Zeit im Schwarzen Loch

Es gibt Wochen, da scheint die Zeit, die ich zum Schreiben bräuchte, in einem der erstaunlichen schwarzen Löcher zu verschwinden, die alles ansaugen und schlucken und sich offenbar nicht nur im All befinden sondern auch in meinem Zeitmanagement. Der Weltraum dehnt sich ständig aus, seit dem Urknall, meine Tage dagegen schrumpfen auf rätselhafte Weise. Und warum wiegt stets mein schlechtes Gewissen schwer, wenn ich nicht schreibe, warum habe ich es überhaupt? Weil Schreiben meine Berufung ist? Das ist ein großes Wort, aber anders kann ich es mir nicht erklären. Niemand zwingt mich zum Schreiben, zum Lebensunterhalt trägt es auch nicht maßgeblich bei, warum also? – Aber schlechtes Gewissen hin oder her, jetzt gerade muss der Roman ruhen, der in meinem Kopf spielt und sich auf zahllosen Notizzetteln zwischen der unzusammengelegten Wäsche, unerledigten Post und an der Küchentür ausbreitet wie eine zweidimensionale Epidemie, während auf dem Flachdach über mir die Schritte der Eichhörnchen und Krähen herumtoben und klopfen wie die Stimme eben dieses schlechten Gewissens.
Letztendlich sind die Menschen eben wichtiger; da möchte eine Großtante besucht, ein Friedhof gepflegt, ein Fest gefeiert, Telefonate geführt werden. Ein zeitaufwändiges Weihnachtsgeschenk für meine Mutter muss entworfen, fertiggestellt und in den Druck gegeben werden, das hat absolute Priorität weil es auf meinem Gewissen noch schwerer liegen würde, wenn nicht. Der Garten muss eingewintert werde, das sind mehrere Tage Arbeit. Dazu die Massen von Blättern und Tannenzapfen, und eine größere Umbauarbeit vor dem Schnee ist auch geplant.
Wegen der Heizung kommen noch Techniker und wegen des Rollstuhls. Wir haben endlich WLan legen lassen, und der Fernseher hat seinen Geist aufgegeben und musste ersetzt werden, was vorher eine Flut von Informationsbedarf und hinterher einen Schwanz von technischen Aufrüstungsnotwendigkeiten einschließt. Und Termine, Termine! Luxusprobleme, eigentlich, aber für Peter in seiner Situation extrem wichtig. Zu allem Überfluss stimmt mit Peters Arbeits-PC etwas nicht, wichtige Dokumente können nicht gedruckt werden, so dass wir täglich mit der Hotline telefonieren und den sehr netten Techniker zur Verzweiflung treiben, weil ihm der rätselhafte Fehler schon schlaflose Nächte bereitet.
Eine gewisse Ruhe im Kopf muss schon herrschen, damit ich schreiben kann, damit ich die Geschichte sehen und hören kann, und davon ist gerade nichts in Aussicht. Es gibt diesen neuen Tablet PC, auf dessen virtueller Tatsatur man die Wörter nur mit einem Finger durch einen zärtlichen Wisch über das Display schreiben kann. Vielleicht fällt mir sowas ja mal in die Hände und ich kann mit einer Hand schreiben und mit der anderen die Wäsche machen und die Beatmungsgeräte warten – wer weiß?
Aber gerade als ich anfangen wollte, an allem zu verzweifeln, fand ich unsere nette chinesische Blumenfrau, die Peter jedes Mal eine Rose schenkt, in Tränen aufgelöst zwischen ihren Herbststräußen vor. Nach einigen Versuchen bekam ich den Grund dafür genannt: „Langeweile!“ schluchzte sie.
Ich habe ihr später noch Schokolade gebracht in der Hoffnung, dass das kurzfristig ein wenig helfen würde, aber auf Dauer nützt das wohl nicht.
Und darum bin ich dankbar, dass ich vielleicht in ewiger Unordnung leben und nie alle Bücher schreiben werde, die ich gerne schreiben würde, aber zumindest niemals vor Langeweile weinend hinter einer Blumentheke sitzen muss.

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  1. Mach dir keine Sorgen; es wird auch sicher wieder besser werden. Schade ist es ja, dass du mit deiner Begabung nicht mehr Zeit dazu hast, aber so ist eben das Leben. Die Erfordernisse des Alltags haben Vorrang und wenn man sie ignorieren würde, hätte man doch nicht die innere Ruhe, um sich Kreativem hinzugeben. Ich hinke auch mit allem hinterher (wenn auch aus anderen Gründen). Deine neuesten beiden Romankapitel habe ich noch nicht gelesen (der Feedreader ezigt sie an), aber dafür brauche ich auch Ruhe. Wenn alles gerichtet ist, wird schon wieder Zeit sein. Die wünsch‘ ich dir,
    herzlichst,
    Ingrid
    P.S. Über die chinesische Blumenfrau musste ich kopfschüttelnd lachen, ‚weinen vor Langeweile‘, ne … Sie sollte bloggen 😉 Dann hat man immer was zu beobachten und zu schreiben.

  2. Das wird es wohl leider immer geben – Menschen, die ausgefüllt sind, haben immer etwas zu tun und meist zu viel, um alles gleichzeitig und zur Zufriedenheit erledigen zu können… auch bei mir stapeln sich die Arbeiten bzw. die Dinge, die alle so gern und am liebsten sofort erledigen möchte. Und dann gibt es die Menschen, die mit sich und ihrer Zeit nichts anzufangen wissen. Traurig, sehr traurig! Da sie Peter so mag und ihm immer eine Rose schenkt – vielleicht kann sie Dir ein bisschen Zeit geben, indem sie Dir etwas abnimmt?

  3. Oh…weinen vor Langeweile !! Das habe ich noch nie erlebt und kann es mir kaum vorstellen. Ja, jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung und manchmal muss man da eine Menge hineinpacken. Aber oft gibt es auch die paar ruhigen und stillen Minuten dazwischen, die man sich einfach mal nehmen sollte und in denen man den Blick auf die vorbeiziehenden Wolken richten kann, einer Meise beim Futtersuchen zuschauen oder es sich mit einer Tasse Tee im Sessel gemütlich machen kann. Manchmal reicht schon eine Viertelstunde, um wieder mit frischem Elan die Aufgaben anzupacken….
    LG von Rosie

  4. Ach jeeeeeeeeeeh – jahrzehnte ist es her, dass ich so etwas wie Langweile fühlte – zuletzt als Kind. Aber ist ja auch ein stumpfsinniger Job, so dazusitzen und darauf zu warten, dass Kundschaft kommt.

    Ich hätte da längst Strickzeug, Buch oder Netbook dabei und würde sicherlich keine Langeweile erleiden.

    Das Problem mit der fehlenden Zeit kenne ich nur zu gut – habe mir gerade heute wieder ein paar Eimer zusätzliche Zeit gewünscht………….. naja wünschen darf man ja, auch wenns nicht in Erfüllung geht. Aber lieber so als Langeweile nicht wahr?

    Herzliche Grüße, Birgit

  5. Auch ich wünsche mir manchmal, der Tag hätte 48 Stunden. An manchen Tage reicht die Zeit vorn und hinten nicht, an anderen schaffe ich so viel, dass ich über mich selbst staune.
    Schade nur, dass Dir die Zeit immer davon rennt und Du nicht alles tun kannst, was Du so gern möchtest.
    Eine vor Langeweile weinende Blumenverkäuferin hab ich noch nie gesehen. Meine Blumenverkäuferin des Vertrauens hat immer alle Hände voll zu tun und wird nie fertig.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  6. ;o) Grad gestern hab ich einen Textentwurf für meinen Blog in den Papierkorb verschoben. Titel: „Hätte mein Tag doch 48 Stunden… “ Nachdem ich ihn geschrieben hatte, war mein Frust wieder halbwegs weg und ich konnte mich gut gelaunt der Wäsche zuwenden.
    Solange wir unser Hobby nicht zum Beruf machen, wird es wohl immer die zweite oder dritte oder vierte Geige spielen müssen. Und: Dürften wir nur noch schreiben oder malen oder basteln oder … – vermutlich würde uns gar nichts Gescheites mehr einfallen, außerdem hätten wir den permanenten Druck, Ergebnisse liefern zu müssen. Ne, ne! Da mach ich lieber so weiter. Es gibt sie schließlich: Die Tage, an dem einem alles gelingt und man am Abend schaut und sagt: Also, ich hätte noch Zeit für ….???“

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