Die Berliner Mauer in Schweden

Ich bekam eine nette E-Mail von einem Lehrer in Schweden:

„Liebe Patricia,
Das war eine grosse Überraschung für mich unde meine Schüler, dass wir Sie auf dem Internet gefunden haben und ausserdem, dass Sie uns geschrieben haben.
In den siebziger Jahren habe ich unter anderem Germanistik an der
Göteborger Universität studiert und im Jahre 1974 auch Berlin
besucht. Ich habe da Ost-Berlin besucht auf der anderen Seite der Mauer.
Ich erinnere mich heute an zwei Dinge, Reisefüher / Guide Ruth im
Treptow Park. Ich habe sie gefragt ob sie die Möglichkeit hätte nach
England zu fahren oder ganz einfach ins Westen zu fahren um schöne
Musik in einem anderem Land zu hören. Sofort habe ich da die Tränen auf ihren Backen gesehen und habe nichts weiter gesagt. Zweitens habe ich von einer Dame im Garderob auf dem restaurant Moravia am Alexanderplats erfahren, dass sie am Abend des 13. August 1961 versucht habe ins Westen zu flüchten, zu spät aber weil die Grenzlinje schon von Polizisten gesperrrt war.
Was ich in Berlin erlebt habe zu der Zeit, aber auch später, ich war
auch in Berlin drei Tage nach dem Jubiläum, hat mich inspiriert ein
Projekt über die Mauer durchzufüren. Wir haben also versucht ein Stück
Mauer zu bauen, mit Graffiti, Bilder/Dokumentation aber haben auch
versucht ein Gefühl zu schaffen mit Ihrem Gedicht „Grenzverlauf“ Ich
habe das Gedicht auf dem Internet gefunden, gelesen und mit meinen
Schülern diskutiert.
Unsere kleine Stadt Herrljunga liegt 80 km östlich von Göteborg…“

Auch mit einer seiner Schülerinnen hatte ich über Facebook einen kleinen Briefwechsel und nun wurden mir Fotos des Projekts geschickt:

Ich finde es sehr schön, dass den Schülern in einem anderen Land die Mauer auf so bildhafte Weise in Verbindung mit eigenen Erfahrungen des Lehrers nahegebracht wird. Und es freut mich, dass mein Gedicht, meine Worte etwas dazu beigetragen haben. So haben wir wohl auch dieses Buch nicht umsonst herausgegegeben:

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Lesung zum Mauerfall

08. November 2009 11 Uhr

Mauerstücke – Erinnerungsstücke

Kostenfreie Bildung am Sonntagmorgen

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer, die von 1961 bis 1989 unser Land in zwei feindliche Lager teilte. Geschichten zahlreicher Autoren aus Ost und West erinnern an die deutsch-deutsche Grenze. Die Autorinnen und Herausgeberinnen Bettina Buske und Patricia Koelle stellen ihre Geschichten vor.

