuchte er es mit Matchbox-Autos. Dann mit Sandförmchen.
Doch Jojo nahm die Murmeln, die Autos und die Förmchen, befühlte sie, buddelte mit viel Entschiedenheit ein Loch unter dem Haselnussstrauch und begrub alles darin.
„Naja“, brummte Opa Gerhard, „irgendwie hast Du ja recht. Alles totes Zeug, und Tote werden begraben.“…

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Das Buch ist auch ein schönes Frühlingsgeschenk. Statt Blumenstrauß oder Pralinen. Es macht nicht dick und verwelkt nicht, erwärmt aber die Seele und heitert auf, so wie der Himmel in diesen Tagen.

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Eine Antwort

  1. Zitronenluft – die mag ich so, die Geschichte. Also, ich mag die alle, aber die hier kommt mir immer noch oft in die Gedanken, genau wie … sag ich jetzt nicht, ist noch nicht drann, ist ne Sommergeschichte.

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