Meine seltsam gemischte Gegend

Angeregt von diesem schönen Fotoblog über eine sehr interessante Gegend, möchte ich hier wenigstens am Rande mal meine Wohngegend vorstellen.
Es ist eine Gegend, die Besucher stets ein wenig verblüfft wegen ihrer höchst widersprüchlichen Mischung aus „Hübsch und Häßlich“.
Tatsächlich wohnen wir genau an der Grenze zwischen einem Industriegebiet und einer schönen wasserreichen Landschaft namens „Tegeler Fließ“. Dazu kommt das berüchtigte „Märkische Viertel“, eine Wohnsiedlung aus Hochhäusern die ihren nicht weit entfernten Verwandten, den ostdeutschen Plattenbauten, in Häßlichkeit kaum nachstehen, sowie das nahe Dorf Lübars. Das war zu Mauerzeiten das einzige Dorf innerhalb West-Berlins, wo man noch ein Feld sehen konnte und zu meiner Kinderzeit sogar noch Milchwirtschaft. Da mir Wiesen und Felder ja ansonsten verwehrt blieben – siehe meinen Beitrag „Lebensgraffiti“ in dem Buch „Mauerstücke: Erinnerungsgeschichten“, war Lübars für mich der Himmel auf Erden. Da es aber im Norden lag und wir im Süden wohnten, bekam ich es nur selten zu sehen. Als ich später meinen Mann kennenlernte, stellte sich heraus, dass er im Norden wohnte – ganz nahe bei Lübars. So hat es mich hierher verschlagen.
Das ist unsere Straße – eine kleine, stille Ringstraße mit viel Himmel darüber, weil es ausnahmsweise kein Hochhaus in ihr gibt.

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Und das ist unser Haus. Ein von außen phantasieloser Bungalow aus den späten sechziger Jahren, den meine Mutter mit gutem Recht als „Schuhschachtelhaus“ bezeichnet. Architektonisch sprechen auch nur drei Dinge für es: Es ist ebenerdig – also bestens geeignet für meinen Mann als Rollstuhlfahrer. Und ich kann mit dem Einkaufswagen aus dem Supermarkt bis in die Küche fahren. Zweitens hat es in beiden Bädern eine Lichtkuppel, die man auch öffnen kann, so dass man gewissermaßen unter freiem Himmel duschen kann. Drittens hat es zum Garten hin zwei riesige Panoramafenster.

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Das Haus war eine Umstellung für mich da ich in einem ganz anderen aufgewachsen bin, nämlich hier:

Aber zurück zu meinem jetzigen Zuhause in Reinickendorf.
Dort, wo unsere kleine Seitenstraße in die große Straße mündet, stehen zwei Luftschutzbunker, die jedem Sprengungsversuch widerstanden haben. Heute befindet sich in dem einen das Lager einer Wäscherei, in dem anderen lagern Feuerwerkskörper, von welchen gelegentlich unkontrolliert einige losgehen.
Kürzlich traf ich auf der Straße einen älteren Mann, der tränenüberströmt davor stand. Er erzählte mir, dass er als Junge mit seinem Großvater in diesem Bunker gesessen hatte. „Und als die Bomben fielen, bwegete sich der ganze Bunker auf und nieder; wir bekamen kaum Luft und ich konnte in dem Krach kein Wort verstehen, was Großvater sagte. Ich habe gegalubt, die ganze Welt stürzt ein.“ Seitdem hatte er sich nicht wieder an diesen Ort getraut, bis heute. Ich konnte sehen, dass die alte Angst so frisch war wie damals. Mein Taschentuch half ihm wenig.

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Hinter dem Haus herum führt ein kleiner Fußweg an diesem Miniwald vorbei:

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hinunter zum Packereigraben, einem der Ausläufer vom Tegeler Fließ. Da beginnt die schöne Hälfte der Gegend. Gehen wir zunächst nach links, nach Westen. Es ist mein Weg zum Briefkasten. Warum der Graben so heißt, ob er hier eine Packerei gab und was für eine konnte ich bislang nicht herausfinden. Aber ich mag ihn zu jeder Jahreszeit.
Diese kleine Insel nenne ich die Pusteblumeninsel.

