Guttenberg und die selbstzufriedenen Laien

Wie armselig ist diese Hetzjagd von selbsternannten Sachverständigen, die selbst zum Großteil niemals eine akademische Arbeit in Angriff nehmen würden. Oder eine mündliche Doktorprüfung bestehen – oder soll die auch jemand anderes für ihn gemacht haben, ohne dass es die Prüfer merkten? Wer von diesen hämischen Aasgeiern würde so eine Arbeit und Prüfung hinbekommen, nebenbei arbeiten und sich um kleine Kinder kümmern?
Mir geht es nicht darum, ob es Guttenberg, der Kaiser von China oder der Obdachlose von nebenan ist. Ich finde Abschreiben auch nicht gut. Ich bin Autorin und mag es auch nicht wenn meine Texte geklaut werden. Die Sachverständigen werden zu einer Einschätzung und einem Urteil kommen, und das ist in Ordnung.
Nicht in Ordnung finde ich das Verhalten der bellenden und geifernden Meute, die sich daran aufgeilen, ohne Ahnung zu haben. Wieviele davon haben in der Schule nie abgeschrieben? Und man sage nicht, das sei was anderes. Ist es nicht. Wieviele davon haben nie bei der Steuererklärung getrickst? Auch das ist nichts anderes. Es ist vorsätzliche Täuschung.
Vor allem aber haben sie keine Ahnung von der Materie. Wenn jemand den Blinddarm herausgenommen haben muss, kommt auch nicht eine Meute von Sonntagssurfern und setzt das Messer an.
Sollte Guttenberg (mit Vorsatz) betrogen haben, ist das verwerflich. Nicht minder verwerflich ist diese Art von Vorverurteilung in einem Rechtsstaat. Selbstjustiz ist immer noch verboten.
Und wenn sie schon stattfinden muss, dann möge man diese Maßstäbe auch auf alle anderen ansetzen. Da dürfte man jahrzehntelang zu tun haben. In allen Parteien. Und auch bei den johlenden Jägern im Netz, die so laut, selbstgerecht und oft genug in fehlerhaftem Deutsch mit dem Finger zeigen.
Und niemand sage mir: „Jaaa…aber der ist eine öffentliche Person mit Verantwortung, der muss ein Vorbild sein“: Richtig. Aber jeder, jeder einzelne der sich zum Richter ernennt, hat in seinem eigenen kleinen Umkreis ebenso Vorbild zu sein. Und wenn er nur den Briefträger kennt.

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  1. Bin gnz Deiner Meinung – doch die findet man leider selten… Sich einzureihen in die Meute mit dem erhobenen Zeigerfinger ist ja soviel bequemer…
    Habt einen schönen Sonntag!

  2. Einspruch.
    Es geht hier darum, ein Unrecht aufzudecken. Texte klauen und daraus eine Dissertation zusammenstoppeln ist ein Unrecht, und ohne Aufdeckung bliebe es ungesühnt.
    Guttenberg scheitert gerade an seiner eigenen Eitelkeit, da habe ich kein Mitleid. Daß er nicht der einzige Plagiator ist, macht die Sache nicht besser und nicht legaler. Als Doktorand unterschrieb er übrigens, diese Arbeit allein angefertigt zu haben und Quellen als solche zu kennzeichnen; damit machte er sich auch der Urkundenfälschung schuldig.
    Daß er bei Abfassung der Dissertation bereits Familienvater war, unterscheidet ihn nicht von zahllosen anderen Doktoranden und Doktorandinnen, die eigene Leistung darbringen.

  3. Nun ja… aber wo ist dann das Problem? Er hat abgeschrieben und es für eigene Leistung ausgegeben, und nun bekommt er Ärger – tja, so ist das Leben.
    Übrigens finde ich schon, daß in der Schule abschreiben eine etwas andere Kategorie ist. Natürlich ist es falsch! Aber bei einem Schüler setze ich doch etwas andere Maßstäbe als bei einem Doktoranden. Der Gesetzgeber hält es übrigens auch so.

  4. Als Spitzenpolitiker muss man solche Kritik und Häme mindestens ertragen, noch dazu, da schon
    jetzt klar ist, das diese Kritik vollkommen berechtigt ist. Guttenberg hat offensichtlich nicht unerhebliche
    Teile seiner Doktorarbeit kopiert. Das ist mehr als dreist. Wie naiv kann man sein, hier keinen Vorsatz
    zu erkennen? Nebenbei bin ich selbst Doktor und weiß, was für ein Aufwand eine Dissertation ist.
    Guttenberg hat seinen Doktortitel zurückzugeben, kann gerne die nötigen, nicht unwesentlichen,
    Korrekturen vornehmen und sich dann nochmals um diesen Titel bewerben.
    Einen kommenden Bundeskanzler, der so unverblümt abschreibt und täuscht, braucht es nicht.
    Guttenberg kann sich rehabilitieren, aber dann muß er zu seinen Fehlern stehen. In welcher Welt leben
    wir eigentlich? Das ist Demokratie und es ist das gute Recht des Volkes seine vermeintlichen Vertreter
    zu hinterfragen und sich auch über sie lustig zu machen, wenn sie bewusst Unrecht tun.

  5. In der Schule schreibt man Klausuren unter Zeitdruck. Das ist mit einer Doktorarbeit nur bedingt vergleichbar. In der Schule geht es um das Bestehen und die Mindestvoraussetzungen. Es ist ein ganz anderes Alter. Eine Promotion ist die Kür. Sie ist keine Pflichtleistung. Deshalb gelten andere Maßstäbe. In der Schule geht es nicht um allgemeine Erkenntnis und Wissenschaft wie das in einer Dissertation der Fall ist. Bei Plagiat liegt die Beweislast nicht beim Ankläger, sondern beim Verdächtigten. Wegen der Manipulation und Anpassung von Textstellen – also mir als eine identische Kopie – liegt die Sache ziemlich klar.

