Fußballfest

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Gestern waren wir beim Testspiel von „unserer“ Hertha BSC beim 1.FC Lübars.
Das war für Peter mit dem Rollstuhl gut erreichbar, wir konnten bei bestem Wetter am Seggeluchbecken vorbei, wo Schilf und Rohrkolben jetzt über 2 Meter hoch stehen, und dann direkt ins kleine Stadion. Die Atmosphäre war wunderbar friedlich, obwohl es recht voll war. Es duftete nach Zuckerwatte, kleine Kinder in Hertha-Trikots lagen auf der Aschebahn auf dem Bauch und schmausten gebrannte Mandeln, Omas trugen auch Trikots und schrieen Tooor! – ein richtig schönes Volksfest in Blau und Grün – Hertha und der Himmel trugen blau, der Rasen und Lübars grün. Es gab 23 Tore zu sehen. Für Peter war es ein tolles Erlebnis.

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Und hier gibt es noch eine Fußballgeschichte von mir:

Oma Brigges Torwart
(c) Patricia Koelle

Weltmeisterschaft. Endspiel. Und Deutschland war dabei! Alle waren dabei. Auch die, die sich sonst mit keinem Zipfel ihres Lebens für Fußball interessierten und Ecke nicht von Abstoß unterscheiden konnten. Sie richteten in diesen Stunden ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Stadion, als sei es eine Salatschüssel, in der sich die Gefühle des gesamten Landes trafen und zu einem bunten und schmackhaften Ganzen mischten. Auf den Straßen war es totenstill, in unserem Wohnzimmer tobte das Leben. Meine Tante Monika balancierte mangels besserer Sitzgelegenheit auf einem Gartenstuhl und wollte alles über den Familienstand des Nationaltrainers wissen, dessen Augen ihr gefielen.
Meine Frau hüpfte wie ein Storch mit dem vollen Kaffeetablett über die ausgestreckten Beine der Kinder meines Freundes Peer Brigge, die sich auf diversen Kissen sielten und uns allen mit Wachsstiften eine Deutschlandfahne auf die Stirn gemalt hatten. Auch ihrer Oma, die kerzengerade und erwartungsvoll neben mir auf dem Sofa saß und die Nationalhymne mitsang. Sie wollte am nächsten Tag zu Kur, und da sie vorher noch mal ihre Familie sehen wollte, hatte Peer sie kurzerhand mitgebracht.
Daneben diskutierte Anja Brigge mit den Nachbarn, deren Fernseher gerade jetzt defekt war, über die Frisuren der Schiedsrichter.
Anstoß. Sieben Minuten später Freistoß für Deutschland, ganz nah am gegnerischen Strafraum.
„Mensch, lasst das doch den B. machen!“ brüllte Peer und wischte sich schon den Schweiß von der Stirn, der die Deutschlandfahne schmelzen ließ.
„So darf doch die Mauer nicht stehen! Sind die bekloppt? “ ereiferte sich sein Sohn.
„Tooor!“ schrie der Nachbar, der aus Ärger über seinen Fernseher schon längst nicht mehr nüchtern war.
„Der Torwart ist ja fantastisch“, sagte Oma Brigge begeistert. „Guckt doch mal, wie der springen kann! Der hüpft so schnell hin und her, dass da keiner vorbei kommt. Wie ein Gummiball. Der macht alles dicht.“
„Oma, das ist der gegnerische Torwart. Der darf gar nicht gut sein“, belehrte Klein-Tina sie tadelnd.
Der Torwart hatte tatsächlich eine bemerkenswerte Technik. Sowas hatten wir noch nie gesehen. B. hatte noch nicht mal Luft geholt, da sprang der schon wie ein Wilder von rechts nach links, von links nach rechts, von unten nach oben und schlug dabei mit den Armen wie ein startender Schwan mit den Flügeln. Obwohl er eher klein war, füllte er den ganzen Torraum. Konfus semmelte B. den Ball weit über die Latte.
„Ist so was erlaubt?“ regte sich Peer auf.
„Der Torwart ist einfach Klasse“, freute sich Oma Brigge. „Der ist konsequent. Der macht das mit Leidenschaft.“
„Mutter“, jammerte Peer, „Du kannst unmöglich die Nationalhymne singen und dann diesen unfairen Typen anhimmeln!“
„Der sieht doch gar nicht gut aus“, fand meine Frau zu meiner Zufriedenheit.
„Och, naja“, sagte Tante Monika.
„Der ist aber doch gut“, beharrte Oma Brigge. „So wär ich auch gern gewesen. So hätt ich gern gelebt.“
„Wie meinst’n das jetzt?“ fragte Anja.
„Na, der ist doch überall. Er lässt keine Ecke aus.“ Sie fuchtelte nachdrücklich mit ihrem Stock. „Der ist springlebendig. Und mutig. Es ist ihm wurscht, wie er aussieht, auch wenn er anders ist als alle anderen. Der macht sein Ding, so wie er es für richtig hält.“
