Heimaträtsel

Angesichts schöner Fotos aus dem Saarland und der Herbstfärbung draußen kam mir mein Geburtsort in den Sinn, der meine Heimat gewesen wäre, wenn meine Eltern nicht ein Jahr nach meiner Geburt in eine Großstadt gezogen wären – nebenbei gesagt, ausgerechnet in eine, die von einer Mauer umgeben war und von gelangweilten Soldaten mit Gewehren bewacht wurde.
Das Haus, das meine Eltern damals in einer Siedlung deutscher Ingenieure gebaut hatten, steht (auch heute noch) im Norden Alabamas auf dem Monte Sano, einem knapp 500 m hohen letzten Ausläufer der Appalachen. Die Appalachen gehören zu den ältesten Gesteinsformationen der Erde. Der Blick von da oben ging über das Tennessee Valley, und die dazugehörige Kleinstadt heißt Huntsville, benannt nach einem gewissen John Hunt, der da um 1800 an einer Quelle kampierte. Später nannte man die Stadt inoffiziell „Rocket City“ wegen des Teams um Wernher von Braun, in dem mein Vater arbeitete.
„Alabama“ ist ein indianisches Wort, man ist sich nicht einig, ob es „den Busch rodende“ heißt oder „Hier ruhen wir“.
In Alabama gibt es das einzige Denkmal, das jemals einem Schädling gesetzt wurde, dem „Boll Weevil“, der einst die Baumwollplantagen zerstörte. Daraufhin baute die Bevölkerung unter anderem Erdnüsse an und der Wohlstand stieg erheblich.
Natürlich kann ich mich an jenes erste Jahr nicht bewußt erinnern. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich an die Gerüche und eine bestimmte Färbung des Himmels erinnern kann, dass da immer ein Wiedererkennen war, eine Vertrautheit, ein Heimatgefühl, wenn wir später dort zu Besuch waren. Genauso geht es mir mit den Stimmen amerikanischer Nachrichtensprecher und einer bestimmten Art der echten Country Music. Gewiß, einbilden kann man sich viel. Aber irgendeine Verbindung ist da. Und vielleicht hasse ich deshalb Städte, weil ich in meinem ersten Jahr die saubere Luft atmen durfte und meine ersten Blicke in die Weite gingen. Der Garten grenzte an einen Nationalpark; es gab Kolibris, Streifenhörnchen, Murmeltiere, Geckos, Zikaden, wundervolle Schmetterlinge, allerdings auch Schlangen und Skorpione.
Das hier ist mein Kinderwagen mit Aussicht:

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Und dies ist das Haus:

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So sah Mitte der 50er Jahre im tiefen Süden Amerikas eine typische Familie aus – in diesem Falle meine, ein paar Jahre vor meiner Geburt:

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Schnee gab es übrigens auch, und Eisstürme, was man von Alabama gemeinhin gar nicht annimmt.

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Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn sonst nichts, meine große Vorliebe für Stille, Einsamkeit und Natur aus jenem ersten Lebensjahr stammt.
Ansonsten sind ein paar amerikanische Aspekte meiner halbamerikanischen Erziehung an mir hängengeblieben: ich mag Brote mit Erdnußbutter und Marmelade, kann den Eid auf die amerikanische Fahne im Schlaf und lese am liebsten englische Bücher.

Und wo ist nun meine Heimat? Zeitlich gesehen, müßte sie in Berlin sein, ist sie aber ganz bestimmt nicht. Das Land Brandenburg? das hatte die Mauer verschluckt, ich kenne es kaum, meine Kindheit konnte es nicht prägen. Amerika – da war ich oft, aber nicht lange genug.
Meine seelische Heimat ist auf der Nordseeinsel Amrum. Wenn ich überhaupt eine besitze.
Meine Heimat sind die Worte.

Ich habe mal Huntsville gegoogelt, allzu viele Bilder fand ich nicht, hier bekommt man einen kleinen Eindruck.
HIER

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