Tomatencasino

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Ich bin lange nicht mehr nachts durch Berlin gefahren. Es macht mich nachdenklich. Das Ziel ist ein Café im ehemaligen Ostteil der Stadt, zu der Lesung unseres Mauerstücke-Buchs, Thema also auch Berlin. Ich gestehe dem Taxifahrer, dass ich mich im Ostteil immer noch nicht auskenne, immer noch fremd fühle, nach zwanzig Jahren. Er sagt, es ginge ihm genauso, und das als Taxifahrer. Er sei alter Zehlendorfer. „Allerdings, da kenne ich mich auch schon nicht mehr aus, seit die Amis weg sind, die ich immer herumgefahren habe“, erzählt er. „Hat sich alles verändert. Dafür ist mein Englisch jetzt noch besser. Mehr Touristen.“ Ich frage ihn, warum es zur Zeit so schwer ist, ein Taxi zu bekommen. Eine halbe Stunde hängt man oft in der Warteschleife. Es kann doch nicht sein, dass man in der Hauptstadt kein Taxi bekommt. Oder läuft das Geschäft etwa so gut? Das sollte ein Scherz sein, aber er nickt. Doch, läuft gut. Von Wirtschaftskrise keine Spur. Die Touristen finden Berlin billig, London, Paris, alle anderen Städte sind teurer. Da geben sie auch gerne was fürs Taxi aus. Das ist mir neu. „Und die Jugendlichen, die fahren viel Taxi,“ sagt er. Ich staune.
Auch über die Straßencafés. Da sitzen sie im Dunkeln draußen und trinken Bier, als sei es Sommer. Das ist vermutlich hauptsächlich dem Rauchverbot geschuldet, aber nicht nur. Die Berliner sind so. Und ich? Was fühle ich, nachts in Berlin? Die alte Haßliebe. Der Naturliebhaber in mir findet es scheußlich. Eine Anhäufung von Dreck, Gestank, Lärm, häßlichen Gebäuden und zuvielen Menschen. Die Schriftstellerin in mir ist neugierig, späht in Winkel, phantasiert über das, was sich hinter erleucheten Fenstern abspielt, freut sich über die verrückte, vielfältige Lebendigkeit, notiert im Geiste Einzelheiten. Bin ich eigentlich weltfremd geworden in meinem grünen Randbezirk? Was, bitte, ist zum Beispiel ein „Tomatencasino?“ Ah – es ist nur die Leuchtrekleme defekt, Automatencasino, natürlich. Das Berliner Kind in mir wiederum fühlt sich bei manchem Anblick sentimental heimisch. Litfaßsäulen, nicht die modernen, die sich drehen und leuchten, brr, nein: die dicken, runden, gemütlichen, die mochte ich immer. Vor allem wenn sie wie jetzt im Schein der Straßenlaternen stehen, umgeben von goldenem Herbstlaub. Ich mochte ihre Verläßlichkeit, ich habe sie gern angefaßt als Kind, sie schienen immer ungerührt aufrecht, egal was sich um sie herum veränderte. Eine Zeitlang wollte ich sogar Plakate-an-Litfaßsäulen-Kleber werden.
Die Stadtlichter in der Spree, ein Anblick, den ich liebe und der mich vorübergehend mit der Stadt versöhnt. Der Fernsehturm hingegen – ich mag ihn einfach nicht, finde ihn häßlich, den Funkturm dagegen, der bedeutet mir etwas. Bin ich also doch verbohrter Wessi? Aber der Gendarmenmarkt, der gefällt mir sehr, die Humboldtuni auch.
Das Ambiente des Cafés paßt wunderbar zur Lesung. Schräg widersprüchlich. Gepflegter Stuck an der Decke, aber nackte, ungestrichene, stellenweise inkonsequent bekritzelte Wände. Ostambiente? Nee, sowas gab es in Kreuzberg auch immer. Ich mochte den Stil nie, mag ihn immer noch nicht, dennoch paßt es heute perfekt, zum Buch, zur Stimmung. Zur Stadt. Det is Berlin. Ebensosehr wie das Café Kranzler oder Möhring.

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Andere Autoren sehen, kennenlernen, das tut gut. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr so als Einzelkämpfer. Die Texte im Buch sind gut, beim Zuhören wird es mir wieder deutlich, deutlicher als je zuvor. Dass das Thema keineswegs von Gestern ist merke ich nicht nur an meinen eigenen zwiespältigen Gefühlen. Aber die meisten Stühle sind leer geblieben. In den Worten sind ganze, lebendige Welten enthalten, doch außer in die wenigen anwesenden Ohren fallen sie hilflos zwischen die Stuhlreihen auf den ungemütlich krankenhauskackbraunen Linoleumboden und verpuffen in der hallenden, brausenden Weite der ungeheuren Stadt. Vielleicht ist Berlin zu groß für Worte. Berlin braucht keine Geschichten, Berlin ist eine Geschichte, eine, die nie lang genug den Atem anhält um zuzuhören.
Die Nachfrage nach Büchern jedenfalls ist gering.

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Wieder hänge ich ewig in der Warteschleife, um ein Taxi zu bekommen. Auf der Straße fährt auch keins vorbei. Als es dann kommt, erklärt mir der Fahrer, dass in den Funkzentralen einfach zuviel Stellen abgebaut worden sind. „Die Taxis gibt es schon, aber die Vermittlung funktioniert nicht mehr“. Der Fahrer ist Türke. Er will genau wissen, was ich hier gemacht habe, warum ich nachts durch Berlin fahre. Die Langeweile lastet auf ihm. „Lesen denn die Deutschen Bücher?“ fragt er. „Die Türken lesen wenig, sie reden lieber miteinander.“ Wir stehen im Stau. „Das ist normal in Mitte“, sagt er. „Plötzlich sperren sie nachts alles ab, keiner weiß warum. Berlin eben.“
Wir überlegen, was schwieriger ist: genug lohnende Fahrgäste zu finden oder Bücher zu verkaufen. Anscheinend ähneln sich beide Tätigkeiten.
Langsam kenne ich die Gegend wieder. Das ist noch Osten. Die Häuser sind hier moderner, alles nach der Wende aufwändig renoviert. Dafür sind die Schlaglöcher die alten, erschreckend der Straßenzustand zum Teil. Jetzt sind wir über die unsichtbar gewordene Grenze. Hier sind die Straßen geringfügig besser, die Häuser aber unrenoviert. Dafür Westen, vertraut, hier ist „mein“ Berlin. Heißt nicht, dass ich es mag. Ich bin froh, als wir in unsere kleine grüne Straße einbiegen, wo die Häuser flach genug sind, um Platz für den frostklaren Himmel zu lassen, in dem der Mond zwischen Rauchfahnen schwimmt. Am liebsten wäre ich aber noch weiter gefahren, bis an die Küste oder in irgendeinen schweigenden Wald.
Schreiben werde ich trotzdem weiter, so wie viele, viele Autoren in Berlin. Und anderswo. Und Leute werden Bücher lesen. Irgendwo, irgendwelche.

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