„Ruhe“, schrie Peer, „wer hat denn jetzt diese gelbe Karte gekriegt?“
Dann ein kollektives Aufstöhnen. Gegentor! „Was ist mit dem K. los“, ereiferte sich der Nachbar. „Das könnte ich ja besser.“
„Die sollen wieder auf der anderen Seite spielen“, forderte Oma Brigge, „ich will den Torwart sehen.“
„Der soll bloß stillhalten“, knurrte Peer, „wir brauchen sofort den Ausgleich!“
„Habt Ihr noch Bier?“ fragte der Nachbar.
„Der Torwart braucht auch keins“, sagte Oma herausfordernd, „der ist hellwach.“
Ich holte eine Runde Bier, und eine Apfelschorle für Oma Brigge.
„Peer“, sagte sie als der ihr einschenkte, „war ich auch so gut?“ Peer sah sie an. In ihrem Ton war etwas, was ihn für einen Moment sogar vom WM-Endspiel ablenkte.
„Du warst klasse“, sagte er, „auch wenn wir den einen oder anderen Unfug und manche schlechte Note an Dir vorbei gemogelt haben. Du warst immer überall, wo man Dich gebraucht hat. Egal, wie sehr Du springen musstest.“
Anja klopfte ihr auf die Schulter. „Du hast jedes Problem aufgefangen, auch ohne große Handschuhe“, ergänzte sie schmunzelnd.
„Wir waren eine gute Mannschaft, unsere Familie – oder?“ fragte sie Peer und ergriff ihn beim Handgelenk.
„Das sind wir“, versicherte er und drückte sie, „und Du warst ein besserer Kapitän als K., da kannste sicher sein!“
„Schade, dass ich nicht immer so frech und übermütig war wie dieser Torwart.“ Oma Brigge lächelte wieder. „Setz Dich, Junge, wir wollen Fußball gucken. Es ist nur so, der Bursche da erinnert mich irgendwie an das Beste in meinem Leben.“
Der Nachbar war eingenickt, die Kinder rollten zufrieden auf dem Teppich herum und kauten Gummibärchen; selbst auf dem Spielfeld tat sich nicht viel. Bis wie aus dem Nichts, der Ausgleich fiel. „Getunnelt!“ schrie Peer. „Herrlich, wie der den getunnelt hat!“
Peers Sohn stürzte im Freudentaumel nach draußen und warf mit Knallfröschen um sich.
„Siehste“, sagte Oma Brigge, „der Torwart ist ja sogar noch besser, als ich dachte.“
„Wieso denn, Oma? Der hat doch gerade den Ball ins Tor gelassen!“ Tina verstand gar nichts mehr.
„Schon, aber sieh ihn Dir an.“
Der Torwart saß auf dem Gras und lachte herzlich, stand dann auf und schüttelte dem deutschen Stürmer die Hand.
Eigentlich gefiel er mir auch.
„Der kann auch über sich selber lachen, wenn ihm mal was danebengeht! Das versuche ich nach 82 Jahren immer noch zu lernen“, erklärte Oma Brigge. „Naja, aber den Spaß, den der bei der Arbeit hat, den hatte ich auch.“
Der Torwart stand nämlich schon wieder im Tor und hüpfte, hin und her, auf und ab, und schlug dabei mit den Armen, als sei das Leben ein einziger Flugversuch. Und wir warteten auf unseren Führungstreffer. Und warteten. Und aßen Kuchen und warteten noch weitere 45 Minuten, und warteten während der Verlängerung. Die Luft wurde trotz des offenen Fensters stickig, und der Nachbar schnarchte. Die Farben der Deutschlandfahnen waren längst auf Nasen und Ohren verschmiert, und wir waren heiser vom Brüllen.
Dann kam das Elfmeterschießen. Auch Oma Brigge hielt es nicht mehr auf dem Sofa.
Und dieser merkwürdige Typ hüpfte auf der Linie seines Tores. Hin und her, auf und ab, und schlug mit dem Armen, als wollte er die Welt umrühren.
Zu gern hätte ich einen Weltmeister Deutschland gefeiert, aber auch ich erwischte mich bei dem heimlichen Wunsch, dieser ungewöhnliche Mensch würde alle Bälle halten.
Ich glaube, jeder von uns ist ein wenig mitgesprungen an diesem Frühsommerabend, an dem Deutschland endlich wieder Weltmeister werden wollte. Wir haben mitgefiebert.
Mit dem gegnerischen Torwart.
Ich weiß nicht, ob es seine Begeisterung war, die uns angesteckt hatte, oder Oma Brigges.
Jedenfalls hielt er fast alle Bälle.
Deutschland wurde Vizemeister. Und wir waren müde und sehr zufrieden.
An den Torwart dachten wir noch Jahre später, immer dann, wenn uns zu etwas die rechte Lust fehlte.
Dann ermahnten wir uns gegenseitig: „Mach es wie Oma Brigges Torwart.“

Mehr Geschichten gibt es hier:

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