„G“ wie Königin Luise

(In Ergänzung zu dem vorherigen Artikel)

In dem großen Kunstsaal unter dem Dach der Luisenstiftung ist es warm. Es ist Frühling 1979. Das Thema ist Typographie und das frische Grün vor dem offenen Fenster erfüllt unsere Lehrerin mit überschwänglicher Begeisterung, die auf uns abfärbt.
„Du musst große runde G’s machen“, sagt sie, nimmt mir den Filzstift aus der Hand und zeigt mir, wie sie es meint. Ihre Hand beschreibt ausholende Kreise, ihr G sprengt das Papier. Ein blauer Kringel gerät auf die Tischplatte, wo ich ihn noch Jahre später finde. „So ein Buchstabe muss etwas darstellen, er braucht Platz in der Welt. Er muss Freude ausstrahlen, Persönlichkeit, Ausdruck haben dürfen! Großzügig muss er sein, großzügig wie Königin Luise. Ja, ein Buchstabe muss sich königlich zum Papier verhalten!“
Das oberste Erziehungsgebot meiner Eltern war, uns Bescheidenheit zu lehren. Aber dieses unverschämt große runde G gefiel mir. Ich adoptierte es sofort und übertrug es auf meinen Deutschaufsatz. Ich war fünfzehn und ohnehin auf der Suche nach einer Handschrift, die mich erwachsen machte.
„Das geht nicht“, sagt Frau B. und zeigt mit einem sehr spitzen Finger auf mein Werk. „Solange du in meinem Unterricht bist, schreibst du G‘s wie jeder andere. Diese extravagante Sauklaue kannst du benutzen, wenn du später einmal Schriftstellerin bist!“
Schriftstellerin! Sie hat dies natürlich sarkastisch gemeint. Sarkasmus kann sie gut. Ich gebe mir Mühe, aber meine G’s werden nie wieder so brav wie früher. Etwas von diesem Frühling und dem Schwung der Kunstlehrerin bleibt in ihnen hängen. Ebenso die Idee mit der Schriftstellerin. Endlich weiß ich, was ich werden will! Nicht der G’s wegen. Sondern weil es genau das ist, was ich möchte. Es war mir nur nicht klar.
1981 mache ich Abitur. Unter dem vertrauten und wachsamen, wenn nicht gar belustigten Blick Luises schreibe ich in der Aula meine Klausuren, stehe schließlich dort auf der Bühne, nehme mein Zeugnis entgegen und fühle mich wie aus dem Nest geworfen.
Dreißig Jahre später wird die Königin-Luise-Stiftung zweihundert Jahre alt. Es ist Ehemaligentreffen. Durch das große Portal bin ich stets mit einer gewissen Ehrfurcht gegangen, und auch mit Stolz, dass ich es durfte. Heute ist es genauso. Es scheint sich nichts verändert zu haben. Nur die Frau an der Pforte hat jetzt weiße Haare, aber ihr prüfender Blick ist derselbe. Gleich in der Halle treffe ich einige vertraute Lehrer und eine Menge alter Klassenkameraden. Auch deren Haarfarbe hat sich verändert, nicht aber ihre Gesten, ihre Stimmen, ihre Angewohnheiten. Luises Blick ist ebenso derselbe. Es ist, als wären die 30 Jahre nie gewesen. Gespenstisch fast.
Nur das Gebäude ist noch schöner als früher. Alles renoviert, liebevoll gestrichen. Ich kann mich kaum sattsehen an den Säulen, den Gewölben und Bögen, rund wie einst das G der Kunstlehrerin. Wie habe ich das vermisst! Auch die großzügigen Treppen. Wenn wir hinunter in die Pause liefen, gab uns ihre Breite heimlich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Vielleicht nicht königlich wie Luise, aber doch mehr als bloße Schüler.
Im ersten Stock finde ich den Raum, in dem ich in der zweiten Klasse einmal nachsitzen musste. Wir hatten einen Esel malen sollen, und unsere Hausaufgabe war, das Bild fertigzustellen. Ich hatte jedoch vergessen, meinem Esel einen Schwanz zu zeichnen. Die Lehrerin schloss daraus, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hätte. Heulend rief ich aus dem Sekretariat meine Mutter an um ihm mitzuteilen, dass ich eine Stunde länger bleiben müsste, weil mein Esel keinen Schwanz hatte. Den Lachanfall meiner Mutter hörte selbst die Sekretärin. Ich gebe zu, dass ich seit dem Schwanz des Esels keine pädagogische Maßnahme mehr ganz so ernst nahm, wie sie gemeint war.
Auf halber Treppe bleibe ich stehen. In meiner Erinnerung hängen hier noch die Plakate, die wir in der vierten Klasse anfertigten. Jeder sollte ein Werbeplakat zu dem Beruf des eigenen Vaters entwerfen. Pflichtgemäß folgte ich dieser Aufforderung. Die Lehrerin betrachtete das Ergebnis und bezichtigte mich kopfschüttelnd der Lüge und Aufschneiderei. Ich solle zuhause gefälligst meinen Vater genauer über seinen Beruf befragen und dann ein neues Plakat herstellen. Ich war zutiefst empört. Heute hätte sie meinen Vater googlen können, doch damals gab es kein Internet. Dafür erschien er am nächsten Tag höchstpersönlich in der Schule und versicherte Frau K., dass er tatsächlich die Saturn V Rakete mitentwickelt hatte, in der Menschen zum Mond geflogen waren, und dass er jetzt wirklich am Entwurf einer möglichen Mondstation arbeitete. Er hielt ihr Dokumente vor die Nase und bald hing mein Plakat zwischen dem für eine Gartenfirma und dem eines Rechtanwalts. Es gab doch noch Gerechtigkeit.
Vor dem Fenster sehe ich neue Gebäude. Mir fällt der alte Sportplatz ein. Neben der Aschebahn für den Hundertmeterlauf und das Weitspringen stand ein alter Birnbaum. Wenn die Birnen reif waren, mussten wir im Sportunterricht das matschige Fallobst auf der Bahn überspringen, in dem Wespen lauerten. Schließlich lief die Hälfte von uns barfuß, weil wir die Sportschuhe vergessen hatten. Dafür durften wir hinterher die noch genießbaren Birnen essen.
Das waren Orientierungspunkte im Schuljahr. Im Sommer Weitsprung über die Birnen, im Winter die Foliendekoration. Jedes Jahr wenn zu Beginn der Adventszeit eines Morgens der feierliche Schmuck in der Halle hing, war ich tief beglückt. Es wirkte einfach grandios. Von jeder Treppenstufe sahen die riesigen Sterne und Kugeln anders aus. Für mich gehörten die Sterne der Luisenstiftung unverrückbar zur Weihnachtszeit, ebenso wie das Adventssingen.
Dem dicken Jubiläumsjournal entnehme ich, dass es das Adventssingen immer noch gibt, und noch viel mehr. Fabelhaft, was heute alles gemacht wird! Das Engagement des Lehrerkollegiums beeindruckt mich tief. Wir haben zwar früher auch einen Blockflötenkreis gehabt, aber bestimmt nicht Golf gespielt. Es gab auch eine Klassenfahrt nach Rehau und eine in den Bayrischen Wald, wo wir auf dem Kleinen Arber in Schnee und Nebel Blaubeeren fanden. Dafür musste man aber mit dem Bus stundenlang an der Grenze anstehen und sich von DDR-Soldaten anschnauzen lassen, und so etwas wie ein Ausflug nach Weimar war natürlich undenkbar. Ich freue mich zutiefst für die Schüler, die beflissen in weißen Hemden und Luisenstiftungsschlipsen herumwuseln und mir höflich Kaffee anbieten, dass sie heutzutage Fahrten ins Umland unternehmen können. Und dann zurückkehren in die Säulenhalle einer Schule, auf die sie stolz sein dürfen. Die lebt und sich wunderbar weiterentwickelt hat in den Jahren seit ich das Portal mit Bedauern zum letzten Mal hinter mir zufallen ließ.
Schriftstellerin bin ich damals nicht gleich geworden. Selbst mit siebzehn wusste ich, dass man davon nur selten leben kann. Ich studierte Sozialpädagogik und arbeitete als Einzelfall- und Familienhelferin. Dabei war ich viel in verschiedenen Schulen unterwegs. Ich verstand mich bestens mit den Pädagogen und den Schülern, nie aber mit den Gebäuden. Sie waren hässlich von außen und kalt, eckig und fantasielos von innen. Keines konnte es mit der Königin-Luise-Stiftung aufnehmen, die, so fand ich, als Einzige so aussah wie eine Schule aussehen sollte. Mit Gewölben, die zum Denken einladen und Säulen, auf die man sich verlassen kann. Ich freue mich sehr, heute hier sein zu dürfen und zu sehen, wie viele fleißige Hände dieses Jubiläumstreffen möglich und schön machen.
Seit mir das Leben Zeit dazu lässt, schreibe ich Bücher. Ich weiß nicht, ob ich deswegen eine Schriftstellerin bin. Aber es macht mich glücklich. Mit Frau B., der Deutschlehrerin, bin ich immer noch befreundet. Sie mag meine Geschichten. Vielleicht, weil sie gedruckt sind und keine handschriftlichen, großzügigen runden G`s ihr Unwesen darin treiben. Oder weil mir das mit den G’s nun erlaubt ist.
Manchmal verrät mir meine Blogstatistik, dass Schüler im Internet nach Zusammenfassungen oder Interpretationen meiner Texte suchen. Dann stelle ich mir vor, dass einer dieser Schüler vielleicht gerade wegen seiner aufmüpfigen Buchstaben getadelt wird, an einem Frühlingstag unter dem Dach der Königin-Luise-Stiftung. Und ich wünsche allen unter diesem Dach eine Gegenwart und eine Zukunft, so großzügig und glücklich wie ein großes, selbstbewusstes, rundes G.

