Familienengel (Adventsgeschichte)

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Familienengel
© Patricia Koelle

Der Novembersturm spielte sich auf und rüttelte sogar im Erdgeschoss an den Fenstern der Villa, dabei stand sie schon hundert Jahre und hatte ihn noch nie hereingelassen. Die Unruhe des Windes war ansteckend. Oskar wäre gern auf- und abgelaufen um seine steigende Nervosität zu bändigen, aber er war nur zwanzig Jahre jünger als das Haus, und seine Beine und sein Atem benahmen sich entsprechend. Selbst mit Stock war er schlecht zu Fuß. Deswegen war er auch zu Hause geblieben und wartete nicht mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn im Krankenhausflur darauf, dass Neles Zwillinge zur Welt kommen würden.
Er wurde Urgroßvater! Kaum zu glauben.
Draußen senkte sich kalte Dunkelheit über die Straße. Es würde noch Stunden dauern, bis er etwas aus dem Krankenhaus hörte. Was, wenn etwas schief ging bei seiner Nele? Zwillinge, da wusste man doch nie…!
Irgendwie musste er sich beschäftigen. Seine Hände, die waren noch geschickt. Aber die Adventskränze, für die er schon immer zuständig war, hatte er schon längst fertig geflochten, einen für sich, einen für seine Tochter Hanna und natürlich einen für Nele. Fertig geschmückt waren sie auch schon, mit roten Kerzen und Tannenzapfen. Am nächsten Sonntag würden sie stolz die erste helle Flamme tragen. Die Wohnung duftete würzig nach den frischen Tannenzweigen. Hmmm, aber irgendwie sahen die Kränze langweilig aus, alle gleich. Oskar starrte sie grübelnd an. Eigentlich wollte er etwas ganz Besonderes für Nele.
Ein Bild aus seinen Kindertagen stieg plötzlich in ihm auf. Das war ewig her, aber in letzter Zeit erinnerte er sich immer öfter an vergessen geglaubte Einzelheiten von damals. Dafür vergaß er, was er zu Mittag gesessen hatte. Oder ob überhaupt. Das bekümmerte ihn nicht, war es doch eine gute Ausrede, öfter von Hannas Plätzchen zu naschen.
Damals hatte etwas geglitzert auf dem Adventskranz, etwas Wichtiges. Was war es nur? Oskar lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen; so konnte er die alten Erinnerungsbilder besser sehen. Und da fiel es ihm ein. Die Familienengel!
Sie waren aus Metallfolie gefertigt, von seinem großen Bruder Max. Der größte war aus silberner und roter Folie, mit einem strahlenden Heiligenschein, der stand für den Vater. Die Mutter trug einen grünen Rock mit geprägtem Blumenmuster. Die drei kleinen stellten Max, Oskar und ihre Schwester Gisa dar.
Er, Oskar, hatte es sich nie nehmen lassen, die Engel vor dem ersten Advent aus dem Keller zu holen. Sie wurden nicht zusammen mit dem anderen Weihnachtsschmuck auf dem Dachboden aufbewahrt. Dort war es im Sommer zu heiß, und ihre Köpfe und Hände, die aus Wachs geformt waren, wären geschmolzen.
Oskar nahm die Figuren jeden Winter sorgsam aus ihren kleinen Kartons und stellte sie zwischen die Kerzen auf den Kranz. Jedes Jahr waren sie anders angeordnet. Meist standen Vater und Mutter zusammen in einem von den vier Zwischenräumen, und die Kinder hatten jedes einen für sich. Gisa bestand für ihren Engel immer auf dem neben der Mutter, solange sie klein war. Sie hatte ein wenig Angst vor dem Vater, der recht streng sein konnte. Max mochte am liebsten den gegenüber seiner Eltern, da war sein Engel ihnen nicht zu nahe und konnte sie im Auge behalten, denn Max ging schon gern eigene Wege und spielte auch den einen oder anderen Streich.
Oskar war es recht, er stand so neben dem Vater, mit dem er sich recht gut verstand, und weit genug weg von Gisa, die ihn gern ärgerte. Sie wusste ja, er war ein Junge und durfte sich gegen die Kleine nicht wehren.
In späteren Jahren änderte Oskar je nach Gefühl die Anordnung. Es gab eine Zeit, da gab es oft lauten Streit oder kühles Schweigen zwischen den Eltern. Da stellte er die Elternengel lieber in getrennte Zwischenräume, so dass sie sich nicht zu nahe kamen und eine Kerze das Dunkel zwischen ihnen erleuchtete. Dafür teilte sein Engel sich mit Max’ Engel einen Platz, so fühlte er sich sicherer in der brüderlichen Kameradschaft. Gisa war zufrieden mit ihrem Zwischenraum, sie lebte in ihrer eigenen Mädchenwelt. Wieder später war es Max, der mit allen Streit suchte und oft nicht einmal am Advent zu Hause war; jetzt teilten sich der Vater und Oskar einen Platz in einer Art Männerfreundschaft. Irgendwann waren die Eltern sich wieder einig, dafür waren die Kinder beim Erwachsenwerden voneinander abgerückt. Doch ganz gleich, wie die Anordnung gerade war: Hauptsache, alle Engel waren auf dem Kranz versammelt. Dann war für Oskar die Welt in Ordnung. Schließlich aber war Max ausgezogen und auf geheimnisvolle Weise verschwand mit ihm auch sein Engel. Mutter behauptete, der sei kaputtgegangen, Wachs und Folie hielten schließlich nicht ewig und überhaupt seien die Kinder nun zu alt für solche Spielereien. Aber Oskar bestand darauf, dass die verbleibenden vier Engel weiterhin auf dem Kranz ihre Plätze einnahmen. Doch der fehlende Max machte ihn unruhig; das Bild stimmte einfach nicht und so protestierte er schließlich nicht mehr, als Mutter feststellte, dass ohnehin mit den Jahren hier eine wächserne Hand verbogen, dort ein Folienflügel zerrissen worden war, ja, bei Vater sogar der Heiligenschein verloren ging und man doch jetzt zu den traditionellen Tannenzapfen zurückkehren könne.
Oskar öffnete die Augen. Er bedauerte, das ihm die Sache mit den Engeln nicht eingefallen war, als seine Hanna klein war. Oder wenigstens Nele Aber er hatte nicht viel Zeit für seine Tochter gehabt. Da war die Arbeit gewesen; schwere Zeiten eben. Und dann hatte er es einfach vergessen.
Oskar tastete nach dem Telefon und rief oben bei Frau Wilsky an. Die hatte kleine Kinder, die ständig bastelten, sie konnte ihm bestimmt weiterhelfen.
„Haben Sie zufällig Metallfolie?“ erkundigte er sich.
Kurze Zeit später saß er vor einem Karton mit schimmernden Blättern aus roter, blauer, grüner, silberner und goldener Folie, die geheimnisvoll knisterte. Schere, Zirkel, Lineal und Kleber sowie eine alte Wachskerze hatte er in seinem Sekretär gefunden. Er konnte sich genau erinnern, wie man die Engel machte; es war ganz leicht. Man musste nur Kreise ausschneiden, die in der Mitte ein Loch hatten. Von außen schnitt man einen Schlitz bis in die Mitte und formte dann aus dem Folienkreis eine Art umgekehrte Eiswaffel. Das war der Rock. Bei den weiblichen Engeln konnte man sogar Falten hineinkniffen. Einen zweiten Kreis aus einer andersfarbigen Folie faltete man auf die Hälfte und stülpte ihn mit der runden Seite nach unten über den Rock; das war die Bluse. Bei den Frauen konnte man mit einem stumpfen Bleistift ein Blumenmuster hinein drücken. Dann formte man aus dem Kerzenwachs eine Kugel, das war der Kopf. Den steckte man auf einen Zahnstocher, und diesen Zahnstocher dann durch die Löcher in der Mitte von Bluse und Rock.
Nun schnitt man noch Flügel aus und klebte sie säuberlich hinten an das Oberteil. Ebenso einen zarten Heiligenschein, den man am Kopf befestigte. Auch Frisuren ließen sich gut aus dünnen Folienstreifen formen; Gisa trug auch als Engel ihren langen Pferdeschwanz, und Max seine Künstlermähne, auf der er schon früh bestand. Das Gesicht malte man auf das Wachs. Aus Wachs waren auch die kleinen Hände, die man einfach in die Blusenärmel klebte.
Oskar vergaß die Zeit völlig, so sehr hatte er mit dem Engel erschaffen zu tun. Er merkte nicht einmal, dass der Wind verstummt war und jetzt zusammen mit dem Tannenduft eine andächtige Stille das Zimmer füllte. Vier strahlende Engel entstanden unter seinen lebenserfahrenen Händen. Der größte war für Jakob, in den sich seine Nele vor zwei Jahren verliebt hatte. Sie hätte es nicht besser treffen können. Der zweite war für Nele: wunderschön, mit einem reich verzierten Gewand und ihrem liebenswerten Lächeln. Und die zwei kleinen stellten natürlich Julius und Jenny dar; so sollten die Zwillinge heißen.
Behutsam stellte Oskar die Engel in die Zwischenräume auf den Kranz, der für Neles Familie bestimmt war. Die Tannenzapfen legte er weg, die würden nun lange nicht mehr gebraucht werden.
Sollte das Glück ihm einmal ein drittes Urenkelkind bescheren, dann konnten sich Julius und Jenny einen Zwischenraum teilen, schließlich waren sie Zwillinge.
Oskar schaltete die Schreibtischlampe aus. Der Adventskranz schien im dämmrigen Zimmer durch das bunte Funkeln darauf geheimnisvoll zu leuchten, obwohl die Kerzen gar nicht an waren. Auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Der Lichtkegel der Scheinwerfer stahl sich für einen Moment durch den Spalt im Vorhang, traf die Heiligenscheine der beiden kleinen Engel und ließ sie silbern aufblitzten.
Oskar trat ans Fenster um die Gardine richtig zu schließen. Dabei entdeckte er, dass es angefangen hatte zu schneien. Um die Gaslaternen war der Boden schon weiß.
Das Telefon läutete. Hastig suchte Oskar danach und fand es unter den restlichen Folienblättern. Mit plötzlich zitternden Fingern drückte er die Taste.
„Sie sind da!“ jubelte Hannas Stimme in sein Ohr. „Kerngesund, alle, Nele und die Zwillinge! Sie sind da, du bist Uropa!“
Lächelnd legte Oskar den Hörer weg und sah zu den Engeln hinüber, die unter seinen Händen geboren waren. „Ihr seid da!“ sagte er leise. „Dem Himmel sei Dank!“
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