Sumpffarben/Swamp colors

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Noch sieht alles so kahl aus wie noch nie zu dieser Jahreszeit. Doch im Sumpf finden sich trotzdem lauter verschiedene Farben. Die altersschwache Pappel mitten darin sieht allerdings immer so einsam aus, dass ich mich am liebsten neben sie in den Regen stellen würde und ihr eine gute Geschichte vorlesen.

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Everything still looks bleak, not a green leaf anywhere. But the swamp still offers surprising colors. Only the old poplar tree in the middle always looks so lonely I feel tempted to stand beside it in the rain and read it a good story.

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Der wichtigste Leser


Mein Mann hat gestern meinen neuen Roman fertig gelesen. Er ist begeistert und sagt, das sei das Beste, was ich je geschrieben habe.
Ich glaube das auch.
Beim Schreiben hat mich die Geschichte glücklich gemacht, und meinem allerwichtigsten Leser gefällt sie. Meinem Verleger übrigens auch.
Was macht es da eigentlich, dass niemand das Buch kauft?
Im Grunde – nichts. Außer natürlich, dass der Verleger sich die Arbeit umsonst gemacht hat.Aber man kann ja nie wissen, vielleicht lesen die Leute im nächsten Winter wieder mehr…

Mauergeschichtenberg

Wir hatten ja einen Schreibwettbewerb zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gestartet. Nun ist der Einsendeschluss abgelaufen und ich lese mich durch einen Berg von Geschichten. Ob ein Buch daraus wird, wird sich zeigen. Aber für mich hat es sich schon gelohnt. Es hilft mir selbst, die Zeit aufzuarbeiten. So ganz kann ich das alles noch immer nicht begreifen. Nicht, dass die Mauer fiel, sondern dass es sie überhaupt gab – und wie wir damit gelebt haben, dieser verrückte und doch normale Alltag, voller Absurditäten.

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(Foto: (c) Elisabeth Koelle)

Es ist faszinierend, was der eine oder andere beschreibt. Eigentlich erzählen alle dieselbe Geschichte, und doch bedeutet sie für jeden etwas anderes. Mir steht alles plötzlich wieder ganz lebendig vor Augen. Nun sehen wir im Fernsehen auch gerade noch den Dreiteiler „Die Wölfe“.
Eine ganze Menge Mauer auf einmal, wahrscheinlich träume ich heute Nacht davon. Aber diese Geschichten müssen erzählt und gehört, dürfen nicht vergessen werden!
Ich hoffe sehr, dass wir ein Buch daraus machen und so dazu beitragen können. Ein Buch über die Menschen, die Giraffen und Reißverschlüsse an die Mauer malten und über die, die das nicht durften und sich darum schließlich friedlich selbst von ihr befreiten.
Heute früh war ich noch traurig, weil offenbar gerade niemand mehr mein Buch „Die Füße der Sterne“ kauft. Jetzt kommt mir das Problem nichtig vor, im Vergleich zu den Mauergeschichten. Im Übrigen, in mein Buch, in meine Geschichten habe ich meinen ganzen Glauben an die Menschheit gesteckt. Und solcher Glaube war es ja, der die Mauer zum Einsturz gebracht hat. Das ist die Hauptsache: Ob einer ein Buch kauft oder nicht, dieser mein Glaube an die Menschheit hat sich immer wieder bestätigt.

Drachen am Himmel



Heute war es doch noch einmal warm, dreiundzwanzig Grad, ein Tag wie vom Sommer liegen gelassen. Herbst ist und bleibt meine Lieblingsjahreszeit. So wie ich melancholische Musik mag mag ich auch die Wehmut und Klarheit dieser Tage, mit dem Gefühl man müsse jede Sekunde noch ausnutzen, glücklicher und gründlicher Zeuge dieses glorreichen, trotzigen, vergänglichen Farbenrausches sein. Wir waren Drachen steigen lassen: auch mit vierundvierzig und neunundfünzig sind wir über solche Kindereien nicht hinaus. Es ist einfach schön, diese Verbindung zum Himmel, die Einigkeit mit dem Wind, das drängende Flattern in immer größere Höhen, das Spiel mit den Abstürzen und dem erneuten Aufstieg.
In meiner Geschichte „Wo der Himmel wuchs“ kommt auch der Drachen vor:
„Heute kommt uns die Butterkeksoma nicht abholen“, hatte Wolfgang gesagt, damals, an irgendeinem jener langen Sommertage als wir beide sechs waren und in derselben Klasse. Der kleine Wolfgang, der jeden so gefährlich treffend zeichnen konnte, und der ständig seine winzige Brille von der sommersprossigen Nase nahm, unterwegs irgendwo hinlegte und dort vergaß. „Sie ist jetzt im Himmel!“ Unwillkürlich sah ich nach oben, wo zwei Flugzeuge weiße Linien zeichneten wie die in meinem ungeliebten ersten Schreibheft. „Wie, im Himmel? Ist sie verreist?“
„Sie ist tot“, sagte Wolfgang seelenruhig, putzte seine Brille mit dem Ärmel, klappte sie sorgfältig zusammen und legte sie auf dem Zaun ab. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, und jetzt ist sie im Himmel.“
Die Butterkeksoma war Wolfgangs Oma. Sie holte uns beide ab, weil mein Zuhause auf Wolfgangs Weg lag, und immer, wenn sie uns zur Begrüßung umarmt hatte, zog sie mich spielerisch am Zopf, gab Wolfgang einen zärtlichen Klaps und dann bekamen wir einen Keks in die Hand gedrückt. Ich begriff dunkel, dass sie dies nun wohl nie wieder tun würde. Gab es im Himmel überhaupt Butterkekse?
…Drei Jahre später war es Wolfgang selbst, der in den Himmel kam. Er hatte seine Brille auf einer Schaukel liegen lassen und war vor einen Bus gelaufen. Ich versuchte, ihn zwischen den unruhigen Septemberwolken zu entdecken, doch der Himmel schien furchtbar weit weg.
Seltsamerweise war es mein Vater, der mich zu trösten suchte, indem er mich nachts auf den Balkon mitnahm und mir die Sternbilder erklärte. „Das ist der Große Wagen, dort der Schwan und hier, die Kassiopeia, auch das Himmels-W genannt.“ Es half mir tatsächlich etwas; ich fand, die Sterne schienen ein wenig tiefer und somit erreichbarer als der Himmel bei Tag. Doch das riesige leuchtende „W“ verfolgte mich bis in meine Träume. „Wer weiß?“ schien es zu sagen. „Warum? Wo?“ Offenbar hatte selbst der Himmel offene Fragen. Große Fragen. Ich konnte immer noch nichts mit ihm anfangen, nicht mit dem Himmel der Toten. Mein Himmel war der, in den ich meinen Drachen steigen ließ und gegen meine Vorstellungskraft hoffte, dass Wolfgang sich von oben herunterbeugen und ihn von der Schnur pflücken würde, wenn sie nur lang genug war. Er tat es nicht, und ich begann zu glauben, dass er sich geirrt haben musste. “
Die ganze Geschichte gibt es in „Die Füße der Sterne“ zu lesen:

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