Ort: Kontaktstelle Wilmersdorf, Sigmaringer Str. 28, B-Wilmersdorf

U-Bhf. Blissestraße od. Fehrbelliner Platz, Tel. 86409307

Kontakt und Anmeldung: Christel Heilmann, Telefon und Fax 883 25 27

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Tomatencasino

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Ich bin lange nicht mehr nachts durch Berlin gefahren. Es macht mich nachdenklich. Das Ziel ist ein Café im ehemaligen Ostteil der Stadt, zu der Lesung unseres Mauerstücke-Buchs, Thema also auch Berlin. Ich gestehe dem Taxifahrer, dass ich mich im Ostteil immer noch nicht auskenne, immer noch fremd fühle, nach zwanzig Jahren. Er sagt, es ginge ihm genauso, und das als Taxifahrer. Er sei alter Zehlendorfer. „Allerdings, da kenne ich mich auch schon nicht mehr aus, seit die Amis weg sind, die ich immer herumgefahren habe“, erzählt er. „Hat sich alles verändert. Dafür ist mein Englisch jetzt noch besser. Mehr Touristen.“ Ich frage ihn, warum es zur Zeit so schwer ist, ein Taxi zu bekommen. Eine halbe Stunde hängt man oft in der Warteschleife. Es kann doch nicht sein, dass man in der Hauptstadt kein Taxi bekommt. Oder läuft das Geschäft etwa so gut? Das sollte ein Scherz sein, aber er nickt. Doch, läuft gut. Von Wirtschaftskrise keine Spur. Die Touristen finden Berlin billig, London, Paris, alle anderen Städte sind teurer. Da geben sie auch gerne was fürs Taxi aus. Das ist mir neu. „Und die Jugendlichen, die fahren viel Taxi,“ sagt er. Ich staune.
Auch über die Straßencafés. Da sitzen sie im Dunkeln draußen und trinken Bier, als sei es Sommer. Das ist vermutlich hauptsächlich dem Rauchverbot geschuldet, aber nicht nur. Die Berliner sind so. Und ich? Was fühle ich, nachts in Berlin? Die alte Haßliebe. Der Naturliebhaber in mir findet es scheußlich. Eine Anhäufung von Dreck, Gestank, Lärm, häßlichen Gebäuden und zuvielen Menschen. Die Schriftstellerin in mir ist neugierig, späht in Winkel, phantasiert über das, was sich hinter erleucheten Fenstern abspielt, freut sich über die verrückte, vielfältige Lebendigkeit, notiert im Geiste Einzelheiten. Bin ich eigentlich weltfremd geworden in meinem grünen Randbezirk? Was, bitte, ist zum Beispiel ein „Tomatencasino?“ Ah – es ist nur die Leuchtrekleme defekt, Automatencasino, natürlich. Das Berliner Kind in mir wiederum fühlt sich bei manchem Anblick sentimental heimisch. Litfaßsäulen, nicht die modernen, die sich drehen und leuchten, brr, nein: die dicken, runden, gemütlichen, die mochte ich immer. Vor allem wenn sie wie jetzt im Schein der Straßenlaternen stehen, umgeben von goldenem Herbstlaub. Ich mochte ihre Verläßlichkeit, ich habe sie gern angefaßt als Kind, sie schienen immer ungerührt aufrecht, egal was sich um sie herum veränderte. Eine Zeitlang wollte ich sogar Plakate-an-Litfaßsäulen-Kleber werden.
Die Stadtlichter in der Spree, ein Anblick, den ich liebe und der mich vorübergehend mit der Stadt versöhnt. Der Fernsehturm hingegen – ich mag ihn einfach nicht, finde ihn häßlich, den Funkturm dagegen, der bedeutet mir etwas. Bin ich also doch verbohrter Wessi? Aber der Gendarmenmarkt, der gefällt mir sehr, die Humboldtuni auch.
Das Ambiente des Cafés paßt wunderbar zur Lesung. Schräg widersprüchlich. Gepflegter Stuck an der Decke, aber nackte, ungestrichene, stellenweise inkonsequent bekritzelte Wände. Ostambiente? Nee, sowas gab es in Kreuzberg auch immer. Ich mochte den Stil nie, mag ihn immer noch nicht, dennoch paßt es heute perfekt, zum Buch, zur Stimmung. Zur Stadt. Det is Berlin. Ebensosehr wie das Café Kranzler oder Möhring.

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Andere Autoren sehen, kennenlernen, das tut gut. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr so als Einzelkämpfer. Die Texte im Buch sind gut, beim Zuhören wird es mir wieder deutlich, deutlicher als je zuvor. Dass das Thema keineswegs von Gestern ist merke ich nicht nur an meinen eigenen zwiespältigen Gefühlen. Aber die meisten Stühle sind leer geblieben. In den Worten sind ganze, lebendige Welten enthalten, doch außer in die wenigen anwesenden Ohren fallen sie hilflos zwischen die Stuhlreihen auf den ungemütlich krankenhauskackbraunen Linoleumboden und verpuffen in der hallenden, brausenden Weite der ungeheuren Stadt. Vielleicht ist Berlin zu groß für Worte. Berlin braucht keine Geschichten, Berlin ist eine Geschichte, eine, die nie lang genug den Atem anhält um zuzuhören.
Die Nachfrage nach Büchern jedenfalls ist gering.

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Wieder hänge ich ewig in der Warteschleife, um ein Taxi zu bekommen. Auf der Straße fährt auch keins vorbei. Als es dann kommt, erklärt mir der Fahrer, dass in den Funkzentralen einfach zuviel Stellen abgebaut worden sind. „Die Taxis gibt es schon, aber die Vermittlung funktioniert nicht mehr“. Der Fahrer ist Türke. Er will genau wissen, was ich hier gemacht habe, warum ich nachts durch Berlin fahre. Die Langeweile lastet auf ihm. „Lesen denn die Deutschen Bücher?“ fragt er. „Die Türken lesen wenig, sie reden lieber miteinander.“ Wir stehen im Stau. „Das ist normal in Mitte“, sagt er. „Plötzlich sperren sie nachts alles ab, keiner weiß warum. Berlin eben.“
Wir überlegen, was schwieriger ist: genug lohnende Fahrgäste zu finden oder Bücher zu verkaufen. Anscheinend ähneln sich beide Tätigkeiten.
Langsam kenne ich die Gegend wieder. Das ist noch Osten. Die Häuser sind hier moderner, alles nach der Wende aufwändig renoviert. Dafür sind die Schlaglöcher die alten, erschreckend der Straßenzustand zum Teil. Jetzt sind wir über die unsichtbar gewordene Grenze. Hier sind die Straßen geringfügig besser, die Häuser aber unrenoviert. Dafür Westen, vertraut, hier ist „mein“ Berlin. Heißt nicht, dass ich es mag. Ich bin froh, als wir in unsere kleine grüne Straße einbiegen, wo die Häuser flach genug sind, um Platz für den frostklaren Himmel zu lassen, in dem der Mond zwischen Rauchfahnen schwimmt. Am liebsten wäre ich aber noch weiter gefahren, bis an die Küste oder in irgendeinen schweigenden Wald.
Schreiben werde ich trotzdem weiter, so wie viele, viele Autoren in Berlin. Und anderswo. Und Leute werden Bücher lesen. Irgendwo, irgendwelche.

Mauerfallgedanken

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Manche trauern der DDR nach in diesen Tagen, steht in der Presse.
Nun, ich nicht. Ich darf heute zu einer Lesung fahren. In den Osten. Das wäre früher nicht gegangen. Das Buch, aus dem gelesen wird, haben wir gemacht – eine Freundin und Kollegin die im Osten Berlins aufwuchs und ich, aus dem Westteil. Ohne den Mauerfall hätten wir uns nie kennengelernt. Ohne den Mauerfall hätten wir diese Texte nicht sammeln können. Sie wären nie geschrieben worden, von Autoren aus Ost und West gleichermaßen. Das ist kein Buch für oder gegen den Osten oder den Westen oder die Wiedervereinigung. Das ist ein Buch für alle in oder aus Deutschland. Es erzählt vom Leben mit und nach der Mauer, von den irren Tagen der Veränderungen. Es hat uns sehr viel bedeutet, dieses Buch machen zu dürfen, diese kleinen Mosaiksteinchen festzuhalten, lebendig zu erhalten.
An dieser Stelle ist auch ein Dank an den Dr. Ronald Henss Verlag fällig.
Übrigens habe ich auch unseren Jahresurlaub gerade gebucht. Im Osten. In Mecklenburg-Vorpommern, einem Land, das früher nur ein Märchen war für ein Westberliner Kind.
Für mich ist das was Großes – 20 Jahre Mauerfall! Wahnsinn, um das Wort der Wendetage wieder einmal zu gebrauchen.

Lesetermin am 30.10.2009 ist im Kultur- Cafe Sibylle, Berlin Friedrichshain

Beginn ist 20 Uhr
Ort:
10243 Berlin
Friedrichshain /Kreuzberg
Karl-Marx-Allee 72
Tel. +49 (0)30 29 35 22 03 |

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Feiern und Lesen

Zum 3. Oktober fand eine begeisterte Feier in Berlin statt. Doch es sind nicht nur die „riesigen“ Dinge, die Eindruck machen. Feiern ist gut und angemessen, aber auch die leisen, lebendigen Erinnerungen dürfen nicht vergessen werden. Sie sind es, die das Geschehen rund um die Mauer, den Mauerfall und die Wiedervereinigung erst wirklich deutlich machen. Nun, da die Feier vorbei ist, der 20. Jahrestag des Mauerfalls sich nähert und die langen Abende kommen, die Zeit zum Lesen bieten, könnte man sich den echten Geschichten widmen. Und wer diesem Jahrestag gerecht werden will, könnte bei Besuchen seinen Gastgebern statt eines Blumenstraußes auch einfach mal ein Buch mitbringen, das auch gleich für Gesprächsstoff sorgt.

Aus: „Zettelwirtschaft“ von Thomas Stefan
(Die Erzählung „Zettelwirtschaft“ gewann den ersten Preis beim Wettbewerb „Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten“)

„…….Masur ordnete an, Specht ständig mit Klebezetteln zu versorgen, und der schrieb und schrieb, den ganzen Tag, und die Wände füllten sich. Eine ungeheure Flut von Begriffen, großen und kleinen Ereignissen, brach sich Bahn, und die Jahre seit jenem unsäglichen 13. August 1961 erschienen wieder. Eine Begriffswelt, die man jetzt schon wieder bereit war, zu vergessen, wurde akribisch dokumentiert.

Jeden Tag berichtete Klara Masur stolz vom „Bau der Mauer“, zählte die schon etwas fernen und zeitlich immer näher rückenden Ereignisse auf, die diesen Staat gefüllt hatten. Diese besondere Terminologie eines eingesperrten Volkes stand wie ein Menetekel an der Wand und drückte spürbar gegen eine Mauer, die einst unüberwindbar schien.

Eines Tage klopft sie am Masurs Tür und machte einen ratlosen Eindruck.

„Herr Oberarzt, ich hab was ganz komisches bemerkt, bei unserem Specht. Darauf kommt man ja gar nicht.“

Masur sah sie erwartungsvoll an.

Sie schluckte verlegen, hielt einen gelben Klebezettel in der Hand. „Heute hab ich mir seine neuen Sachen angeschaut, Olympiade 1972 war dran. Roland Matthes und all die anderen, und natürlich unser Frank Schöbel. Der hat ja bei der Eröffnung gesungen.“ Ihre Augen leuchteten.

„Ja und?“, fragte sie Masur ungeduldig.

Klara hielt den Zettel hoch. „Einer davon war von der Wand gefallen, klebte wohl nicht so gut. Drauf stand Renate Stecher, unser Sprint-As. Und was soll ich Ihnen sagen, da stand auch auf der Rückseite was drauf.“

„Was sagen Sie da?“, fragte Masur perplex.

„Ja, so ein komischer Name, habe ich noch nie gehört: Heide Rosendahl. Und dann hab ich vorsichtig hinter die anderen Zettel geschaut, da steht ja überall was drauf. Der Mann wird mir immer unheimlicher, der Specht.“

Im Laufschritt eilten sie zu Spechts Zimmer. Vorsichtig hob Masur einige Notizen an, und tatsächlich fand sich auf jeder Rückseite eine Beschriftung. Doch hier wurde eine ganz andere Welt beschrieben. Gespannt hob er einen Zettel nach dem anderen, und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Na Masur, wie geht es voran mit unserem kleinen Chronisten. Ich bin ja skeptisch, ob ihm diese eigentümliche Schreibtherapie hilft, ich denke ja eher an was Handfestes. Aber ich lasse Sie erst mal gewähren,“ dröhnte Professor Fischer, der fast unbemerkt Spechts Zimmer betreten hatte. Er besah sich spöttisch lächelnd die mit Notizen übersäte Wand. „Wenn das tatsächlich die Mauer sein soll, dann weiß man, dass man in dieser Welt wirklich verrückt werden konnte.“

