Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder

Das geheimnisvolle Geschenk
(c) Patricia Koelle

Kalli saß auf der Fensterbank und starrte in die grauen Wolken. Genauso schwer wie die aussahen fühlten sich auch seine Gedanken an. Seit Micha von nebenan weggezogen war, hatte er keinen Freund mehr gefunden, nicht nebenan und nicht in der Schule. Und dabei war das schon fast ein Jahr her! Ausgerechnet am Nikolaustag war es gewesen, dass der Umzugswagen um die Ecke bog und Micha endgültig fort war.
Der Winter war lang gewesen und der Sommer nicht so toll, und nun konnte er sich gar nicht auf Weihnachten freuen. Es machte keinen Spaß, alleine Ball zu spielen und Fahrrad zu fahren, und in der Schule stand er auf dem Pausenhof und schämte sich, weil ihn keiner fragte, ob er beim Einkriege mitmachen wollte. „Du musst einfach selber fragen, dann wird das schon“, sagte sein Vater. Aber so leicht war das eben nicht. Auch wenn Kalli allen Mut zusammen nahm und es versuchte, wollte einfach kein Wort herauskommen, wenn er den anderen gegenüberstand.
Es klopfte an seiner Zimmertür und Onkel Werner steckte den Kopf herein. „Ich wollte nur Tschüß sagen. Ich fahr doch morgen nach Island. In drei Wochen komm ich wieder, genau am Nikolaustag.“
„Tschüß“, brummelte Kalli.
„Nanu“, sagte Onkel Werner und kam nun doch herein. „Das klingt aber so gar nicht fröhlich. Was ist los? Freust du dich gar nicht, dass in kaum sieben Wochen Weihnachten ist?“
„Zu Weihnachten kriege ich doch auch keinen Freund“, sagte Kalli. Bei Onkel Werner kamen die Worte ganz leicht. Und das, obwohl der ziemlich groß war und eine tiefe Stimme und riesige Hände hatte. Onkel Werner war mutig. Er war schon in Australien tauchen gewesen und hatte Haifischzähne gefunden. Einen trug er jetzt an einer Kette um den Hals. Kalli durfte ihn manchmal anfassen. Wenn man mit dem Daumen darüber fuhr, war er ganz schön scharf. Manche von den Zähnen waren sogar zu Stein geworden, weil sie schon ewig im Meer gelegen hatten. Am liebsten hätte Kalli Onkel Werner und seine Haifischzähne mal mit in die Schule genommen. Das hätte die anderen Jungs bestimmt beeindruckt.
„Hmm. Island ist ja nicht weit weg vom Nordpol. Vielleicht kann ich ja mit dem Weihnachtsmann sprechen“, meinte Onkel Werner und zupfte sich nachdenklich am Bart, der dafür eigentlich zu kurz war. „Machs gut, Kalli.“ Weg war er. Aber die Wolken sahen auf einmal nicht mehr so dick aus.
Drei Wochen können ganz schön lang sein. Kalli konnte kaum abwarten, ob Onkel Werner tatsächlich den Weihnachtsmann treffen würde oder ihm wenigstens eine Nachricht schicken. Inzwischen schneite es nassen Matsch, und Kalli wurde auf dem Schulhof von den größeren Jungs eingeseift. Fast musste er weinen, denn in dem Matsch waren kleine Steinchen, die brennende Kratzer auf seiner Nase hinterließen. Die anderen lachten nur.
Am Nikolaustag saß Kalli wieder auf der Fensterbank neben dem großen Engel in dem weiten weißen Gewand, der in der Adventszeit hier stand seit Kalli denken konnte. Gedankenverloren aß einen Schokoladenschneemann, den er in seinem Stiefel gefunden hatte. Heute interessierten ihn die Wolken nicht. Er sah ungeduldig die Straße entlang. Nach und nach leuchteten an den Fenstern die Lichterketten und Sterne auf. Nun musste Onkel Werner doch kommen! Denn der hielt immer, was er versprach. Es war schon fast zu dunkel, um ihn zu sehen, als er endlich auftauchte. In der Dämmerung sah er noch größer aus, beinahe selbst wie der Weihnachtsmann. Tatsächlich hatte er auch seinen Bart wachsen lassen.
Kalli lief rasch hinunter und hüpfte ungeduldig von einem Bein auf das andere, während Onkel Werner sich mit seiner Mutter unterhielt. Während sie das Päckchen auspackte, dass sie mitgebracht bekommen hatte, zog er Onkel Werner am Ärmel. „Warst du beim Weihnachtsmann?“
„Pssst“, sagte Onkel Werner und zog ihn die Treppe hinauf. In Kallis Zimmer winkte er Kalli auf einen Stuhl und schloss sorgfältig die Tür. „Märchenhafte Geschenke müssen ihr Geheimnis behalten. Wenn jeder davon weiß, verlieren sie ihren Magie.“
„Was für ein Geschenk denn? Ich will doch einen Freund!“
„Immer mit der Ruhe. Noch ist ja nicht Weihnachten. Aber der Weihnachtsmann hat mir verraten, wie ich dir helfen kann. Und dann musste ich ganz schön lange suchen, um den Gegenstand zu finden, den er mir empfohlen hat. Island ist groß, und es liegen sehr viele Steine herum. Dazwischen einen ganz bestimmten zu entdecken ist gar nicht so leicht, wie du dir denken kannst. Oder hast du noch nie ein ganz bestimmtes Puzzlestück zwischen vielen anderen gesucht?“
„Doch, aber wozu brauchen wir denn einen Stein?“
„Das ist natürlich ein ganz besonderer Stein. Genau genommen ist es gar kein Stein.“ Das wurde ja immer geheimnisvoller. Onkel Werner legte ein kleines Päckchen in Kallis Hand. Es roch nach Onkel Werners Tabak und darin war etwas Schweres. Vorsichtig wickelte Kalli das blaue Seidenpapier ab.
Zum Vorschein kam tatsächlich ein flacher Stein. Er hatte genau dieselbe Farbe wie Kallis Hand. Und die Form – auf der einen Seite waren seltsame Löcher darin – und die Größe – nein, das konnte wirklich kein Stein sein. Es war …es war …. „Ein Ohr!“ rief Kalli und ließ es vor Schreck auf den Teppich fallen.
„Na, na“, sagte Onkel Werner und bückte sich danach. „Ein Ohr ist kein Haifischzahn. Das beißt nicht.“
„Aber Onkel Werner … wem gehört es denn? Man kann doch nicht einfach ein Ohr finden!“
„Auf Island schon!“ sagte Onkel Werner triumphierend. „Das ist ja das Tolle. Erinnerst du dich an die versteinerten Haifischzähne und an das, was ich dir von den Haifischen erzählt habe? Dass sie ihr Leben lang neue Zähne bekommen, wenn sie welche verlieren?“
„Klar, aber ….“
„Nix aber. Das ist bei manch anderen Lebewesen ähnlich. Bloß für die sind es nicht die Zähne, die am Wichtigsten sind. Sondern zum Beispiel die Ohren.“ Onkel Werner machte eine bedeutungsvolle Pause und gab Kalli den Stein zurück. „Und das hier ist ein Trollohr. Ein versteinertes natürlich.“
„Natürlich“, wiederholte Kalli verblüfft und drehte das Ohr hin und her. Es war ganz eindeutig ein Ohr. „Aber sind Trolle nicht böse?“
„Es gibt böse und es gibt freundliche. Wie bei den Haifischen übrigens auch. Aber es ist so: bei den bösen nutzen sich die Ohren nicht ab, denn sie hören den Menschen nicht zu sondern haben nur Unfug im Kopf. Aber die freundlichen Trolle bekommen soviel Wünsche und Geschichten zu hören, da brauchen sie manchmal neue Ohren, so wie die Haifische neue Zähne. Die alten verlieren sie einfach. Aber so wie die verlorenen Haifischzähne scharf bleiben – du hast dir ja an meinem schon mal den Daumen geritzt – so bleiben auch die Trollohren scharf und hören alles, was man hineinspricht. Trolle leben sehr sehr lange, viel länger als wir Menschen.“
„Und deshalb ist das Ohr schon zu Stein geworden?“

