Familienengel (Adventsgeschichte)

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Familienengel
© Patricia Koelle

Der Novembersturm spielte sich auf und rüttelte sogar im Erdgeschoss an den Fenstern der Villa, dabei stand sie schon hundert Jahre und hatte ihn noch nie hereingelassen. Die Unruhe des Windes war ansteckend. Oskar wäre gern auf- und abgelaufen um seine steigende Nervosität zu bändigen, aber er war nur zwanzig Jahre jünger als das Haus, und seine Beine und sein Atem benahmen sich entsprechend. Selbst mit Stock war er schlecht zu Fuß. Deswegen war er auch zu Hause geblieben und wartete nicht mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn im Krankenhausflur darauf, dass Neles Zwillinge zur Welt kommen würden.
Er wurde Urgroßvater! Kaum zu glauben.
Draußen senkte sich kalte Dunkelheit über die Straße. Es würde noch Stunden dauern, bis er etwas aus dem Krankenhaus hörte. Was, wenn etwas schief ging bei seiner Nele? Zwillinge, da wusste man doch nie…!
Irgendwie musste er sich beschäftigen. Seine Hände, die waren noch geschickt. Aber die Adventskränze, für die er schon immer zuständig war, hatte er schon längst fertig geflochten, einen für sich, einen für seine Tochter Hanna und natürlich einen für Nele. Fertig geschmückt waren sie auch schon, mit roten Kerzen und Tannenzapfen. Am nächsten Sonntag würden sie stolz die erste helle Flamme tragen. Die Wohnung duftete würzig nach den frischen Tannenzweigen. Hmmm, aber irgendwie sahen die Kränze langweilig aus, alle gleich. Oskar starrte sie grübelnd an. Eigentlich wollte er etwas ganz Besonderes für Nele.
Ein Bild aus seinen Kindertagen stieg plötzlich in ihm auf. Das war ewig her, aber in letzter Zeit erinnerte er sich immer öfter an vergessen geglaubte Einzelheiten von damals. Dafür vergaß er, was er zu Mittag gesessen hatte. Oder ob überhaupt. Das bekümmerte ihn nicht, war es doch eine gute Ausrede, öfter von Hannas Plätzchen zu naschen.
Damals hatte etwas geglitzert auf dem Adventskranz, etwas Wichtiges. Was war es nur? Oskar lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen; so konnte er die alten Erinnerungsbilder besser sehen. Und da fiel es ihm ein. Die Familienengel!
Sie waren aus Metallfolie gefertigt, von seinem großen Bruder Max. Der größte war aus silberner und roter Folie, mit einem strahlenden Heiligenschein, der stand für den Vater. Die Mutter trug einen grünen Rock mit geprägtem Blumenmuster. Die drei kleinen stellten Max, Oskar und ihre Schwester Gisa dar.
Er, Oskar, hatte es sich nie nehmen lassen, die Engel vor dem ersten Advent aus dem Keller zu holen. Sie wurden nicht zusammen mit dem anderen Weihnachtsschmuck auf dem Dachboden aufbewahrt. Dort war es im Sommer zu heiß, und ihre Köpfe und Hände, die aus Wachs geformt waren, wären geschmolzen.
Oskar nahm die Figuren jeden Winter sorgsam aus ihren kleinen Kartons und stellte sie zwischen die Kerzen auf den Kranz. Jedes Jahr waren sie anders angeordnet. Meist standen Vater und Mutter zusammen in einem von den vier Zwischenräumen, und die Kinder hatten jedes einen für sich. Gisa bestand für ihren Engel immer auf dem neben der Mutter, solange sie klein war. Sie hatte ein wenig Angst vor dem Vater, der recht streng sein konnte. Max mochte am liebsten den gegenüber seiner Eltern, da war sein Engel ihnen nicht zu nahe und konnte sie im Auge behalten, denn Max ging schon gern eigene Wege und spielte auch den einen oder anderen Streich.
Oskar war es recht, er stand so neben dem Vater, mit dem er sich recht gut verstand, und weit genug weg von Gisa, die ihn gern ärgerte. Sie wusste ja, er war ein Junge und durfte sich gegen die Kleine nicht wehren.
In späteren Jahren änderte Oskar je nach Gefühl die Anordnung. Es gab eine Zeit, da gab es oft lauten Streit oder kühles Schweigen zwischen den Eltern. Da stellte er die Elternengel lieber in getrennte Zwischenräume, so dass sie sich nicht zu nahe kamen und eine Kerze das Dunkel zwischen ihnen erleuchtete. Dafür teilte sein Engel sich mit Max’ Engel einen Platz, so fühlte er sich sicherer in der brüderlichen Kameradschaft. Gisa war zufrieden mit ihrem Zwischenraum, sie lebte in ihrer eigenen Mädchenwelt. Wieder später war es Max, der mit allen Streit suchte und oft nicht einmal am Advent zu Hause war; jetzt teilten sich der Vater und Oskar einen Platz in einer Art Männerfreundschaft. Irgendwann waren die Eltern sich wieder einig, dafür waren die Kinder beim Erwachsenwerden voneinander abgerückt. Doch ganz gleich, wie die Anordnung gerade war: Hauptsache, alle Engel waren auf dem Kranz versammelt. Dann war für Oskar die Welt in Ordnung. Schließlich aber war Max ausgezogen und auf geheimnisvolle Weise verschwand mit ihm auch sein Engel. Mutter behauptete, der sei kaputtgegangen, Wachs und Folie hielten schließlich nicht ewig und überhaupt seien die Kinder nun zu alt für solche Spielereien. Aber Oskar bestand darauf, dass die verbleibenden vier Engel weiterhin auf dem Kranz ihre Plätze einnahmen. Doch der fehlende Max machte ihn unruhig; das Bild stimmte einfach nicht und so protestierte er schließlich nicht mehr, als Mutter feststellte, dass ohnehin mit den Jahren hier eine wächserne Hand verbogen, dort ein Folienflügel zerrissen worden war, ja, bei Vater sogar der Heiligenschein verloren ging und man doch jetzt zu den traditionellen Tannenzapfen zurückkehren könne.
Oskar öffnete die Augen. Er bedauerte, das ihm die Sache mit den Engeln nicht eingefallen war, als seine Hanna klein war. Oder wenigstens Nele Aber er hatte nicht viel Zeit für seine Tochter gehabt. Da war die Arbeit gewesen; schwere Zeiten eben. Und dann hatte er es einfach vergessen.
Oskar tastete nach dem Telefon und rief oben bei Frau Wilsky an. Die hatte kleine Kinder, die ständig bastelten, sie konnte ihm bestimmt weiterhelfen.
„Haben Sie zufällig Metallfolie?“ erkundigte er sich.
Kurze Zeit später saß er vor einem Karton mit schimmernden Blättern aus roter, blauer, grüner, silberner und goldener Folie, die geheimnisvoll knisterte. Schere, Zirkel, Lineal und Kleber sowie eine alte Wachskerze hatte er in seinem Sekretär gefunden. Er konnte sich genau erinnern, wie man die Engel machte; es war ganz leicht. Man musste nur Kreise ausschneiden, die in der Mitte ein Loch hatten. Von außen schnitt man einen Schlitz bis in die Mitte und formte dann aus dem Folienkreis eine Art umgekehrte Eiswaffel. Das war der Rock. Bei den weiblichen Engeln konnte man sogar Falten hineinkniffen. Einen zweiten Kreis aus einer andersfarbigen Folie faltete man auf die Hälfte und stülpte ihn mit der runden Seite nach unten über den Rock; das war die Bluse. Bei den Frauen konnte man mit einem stumpfen Bleistift ein Blumenmuster hinein drücken. Dann formte man aus dem Kerzenwachs eine Kugel, das war der Kopf. Den steckte man auf einen Zahnstocher, und diesen Zahnstocher dann durch die Löcher in der Mitte von Bluse und Rock.
Nun schnitt man noch Flügel aus und klebte sie säuberlich hinten an das Oberteil. Ebenso einen zarten Heiligenschein, den man am Kopf befestigte. Auch Frisuren ließen sich gut aus dünnen Folienstreifen formen; Gisa trug auch als Engel ihren langen Pferdeschwanz, und Max seine Künstlermähne, auf der er schon früh bestand. Das Gesicht malte man auf das Wachs. Aus Wachs waren auch die kleinen Hände, die man einfach in die Blusenärmel klebte.
Oskar vergaß die Zeit völlig, so sehr hatte er mit dem Engel erschaffen zu tun. Er merkte nicht einmal, dass der Wind verstummt war und jetzt zusammen mit dem Tannenduft eine andächtige Stille das Zimmer füllte. Vier strahlende Engel entstanden unter seinen lebenserfahrenen Händen. Der größte war für Jakob, in den sich seine Nele vor zwei Jahren verliebt hatte. Sie hätte es nicht besser treffen können. Der zweite war für Nele: wunderschön, mit einem reich verzierten Gewand und ihrem liebenswerten Lächeln. Und die zwei kleinen stellten natürlich Julius und Jenny dar; so sollten die Zwillinge heißen.
Behutsam stellte Oskar die Engel in die Zwischenräume auf den Kranz, der für Neles Familie bestimmt war. Die Tannenzapfen legte er weg, die würden nun lange nicht mehr gebraucht werden.
Sollte das Glück ihm einmal ein drittes Urenkelkind bescheren, dann konnten sich Julius und Jenny einen Zwischenraum teilen, schließlich waren sie Zwillinge.
Oskar schaltete die Schreibtischlampe aus. Der Adventskranz schien im dämmrigen Zimmer durch das bunte Funkeln darauf geheimnisvoll zu leuchten, obwohl die Kerzen gar nicht an waren. Auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Der Lichtkegel der Scheinwerfer stahl sich für einen Moment durch den Spalt im Vorhang, traf die Heiligenscheine der beiden kleinen Engel und ließ sie silbern aufblitzten.
Oskar trat ans Fenster um die Gardine richtig zu schließen. Dabei entdeckte er, dass es angefangen hatte zu schneien. Um die Gaslaternen war der Boden schon weiß.
Das Telefon läutete. Hastig suchte Oskar danach und fand es unter den restlichen Folienblättern. Mit plötzlich zitternden Fingern drückte er die Taste.
„Sie sind da!“ jubelte Hannas Stimme in sein Ohr. „Kerngesund, alle, Nele und die Zwillinge! Sie sind da, du bist Uropa!“
Lächelnd legte Oskar den Hörer weg und sah zu den Engeln hinüber, die unter seinen Händen geboren waren. „Ihr seid da!“ sagte er leise. „Dem Himmel sei Dank!“
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Ganz normale Zauberbonbons (Weihnachtsgeschichte)

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Ganz normale Zauberbonbons
© Patricia Koelle

Der Wind wehte Blätter in den Hausflur. Liam kam gleichzeitig mit ihnen und Frau Bonilla an den Briefkästen an. Seit er neun geworden war, durfte er den Briefkastenschlüssel an seinem Schlüsselbund tragen und die Post herausholen. Darauf war er stolz. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um an den Kasten zu kommen. Frau Bonilla dagegen musste sich bücken und schnaufte dabei. Sie war alt. Manchmal hatte Liam ein wenig Angst vor ihr. Sie war zwar etwas gebeugt, aber doch recht groß, ihr Blick war grimmig und ihre Stimme tief und außerdem laut, weil sie schwerhörig war.
Heute schnaufte Frau Bonilla besonders heftig. „Ach!“ sagte sie dann und stöhnte. Liam sah zu ihr hoch und erschrak, weil ihre Augen so traurig waren. „Tut Ihnen was weh, Frau Bonilla?“ fragte er laut.
„Ach nein“, sagte sie und schloss ihren Briefkasten wieder zu. Er war leer gewesen. Er war eigentlich immer leer. „Es ist nur…“ Durchdringend sah sie Liam an, als frage sie sich, ob sie ihm ein Geheimnis anvertrauen könne. „Es ist einfach so schrecklich, dass der Sommer zuende ist!“
Liam starrte sie verblüfft an. Was war denn daran schrecklich? „Aber der Sommer ist doch schon lange zuende. Es ist Herbst, und alles ist golden und bunt und man kann Drachen steigen lassen…“
„Herbst!“ sagte Frau Bonilla verächtlich, Es klang, als würde sie von der Ratte sprechen, die ihr neulich an den Mülltonnen begegnet war. „Und dann noch Winter!“
„Im Winter ist doch Weihnachten, in ein paar Tagen ist schon der erste Advent…“
Aber von Frau Bonilla war nur noch der Rücken zu sehen. Sie verschwand hinter ihrer Wohnungstür.
Liam musste den ganzen Nachmittag über Frau Bonillas Worte nachdenken. Er konnte sich überhaupt nicht auf seine Hausaufgaben konzentrieren. „Schrecklich!“, das sagten die Menschen sonst von Unglücken, Erdbeben, Kriegen und Krankheiten. Wie konnte es jemand schrecklich finden, dass der Sommer zu Ende war? Das war doch ganz normal. Aber die große Traurigkeit in Frau Bonillas Augen hatte Liam erschreckt. Es hatte ausgesehen, als ob sie Angst hatte.
Beim Abendessen erzählte er seinen Eltern davon. „Ach weißt du“, sagte sein Vater, „Frau Bonilla ist alt. Alten Menschen tun die Knochen weh, wenn es kalt wird. Und manchmal haben sie Angst, dass es ihr letzter Sommer gewesen sein könnte. Da kann es einem schon mal schrecklich vorkommen, wenn der zu Ende ist.“
Liam versuchte, sich das vorzustellen. Es war sehr schwierig. „Kann man da nichts machen?“
Vater lächelte. „Nein, dagegen kann man nicht wirklich etwas machen. Jeder Sommer geht irgendwann zu Ende.“
„Ja, aber dagegen, dass Frau Bonilla so traurig ist?“
„Ich werde bald Adventsplätzchen backen“, sagte Liams Mutter, „dann kannst du ihr einen Teller runterbringen.“
Das war eine gute Idee, aber Liam hatte das Gefühl, dass die Plätzchen nicht wirklich den Sommer zurückholen würden.
„Kannst du noch den Müll runterbringen?“
Nachdenklich brachte Liam den Eimer in den Hof. Heute war keine Ratte an der Tonne, aber er traf Herrn Kniesch. Herr Kniesch war noch älter als Frau Bonilla. „Herr Kniesch“, fragte Liam, „finden Sie es auch schrecklich, dass der Sommer zu Ende ist?“
„Ja, soll ich es etwa schön finden? Der Sommer ist ja schon ewig her, der wärmt nicht mehr. Warum guckst du mich so an?“ Herr Kniesch zog seine schwarze Jacke enger um sich und runzelte die Stirn noch mehr als sonst.
„Ich wollte sehen, ob Sie traurig sind.“
„Einen Freudentanz werde ich wohl kaum aufführen bei dem Sauwetter“. Kopfschüttelnd verschwand Herr Kniesch im Haus.
Liam sah sich um. Die Bäume waren schon fast kahl, und im Himmel war silberhell der Mond unterwegs. Auch der Herbst war schon zu Ende. Er freute sich auf die Adventsplätzchen, und nicht nur auf die. Nikolaus, Schneemänner, der Weihnachtsbaum.
Aber jetzt, da er wusste, dass alte Menschen im Winter traurig sind, war das Freuen auf einmal gar nicht mehr so einfach. Das war, als ob man zum Backen aus Versehen Salz statt Zucker nimmt. Es wollte ihm nicht schmecken. Auch in Herrn Knieschs Augen hatte er das Novembergrau gesehen. Das verfolgte Liam bis in die Nacht. Er träumte von traurigen Augen und kalten Tagen, an denen es gar nicht mehr hell wurde.
In der Schule passte er nicht richtig auf. Zum Glück war Freitag, und am Wochenende machte der Weihnachtsmarkt auf.
„Das fängt ja immer früher an“, brummelte Liams Vater, der nicht wirklich Lust auf einen Bummel hatte. Im Fernsehen lief Fußball. „Aber morgen ist der erste Advent!“ sagte Liam und zog ihn am Ärmel. „Komm schon, ist doch nicht weit.“
Liam durfte eine Runde Karussell fahren, dann aßen sie Bratäpfel, weil die so schön nach Weihnachten dufteten. An der Glühweinbude traf Vater einen Freund, der über Fußball redete. „Hol dir gebrannte Mandeln oder so was,“ sagte er zu Liam und drückte ihm ein paar Münzen in die Hand. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde wieder hier.“
„Okay“. Liam steckte die Hände in die Tasche und schlenderte zu dem Stand gegenüber. „Brunos besondere Bonbons“ stand schnörkelig auf dem grünen Holzschild darüber. Prüfend betrachtete Liam die Haufen und Dosen bunten Zuckerzeugs.
„Na, was gefunden?“ sagte eine tiefe Stimme. Ein Mann beugte sich über den Tresen. Er war fast so rund wie mache seiner Bonbons, und seine spiegelglatte Glatze leuchtete im Laternenlicht ganz bunt. Bruno, vermutete Liam.
„Was ist denn an deinen Bonbons so besonders?“ wollte Liam wissen. „Sie sehen aus wie alle anderen Bonbons auf dem Weihnachtsmarkt.“
Bruno strich sich erstaunt über die Lichtreflexe auf seinem Kopf. Hatte ihn das noch niemand gefragt? „Naja“, erkärte er, „die wirklich besonderen Bonbons habe ich natürlich nicht hier vorne. Die bekommt nur, wer sie wirklich braucht. Einfach nur Naschen wollen ist nicht Grund genug. Wofür willst du sie denn?“
„Hast du Bonbons für traurige alte Leute?“
„Hmmm, nanu. Warum sind sie denn traurig?“ erkundigte sich Bruno.
„Weil der Sommer zu Ende ist! Sie finden das ganz schrecklich.“
„Also, ein Sommer ist immer erst dann wirklich zuende, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert“, sagte Bruno.
Liam dachte an Zitroneneis und daran, wie er mit Nele barfuss am Bach nach jungen Libellen gesucht hatte. Dann an Herrn Kniesch, wie er gesagt hatte, dass der Sommer ihn schon ewig nicht mehr wärmte. „Ich glaube, sie erinnern sich wirklich nicht mehr.“
Der Wind jagte ein paar Regentropfen unter das Dach und auf Brunos Glatze, wo sie zu funkeln anfingen. Liam starrte fasziniert darauf und hoffte, dass er später auch einmal eine haben würde. Bruno schien angestrengt nachzudenken und bemerkte es nicht. „Warte“, sagte er schließlich und bückte sich hinter den Tresen. Liam hörte es rascheln und rumpeln. Schließlich tauchte Bruno wieder auf und hob triumphierend ein staubiges kleines Glas hoch. Darin lagen dicke Bonbons, jedes einzelne in durchsichtiges, schimmerndes Papier gewickelt. Sie waren himbeerfarben – und sie sahen auch aus wie Himbeeren. Bruno schraubte das Glas auf. Es knirschte leise. „Riech mal!“
Liam steckte die Nase hinein. „Mmmh! Das riecht ja toll nach Sommer.“
„Na also.“
„Sind die auch besonders genug, um zu wirken? Ganz normale Bonbons helfen nämlich bestimmt nicht.“
„Das“, sagte Bruno wichtig, „sind ganz normale Zauberbonbons. Die helfen! Außerdem habe ich keine besseren.“
„Und was kosten die?“ Liam befürchtete, dass er sich Zauberbonbons gar nicht leisten konnte, auch nicht ganz normale.
„Für dich, 50 Cent.“
Liam fischte in seiner Tasche. Das reichte gerade! Aber die Kirchenglocke schlug. Die Viertelstunde war um! Hastig drückte er Bruno die Münze in die Hand und verstaute die Bonbons vorsichtig in seiner Jackentasche. Er schnaufte vom Rennen fast so sehr wie Frau Bonilla, als er wieder am Glühweinstand ankam, gerade als der Vater sich nach ihm umzusehen begann.
Zuhause ging Liam in die Küche. „Soll ich noch den Müll runterbringen?“
„Gerne!“ Seine Mutter wunderte sich ein bisschen, aber das war ihm egal. Er brauchte einen Grund, noch mal an die Briefkästen zu kommen.
Zum Glück passten die Bonbons gerade so durch die Schlitze. Eins für Frau Bonilla. Eins für Herrn Kniesch. Und da Liam gerade dabei war, auch eins für Frau Pfender, eins für Herrn Grunow und eins für Frau von Fersberg. Sie waren alle alt, und auch wenn Frau Pfender zum Beispiel noch nie novembertraurige Augen gehabt hatte – sicher ist sicher.
„Peng!“ machten die Bonbons geheimnisvoll in den metallenen Kästen.
Als Liam den Müll draußen in die volle Tonne stopfte, kitzelte ihn etwas am Ohr. Er sah auf und bemerkte, dass es angefangen hatte zu schneien. Hurra! Sommer war schön, aber Winter eben auch. Vielleicht reichte der Schnee bald zum Schlittenfahren.
Tatsächlich schneite es die ganze Nacht. Frau Bonilla würde darüber bestimmt nicht glücklich sein, dachte Liam, als er morgens aus dem Fenster sah. So viel Winter! Aber er konnte nicht anders, er freute sich.
Und als Jonas von nebenan bei ihm klingelte, hatte er seinen Schlitten auch schon aus dem Keller geholt. Dabei hatte er kurz nach den Briefkästen gesehen. Die Sonntagszeitungen steckten nicht mehr darin – also mussten alle auch ihre Bonbons gefunden haben.
Im Park war es so lustig, dass er gar nicht mehr an Frau Bonilla oder die Bonbons dachte. Das Rodeln auf dem frischen Schnee ging wunderbar. Als das langweilig wurde, bauten sie eine Burg aus Schneebällen, was in einer Schneeballschlacht endete. Müde und glücklich bogen Liam und Jonas schließlich wieder in ihre Straße ein.
„Guck mal, was is’n da los?“ sagte Jonas. Verblüfft sah Liam, dass mehrere Leute auf der kleinen Grünfläche vor dem Haus damit beschäftigt waren, einen mächtigen Schneemann zu bauen. „Aber, das ist ja…“ Frau Bonillas große, leicht gebeugte Gestalt war schon von weitem deutlich zu erkennen. Herr Knieschs Jacke auch.
„Liam, du kommst gerade richtig!“ rief Frau Pfender. „Hilf uns doch, den Kopf draufzusetzen!“
„Ja!“ Frau Bonillas Stimme war ja wegen ihrer schlechten Ohren immer laut, aber diesmal war sich Liam sicher, dass sie auch wegen der Freude darin so hallte. „Schieb du von unten, es fehlt nur noch ein klein wenig Kraft!“
Daraufhin rollte Herr Kniesch die dritte Kugel noch einmal über den Hof. „Eins, zwei, drei, hopp!“ kommandierte Frau Bonilla. Mit vereinten Kräften hievten sie den Kopf auf die beiden schon fertigen, sehr dicken Kugeln. Dabei sah Liam, dass in Frau Bonillas Augen kein November mehr war. Sie leuchteten.
„Ist es jetzt nicht mehr schrecklich, dass der Sommer vorbei ist?“ fragte er.
„Jetzt gerade nicht!“ Frau Bonilla hatte ein nettes Lächeln, entdeckte Liam. „Da war so eine Werbung im Briefkasten, wahrscheinlich von der Sonntagszeitung, weißt du. Ein Himbeerbonbon. Bei dem Geschmack kamen mir lauter Erinnerungen an ganz viele Sommer.“
„Marthe, du bist so groß, bring mal die Nase an!“ sagte Frau Pfender und drückte Frau Bonilla eine Mohrrübe in die Hand. Liam hatte gar nicht gewusst, dass Frau Bonilla einen Vornamen hatte. Er überlegte, wie sie wohl als Mädchen ausgesehen hatte.
„An was haben Sie sich denn erinnert?“ fragte er.
„Ach..“ sagte sie und lächelte in sich hinein. „Da war der Karl und das Sommerfest, auf dem ich mit ihm getanzt habe. Und Himbeeren pflücken waren wir auch mal…“
„Soso, der Karl,“ schmunzelte Frau Pfender.
„Hattest du kein Bonbon?“ fragte Frau Bonilla.
„Doch,“ sagte Frau Pfender, „mir ist auch Verschiedenes eingefallen, aber meine Erinnerung heißt nicht Karl.“
„Meine heißt Lina“, sagte Herr Kniesch, „und die Himbeeren haben wir geklaut damals, im Nachbargarten.“
„Und was hat das jetzt alles mit dem Schneemann zu tun?“ wollte Liam wissen. Die Bonbons mussten tatsächlich Zauberbonbons gewesen sein. Sie hatten nicht den letzten, sondern sogar ganz viele alte Sommer zurückgeholt. Und die Lachfalten um Herrn Knieschs Augen, die waren da vorher nie gewesen.
„Ach weißt du,“ sagte Frau Bonilla, „Wir haben gemerkt, dass so ein Sommer nie zu Ende ist, solange man sich daran erinnern kann.“
„Und da ist uns eingefallen, dass Sommer nur schön sein können, wenn es auch Winter gibt“, ergänzte Frau Pfender.
„Ja – und dass Zeit viel zu schade ist, um keine Erinnerungen daraus zu machen,“ sagte Frau von Fersberg triumphierend, die mit einem Zylinderhut aus dem Haus kam. „Schaut, ich hab ihn gefunden!“ Mit Schwung setzte sie dem Schneemann den Hut auf den Kopf.
„Da fehlt noch was.“ Herr Kniesch wickelte seinen Schal vom Hals und reichte ihn Frau Bonilla, die ihn dem Schneemann elegant über die Schultern warf.
„Klasse!“ sagte Liam bewundernd. „Schade, dass der bald wieder schmilzt.“
„Nana,“ sagte Frau Bonilla. „Wenn der nicht schmilzt, kann der nächste Sommer ja nicht kommen.“
Anscheinend hatte sie die Angst, dass es für sie gar keinen Sommer mehr geben würde, irgendwo im Schnee verloren.
„Ach was“, sagte Herr Kniesch, „wenn der schmelzen will, bekommt er ein Himbeerbonbon!“

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