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Dass am anderen Ufer nicht nur die Lauben der Schrebergartenkolonie sondern auch die häßlichen Häuser eines der Ausläufer des Märkischen Viertel herüberlugen, versuche ich zu ignorieren. Aber dieses Bild zeigt die Gegensätzlichkeit der Landschaft.

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Ein Stückchen weiter öffnet sich der Graben in einen flachen Sumpf namens Herrenholzbecken. Im Herbst wird dort das Schilf gemäht, im Winter rodeln die Kinder am Hang, und zu Frühlingsbeginn sieht es so aus:

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Wenig später wächst das junge Schilf mit Macht und es sieht so aus, ein Blick, den ich liebe, zumal hier bald Schwertlilien und Blutweiderich blühen, Mädesüß duftet und in jedem zweiten Busch eine Nachtigall sitzt und schmettert, was das Zeug hält. Da schmilzt ein Möchtegern-Dichter wie ich nur so dahin.

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Besonders mag ich diese einsame Pappel, die inzwischen allerdings sehr ums Überleben kämpft.

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Im Herbst reifen hier sogar Rohrkolben, die besonders schön im Abendlicht aussehen.

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Bei den letzten Schritten zum Briefkasten werde ich dann wieder mit der Nase auf die ortsübliche Architektur gestoßen:

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Aber immerhin hat man, wenn man IN diesen Häusern wohnt, einen Blick auf die eben beschriebene Landschaft.

Ich hätte aber auch den kurzen Weg zum Briefkasten nehmen können. Der allerdings sieht durchweg so aus:

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Hier sind wir im Industriegebiet. Hinter dem Baumarkt, diversen Autohäusern und dem Supermarkt befinden sich mehrere Fabriken und ein Heizwerk, dessen Schornstein man im Hintergrund erkennen kann. Wer mich kennt wird verstehen, warum ich fast immer den langen Weg wähle.
Wir verlassen diesen Weg wieder und gehen nun nach dem vorhin beschriebenen Miniwäldchen nicht nach Westen Richtung Herrenholzbecken sondern schlagen unseren bevorzugten Spazierweg nach Osten, Richtung Lübars ein. Zunächst wieder am Packereigraben entlang.

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Im Winter sieht der Weg so aus:

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Und so im Herbst:

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Dann kommen wir auf die Heuwiese der Jugendfarm Lübars. Mit dem dort gemähten Heu werden da die Pferde; Kühe und andere Viecher gefüttert. Ein Schild bittet deshalb darum, dass Hunde hier keine Häufchen hinterlassen. Da die Hunde nicht lesen können, muss man wohl ihren Haltern vorwerfen, dass auch diese des Lesens offenbar nicht mächtig sind. Trotz der vielen Häufchen, die zum Glück im hohen Gras zunächst nicht wahrnehmbar sind, mag ich diese Wiese, wie ich, s.o. und das Mauerbuch, alle Wiesen mag.

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Der Weg führt noch ein Stückchen weiter durch diese schöne Landschaft, immer noch am Packereigraben entlang, der nun von immer mehr Schilf gesäumt wird und in dem an dieser Stelle ein Froschkonzert tobt.

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Dann kommen wir zu einem netten kleinen See mit dem unromantischen Namen „Klötzbecken“, den wir darum nur „den See“ nennen. Dort frühstücken wir gelegentlich (Picknick – siehe wieder meinen Beitrag „Lebensgraffiti“ in „Mauerstücke„). Darin gibt es eine kleine Insel mit einer malerischen toten Birke, auf der meist ein Pärchen Graureiher sitzt und auf Fische wartet. Darunter brütet ein Schwanenpärchen.

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Hinter dem See kommt eine weitere Wiese, die man leider nicht mehr betreten darf. Dahinter beginnt schon fast Lübars.

