Erinnern im Herbst

Die Sommerferien sind vorbei, der Alltag kehrt zurück. Die Abende werden länger. Es gibt wieder Zeit zum Lesen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Erinnern. Herbst ist eine gute Zeit, sich zu erinnern, und dieser Herbst ist ein Besonderer, denn der Mauerfall jährt sich zum zwanzigsten Mal.
In dem Buch „Mauerstücke“ haben wir versucht, einige der Erinnerungen einzufangen um ein Bild zu malen für die, die sich erinnern wollen und die, die noch zu jung waren und etwas erfahren wollen: wie das Leben war, damals.
Viele Autoren aus Ost und West haben Puzzlestücke zusammengetragen, keine trockenen Zahlen, keine Fakten, sondern Geschichten.

Hier eine Leseprobe:

Der Eisverkäufer

Christiane Schlenzig

Es ist Markttag. Ein Sommertag Ende August. Der Tag hat die Stadt mit Sonne überschüttet. Auf dem Platz vor dem Rathaus herrscht reges Treiben.
Ich bin keine Marktgängerin.
Heute bin ich hier, um meinem Besuch aus dem Westen unsere Stadt zu zeigen. Die schöne Altstadt. Ich liebe unsere Stadt. Die alten Gassen, die Stadtmauer, die Türme, den Dom.
Eigentlich wollen sie gar keine „alten Gemäuer“ sehen, Inge und Peter. Sie wollen uns einfach nur besuchen. Schließlich haben sich auch für sie die Grenzen geöffnet! Inge ist meine Cousine aus dem Westen. Ein erster Besuch nach dreißig Jahren. Wir sind uns fremd und diese Fremdheit macht mich beklommen, unsicher – auch angreifbar. Wollen sie uns wirklich kennen lernen? Oder einfach bloß mal hinter die durchlässig gewordene Mauer gucken?
Neugierde? Ich glaube, sie haben so viel gehört über uns und suchen jetzt die wahre Geschichte dazu.
Ich versuche, meine Unsicherheit mit einem Wortsprudel aus Geschichtszahlen und Architektur zu überspielen: „Das Rathaus mit der großen Sonnenuhr aus dem 17.Jahrhundert…“ Eine ältere Frau mit einem dickgefüllten Einkaufsbeutel stürzt an mir vorbei und schubst mich zur Seite: „Müssen Sie denn hier im Weg herumstehen? Sie sehen doch, was los ist!“ Erst jetzt merke ich, dass meine Gäste unkonzentriert sind. Die Worte, die aus meinem Mund schießen wollen, lasse ich zwischen den Rathauswänden in der Luft. Wir gehen hinüber auf die andere Seite. Jetzt sehen wir das Markttreiben wie auf einer Bühne – Panoramablick.
Einheimische Händler, Bauern aus den umliegenden Dörfern bieten aus eigenem Anbau ihr Gemüse an – Gurken und Tomaten.
Ein Obststand – Äpfel und Birnen.
Der Besitzer eines himmelblauen Trabants hat seinen Kofferraum zum Gemüsestand umfunktioniert. Unter seiner hochgeklappten Hecktür bietet er Zwiebeln an. Liebevoll sortiert nach Größen, daneben auf einem kleinen Hocker seine Geldkassette und ein handgeschriebenes Schildchen: Das Kilo zwei Mark.
Niemand nimmt Notiz davon.
„Wie bei einem Spiel – es ist aus, der Einsatz ist verbraucht“, denke ich.
Mein Rathaus verschwindet hinter einer eingewanderten riesengroßen, gelbgolden leuchtenden Banane, die in den blauen Himmel ragt. Aufgeblasen, stolz.. Sie bläht sich neben den aufeinander gestapelten Bananenkisten.
Traum eines jeden Ostdeutschen? Denkt man im Westen so?……

weiter geht es in:
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