Novemberfund

Manchmal finde ich in dieser geschwätzigen, brummenden Stadt das Geschenk des Alleinseins, gerate unvermutet in eine Art Lücke zwischen Menschenmassen und allgegenwärtigen Motoren. Etwas öffnet sich auf dem gewohnten Weg zum Einkaufen, nur durch einen Stimmungswechsel in Wetter und Zeit bedingt.
Ich fuhr mit dem Fahrrad durch den Novemberregen, dem niemand anderes trotzen wollte, hinter mir das Industriegebiet, das an unsere Straße grenzt. Hundert Meter nur und ich stand auf einer der Brücken, die einen Ausläufer des Tegeler Fließes überquert, mitten in silbernem Schweigen. Die ausgelassen bunten Blätter waren längst verschwunden, Berlin hatte aufgeräumt, hatte die brüchig gewordenen Spuren des Sommers in Säcke gepackt. Ein Einzelnes, Goldenes nur trieb zu meinen Füßen unter der Brücke hindurch, nahm einen Tagtraum von mir mit auf den langsamen Fluss des dunklen Wassers. Die Äste waren Scherenschnitte gegen den Streifen Abenddämmerung
Ich liebe diese klare Strenge und die schwungvolle Anmut, die die Bäume zeichnen und die man im Sommer unter der Fülle nicht sieht. Ihr fast regloser Tanz ist ihr Geheimnis, nur im Winter darf ich es teilen.
Hinter ihrer plötzlich verletzlichen Durchsichtigkeit rückte die Stadt näher, ich sah Häuser, die sich zu anderen Jahreszeiten höflich im Hintergrund halten. Schön sind sie nicht, nicht hier. Aber sie machten diese Szene auf der Brücke um so kostbarer, in der der Geruch nach dem Schilf nahe war, das vor Kurzem geschnitten wurde, und die ganz leise schnatternden letzten Enten, die beschlossen haben, hier zu bleiben, unter betropft leuchtenden Spinnweben an den tiefhängenden Erlenzapfen. Ein verirrter Nachtfalter. Kein einziger anderer Mensch in Sicht, dafür diese von verschlafenem Entengespräch betonte Stille. Raum für Ruhe, für Ahnung, für Versprechen, für Hoffnung und Traum. Immer wenn ich an dieser Stadt verzweifle, wirft sie mir solche Augenblicke hin, mit einem triumphierenden, frechen Zwinkern.
Unweigerlich versöhnt setze ich meinen Weg fort, leichter jetzt.

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  1. Pingback: Nachdenklicher November « Heinrichs Blog

  2. Liebe Patricia Koelle,
    als ich Ihren Artikel gelesen habe, bin ich nachdenklich geworden. Aber nicht traurig oder trübsinnig nachdenklich, eher zuversichtlich und mit Ideen für Pläne.
    Ihr Foto hat mich an den Ast vor unserem Fenster erinnert, obwohl er ganz anders aussieht und in eine andere Richtung zeigt, was aber bei Assoziationen nicht wichtig ist. Ich habe die Fotos meines Astes gleich in mein Blog eingefügt! Danke für Ihre Anregung!

    Gruß Heinrich

  3. Oh, bei dir hängt schon der Schnee im Header. – Dein Text ist wieder sehr poetisch, zart und bildhaft. Genau so ssehe ich das auch: die schönen kleinen Glücksmomente im normalen Alltag.

  4. Ui – hier gibt es schon Schnee im Header. Ich habe meinen auch schon gebastelt, aber ich warte noch ein paar Tage, bis hier welcher liegt.
    Es ist schön, wenn man auch in der größten Hektik einen Ort der Ruhe findet, und wenn es nur für Augenblicke ist.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  5. wundervoll!
    Auf die Sichtweise kommt es an und schwupp! finden wir uns am richtigen Ort.
    Liebe Patricia, Dein Text ist voller Poesie.
    Der Leser findet sich am beschriebenen Ort ein und lässt sich mittragen.
    Er begreift, dass es an ihm hängt, wie er seine Umgebung sieht, wie dadurch ein kleines Wunder geschieht und die Umgebung auf ihn zurückstrahlt.
    Liebe Grüße
    Barbara

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