Versteinertes Trollohr

„Genau. Und da die Trolle durch die vielen Ohren, die nach ein paar Jahrhunderten Trollleben zusammenkommen, auch eine Menge erfahren, werden sie immer weiser und wissen zu allem einen Rat. Die meisten Ohren liegen natürlich zwischen den Steinen herum und niemand findet sie. Sonst könnte selbst den Trollen zuviel werden, was sie so alles erzählt bekommen. Aber wie Du siehst, habe ich Glück gehabt. Vermutlich war der Weihnachtsmann da nicht ganz unschuldig dran.“ Onkel Werner lehnte sich zufrieden in Kallis Schreibtischstuhl zurück, der gefährlich ächzte.
„Und was hilft mir das jetzt dabei, einen Freund zu bekommen?“
„Na, denk mal nach. Hast du noch nie bemerkt, dass Probleme kleiner werden oder sogar verschwinden, wenn man sie jemandem erzählt?“
Hmmm. Kalli dachte nach. Doch, er wusste, was Onkel Werner meinte. Gerade bei ihm hatte das schon öfter funktioniert. Zum Beispiel, als Kalli ihm von der Fünf in Mathe erzählt hatte. Da war das auf einmal gar nicht mehr so schlimm gewesen. Aber wenn man sich einen Freund wünschte, dann war das doch viel schwieriger.
„Siehst du, aber manchmal ist es ja auch gar nicht so einfach, jemandem von seinen Sorgen zu erzählen. Aber so einem Trollohr, dem kannst du alles erzählen. Das verrät ja nichts. Und es lacht dich auch nicht aus. Aber es hört immer zu!“
„Und dann darf man sich was wünschen? So wie bei Feen? Können Trolle auch zaubern?“
„Nein. Ein Troll ist ein Troll. Aber probiere es doch einfach aus. Der Weihnachtsmann wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er mir das für dich empfohlen hat. So, und nun muss ich runter zu deiner Mutter. Bestimmt schimpft sie schon, weil der Kaffee kalt wird.“
Kalli blieb sitzen und betrachtete das Trollohr. Er hatte es so lange in der Hand gehalten, dass es ganz warm geworden war. Es fühlte sich freundlich an, genau wie Onkel Werner behauptet hatte. Das mit den freundlichen Trollen war jedenfalls leichter zu glauben als das mit den freundlichen Haien. Ein bisschen komisch kam er sich schon vor, aber es war ja niemand hier. Vorsichtig hob er das Ohr an seinen Mund. „Ich wünsche mir so sehr einen Freund“, flüsterte er hinein. Er war sich nicht sicher, warum er flüsterte. Aber das Ganze war schließlich ein Geheimnis.
Und wohin jetzt mit dem Ohr? Ein Ohr steckt man nicht so einfach in die Hosentasche. Es durfte ja auch nicht zerbrechen, und in der Schule wurde sowieso alles geklaut. Kalli sah sich im Zimmer um. Der Engel! Der konnte darauf aufpassen, und falls der Troll, dem das Ohr gehörte, doch nicht so nett war, würde der Engel aufpassen, dass nichts Schlimmes passierte. Kalli steckte das Ohr in den weiten seidigen Ärmel. Er hatte mal gehört, wie Vater über Onkel Werner sagte: „Der hat immer noch ein As im Ärmel!“ Der Engel hatte jetzt also ein Trollohr im Ärmel. Ob das was nützen würde? …

