Denken an den 11. September

Die Anschläge vom 11. September sind unvergessen; dieser Tage denkt man wieder neu daran. Es ist gut, davon zu sprechen, zu erzählen. Auch in meiner Geschichte „Himmelangst“ habe ich das einmal versucht.

Aus: „Himmelangst“ in Die Füße der Sterne

„…Den ganzen Tag über stiegen bei den Reisenden bedrohliche Gedanken in die Leere der Wartezeit hinein. Beim Abflug hinterließen sie sie der Stadt. Wie winzige graue Särge klebten die Kaugummis auf dem Kunststoff und schlossen die Flugangst ein und die Unruhe der Menschen aus dieser und anderen Städten der Welt, die sie hineingebissen, dann ausgespuckt und schließlich mit Füßen getreten hatten.
Regina schabte und schabte. Seltsam, aber seit der Katastrophe vom elften September hatte sie immer das Gefühl, vorsichtig mit dem Boden sein zu müssen, als wäre der an jenem Tag zerbrechlicher geworden. Als wäre nun die Erdkruste dünner, auf der das Leben steht.
Die Stadt schlief ihren hellen Schlaf und dachte selten an solche Dinge, doch wer den Flughafen betrat, wurde daran erinnert, Tag für Tag.
Dass Menschen wie sie selbst Kinder als Geschosse benutzt haben, Kinder die ein Leben hätten haben sollen und geworden wären wie der eifrige Matthias, der am Fenster träumte, oder wie ihr Sohn, der ihm ähnelte, oder wie Frido draußen in der Halle, der wenigstens glücklich über das bisschen Heizungswärme unter ihm war. Regina konnte es noch immer nicht fassen. Seitdem spürte sie einen Riss in dem Himmel, durch den sie täglich die Flugzeuge fliegen sah. Zuvor waren sie hell und vertraut, silberne Funken, die zu Fernweh verführten und Träume und Zukunft in die Höhe trugen. Nun aber schlich das Wissen herum, dass sich an irgendeinem beliebigen Tag dieselben freundlichen Alltagsmaschinen in Waffen verwandeln könnten, wenn es jemand wollte und die Vorsicht schlief. Und alle noch so bunten Putzeimer würden nichts dagegen nützen.
Und doch fand Regina es immer noch wichtig, sogar noch größer wichtig als zuvor, dass die Räume sauber waren und sie die klebrigen Flecken entfernte, die die gesammelte Angst so hart dem Boden aufdrückten. Die Menschen könnten stolpern über diese Angst, wenn sie sich häufte.
Regina richtete sich auf. Sie kramte in ihrem Eimer nach dem richtigen Lappen, den sie mit Lösungsmittel tränken wollte, um die letzten Ränder aufzuweichen.
„Nanu!“ entfuhr es ihr. Unter den Lappen lag ein zylinderförmiges Päckchen, eingewickelt in grün und blau gestreiftes Papier. Es war schwerer, als es aussah.
Matthias trat hastig an ihre Seite. „Halt, was ist das?“ rief er nervös. „Haben Sie das den anderen bei der Kontrolle gezeigt?“…

Die ganze Geschichte gibt es in: „Die Füße der Sterne“

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