Masur schwoll sichtlich der Kamm.
„Wie man hier deutlich sehen kann, hat eine Mauer hat immer zwei Seiten, Herr Professor. Sie haben all die Jahre nur auf ihre Seite gestarrt, und vieles wirkt von drüben so unverständlich wie Chinesisch. Die Mauer war für beide Seiten Schutz vor dem Fremden, aber reflektierte auch die eigene Beschränktheit. Jetzt ist sie weg, und nun fluten die Begriffe ungehindert in alle Richtungen. Man könnte es eine babylonische Sprachverwirrung nennen. Und damit haben nicht nur die Menschen im Osten ihre Schwierigkeiten.“

Klara hielt die Luft an. Fischer schaute etwas irritiert, ging dann wortlos….“

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Jahrestag eines modernen Wunders

Am 9. November jährt sich ein Wunder – das Wunder, dass die Mauer fiel, und zwar friedlich. Weil die Menschen es so wollten. Wer zu jung ist, um sich zu erinnern, oder wer diese Tage schon fast wieder vergessen hat, kann in dem Buch „Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten“ davon lesen, wie es war. Wie das Leben mit und nach der Mauer war und während jener unglaublichen Tage im Herbst 1989. Menschen aus Ost und West erzählen hier spannende Geschichten, keine trockenen historischen Fakten.

Leseprobe aus: „Die Mauer meines Vaters“ von René Schuhr
„….Die Arbeitszeiten meines Vaters wurden zunehmend unregelmäßiger. Immer öfter blieb er nun daheim und bemühte sich gemeinsam mit meiner Mutter, mir so etwas wie einen geregelten Alltag zu bieten. Ungewöhnlicher konnte diese Zeit dennoch nicht für mich sein, saß mein Vater doch bereits am Mittagstisch, als ich aus der Schule nach Hause kam. Als wir gemeinsam am Speisen waren, dröhnte von draußen der Lärm durch das geöffnete Fenster in unser Esszimmer. Erst leise, dann immer lauter erklang der skandierende Wir-sind-das-Volk-Stasi-raus-Protestzug. Sofort sperrte ich meine Lauscher auf, mein Vater hingegen verzog die Miene, worauf hin meine Mutter ihn mitleidig anschaute. Dann stand er auf, ging zum Fenster und schloss es. Anschließend zog er die Gardinen zu. Und als die lauten Rufe des Protestzuges nur noch gedämpft zu mir durchdrangen, war es an der Zeit selbst die Stimme zu erheben und ich fragte meinen Vater, was los wäre und was wir tun sollten? Mein Vater verharrte einen Augenblick auf dem Rückweg zum Mittagstisch, kehrte wieder um und stellte sich zurück ans Fenster, um dem Protestzug nach zu schauen. Dann sagte er, die da draußen wären alle gute Menschen, die für die Dinge, die andere ihnen versprochen hätten, kämpfen wollten. Hauptsache, führte er fort, würde auf ´53 und ´68 nicht auch noch ´89 folgen. Das dürfe nicht passieren.
Erst sprach mein Vater nur das Nötigste mit mir und dann stieß er mich mit der Nase drauf. Ich konnte diese Jahreszahlen ganz gut einordnen und obwohl die systemtreuen Lehrer mit den systemtreuen Schulbüchern etwas anderes über diese Jahre vorgaukeln wollten, wusste ich dennoch, was mein Vater gemeint hatte.
Mein Vater ging jetzt gar nicht mehr zur Arbeit. Er saß meistens am Esszimmertisch und verrichtete so unsinnige Dinge wie Geschirr polieren oder Knöpfe annähen. Die Bürger der DDR zogen weiterhin an unserem Haus vorbei und waren dabei mal lauter und mal leiser, aber geschwiegen haben sie nie. Und Vater schloss das Fenster dann immer, aber ein ums andere Mal verharrte er länger im Schutz der geschlossenen Gardine und beobachtete die Menschenmassen. An den folgenden Tagen öffnete er die Gardinen mehr und mehr. Es hatte etwas meditatives ihn minutenlang dort verharren zu sehen, wie er die Protestzüge beobachtete, ja fast studierte.
Wieder einmal saßen wir beim Essen, beim Abendbrot, als erneut der Protestzug an unserem Haus vorbei zog. Aber diesmal war es anders. Mein Vater, von Erschöpfung gezeichnet, hatte er doch stark abgenommen und schien körperlich, aber auch seelisch ausgezerrt zu sein, schritt nicht zum Fenster, um die Realität erneut auszusperren…“

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Erinnern im Herbst

Die Sommerferien sind vorbei, der Alltag kehrt zurück. Die Abende werden länger. Es gibt wieder Zeit zum Lesen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Erinnern. Herbst ist eine gute Zeit, sich zu erinnern, und dieser Herbst ist ein Besonderer, denn der Mauerfall jährt sich zum zwanzigsten Mal.
In dem Buch „Mauerstücke“ haben wir versucht, einige der Erinnerungen einzufangen um ein Bild zu malen für die, die sich erinnern wollen und die, die noch zu jung waren und etwas erfahren wollen: wie das Leben war, damals.
Viele Autoren aus Ost und West haben Puzzlestücke zusammengetragen, keine trockenen Zahlen, keine Fakten, sondern Geschichten.

Hier eine Leseprobe:

Der Eisverkäufer

Christiane Schlenzig

Es ist Markttag. Ein Sommertag Ende August. Der Tag hat die Stadt mit Sonne überschüttet. Auf dem Platz vor dem Rathaus herrscht reges Treiben.
Ich bin keine Marktgängerin.
Heute bin ich hier, um meinem Besuch aus dem Westen unsere Stadt zu zeigen. Die schöne Altstadt. Ich liebe unsere Stadt. Die alten Gassen, die Stadtmauer, die Türme, den Dom.
Eigentlich wollen sie gar keine „alten Gemäuer“ sehen, Inge und Peter. Sie wollen uns einfach nur besuchen. Schließlich haben sich auch für sie die Grenzen geöffnet! Inge ist meine Cousine aus dem Westen. Ein erster Besuch nach dreißig Jahren. Wir sind uns fremd und diese Fremdheit macht mich beklommen, unsicher – auch angreifbar. Wollen sie uns wirklich kennen lernen? Oder einfach bloß mal hinter die durchlässig gewordene Mauer gucken?
Neugierde? Ich glaube, sie haben so viel gehört über uns und suchen jetzt die wahre Geschichte dazu.
Ich versuche, meine Unsicherheit mit einem Wortsprudel aus Geschichtszahlen und Architektur zu überspielen: „Das Rathaus mit der großen Sonnenuhr aus dem 17.Jahrhundert…“ Eine ältere Frau mit einem dickgefüllten Einkaufsbeutel stürzt an mir vorbei und schubst mich zur Seite: „Müssen Sie denn hier im Weg herumstehen? Sie sehen doch, was los ist!“ Erst jetzt merke ich, dass meine Gäste unkonzentriert sind. Die Worte, die aus meinem Mund schießen wollen, lasse ich zwischen den Rathauswänden in der Luft. Wir gehen hinüber auf die andere Seite. Jetzt sehen wir das Markttreiben wie auf einer Bühne – Panoramablick.
Einheimische Händler, Bauern aus den umliegenden Dörfern bieten aus eigenem Anbau ihr Gemüse an – Gurken und Tomaten.
Ein Obststand – Äpfel und Birnen.
Der Besitzer eines himmelblauen Trabants hat seinen Kofferraum zum Gemüsestand umfunktioniert. Unter seiner hochgeklappten Hecktür bietet er Zwiebeln an. Liebevoll sortiert nach Größen, daneben auf einem kleinen Hocker seine Geldkassette und ein handgeschriebenes Schildchen: Das Kilo zwei Mark.
Niemand nimmt Notiz davon.
„Wie bei einem Spiel – es ist aus, der Einsatz ist verbraucht“, denke ich.
Mein Rathaus verschwindet hinter einer eingewanderten riesengroßen, gelbgolden leuchtenden Banane, die in den blauen Himmel ragt. Aufgeblasen, stolz.. Sie bläht sich neben den aufeinander gestapelten Bananenkisten.
Traum eines jeden Ostdeutschen? Denkt man im Westen so?……

weiter geht es in:
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Widmung

Ich möchte hier gern unsere Widmung aus dem Buch „Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten“ zitieren, damit deutlich wird, warum uns so sehr daran gelegen war, dieses Buch möglich zu machen – und warum wir uns sehr wünschen, dass es die Menschen erreicht, für die es geschrieben wurde.

Unsere Widmung aus dem Buch:
Dieses Buch ist allen gewidmet, die daran glaubten, dass die deutsche Teilung als Folge des 2. Weltkrieges eines Tages überwunden sein würde. Allen, die mit und trotz der Mauer gelebt haben, allen, die wegen der Mauer eine Liebe, eine Freundschaft, einen Teil der Familie, ihre Freiheit oder sogar ihr Leben verloren, und allen, die sie am Ende friedlich zum Einsturz brachten. Ebenso jenen, die nachfolgenden Generationen von dem Leben mit der Mauer erzählen und damit Unbegreifliches begreifbar machen und vor dem Vergessen bewahren wollen.
Betina Buske und Patricia Koelle, Berlin 2009

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Mauerstücke – Rezensionen

Auf Amazon gibt es bereits die ersten Rezensionen zum Buch „Mauerstücke„.

1)
5.0 von 5 Sternen. Mauerstücke: Menschen statt Politik, 14. Mai 2009
Von Kellex.
„Mauerstücke“ ist wirklich ein buchstäblich wundervolles Buch. Es berührt, macht nachdenklich und transportiert die unbeschreiblich freudigen Emotionen rund um den 9. November 1989 in die Gegenwart.
In dieser Sammlung von Kurzgeschichten ist es wirklich gelungen die Geschehnisse des Mauerfalls nicht wie so oft von der historisch-politischen Seite aus darzustellen, sondern die ganz individuell erlebten menschlichen Geschichten zu erzählen.
Außerdem ist dieses Buch auch ein Symbol für das immer weiter voran schreitende Einreißen der Mauer in den Köpfen der Menschen aus beiden teilen Deutschlands. Denn sowohl die beiden Herausgeberinnen als auch die anderen Autoren sind bunt gemischt, „Ossis und Wessis“.

2)
5.0 von 5 Sternen. 20 Jahre Mauerfall – Schlaglichter auf die Geschichte, Schlaglichter auf uns, 18. Mai 2009
Von pickinese
Pünklich zum Jubiläum des Mauerfalls versammelt dieses Buch Texte von verschiedensten AutorInnen, die ihre ganz ureigenen Sicht- und Geschichtsweisen auf den Lauf der Dinge präsentieren.
Und während landauf, landab anlässlich der erstaunlich runden Zahl ins politische Horn gestoßen wird, bietet dieses Buch die Gelegenheit, sich ganz persönlich diesem Ereignis zu nähern.
Den Herausgeberinnen ist es dabei gelungen, die unterschiedlichsten Stimmen zu versammeln, Frauen und Männer, jung und alt aus Ost und West. So erfährt man bei der Lektüre nicht nur etwas über Geschichte und sich selbst, sondern kann nebenbei noch auf Textperlen stoßen, die einem lange im Gedächtnis bleiben werden.
Ein rundum gelungener Band.

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Die Mauer für junge Menschen begreifbar machen

Wer ein Referat oder einen Aufsatz zur Berliner Mauer, zum Leben damit und den Geschehnissen um ihren Fall schreiben muß, findet im Taschenbuch „Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten“ jede Menge spannenden Stoff. Ebenso, wer einfach nur etwas darüber erfahren will. Oder lebendigen Unterricht zu dem Thema machen möchte.
Viele, die damals jung waren, kommen hier zu Wort. Ein Junge erzählt, wie er damit umging, als nicht nur sein Fußball sondern auch sein neuer Turnschuh nicht über irgendeine sondern über DIE MAUER flog. Ein anderer, wie er am 9. November 1989 mit seiner Familie ins Kino ging und eine völlig veränderte Welt vorfand, als er nach dem Film herauskam. Wieder ein anderer berichtet, wie er an diesem Abend den historischen Moment erlebte, als die Schlagbäume sich öffneten und man nicht nur von Ost nach West sondern auch in umgekehrter Richtung durch die Stadt spazieren konnte, für Berlin bisher undenkbar. Eine Kindheit im ummauerten Berlin (West) wird beschrieben und die Sehnsucht eines Mädchens nach ihrer untergegangen Heimat im Ostteil. Ein anderes Mädchen schenkt den Wachsoldaten einen Käsekuchen, was gar nicht so einfach war.
Eine Jugendliche berichet von ihren Erfahrungen an der Grenze zwischen beiden Deutschlands:

Leseprobe aus „Tonträger im Turnschuh“
von Birgit Jennerjahn-Hakenes:

„Wie viele Tonträger haben Sie dabei?“, fragte die Volkspolizistin meinen Vater, der inzwischen selbst am Steuer saß.
„Keine“, antwortete mein Vater selbstbewusst.
„Ich höre es doch!“, sagte die Volkspolizistin, und ihre Augen weiteten sich zu einer gefährlichen Größe.
Ich saß auf der Rückbank, wie immer, und hörte James Last. Ein Auto mit Kassettendeck, Wahnsinn, und mein Vater hatte keine bessere Idee gehabt, als an der Grenze James Last einzulegen. Wenn ich dann noch bedenke, wie es weiterging… Wären es die Stones gewesen … Naja, wer weiß, ob ich dann heute hier säße, oder noch immer hinter Gittern der längst vergessenen DDR.
Ein Fingerzeig: „Da!“ Aber kein fröhliches „Da“ eines Kleinkindes, das die Sprache und die Welt entdeckte. Nein, ein drohendes „Da“.
„Ach so, Sie meinen die Kassetten. Entschuldigung, daran habe ich nicht gedacht.“
„Das heißt Tonträger. Fahren Sie in die BRD zurück!“
„Ich schmeiße die Kassetten gleich hier weg!“
Toll, mir wurde die Volkspolizistin (im Geiste nannte ich sie nun liebevoll Vopo) fast sympathisch.
„Das heißt Tonträger. Fahren Sie in die BRD zurück!“
„Ich schenke Ihnen die Kassetten!“
„Das heißt Tonträger. Fahren Sie in die BRD zurück!“
Mein Vater fuhr.
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Auch von junger Liebe ist die Rede: von einer, die gar nicht erst zustande kam, weil im entscheidenden Augenblick die Mauer errichtet wurde. Und von einer, der der kalte Krieg keine Chance ließ und die dennoch nicht ganz zerstört wurde.
Der bekannte Mauerkünstler Thierry Noir schließlich erzählt, wie er mit Graffiti gegen die Diktatur vorging.
All diese und viele andere spannende Texte finden sich in:

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Aus dem Geleitwort von André Schmitz, Staatssekretär für Kultur beim Regierenden Bürgermeister von Berlin:
„Diese Geschichten sprechen die Menschen in anderer Weise an und machen das Lebensgefühl einer versunkenen Zeit nachempfindbar. Dieses Buch kann dabei helfen, Jugendlichen zu vermitteln, wie es damals war, weil es ganz andere Erzählperspektiven eröffnet, als sie gemeinhin jungen Menschen zum Thema präsentiert werden.“

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