Jeder Tag ist Erntedank

Diese letzten warmen Tage sind so rund und reif, samtig weich und leuchtend wie die sonnenwarmen Pfirsiche aus unserem Garten, die tief und süß nach allem schmecken, was uns im Sommer begegnete. Ebenso schnell wie die Pfirsiche zerfallen wenn man sie nicht hier und jetzt ißt werden diese Tage vorbei sein. Wir kosten sie aus bis zur Neige, mit Frühstück am See und Grillen im Kreise lieber Freunde, mit Gesprächen und mit Schweigen, mit einer bewussten Zärtlichkeit: wie groß und wunderbar ist es, dass wir diesen langen Sommer hindurch atmen, schmecken, sehen, berühren, hören konnten. Nichts davon ist selbstverständlich. Regenluft, Walderdbeeren, Schwalben, warme Erde, Nachtigallen. Und das in glücklicher Zweisamkeit oder mit den erwähnten Freunden.
Abends fahre ich noch mit dem Fahrrad zum Briefkasten. Grillduft schwebt von den Balkonen und mischt sich mit dem Geruch nach Herbstblättern und Sommergras über dem Seggeluchbecken. Früh werden die Blätter gelb dieses Jahr. In einer Geschichte habe ich mal von einem „septembergelben Eimer“ erzählt und jemand fragte mich: Was meinst du mit Septembergelb? Für mich ist das glasklar: Dieses erste Gelb in den Blättern an den Astspitzen, dieses leuchtende, strahlende Goldgelb, in dem unterschwellig noch das Grün des Sommers, ja sogar des Frühlings wie ein Echo schimmert, das stolz und überschwänglich alles feiert, was gewesen ist um dann wie ein Segen auf die Erde zu schweben und in sie zu sinken, die es geboren hat – das ist Septembergelb. Und es ist ein Versprechen, dass es im Frühling Löwenzahn, Primeln und Osterglocken geben wird – aber das ist ein anderes Gelb.

– Zu meinem Erstaunen sind die Schwalben noch da – müssten sie nicht längst weg sein? Sonst haben sie sich hier schon Mitte August verabschiedet.
Die Schatten sind lang geworden im Seggeluchbecken,

die Kontraste im Fließ schärfer

und im Wald spielen Lichtreflexe weil die tiefliegende Sonne in geheime Winkel dringt.

Die Wiese wird zum grünleuchtenden Märchen, gemahnt daran, genau hinzusehen, jetzt, denn bald wird es hier anders aussehen.

Ich genieße die tiefen Schatten und die grandiosen Lichtpunkte dazwischen und freue mich ganz insgeheim auf ein wenig mehr Biss in der Luft und ein wenig mehr Einsamkeit hier unten am Fließ, auf Sturm und Blätterrascheln und den ersten Frost.
Zuhause zähle ich an der Engelstrompete 57 Blüten. Ich habe sie vor Jahren als angefaulten handgroßen Sprössling aus einem gammeligen Supermarkt gerettet, in dem ich sonst nie einkaufe. Sie hat bewiesen dass es sich auch lohnen kann, für etwas Kleines, Schimmeliges, hoffnungslos Wirkendes Geld auszugeben.

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  1. Wundervolle Bilder!
    Laut Wiki ist der „Höhepunkt des Zugbeginns in West- und Mitteleuropa … zwischen Ende August und Anfang Oktober“ – sie haben also noch einige Wochen Zeit. Die Rauchschwalbe zieht lt. http://www.voglarten.de September / Anfang Oktober.
    Bei der momentanen Überfülle an Mücken – teilweise von meinem Blut gemästet – können sich die Schwalben vor dem Flug die notwendige Energie anfressen. 😉

  2. Deine Worte sind wie Nektar liebe Patricia, ich staune bewundernd über diese Ausdruckskraft-:) Eine Ode an die Natur, an das Leben.
    Und in den Pfirsich könnte ich gleich hineinbeissen, mmmmh frisch vom Garten, ein Traum. Ich liebe Pfirsiche, die Nektarinen lasse ich jeweils links liegen.

    Bei uns sind die Schwalben längst weggeflogen, viel früher als ich es erwartete. Bin gespannt ob dieser Herbst auch so gelb und bunt wird wie der letzte. Das Gelb im Herbst empfinde ich eher als ein Gold als Ausdruck der Weisheit des vollendeten Lebens.
    Liebe Grüsse
    Elfe

  3. Liebe Patricia,

    ich wünsche Dir noch viele schöne sonnige und pfirsisch-samtige 🙂 Spätsommertage sowie ein nicht zu stürmisches und verregnetes Wochenende!

    Wunderschöne Fotos hast Du gemacht, da kann man sich ja direkt darin versinken lassen, träumen, und hoffen, dass es nicht zu schnell mit den unangenehmen Seiten des Herbstes losgehen mag — die sonnig-goldenen mag ich nämlich auch sehr gern :-)!

    Liebe Grüße,
    und eine schöne Zeit,

    Katrin

  4. Das hast du sehr schön geschrieben und mit wunderbar atmosphärischen Fotos versehen.
    Ja, jeder Tag ist „Erntedank“, an jedem Morgen beginnt das Leben neu.
    Wie sagte schon Goethe?
    „Der heutige Tag ist immer der wichtigste.“
    Oft frage ich mich, wie viele Menschen, mich eingeschlossen, diesen Satz beherzigen, oder ob wir nicht alle in Gefahr sind, vor lauter Betriebsamkeit das Geschenk des neuen Tages, in seiner Einzigartigkeit, auszuschlagen?
    Gruss von Rosie

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