Mähdanken

Am letzten warmen Tag habe ich im Leuchten der schrägen Sonne den Rasen zum wohl letzten Mal in diesem Jahr gemäht. Langsam und mit Genuss; das ist jedes Jahr ein kleines Ritual für mich, mit dem ich Abschied vom Sommer nehme, dankbar für das, was war. Es gibt kaum einen grüneren, lebendigeren, schöneren Duft für mich als gemähtes Gras. Das ganze Glück des Frühlings steckt darin und alle Erinnerungen eines langen Sommers. Wie viele Füße sind über dieses Gras gelaufen, barfuss und in jeder möglichen und unmöglichen Sorte Schuhe (G. zum Beispiel hat den Rasen mit ihren Pfennigabsätzen gleich vertikutiert). Der Enkel unseres Freundes hat ebenso darauf ein Nickerchen gemacht wie unser über achtzigjähriger Onkel. Peter hat mit seinen Rollstuhlreifen darauf Kringel in den Morgentau gemalt. Ich habe darauf ein Buch zuende geschrieben, später die druckfrischen Exemplare aus dem Karton geholt, und ein neues begonnen. Ein begeistertes Verlagsgründungstreffen fand hier statt, ein dankbares Grillen mit einem intensivmedizinischen Pflegeteam, ein familiäres Pfingstbeisammensein auf dem eine Hochzeit und eine Schwangerschaft verkündet wurde; ein Arbeitstreffen von Peters Kollegen, ein Wiedersehen mit einer alten Liebe. Peter und ich haben jeden Morgen hier gefrühstückt, egal bei welchem Wetter. All die Worte, die zwischen die Grashalme gefallen sind – ich denke, sie machen die Wiese grüner, saftiger, lassen sie tiefer wurzeln. Es gab wochenlange Dürre und wochenlange Kälte mit Dauerregen, alles hat der Rasen ertragen und geschluckt, hat immer wieder Grün und Gänseblümchen, Klee und Pusteblumen beherbergt. Aus dem Rasenschnitt vom letzten Jahr wurde Kompost, der in den Beeten um so mehr Blumen hervorzauberte.
Nach dem Mähen liege ich auf dem Rücken im Gras und atme diesen Duft tief, ganz tief, damit er über den Winter reicht. Ich hatte nicht viel Zeit im Sommer, einfach nur der Erde nahe zu sein, aber manchmal habe ich mir ein paar Minuten gestohlen und hatte dabei die besten Ideen.
Nun darf der Grasschnitt wieder in der Komposttonne schlafen, da hat er es schön warm im Winter, und ein paar Igel, Frösche und Mäuse auch.
A propos Frosch, der ist mir dabei auch begegnet. Ich beseitige das letzte Gras, er die letzten Fliegen. So wie ich dabei überlege, ob ich das nächste Kapitel schaffe, überlegt er, ob er den nächsten Sprung bewältigen wird. Ich freue mich über seine Gesellschaft und die einiger später Schmetterlinge und Libellen, vor allem aber über das Grillenkonzert.

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  1. Oh wie schön!
    Ein wunderbar stimmungsvolles Foto und ein perfekt passender Text, dazu noch der unschlüssig schauende Frosch….
    Ein schönes Set für meinen feierabend-Beginn….
    vielen Dank dafür!
    LG von Rosie

  2. Schön, wie du die Erinnerungen an einen wunderbaren Sommer positiv umsetzten kannst. Ich habe das letzte Mähen noch vor mir, aber mich stimmt es immer ein bisschen wehmütig.

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