Von Ebooks und Eisenbahnen

„In so ein Ungetüm werde ich gewiss niemals einsteigen!“ soll eine meiner Mehrfach-Ur-Großmütter gesagt haben, als sie eine der ersten Eisenbahnen zu Gesicht bekam.

„So etwas werde ich nie lesen!“ sagten mehrere Leute um mich her, als ein Verlag mein erstes E-Book veröffentlichte. „Furchtbar, dies neumodische Zeugs. Bücher muss man anfassen können, den Umschlag spüren, das Papier.“
Meine Freundin gehörte dazu. „Ich will ein Buch riechen, fühlen, sehen können“, sagt sie. „Wo bleibt die Poesie, die Romantik, die persönliche Beziehung zum Buch?“

Meine Freundin hat ein Pferd. Sie kann es streicheln, ihm in die Augen sehen. Trotzdem fährt sie Auto, im Alltag. Ganz unpoetisch. Nichts hindert sie daran, beides zu genießen.

Ich glaube, dass E-Books sich rasant durchsetzen werden. Auch in Deutschland. Auch, wenn alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Die Poesie? Die muss natürlich in den Worten liegen. Für mich als Autorin ist das DIE Herausforderung. Die Askese der Sache macht uns zu wahren Autoren. Mein Text kann sich nicht mehr hinter einer teuren oder aufwändigen Aufmachung verstecken. Kein starker Buchdeckel gibt einer schwachen Geschichte mehr Halt. Wenn der Leser den letzten Satz gelesen hat, liegt es allein an meinem Werk, ob es im Gedächtnis bleibt, nicht an einem Ding, das im Regal steht und schöne Farben hat. Mir gefällt das.

Die Bücher werden nicht verschwinden. Im Gegenteil, ich denke, langfristig wird es wieder mehr SCHÖNE Bücher geben. Vielleicht nicht mit Goldschnitt, aber mit Leineneinband und hochwertigen Illustrationen, anständig gebunden und mit griffigem Papier, vielleicht sogar mit einem Bändchen als Lesezeichen, wie früher. Es wird sie geben für Liebhaber, Sammler, zum Verschenken. Die Pferde der Literatur.

Aber verdrängt werden, so glaube ich, die Taschenbücher, die ohnehin niemand geliebt hat, die nur für den Alltag waren. Die man am Flughafen kauft und im Hotel absichtlich liegen lässt, die man weitergibt, auf dem Flohmarkt verramscht oder mit denen man ein wackliges Tischbein stützt, und die, sollte man sie doch ein zweites Mal lesen, auseinanderfallen oder die Druckerschwärze am Daumen lassen. Niemand wird ihnen in einigen Jahren noch nachweinen. Die E-Books und Reader haben zu viele Vorteile. Im Koffer kann man nun hunderte Bücher im Seitenfach transportieren – welch großartiges, Harry-Potter-würdiges Schlaraffenland!
In kleine Wohnungen, in das Zimmer im Seniorenheim, ja in die Hosentasche passt nun eine ganze Bibliothek – selbst die alten Römer würden sicher über einen lachen, der solchen Zauber nicht nutzen mag.

So ein Reader ist leicht, man kann auf Knopfdruck umblättern und sogar die Schriftgröße verstellen. Das ist nicht nur für motorisch oder Sehbehinderte angenehm.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Ding die Menschen dazu bringen wird, MEHR zu lesen, bevor sie es merken. Schnell hat man es an der Haltestelle aus der Tasche gezogen und einhändig ein paar Seiten geschmökert. Die Stelle merkt es sich ja von selbst. Im Wartezimmer kann man eines der vielen Bücher darin lesen, je nach Stimmung, und ist nicht auf schmierige Zeitschriften angewiesen – obwohl man auch die im Reader lesen könnte.

Dazu kommt die schnelle Verfügbarkeit. Wenn früher einer ein Buch empfahl, dann sagte man sich: „Kann ich mir ja demnächst mal bestellen, oder ausleihen“ und dann war es schon vergessen. Jetzt lädt man es, hat es innerhalb einer Minute in der Hand und liest es bei Gelegenheit oder auch sofort, aus Neugier oder um mitreden zu können. Manches ist ja auch billiger oder gar umsonst, und über Platz, Entsorgung oder Gewicht in der Tasche muss man sich keine Gedanken mehr machen.
Da ich immer mehrere Bücher auf einmal lese, lagen sie überall herum. Jetzt kann ich so viele auf einmal anfangen wie ich möchte.

Bestimmt wird es sogar mehr interessante Texte geben, da das Risiko für die Verlage geringer ist und sie mehr experimentieren können. Abgesehen davon, dass der Autor auch ohne Verlag eine Chance hat. Es wird auch mehr Schund geben. Na und? Wir sind mündige Leser. Was für ein Reichtum, aus dem man da schöpfen kann – und auch das Gold muss gesiebt werden. Nun stehen wir alle mitten im Fluss.

Ich glaube, dass die E-Books Lust aufs Lesen machen – auf ganz neue Art. Auch wenn sie nicht nach Papier und Druckerschwärze duften.
Und wenn es einmal keinen Strom gibt? Dann haben wir andere Sorgen. Außerdem stehen dann immer noch schöne Bücher im Regal, alte und neue. Die Geschichtenerzähler unter uns nicht zu vergessen.

Es ist wie mit den Eisenbahnen, den Pferden und den Autos: Es könnte sich lohnen, ihnen erst einmal ins Auge zu schauen, bevor man sie als Teufelswerk von sich weist.

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  1. Witzig. Eines meiner liebsten Argumente beim Reader-Verkauf ist: Im Wartezimmer nie wieder die Bunte lesen müssen, weil nichts anderes da ist! 😉

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