  6. Diese Hetzjagd ist armselig, wohl wahr. Aber dieser heutige Verteidigungsminister musste damit rechnen. Hierzu bedarf es keiner Beispiele , denn die kennt jeder.
    Würden alle Arbeiten der momentanen Politiker durchforstet, gäbe es entweder Chaos oder niemand würde sich wegen Vielfalt der jeweiligen Kopien dafür interessieren. Es gibt ein Gerücht, dem ich keine weitere Aufmerksamkeit schenke, aber dass die Doktorarbeit Frau Dr. Merkels erst gar nicht mehr einzusehen sei.
    Ich erwarte von mir ständig Höchstleistungen, wenn auch in einem anderen Metier. Inzwischen gibt es kaum noch Zweifel, dass Guttenberg sich anderer Arbeiten bedient hat und auch kleine Kinder sind keine Entschuldigung.
    Ja, sicher muss diese Leistung erst einmal jemand schaffen, aber wie lebt man mit einer Lüge? Gehört so etwas zum guten Ton? Schummeln bei der Steuererklärung zum Beispiel?
    Wenn ein Arzt Fehler macht ist der Patient tot.

  7. Komisch, niemand scheint wirklich zu lesen, was ich geschrieben habe. An keiner Stelle habe ich behauptet es sei richtig was G. gemacht hat oder solle nicht geahndet werden. Ich finde lediglich die Art der selbstgerechten Häme widerlich, unwürdig und dumm.

  8. Nun, Du schreibst über Vorverurteilung – aber es liegen doch mittlerweile zahlreiche Stellen vor, die beweisen, daß er abgeschrieben hat. Zudem lese ich bei Dir einen vielleicht nicht so gemeinten Vorwurf, daß die, die ihn nun verspotten, ja selber auch getrickst haben – alle? Und wo ist das jetzt bewiesen?
    Natürlich gibt es jetzt genau wie immer auch Leute, die einen Schuldigen deswegen auslachen, weil das die eigenen Fehler so gut bedeckt. Aber ich glaube schon, daß eine Menge Leute, die Guttenberg kritisieren, selbst keine notorischen Lügner sind.

  9. Ich habe nicht gesagt, dass alle selbst getrickst haben, wie käme ich dazu? ich habe gefragt: Wie viele wohl…?
    Es ist einfach so dass auch in meinem nächsten Umfeld diejenigen am lautesten schreien, die selbst erstens kaum eine Zeitung anfassen, weil es ja Bildung wäre, und zweitens tricksen und betrügen wo sie nur können. Das geht mir auf die Nerven und man verzeihe mir, wenn ich gerade etwas dünnhäutig bin.
    Und nun möchte ich das Thema gern beenden. Ich habe gestern einen lieben Menschen verloren und weiß nun wieder, wie unwichtig solch läppische Zänkereien sind.

  10. Liebe Patricia,
    ich stimme dem voll zu, was Sie geschrieben haben.

    Ich finde es auch schrecklich, wie die sensationslüsterne, kleingeistige Meute sich ständig auf die Fehler und Vergehen anderer stürzt, um von den eigenen Fehler abzulenken. Oder sind das die gleichen Menschen, die auf der Autobahn bremsen, wenn auf der Gegenfahrbahn ein Unfall passiert ist?

    Damit müssen wir leben. Schon lange, und es wir nicht besser werden.

    Gestern habe ich in einem Forum miterlebt, wie ein sehr junger Mensch auf eine sehr üble und beleidigende Weise mit einem anderen Forenmitglied umgegangen ist. Auf die Verwarnung des Moderators hat er geantwortet: Ich darf das! Wir haben in Deutschland Meinungsfreiheit – da darf man alles sagen.

    Überall mitreden zu wollen, überall mitreden zu können, überall mitreden zu „dürfen“, verleitet sehr, über Missstände zu schimpfen, wenn man sonst nichts zu sagen hat. Es ist doch bezeichnend, dass gefühlte 90% aller Blogger sich ausschließlich damit beschäftigen, die schon tausendfach publizierten Missstände noch einmal mit eigenem Mundwerk durchzukauen. Nur ein kleiner Teil berichtet auch mal ausgesprochen positive Ereignisse.

    Widersprechen macht grundsätzlich mehr Spaß, als zuzustimmen. Machen Sie mal den Versuch: Schreiben Sie nächste Woche das Gegenteil – Sie bekommen dann auch mehr Widersprüche …. manchmal sogar von den gleichen Lesern. 😉

    Gruß Heinrich

  11. Hetzjagden sind dazu da, von eigenen Fehlern abzulenken. Das ist ein ungeschriebenés Gesetz des Journalismus.
    Soweit, so richtig.
    Hier aber geht es nicht um »Fehler« Der arme Guttenberg wird nun zum Synonym für BETRÜGEN! Da beißt keine Maus einen Faden ab. Das aber ist auch nicht das Kriterium. Es geht im Wesentlichen nicht um das abkupfern, sondern um Wahrhaftigkeit. Ob es nun ein Baron ist oder der Gemüsehändler an der Ecke:
    Wenn er mich betrügt, nenne ich auch das Kind beim Namen. So einfach ist das!
    Das Gleiche würde ich auch sagen, wenn es mich beträfe. Wer im öffentlichen Leben steht, kann sich nicht einfach mit dem »Quod liced Jovi- non liced bovi« freisprechen. Das IST eben unredlich…

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