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  1. das ist so ein berührende geschichte, die beim lesen schon gänsehaut erzeugt. und mich als leser mit einem lächeln auf den lippen und einem gefühl inneren friedens und freude entlässt. wunderbare worte, herzlichen dank!
    liebe grüße!

  2. Du hast einen ganz Strauß an Erinnerungen an diese Zeit. Toll. Ich fand Schule (egal welche) wohl so gruselig, dass ich das meiste verdrängte habe. Mein Latein-Lehrer hieß Morgenthaler und sah aus, wie Gaius Julius Cäsar. Fast der ganze Innenhof war ein riesiger Teich, in dem Koi-Karpfen trieben. Ein Mädchen landete im Rollstuhl, weil ein Mitschüler aus der 5 Etage eine Wasserbombe fallen ließ. Und in einem Jahr hatte ich die Herren Füßle, Hälsle und Fingerle als Lehrer (BaWü). Zwischen Beton und schlechten Noten wuchsen Berge von Lavendel. 😀 Und weißt du was, je mehr ich nachdenke, desto mehr fällt mir jetzt ein 🙂 Vielen Dank für deine wunderbare Geschichte. Und hey – das mit dem Mond-Papa, das ist einfach nur eines: Saumässsssig coooooooooool … Heute wie gestern und umgekehrt ❤

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