Nicht nur Holz


(c) Thomas Hentschel

Vor dreizehn Jahren schenkte mir ein todkranker Freund ein Bild, eine Skulptur, Montage, Kunstwerk, Gegenstand, egal wie man es nennen möchte. Es hängt in meinem Arbeitszimmer und schaut mir über die Schulter, und wenn ich im Zweifel bin oder nicht weiter komme, drehe ich mich um und führe einen stummen Dialog.
„Es kann dich anglimpsen, du kannst es aber auch ausglimpsen“ sagte er damals. „Glimpsen“, das Wort hatte er geprägt, d.h. aus dem Englischen abgeleitet. Glimpsen bedeutete für ihn eine besondere Art des Hinsehens, des Wahrnehmens. Ein Glimps ist ein Moment des glücklichen, tiefen Schauens, die Begegnung mit etwas Großem: mit dem Großen in den kleinen Dingen, im Alltag oder auch im Traum.

Es handelt sich um ein verkohltes Stück Holz aus einem der letzten Kaminfeuer, die in seiner Stube gebrannt haben, bevor er Ende eines Winters tot im Stuhl davor aufgefunden wurde. Das Holz ist von allen vier Elementen geprägt; von Wasser, Erde und Luft aus denen es hervorgegangen ist und eben dem Feuer, das seine tiefdunkle und doch schimmernde Oberfläche gestaltet und gehärtet hat, die voll interessanter Maserungen, Schuppen und Rissen ist. Ich denke, auch die Gedanken meines Freundes wohnen darin, gut aufgehoben. Vielleicht auch der Inhalt der Briefe, die er darin verbrannte. Er hat es matt lackiert und auf ein Brett montiert, und ein künstliches Auge eingefügt, das er in seiner Kreativkramkiste fand, es mag einmal einer Schaufensterpuppe gehört haben. Es hat ein Lid, so das man es schließen kann, aber das tue ich nicht, ich fühle mich wohl mit der gewichtigen Anwesenheit dieses seltsamen, ausdrucksvollen Wesens, mit dem wenige etwas anfangen können. Es ist groß, mißt 40 mal 25 Zentimeter, und sehr präsent.
Klein daneben auf den Hintergrund gemalt ist das Zeichen meines Freundes, seine Signatur, die aussieht wie ein seltsames, vielleicht außerirdisches Männchen, in Wahrheit aber den Weg zu seinem Haus in Wannsee darstellt.
Ich denke, wir werden noch viele Glimpse austauschen.
Ich frage mich, was für interessante Dinge andere Leute zur Inspiration in ihrem Arbeitszimmer hängen haben.

Advertisements

  1. Ein wirklich interessantes Artefakt, das da in deinem Arbeitszimmer hängt. Habe ich so noch nie gesehen. Falls dich die Schreibumgebung von anderen Leuten interessiert, könntest du

    http://www.whereiwrite.org/

    besuchen und interessante Einblicke gewinnen. In Buchformat ist „Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. “ ganz interessant. Ich glaube nicht, dass ich ein entsprechendes Artefakt in meinem Zimmer habe. Zumal der Schreibtisch meiner Tochter gleich neben meinem steht und ich genug damit zu tun habe, all ihre Gemälde und Notizien aus meiner Welt fernzuhalten.

    Nils

    • Interessanter Link, danke. Die haben offenbar fast alle eine kreativ-chaotische Unordnung so wie ich.
      Etwas Inspirierenderes als den Schreibtisch einer Tochter ist wahrscheinlich kaum zu finden. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: