Am Rande des Landes

…ist der Empfang mit dem Internet-Stick so schlecht, dass ich keine Bilder hochladen kann.-

Auf der Fahrt hierher glühte Rainfarn am Wegrand; der Duft nach reifen Feldern und Kindheitssommerferien täuschte nicht über die offensichtliche Missernte hinweg. Die viel zu vielen Windräder zerbrachen die Wolkenweite über den Hügeln und schienen die Zeit anzukurbeln. Drei Jahre waren wir nicht aus Berlin weg, jetzt fühlten wir uns fast deplaziert, unterwegs in einer fremdgewordenen Landschaft.
Ich bin mit einem angefangenen Gedicht in der Tasche hergekommen, doch es bleibt ungeschrieben: hier ist alles tiefer als Worte. Worte kommen später, tauchen erst in Berlin wieder auf, irgendwann im Herbst, mit der Sehnsucht. Hier und jetzt sind sie überflüssig. Hier ist der Geruch nach Tang, Moder, Schlick, Salz, Fisch, Sand. Der Boden spricht – leise: man darf keine eigenen Worte haben, um ihn hören zu können. Die Möwen: für mich sind ihre Rufe ein Lied. Der Himmel trägt Geschichten, wortlose, weite Geschichten, die so verhalten leuchten, dass man ganz genau hinhören muss. Das Wasser hebt mich, spült mich aus mir selbst, triebt mich in helle Tiefen und bringt mich anders zurück. Auf dem Land ist Stille, so dicht, dass sie erfüllt; ich betrinke mich schamlos daran, lasse mich hineinfallen und tauche von allen inneren Spalten vorerst geheilt wieder auf.
Vor unserem Haus liegt eine Wiese mit Blick auf das Meer. Darüber toben Schwalben durch den Tanz der Mücken, über den Schwalben kreisen Möwen auf der Thermik, wieder darüber Kraniche, und ganz oben ziehen drei Schichten Wolken in unterschiedliche Richtungen. Auf all diesen Ebenen bin ich gleichzeitig unterwegs, frei von Worten und von Schwere fliege ich mit den Möwen, jage mit den Schwalben, segle mit den Kranichen.

Das Bett in der Ferienwohnung ist zu hoch für Peter; das macht jedes Aufstehen zu einem gefährlichen Abenteuer für uns beide. Aber so wird jeder einzelne Tag zu einem erkämpften Wunder. Der Horizont lohnt es uns; die Seebrücke führt uns pfeilgerade weit über ihn und uns hinaus. Die Steilküste, auf der ein reifes Getreidefeld im Wind liegt und je nach Lichteinfall seine stumme Musik wechselt, lockt mich; ich stehe frech an der Abbruchkante und fürchte sie nicht, bin eins mit den Uferschwalben und den blühenden Disteln zu meinen Füßen. – Unsere Terrasse ist von den Pfeilern einer alten Mole umrahmt, in ihren von Wind und salzigen Wellen geschaffenen Gesichtern stecken noch Muschelschalen und Seepocken. Genau wie dieses alte Holz einst das Meerwasser sauge ich alle Eindrücke und Empfindungen auf, Himmel, Sand und Meer schreiben sich unlöschbar in mich, eine neue Schicht auf allen alten unverklungenen Meeresbegegnungen. Was macht es da, wenn ich nicht selbst schreibe. Außerdem ist es, wenn sonst nichts, lebendige Recherche für die Geschichte von Carly Templin.

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  1. Wow. Von wegen: du schreibst selbst nicht. Schöner könnte es gar nicht sein als dieser Blogeintrag. Ich rieche das Salz und höre das Kreischen der Seevögel – und ein wenig kann ich mich auch in dich einfühlen, ein ganz klein wenig. Es ist bestimmt nicht einfach, aber vielleicht gerade deshalb umso kostbarer.
    Ich wünsche euch beiden ganz wundervolle Tage, trotz aller Schwierigkeiten. Aber die habt ihr ja auch schon in dem Roman überwunden, der bald erscheinen wird (und den ich natürlich unbedingt haben muss).

    Alles Liebe euch beiden,
    Ingrid

  2. In der Phantasie bin ich Deinen zauberhaften Worten gefolgt und habe ein wenig mit Dir gefühlt und bin in die Atmosphäre dort eingetaucht. Die Szene mit den Vögeln kann ich mir besonders lebhaft vorstellen und bin auch dabei mitzufliegen.

    Weiterhin viel Freude im Urlaub,
    liebe Grüsse
    Elfe

  3. am Rande des Landes … ist ein bisschen wie am Ende der Welt. Erholt Euch gut, Ihr zwei. Und Bilder braucht es gar nicht, schöne Bilder hat Deine Schreibe genug 😉
    Ich wünsche Dir einen riesigen Berg Eindrücke für Carly Templin. Schöner Nachname übrigens, erinnert an ein nettes Städtchen.

  4. Deine Worte fügen sich wunderbar zu Sätzen, die Sätze zur Geschichte.
    Genießt jeden Augenblick, saugt die Luft auf, nehmt die Gerüche wahr – das ist das Leben!
    Habt noch schöne Tage, liebe Grüße von Kerstin.

  5. Von mir auch ein Danke für den schönen Blogeintrag – der ganz viel Sehnsucht hinterlässt – aber auch ein Stück weit das Gefühl, selbst dort zu sein. Du schreibst das wirklich wunder-wunder-wundervoll liebe Patricia.

    Erholt euch gut und viele schöne Tage wünsche ich euch Beiden

  6. Hallo Patricia,
    melde mich nochmals mittels Kommentar, aber ich muss Dir – das haben bestimmt schon mehr getan, egal – einfach sagen, dass Du für das, was Du äußern möchtest, Worte findest, die mich sehr berühren. Ich habe das Gefühl, da ist kaum eine Hürde zwischen Deinen Gedanken und den Bildern; beide laufen ineinander über. Und da ist Dein Bewusstsein des Weltinnenraums, von dem Rilke geschrieben hat, dass wirklich alles miteinander verbunden ist und was uns begegnet, schon immer in uns war, wahr war. Ich meine Sätze wie „Der Boden spricht – leise …“ oder „Der Himmel trägt Geschichten …“ … wunderschön …
    Grüße aus der Schwarzwaldnähe,
    Johannes

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