Jahrestag eines modernen Wunders

Am 9. November jährt sich ein Wunder – das Wunder, dass die Mauer fiel, und zwar friedlich. Weil die Menschen es so wollten. Wer zu jung ist, um sich zu erinnern, oder wer diese Tage schon fast wieder vergessen hat, kann in dem Buch „Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten“ davon lesen, wie es war. Wie das Leben mit und nach der Mauer war und während jener unglaublichen Tage im Herbst 1989. Menschen aus Ost und West erzählen hier spannende Geschichten, keine trockenen historischen Fakten.

Leseprobe aus: „Die Mauer meines Vaters“ von René Schuhr
„….Die Arbeitszeiten meines Vaters wurden zunehmend unregelmäßiger. Immer öfter blieb er nun daheim und bemühte sich gemeinsam mit meiner Mutter, mir so etwas wie einen geregelten Alltag zu bieten. Ungewöhnlicher konnte diese Zeit dennoch nicht für mich sein, saß mein Vater doch bereits am Mittagstisch, als ich aus der Schule nach Hause kam. Als wir gemeinsam am Speisen waren, dröhnte von draußen der Lärm durch das geöffnete Fenster in unser Esszimmer. Erst leise, dann immer lauter erklang der skandierende Wir-sind-das-Volk-Stasi-raus-Protestzug. Sofort sperrte ich meine Lauscher auf, mein Vater hingegen verzog die Miene, worauf hin meine Mutter ihn mitleidig anschaute. Dann stand er auf, ging zum Fenster und schloss es. Anschließend zog er die Gardinen zu. Und als die lauten Rufe des Protestzuges nur noch gedämpft zu mir durchdrangen, war es an der Zeit selbst die Stimme zu erheben und ich fragte meinen Vater, was los wäre und was wir tun sollten? Mein Vater verharrte einen Augenblick auf dem Rückweg zum Mittagstisch, kehrte wieder um und stellte sich zurück ans Fenster, um dem Protestzug nach zu schauen. Dann sagte er, die da draußen wären alle gute Menschen, die für die Dinge, die andere ihnen versprochen hätten, kämpfen wollten. Hauptsache, führte er fort, würde auf ´53 und ´68 nicht auch noch ´89 folgen. Das dürfe nicht passieren.
Erst sprach mein Vater nur das Nötigste mit mir und dann stieß er mich mit der Nase drauf. Ich konnte diese Jahreszahlen ganz gut einordnen und obwohl die systemtreuen Lehrer mit den systemtreuen Schulbüchern etwas anderes über diese Jahre vorgaukeln wollten, wusste ich dennoch, was mein Vater gemeint hatte.
Mein Vater ging jetzt gar nicht mehr zur Arbeit. Er saß meistens am Esszimmertisch und verrichtete so unsinnige Dinge wie Geschirr polieren oder Knöpfe annähen. Die Bürger der DDR zogen weiterhin an unserem Haus vorbei und waren dabei mal lauter und mal leiser, aber geschwiegen haben sie nie. Und Vater schloss das Fenster dann immer, aber ein ums andere Mal verharrte er länger im Schutz der geschlossenen Gardine und beobachtete die Menschenmassen. An den folgenden Tagen öffnete er die Gardinen mehr und mehr. Es hatte etwas meditatives ihn minutenlang dort verharren zu sehen, wie er die Protestzüge beobachtete, ja fast studierte.
Wieder einmal saßen wir beim Essen, beim Abendbrot, als erneut der Protestzug an unserem Haus vorbei zog. Aber diesmal war es anders. Mein Vater, von Erschöpfung gezeichnet, hatte er doch stark abgenommen und schien körperlich, aber auch seelisch ausgezerrt zu sein, schritt nicht zum Fenster, um die Realität erneut auszusperren…“

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