Wie die Geschichte weitergeht, erfährt man hier:

Wintergeheimnisse

Heute konnte Peter aus gesundheitlichen Gründen nicht aus dem Haus sondern mußte an der Beatmungsmaschine bleiben, und wir waren traurig, weil es vielleicht der letzte warme, goldene Herbsttag war. Aber wir haben uns damit getröstet, dass ich Blumenzwiebeln gepflanzt habe: kleine vielfältige Geheimnisse, die nun im kalten Boden versteckt den Winter über träumen können und sich zu regen beginnen, lange ehe man den Frühling ahnt. Weiße und gelbe Buschwindröschen um die Bänke herum, Schneeglanz, Hasenglöckchen und Sternblumen unter die Buchenhecke, frühe Tulpen und Iris in die Beete, Narzissen in die Töpfe, Elfenkrokus zum Verwildern auf die Wiese. So wünsche ich mir auch die Wirkung meiner Geschichten: Sie schlummern zwischen den Buchseiten, unsichtbar, in irgendwelchen Regalen im Verlag, bei Amazon, beim Käufer, bis irgendjemand das Buch aufschlägt. Dann fangen sie an zu leben und treiben für eine kurze Weile kleine helle Blüten im Denken des Lesers. Vielleicht verschenkt sie jemand wie einen Blumenstrauß, denn sie halten viel länger und kosten auch kaum mehr, wie eine Amazon-Leserin schrieb.
Heute war ein Tag, wie ich ihn mal in einer Geschichte beschrieben habe:
„Im Herbst wird ein Augenblick kommen, an dem der Himmel selbst den Atem anhält. Denn wenn er es schließlich wagt, auszuatmen, ist Winter. Die Blätter hängen nur noch wie ein Nachklang an der Linde, ein zartgelbes Echo des flachen Sonnenlichts. Nichts bewegt sich; unsere Fahne, die wir über dem Leben gehisst haben, hängt still an ihrer Stange. Die Meisen wagen es kaum, sich auf die fast kahlen Äste zu setzen, sondern hocken regungslos auf dem Zaun.
Wenn der Himmel ausatmet und dieser Atem die Wipfel berührt, immer schneller bis auf den Boden fegt, wird ein plötzliches erstauntes Frösteln durch alles gehen, und die Bäume stehen nackt, während ihre Farben sich auf eine Reise machen und anderswo in die Zukunft verwandeln.
Es wird der letzte warme Tag sein, und wir staunen ihn in die Länge, halten uns aneinander fest und sprechen leise, um den Wind nicht zu wecken. Wir streifen uns gegenseitig die Spinnweben aus den Haaren, klebrige, haltbare Fäden, die uns überall begegnen und in welchen Nebeltropfen silbern blinzeln wie ein Augenzwinkern und ein Versprechen.
Auch der Tau im gebeugten Gras nimmt dem Abschied den Ernst durch sein Funkeln. Der niedrige Mittag ist nicht mehr stark genug, ihn zu trocknen. Doch die Zitronenbäume in ihren Kübeln blühen ein zweites Mal und tragen gleichzeitig reife Früchte, wie um zu zeigen, das alles geht, immer, gleich was der Himmel sagt.“
Das ist aus dem Text „Des Sommers leichte Fragezeichen“ in dem Buch „Philosophischer Garten„, einem Buch für Gartenfreunde und Gartendenker.
Auch morgen ist noch nichts zu Ende, und dann werden wir wieder beide draußen im Herbst unterwegs sein, Peter und ich, während die Blumenzwiebeln in der Erde kleine Frühlingsverprechen sind.

%d Bloggern gefällt das: