Begegnung im Herbst (Herbstgeschichte)

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Begegnung im Herbst
© Patricia Koelle

Endlich! Ich ließ mich in den durchgesessenen Ohrensessel sinken und legte die Füße auf die Heizung. Den Urlaub in den Tropen konnten wir vergessen. Der Gang zur Bank war unerfreulich gewesen, aber nicht ganz so erschreckend wie das Novemberwetter, das uns mitten im Oktober überrollt hatte. Der Sturm hatte eine gemeine, kriechende nasse Kälte aus dem Osten gebracht die sich sogar unter den von Miriam gestrickten Pullover schlich und genussvoll in meinen ehemals warmen Schuhen ausbreitete. Dankbar umklammerte ich meine heiße Teetasse. Kurz ehe mir die Augen zufielen, glaubte ich, aus der dämmrigen Ecke beim Bücherregal etwas huschen zu sehen.
Ich riss die Augen wieder auf und starrte angestrengt auf die Heizung. Ich hätte schwören können, dass sich neben meinen nassen Füßen eine kleine, undeutliche Gestalt niedergelassen hatte. Sie zappelte dermaßen herum, dass es mir unmöglich ist, ihre genaue Form zu beschreiben, auf jeden Fall gestikulierte sie mit irgendwelchen Zipfeln; vielleicht trug sie auch wie ich einen zu großen Pullover. Auf jeden Fall sprach sie mit mir, ich merkte es jetzt erst.
„Stell dir vor“, sagte das Wesen, „man hat mich einfach vergessen! In dieser stickigen Tankstellenkneipe irgendwo im Süden auf der Autobahn! Wahrscheinlich war der Qualm so dicht, dass man mich gar nicht mehr sehen konnte. Oder der Gestank von Sonnenöl vernebelt den Menschen das Hirn.“
„Mmmmh“, machte ich verblüfft und zwinkerte mit den Augen. Das Wesen wurde nicht deutlicher. Es schien sich gemütlich auf der Heizung zurechtzurutschen. Tatsache, jetzt zupfte es sogar an meinem Socken.
„Egal“ meinte es munter, „nun bin ich ja hier!“
„Wo…kommst du denn her?“ brachte ich fertig, nahm aus Verlegenheit einen tiefen Zug aus meinem dampfenden Becher und verschluckte mich.
Das Wesen huschte herbei, klopfte mir überraschend kräftig auf den Rücken und ließ sich auf meiner Schulter nieder. Ich spürte einen leichten, nicht unangenehmen Druck.
„Schlummere ruhig weiter, Schlafmütze“, sagte es, „ich berichte dir von meinem Land.“ Es beugte sich vor und zog ein wenig an meinem Ohr, als sei das eine Tüte, in die es etwas hineinfüllen wollte. Seine Stimme war jetzt klarer und seltsam tief für seine Größe. Ich musste an meinen Großvater denken, der mir vor einem halben Leben hier in diesem Ohrensessel Märchen erzählt hatte.
„Bei mir zuhause“, begann es leise und geheimnisvoll, „da gibt es unglaubliche Gewächse. Sie fürchten nicht Frost und Schnee, sondern heben Eis und gefrorene Erde mit Leichtigkeit an, obwohl sie klein und zart sind wie ein Pinselstrich. Dabei steigt ein Duft aus ihrer Mitte, der süßer ist als der Frühling selbst, nur weiß es kaum jemand, weil sich selten einer so tief bückt. Ihre Formen sind wie die Sterne, wie Musikinstrumente, wie kunstvolle Kleider und ihre Farben strahlen hell. Mit ihrem Zauber locken sie erstaunliche fliegende Wesen an…“
„Übertreibst du nicht ein wenig?“ fragte ich verschlafen. „Es muss wohl ein Land der Aufschneider sein, aus dem du stammst.“
Das Wesen bohrte mit einem Zipfel seiner quecksilberbeweglichen Gestalt anklagend in meinem Mundwinkel. „Du solltest nicht herablassend lächeln. Das hier ist eine ernste Geschichte! Diese Wesen besitzen durchsichtige Flügel von größter Schönheit. Sie wirken unglaublich zart und segeln doch auf jedem Wind. Andere schillern in allen Farben und wieder andere sind aus weichen Federn. Ihre Besitzer sind in der Lage, feine Gebilde zu weben. Manche summen, viele singen die schönsten Melodien.“
„Haben sie denn Grund, zu singen?“ fragte ich ungläubig, wider Willen neugierig geworden.
„Aber gewiss! Der Himmel, unter dem sie leben, hat so viele Gesichter, dass sie nie müde werden, sich darunter zu bewegen. Er besitzt schimmernde Bogen voller Farben, kühlende silberne Tropfen, die Leben bringen, leuchtende Gebirge, die sich ständig verändern und in einem lautlosen Tanz mit dem Wind spielen. Zu anderen Zeiten ist er voll weicher Dunkelheit und Sterne, zeigt eine Fülle ferner Welten. Und selbst dann singen manche der Wesen…“
