Lebenstauglicher Hinweis

Draußen liegt mal wieder Schnee, wenn auch vorübergehend, irgendwie matschig und vom Winter halbherzig hingeschlampt; kein Wetter zum Spazierengehen. Statt dessen habe ich weiter aufgeräumt und dabei in alten Büchern gestöbert. In einem Wörterbuch von 1905 fand ich einen eingehefteten Zettel mit der Überschrift „Bitte“, der so liebevoll höflich geschrieben ist, dass ich ihn mir am liebsten als Gebrauchsanweisung nicht nur für die Bücher, die ich schreibe, sondern auch für mein Leben, gewissermaßen als Mahnung und Leitfaden, an die Tür heften würde:

BITTE
“ Alle, die dieses Buch benutzen werden, besonders Lehrer und Schüler, bitten wir, an seiner Vervollkommnung, die wir selbst unaussgesetzt im Auge behalten, dadurch mitwirken zu wollen, dass sie uns auf Mängel, die sich bei längerem Gebrauche etwa herausstellen mögen, aufmerksam machen. Es wird meistens genügen, auf der Rückseite dieses Zettels die Stelle des Schriftstellers, Lesebuches oder dergleichen, die sich mit Hülfe der Angaben unsers Wörterbuches nicht erklären lässt, genau zu bezeichnen und die in Betracht kommenden Worte daraus anzuführen, nötigenfalls zu unterstreichen. Jede Buchhandlung wird so gefällig sein, den Zettel kostenlos zu befördern. Wir sagen im Voraus allen, die unserer Bitte entsprechen, aufrichtig Dank und versichern, dass die Anregungen, die uns zu teil werden, bei einer neuen Bearbeitung gewissenhaft benutzt werden sollen.“
Der Verfasser: Dr.L.Kellner. Die Verlagsbuchhandlung: Friedr.Vieweg & Sohn.

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  1. Ich sage ja nur äußerst selten, daß es früher besser war. Aber solche Philologen wie den Herausgeber jenes Wörterbuches gibt es wirklich nicht mehr.
    Übrigens, eine kurze Recherche brachte mich darauf, welch illustrer Mensch das war. Bei meinem nächsten Besuch möchte ich dies Buch gerne sehen. Und anfassen.

    • Besten Dank für den Link und die Bildung am Morgen, das war ja in der Tat ein hochinteressanter Mensch, und seine Frau vermutlich ebenso. Sein Schwiegersohn Walter Benjamin war mir ein Begriff, ansonsten ist mir das alles neu.
      Das Buch wartet auf Deinen Besuch 🙂

  2. Solche höflichen, liebenswürdigen, gewissenhaften und netten „Aufforderungen“ findet man heute nur noch sehr selten bis gar nicht mehr.
    Nun gut, die Wortwahl und der Satzbau scheint „altmodisch“, aber die Aussage dahinter ist zeitlos und sollte eigentlich immer gültig sein.
    Eigentlich.
    LG von Rosie

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