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An dieser Stelle kehnren wir um, da man mit dem Rollstuhl hier nicht weiterkommt.
Bleibt noch ein Weg zu zeigen, diesmal der nach Süden. Er führt direkt in den Kern des Märkischen Viertels, die Märkische Zeile, Treffpunkt mit Brunnenplatz und unser Einkaufszentrum. Das Zentrum erspare ich aber meinen Lesern, obwohl meine Geschichte „Cafékalender“ in „Der Weihnachtswind“ dort spielt. Ich möchte hier nur den größtenteils recht attraktiven Weg zeigen, dessen Atmosphäre ich auch sehr mag.

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Der „Welzower Steig“ führt durch eine wegen des Schilfs teils recht urtümlich anmutende Landschaft, obwohl man das dahinter auftauchende Märkische Viertel leider nicht ganz ignorieren kann.

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Hier trifft der Packereigraben auf den Bruchstückgraben und fängt dabei ein Stück Himmel ein:

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Das Schilf wird im Sommer gut zwei Meter hoch. Sonnenuntergänge haben hier einen besonderen reiz, aus irgendeinem Grund habe ich aber dort nie den Fotoapparat dabei, wenn die Sonne untergeht.

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Hier verbirgt sich das Märkische Viertel noch hinter einem gnädigen Vorhang aus Trauerweide:

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Und so sieht es aus, wenn im Herbst das Schilf zum Teil geschnitten wird. Die Gegensätze der Landschaft sind hier wieder gut zu erkennen. Im Hintergrund sieht man vor den Hochhäusern des Märkischen Viertels die evangelische Kirche am Seggeluchbecken. Einen Turm sucht man vergebens, vielleicht hat man gedacht, gegen die Hochhäuser hätte ein Turm ohnehin keine Chance.

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Die Kirche betrachten wir gleich noch aus der Nähe. Vorher aber kommen wir wieder an einem See vorbei, dem Seggeluchbecken.
Im Vordergrund sieht man das haarige Ungeheur von Loch Ness…äh, dem Seggeluchbecken auftauchen 🙂

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Und dies ist wahrscheinlich eines der schönsten Fotos, die man vom Märkischen Viertel machen kann:

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Ein paar Schritte weiter, und es sieht nicht mehr so schön aus. Dafür sieht man nun die Kirche aus der Nähe: das geduckte Gebäude mit dem grünen Dach.

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Hier brechen wir ab und stellen jetzt nur noch kurz den Freizeitpark Lübars vor, der sich ein Stück in südöstlicher Richtung von unserem Haus befindet. Es handelt sich dabei um einen begrünten Müllberg, ganz nahe an der ehemaligen Mauer. Dort gibt es eine Rodelbahn, die Jugendfarm Lübars, einen Aussichtspunkt und einen Flughang für Modell-und Drachenflieger.
Wenn ich wichtige Lebensentscheidungen zu treffen habe, mache ich das gern von hier oben.

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Wenn die Rollstuhlbatterie gut drauf ist, schafft es auch Peter hier herauf.

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Und das ist der Blick auf die Stadt vom Aussichtspunkt – und hiermit schließen wir den Rundgang durch meine seltsam gemischte Gegend, von der ich hier hauptsächlich die Pluspunkte betont habe.

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  1. Was für ein schöner Spaziergang mit Dir und Deinem Mann, Patricia.
    Danke, dass Du “ mich mitgenommen“ hast, war sehr unterhaltend.

    Bei dem Industriebild, das diese Beschreibung hat:

    Ich hätte aber auch den kurzen Weg zum Briefkasten nehmen können. Der allerdings sieht durchweg so aus:

    also, bei dem Industriebild sieht man auf der linken Seite Deinen Schatten. Wenn Du wieder solche Fotos machst, mach auch welche, auf denen Dein Schatten ganz abgebildet ist, das gibt dem Bild noch eine zweite Ebene.

  2. Hallo Patricia, habe mit Begeisterung Ihre Worte und Bilder ‚ Meine seltsam gemischte Gegend ‚ in mich aufgenommen. Ich wohne seit 1966 ( seit meinem zehnten Lebensjahr ) im Bernshausener Ring. Gibt es diese Geschichte mit Bildern als Printversion käulich zu erwerben ? Würde mich sehr darüber freuen. Für eine positive Antwort wäre ich sehr dankbar.
    Mit freundlichsten Grüßen
    Rüdiger Lauszus

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