Mir kam das entfernt bekannt vor, aber ich wollte meinen Gesprächspartner nicht unterbrechen, es erzählte so angenehm. Vielleicht hatte mein Opa mir das Märchen schon einmal vorgelesen.
„Die Erde“, fuhr das Wesen fort, „das Land, auf das dieser Himmel blickt, ist nach dem Frost voll sanften Grüns und übermütiger Farben. Später trägt es Flächen aus Gold und Bäume voller frischer, aromatischer Früchte in unvorstellbar vielen Farben und Formen. Weite Seen lassen den Himmel in Spiegel blicken, so als sei den glücklichen Bewohnern dieser Himmel doppelt geschenkt. An ihren Ufern lädt sonnenwarmer Sand zum Ruhen ein, während glitzernde Fische springen und Ringe auf das Wasser malen.“
„Nun, auch bei euch wird der Sommer nicht ewig dauern,“ murmelte ich. Das Wesen beugte sich hastig vor und richtete meine Tasse gerade, die mir beinahe aus der Hand geglitten wäre. „Du solltest besser aufpassen!“ schalt es. „Natürlich dauert er nicht ewig. Du beleidigst mein Land! So langweilig ist es nicht, das wäre ja grausig! Nein, schließlich kehren die Winde zurück, und treiben manche der fliegenden Wesen auf Reisen. Dafür verwandeln sie die Blätter in Kunstwerke, bis das Land in einem kostbaren Farbenrausch glüht…“
Ich war plötzlich hellwach und setzte mich gerade. „Moment mal….“
Das Wesen klammerte sich hartnäckig an meinem Ohr fest. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es grinste.
„….dann hüllt sich erst alles in sanfte, geheimnisvolle Nebel und schließlich fallen weiße, unglaublich zarte Kristalle. Jeder besitzt eine einzigartige Form, und doch kann man aus ihnen andere Dinge von vergänglicher Schönheit erschaffen. Die Seen werde zu Flächen, auf denen man tanzen kann, und alle Wege wandeln sich und bekommen ein ganz neues Gesicht, so dass man ihnen nicht widerstehen kann und sich aufmacht, ihnen zu folgen.“
Ich fiel mir plötzlich selbst ein, wie ich mit drei Jahren vor einem Krokus gekniet hatte, der sich durch den Schnee gearbeitet hatte und mir erschien wie aus allen Märchen dieser Welt geboren. Ein zweiundvierzig Jahre alter Duft stieg mir in die Nase. „He, das ist mein Land, von dem du redest!“
Das Wesen verließ meine Schulter und schwebte vor meinem Gesicht. „Guck an, jetzt kommst du wieder drauf! Dabei habe ich dir noch nicht mal die Hälfte erzählt, nix von Bergen, Höhlen, Meeren. Man könnte neidisch werden, oder? Es sei denn, man jammert lieber! Aber da du mich im letzten Frühling in Italien an der Autobahn vergessen hast, als du nur Palmen im Kopf hattest, ist das ja auch kein Wunder, wenn du mürrisch bist.“
„Wer bist du?“
„Dein eigener Gedanke, du Schussel. Pass in Zukunft besser auf. Ich hab mir die Mühe, dir hinterher zu rennen, nur gemacht, weil…“ hier wurde es noch durchsichtiger, als sei es verlegen.
„Nun…?“
„Weil mir der Herbst gefehlt hat!“ Mit diesen Worten war es ganz verschwunden. Aber ich spürte, wie sich eine Gewissheit in mir genau dort niederließ, wohin sie gehörte, und eine Wärme, die nicht von der Heizung stammte, auch nicht vom Tee.
Ich stand auf und kramte im Schrank nach meinen vernünftigen alten Stiefeln. Die nebelweiche silbrige Dämmerung vor dem Fenster war unwiderstehlich. Ich wollte unbedingt ein paar dieser herrlichen rotgoldenen, würzig riechenden Herbstblätter für den Tisch sammeln, bevor es dunkel wurde. Das würde auch Miriam gefallen.

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  1. Das ist ja zauberhaft geschrieben!! Eine Frage (sie mag vielleicht dumm klingen): wie bist Du ans Schreiben gekommen, und welche Schritte hast Du unternommen, um mit einem vernünftigen Verlag in Kontakt zu kommen?
    Ich werde mir ganz sicherlich noch sehr viel mehr Zeit nehmen, um Deine Texte weiter zu verfolgen!
    Liebe Grüße
    Gabi

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