Tiefer Träumen

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Gestern war ich auf dem Friedhof, meinen Schwiegereltern Blumen bringen und meinem Schwager, den ich nie kennenlernen durfte, der aber dennoch stets gegenwärtig ist: mein Schattenbruder – aber das ist eine andere Geschichte.
Ich mag Friedhöfe, einmal weil sie, wie der Name schon sagt, so friedliche Orte sind, aber auch wegen ihrer romantischen verwilderten Winkel und weil dort die Fäden so vieler Geschichten zusammenlaufen.
Früher habe ich jahrelang landauf, landab mit meinem ahnenforschenden Vater Friedhöfe durchstöbert nach Namen wie Gössling, Rauschelbach und Blome: alles Vorfahren. Von damals stammt wohl meine Schwäche dafür.

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Der Friedhof liegt in der Nähe des Insulaners, auch Mont Klamott genannt, einer von Berlins Trümmerbergen. Er ist 75 Meter hoch und besteht aus 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt, den die Trümmerfrauen (und bestimmt auch Männer und Kinder) nach dem Krieg aufgehäuft haben. Heute ist er natürlich gründlich begrünt und beherbergt eine Rodelbahn, einen Minigolfplatz, ein Freibad und die Sternwarte. Menschen sind seltsam; sie zerstören und morden, klauben dann die Trümmer zu einem Berg zusammen, stellen ein Fernrohr obendrauf und gucken in die Sterne. Man stelle sich die Szene im Zeitraffer vor. Aber solange sie so endet, besteht noch Hoffnung für diese verrückte Menschheit.
Als man die Wilhelm-Foerster-Sternwarte, benannt nach ihrem ehemaligen Direktor, dort baute, tat man es weil sich wegen noch verhältnismäßig geringer Besiedelung die Lichtverschmutzung in Grenzen hielt. Als ich fünfzehn war, war es auf dem Insulaner schon heller als in unserem Lichterfelder Garten. Gleichwohl besaß die Sternwarte große Faszination. Man konnte damals zwei Kurse und eine Prüfung machen und bekam einen Berechtigungsschein zur Benutzung der kleineren, aber sehr guten Fernrohre. Mit dreizehn schrieb ich mich ein, lernte die Keplerschen Gesetze und Formeln zur Berechnung von Sonnenflecken, fiel nicht durch die Prüfung und hatte mit sechzehn meinen Schein. Es war ein tolles Gefühl, mit dem Fernrohr über der Stadt zu stehen und ins All zu spähen…
Ich studierte nicht, wie geplant, Astronomie, da sich meine Prioritäten verschoben und ich außerdem Zahlen nicht mochte. Aber in meinen Geschichten tauchen die Sternwarte, das Planetarium und die Astronomie unweigerlich immer wieder auf, z. B. in „Himmel auf Abwegen“ in „Die Füße der Sterne„.
Wilhelm Foersters Sohn Karl übrigens war ein begnadeter, preisgekrönter Gärtner, der viele wunderschöne Gartenbücher und nebenbei unter einem Pseudonym zauberhafte Kinderbücher schrieb. Besonders bekannt war er für seine Staudenzüchtungen, vor allem Rittersporn, der zu meinen Lieblingsgartenblumen gehört. Seinen Lehr- und Schaugarten mit Gärtnerei in Bornim habe ich einmal besucht und war fasziniert. Auf einer ihm gewidmeten Skulptur auf der Freundschaftsinsel in Potsdam steht ein Zitat von ihm:
„Wer Träume verwirklichen will, muss wacher sein und tiefer träumen als andere.“

Aber zurück zum Friedhof: der war im Krieg hart umkämpft und von Schützengräben durchzogen. Auf einem Grab stand diese Statue:

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Jemand hielt sie, wohl in der Dämmerung, für einen Menschen – und erschoß sie von hinten. In Herzhöhe ist das Einschußloch zu sehen und berührt mich jedesmal kalt und seltsam, wenn ich daran vorbeigehe.

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Aufgeheitert hat mich dann wieder dieser nette kleine Käfer, eine asketische Art Marienkäfer vielleicht:

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Eine Antwort

  1. Diese Statue mit ihrer schrecklichen Geschichte ist in jeder Hinsicht wert, zur Kenntnis genommen zu werden! Wie gut, daß sie nicht restauriert wurde. Dies Schußloch ist eine eindringliche Mahnung.

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