Engel vor dem Fenster

Was für ein tiefdunkler, frostiger, tonloser Morgen. Ich stehe immer um sieben auf, brauche eine Dreiviertelstunde für mich ehe meine bessere Hälfte aufwacht. Da er gar nicht mehr stehen kann, ist es jedes Mal ein risikobehafteter Kraftakt für uns beide, ihn aus dem Bett in den Rollstuhl zu bekommen, anzuziehen etc. Deshalb nehme ich mir die Zeit für einen Tee, und zum wach werden. Eigentlich bin ich jemand, der sehr gut allein sein kann, ja, gelegentlich muss. Doch seltsam. Den ganzen Tag gehen bei uns Nachbarn, Freunde, Postboten, Ärzte, Lieferanten ein und aus. Aber in diesen dunklen Morgenstunden beschleicht mich anfallsweise eine bodenlose Einsamkeit, vielleicht ein Nacheffekt schon fast vergessener nächtlicher Alpträume. Wahrscheinlich kennt Ihr dieses Gefühl auch. – Doch jedes Mal, auch jetzt, bei lichtlosen Minusgraden mitten im Dezember, kurz vor Sonnenwende, flattert plötzlich eine Amsel vor dem Fenster; ein himmlisch-irdischer Engel in schwarzem Federkleid. In der kahlen Brombeere, im Apfelbaum oder auf der Straße vor den Mülltonnen. Und immer streut sie ein paar wunderschöne, tröstliche Flötentöne in das gnadenlose Dunkel. Als ob sie es damit hervorruft, schleicht dann die erste Ahnung von Morgendämmerung über den Horizont.
Die Angst und Einsamkeit sind mit dem ersten Ton verflogen.

Advertisements

  1. Betrachtest Du das „schimpfen“ der Amseln als Töne? Denn zu singen haben sie schon längst
    aufgehört, wenn mich nicht alles täuscht 😉

  2. Dringend mehr aus diesem Text machen, liebe Patricia. Ich weiß, du rührst nicht gern an diesen Sachen und bist literarisch eher für die lichteren Momente zuständig. Vielleicht aus Furcht vor dem angestochenen Bodenlosen.
    Es liest sich in jedem Fall ausnehmend gut.

    Liebe Grüße

    Nils

    • Hmm, danke für die Anregung, vielleicht wird ja mal eine Weihnachtsgeschichte daraus.
      Im Übrigen ist das, was Du vermutlich meinst, in Arbeit – noch ein Geheimprojekt 😉
      Danke für Deinen Besuch hier; hast ja genug um die Ohren!

  3. Liebe Patricia,

    ich besuche dich tatsächlich herzlich gern auf deinem Blog. Das wird auch in Zukunft so bleiben, selbst wenn ich viel zu tun habe. Mein Tun fokussiert sich ja häufig genug um diese Kiste, an der mittlerweile die meisten von uns schreiben. Insofern sind du und deine Welt immer nur ein paar Klicks entfernt.

    Auf bald

    Nils

  4. nun habe ich auch den Ursprung der neuen Erzählung “ Engel vor dem Fenster“ gelesen,
    und die liebenswerten Engelamseln wieder entdeckt, aber wie auch schon Nils, etwas Tiefes, Großes, noch nicht Beschriebenes hier im Beitrag wiedergelesen, was mich manchmal in Deinen Gedichten anblitzt, eine Regenblume…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: