Leckere Luft

Ich bin noch nie bei solchen Minustemperaturen Fahrrad gefahren, aber heute musste ich in die Apotheke. Und es war herrlich! Kaum einer unterwegs, die unglaublich klare Luft schmeckte eindeutig nach Vanilleiscreme, und das Licht der tiefstehenden Sonne war wirklich golden und malte einmalige Schattenbilder in den Wald und das Fließ, das voll zarter weißer Litzen war. Und im Einkaufscenter hatte ich den ganzen Fahrradständer für mich allein!
Froh war ich allerdings über meine zwei Schals. Schmunzeln musste ich über die Ansage des Radiomanns, man sollte seine Piercings rausnehmen, weil sonst Erfrierungen drohen (Metall leitet Kälte 🙂 Ich musste das nicht, da keine vorhanden. So hat mein mangelndes Verständnis für Modeerscheinungen doch einen Vorteil 🙂

Frühe Minusgrade (Gedicht)

Frühe Minusgrade
(c) Patricia Koelle

In atemlos erstaunter Stille lief
heut erster Frost durch überraschte Nacht
und hat eiskalt die späte schwüle Pracht
der Dahlien angezählt. Sie hängen tief.

Aus zitternd goldnem Licht gebaut
erschien uns gestern noch die Stadt
bis Winterahnung sie erschüttert hat.
Die Blätter fallen, fallen ohne Laut

und Erde trägt nun flüchtiges Gewand
das, in der Geisterstunde weich gestürzt,
bunt wärmend unser tiefes Schauern kürzt:
noch hält das Leuchten trotzig stand.

Die wilden Gänse schwatzen, treiben
sich plötzlich eiliger nach Süden
eh sie im Morgen doch ermüden.
Sich fremd gewordne Schwäne bleiben.

Nur für die Stunde des Erwachens
trägt dunkles Wasser zarte Haut –
malt Brüche, Falten, gluckert, taut
als Echo eines Sommerlachens.

Die letzten Mücken tanzen aufgewühlt
wo rau auf schreckerstarrten Gräsern klebt
der Glanz des Reifs, der unsre Sehnsucht hebt,
hell dekoriert und sanft verhüllt – und kühlt.

Eisbärlin

Diese Bilder sind NICHT in der sibirischen Pampa entstanden, sondern zweihundert Meter entfernt von unserem Haus in Berlin. Es schneit, taut, friert, stürmt, schneit und schneit, Tag für Tag, seit Wochen. Peter kann mit dem Rollstuhl nicht mal mehr auf unsere eigene Terrasse. Die ist eine blanke Eisfläche und ich kriege sie nicht mit der Schaufel zerschlagen. Soviel Salz kann ich gar nicht anschleppen und möchte es auch nicht in den Garten kippen.
Ein Trost ist, dass die Sonne früher aufsteht und auch schon ein wenig Kraft gewonnen hat – wenn sie denn mal für fünf Minuten scheint.

Mit diesen beiden hier warten wir auf den Frühling…

Schnee im Flur

Also, das gibt mir dann doch zu denken. Da es gerade wieder einige Zentimeter Schnee hingeschmissen hat, hatte ich Schnee an den Stiefeln, der dann beim Ausziehen wie immer auf den Teppich im Flur fiel, wo er keinen Schaden anrichtet.
Nun weiß ich ja, dass unser Haus, weil ebenerdig und nicht unterkellert, fußkalt ist. Kein Problem, da wir ja zum Glück in einem Land leben, in dem man nach Belieben dicke Socken kaufen kann.
Aber ist das normal, wenn dieser Schnee im Flur nach einer Stunde immer noch nicht geschmolzen ist???

Abgesehen davon erkenne ich meine Nachbarn auf der Straße nicht mehr, weil sie so eingemummelt sind. Den Streusplitt von der Straße finde ich sogar im Bett wieder. Der getränkelieferant stand heute schon um acht vor der Tür. „Ich mußte so schnell fahren, sonst frieren mir unterwegs die Flaschen auf!“ erklärte er. Und Dieter schrieb mir eine SMS: „Hier auf Fuerteventura sind 20 Grad.“ Worauf ich antworten konnte: „Hier sind auch 20 Grad!“ Allerdings minus….

Leben im Eis

Bei eisigem Verdruß
ist mir das Grün begegnet
als hätt es sanft geregnet
und alles kommt in Fluß.

Die Sonne hat sich zum ersten mal in disem Jahr wenigstens ansatzweise durch den Dunst gezeigt. Ich war bei minus elf Grad und scharfem Ostwind im Fließ unterwegs und konnte die Kamera, die man bei solchen Temperaturen eigentlich nicht benutzen soll, immer nur kurz unter der Jacke hervorholen. Viel kam nicht dabei heraus. Aber über diese unverhofften unbekümmert grünen Blätter und das Wasserloch unter der Weide, wo die durstigen Vögel trinken können, habe ich mich gefreut.
Den Rest des Spaziergangs und noch ein albernes Wintergedicht findet man
hier

Frostko(e)ller

Ich habe eigentlich mit keinem Wetter Probleme. Normalerweise. Ich liebe Extreme und Abwechslungen. Aber dass ich nun seit drei Wochen Stiefel anziehen muß nur um den Müll rauszubringen, der Briefkasten jeden Morgen zugefroren ist und wir tagsüber die großen Rolläden unten lasssen müssen wegen des Wärmeverlusts, und dass der angegraute Schnee mangels jedweder Sonne oder anständigen Tageslichts auch noch völlig unfotografierbar ist, das alles geht mir langsam auf die Nerven. So sehr, dass ausgerechnet ich zu einem für mich völlig ungewöhnlichen und sonst belächelten Mittel gegriffen habe. Nachdem ich mit viel englischen Flüchen Geduld den Briefkasten aufbekommen hatte, fand ich einen verlockenden Sommerkatalog meiner einzigen Lieblingsbekleidungsfirma darin und habe mir ein paar Sommerklamotten vorbestellt. Danach ging es mir besser. Ungewöhnliche Situationen erfordern eben ungewöhnliche Maßnahmen. Zum Glück werden die erst im April geliefert, so dass die Nachbarn nicht in die Gefahr geraten, mich bei -15 Grad in nagelneuen Blümchenshorts im Garten herumtanzen zu sehen.

Watt-Weiß statt Watteweiß

Auf meiner geliebten Nordseeinsel Amrum zeigt mir die Webcam eine hochinteressante sibirisch-frostige Landschaft. Den eisigen Wind, der jetzt übers Watt und den Kniepsand fegt, mag ich mir nicht wirklich vorstellen, aber mit Sicherheit riecht er nach Meer und Salz. Unter dem Eis, wo im dunklen Schlick die Fäulnisgase arbeiten, haben es die Muscheln und Wattwürmer wahrscheinlich gemütlich warm. Das Eis wird mit Ebbe und Flut in den Prielen die abenteuerlichsten Muster bilden. Gern wäre ich da jetzt unterwegs, aber wahrscheinlich würde meine Kamera frieren – und mit ein bißchen Phantasie kann ich mir die Bilder auch vorstellen.

Kleine Albernheit

Ist um den Mensch die Welt ganz weiß
zahlt er für Sonne jeden Preis,
doch ist’s im Sommer wirklich heiß
sehnt er prompt sich nach dem Eis.
So drehn wir munter uns im Kreis.
Das Universum lächelt leis.
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Das Bild ist eine Panoramaaufnahme des Herrenholzbeckens Richtung Schluchseestraße/Höllentalweg.

Eisnebelspaziergang

Heute hatten wir Eisnebel. Ich kann mich nicht erinnern, so ein lautloses, graues und doch verzaubertes Wetter schon einmal erlebt zu haben. Jedenfalls nicht hier bei uns im Tegeler Fließ. Eiskalt war es auch, trotzdem bin ich ein wenig freudig verrückt geworden mit der Kamera, bin unter alle Büsche gekrochen und habe bestimmt 80 Fotos geschossen, von denen natürlich höchstens 10 brauchbar sind, bis der Akku anfing zu frieren und ich Angst um das LCD-Display bekam.

kkristalle

kzapfen

kkopfchen

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Mehr Fotos gibt es

Der Himmel ist gut wie er ist

Silberblau steigt vor dem Küchenfenster der Morgen über den Horizont. Der Himmel ist kristallklar und noch höher als sonst. Gänse ziehen Richtung Süden, eine pfeilförmig geordnete Gruppe nach der anderen. Sie erzählen von kommender Kälte – genau wie der Wetterbericht. Darum bringe ich nachmittags die Kübelpflanzen in den Schuppen. Bis jetzt haben sie alle noch geblüht, die Engelstrompete und der Hibiskus und die Malve und ungefähr vierzehn andere. Die Tomaten und Erdbeeren trugen noch eine letzte Frucht und die Zitronen und Mandarinen sind alle reif geworden, in einem kleinen Garten in Berlin im November.
Inzwischen aber ist der Himmel tief und grau, ein frischer Wind jagt dichte Wolken und ein paar Möwen vor sich her. Die Möwen sind ein lieber Gruß von der See, auch wenn diese nur vom Seggeluchbecken im Märkischen Viertel stammen.

Ein grauer Himmel kann so schön sein

Der Nachbar steht im Garten und jammert. „Was für ein olles Wetter“, beschwert er sich, „und es ist zu kalt und die Tage sind zu kurz.“ Zu kurz wofür denn? Sie haben immer noch vierundzwanzig Stunden, die man mit Leben füllen kann. Und er geht auch im Sommer nicht zwölf Stunden spazieren. Auch die Verwandten jammern über die Novemberstimmung und den grauen Himmel. Sie wären lieber in Thailand, in Afrika, auf Gran Canaria. Als gäbe es den Himmel nur dort, als wäre unserer verschwunden, nur weil er nicht mehr blau ist! Das Schöne am Himmel ist, dass man ihn überall und immer trifft – und siehe da, nicht nur im Rest der Welt, sondern auch genau hier. Ich streite mich spielerisch mit dem Wind um die gefallenen Blätter, die goldenen Himmelskonfetti, die ich in die Laubsäcke zu stopfen versuche, und bin glücklich. Ich mag auch den grauen Himmel, ich lese doch auch nicht immer nur dasselbe Buch. Und ich wende mich auch von keinem Freund ab, nur weil er mal finster dreinschaut!

Ein grauer Himmel ist nie nur grau

Der graue Himmel erzählt von Sturm, der frische, saubere Luft in die Stadt und neue Gedanken ins Hirn bläst, von Schneespaziergängen und gemütlichen Winterabenden voller Kerzenlicht und Zweisamkeit. Dass wir noch zusammen sein können, Peter und ich, und all das erleben dürfen – was brauchen wir dafür blauen Himmel? Wir wollen jede Sorte Himmel in unserem Leben, keinen davon versäumen! Der Himmel ist gut so, wie er ist. Was müssen wir in andere Länder, wenn doch dieses Stückchen Erde hier jeden Tag anders aussieht, riecht, schmeckt, spricht? Trotz Peters Rollstuhl und Beatmungsgerät, trotz ungewisser Zukunft sind wir, scheint mir, gesünder als diejenigen, die ständig unter Fernweh leiden. Jeder Tag ist vom Schicksal nur geliehen – es kommt uns nicht in die Tüte, einen davon ungenutzt zurückzugeben, nur weil der Himmel grau ist.
Die dahinjagenden schwarzgrauen Wolken erzählen mir auch von lange verstorbenen Freunden. Da war jene alte Dame, die aus Russland stammte und mir mit fast hundert Jahren erzählte, wie sie bei solchem Himmel als langhaariges Kind auf der zugefrorenen Newa Pferdeschlittenfahrten genoss. Wenn sie sprach, sah man die schweren Wolken mit den Pferden um die Wette jagen, hörte man die Schlittenglocken, das Stöhnen des Eises unter den Hufen und das Lachen eines Mädchens aus einer anderen Zeit. Sie schrieb immer noch wunderbare Gedichte darüber und hatte Augen und ein Lächeln, dass ich nie vergessen werde, weil es bewies, dass man auch mit hundert nicht alt sein muss.
Ich denke auch an einen toten Freund, der mein Leben geprägt hat und der mich just an einem solch grauen Novembertag anrief und fand, es wäre genau der richtige Tag um eine Dampferfahrt und ein Picknick zu machen, was sich als wahr erwies. Ihm habe ich in meiner Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ (in: “Weihnachtsgeschichten“) ein Denkmal gesetzt, eine Geschichte, die es ohne Winterhimmel nie gegeben hätte. Auch viele andere Geschichten der Autoren in diesem Buch kommen nicht ohne Winterwetter aus. Und in „Weihnachtsgeschichten Band 3“ gibt es sogar eine Geschichte, die erklärt, warum Regen an Weihnachten viel wunderbarer sein kann als Schnee. Diese Geschichten können aber manch dunklen Vorweihnachtstag heller machen für diejenigen, die sich mit einem grauen Himmel beim besten Willen nicht anfreunden können. Wer die Tage zu kurz findet, kann sich über lange Abende freuen – zum Beispiel zum Lesen.
Mein Garten sieht nun kahler aus ohne die Zitronenbäume und Blätterhaufen, aber dafür hat der Himmel mehr Platz: aus dem Fenster ist freiere Sicht. Davor steht eine Solarlaterne, in deren Licht bald die Schneeflocken tanzen werden.
Außerdem blühen ungeniert der Winterjasmin und der duftende Schneeball, und auch die Zaubernuss wird sich bald öffnen. Wenn die Vorübergehenden den Winterjasmin blühen sehen, halten sie ihn für eine Forsythie und denken, ich hätte irgendwie gemogelt. Die meisten halten es einfach nicht für möglich, dass es hierzulande Blumen gibt, die auch bei Frost und Schnee völlig unbeirrt Blüten tragen. Ja, das Gelb des Winterjasmins läuft vor dem grauen Himmel erst zu richtig großer Form auf. Warum diese Pflanzen zu dieser Zeit blühen, habe ich in meiner Geschichte „Der heilige Strohsack“ (in „Der Weihnachtswind“) erzählt. Schuld ist nämlich ein ganz normaler, armer kleiner Junge der zur Zeit Christi Geburt hoch oben im Norden lebte…

Winterjasmin

Jetzt regnet es, und das freut mich, denn der Boden ist trocken, die Erde durstig, und wenn der Frost kommt, ist das nicht gut für sie Wurzeln. Außerdem füllt der Regen den Teich, so dass die Fische sicher sind und auch eine Eisschicht überleben können. Ich hätte das sonst mit dem Schlauch machen müssen, aber der Himmel ist so zuvorkommend und tut es von selbst. Jetzt ein schöner Regen, und wenn der Himmel dann sein Versprechen hält und es in ein paar Tagen schneit, dann gehen wir spazieren und Peter malt mit den Rollstuhlrädern fröhliche Kringelspuren, die verkünden: Der Himmel ist gut so, wie er ist.
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