Erschwingliche Juwelen

Neben dem Schreiben brauche ich manchmal etwas Konkretes, Wortloses.
Wörter und Sätze aneinanderreihen und zu einem so stimmigen Bild fügen, dass ein Leuchten darin versteckt ist: eigentlich ist das der Schmuckherstellung nicht unähnlich.

1

Vielleicht hilft es mir deshalb, Steine in die Hand zu nehmen wenn ich beim Schreiben nicht weiterkomme. Sie fühlen sich fest, kühl und klar an. Ganz abgesehen davon kommen auch schöne Geschenke dabei heraus. Oder man tut etwas für das eigene Selbstbewusstsein.
Eine Tüte Steinperlen kann man wunderbar im Internet bestellen. Sicher wäre es aufregender, wenngleich anstrengender, in fremder Erde nach ihnen zu schürfen, in Minen nach den uralten Geheimnissen des Planeten zu suchen. Aber das übersteigt meine Möglichkeiten, also stöbere ich fröhlich im Onlineshop und suche mir heraus, was mich inspiriert. Das muss nicht teuer sein. Den Lapislazuli lasse ich deswegen sein und entscheide mich für geschliffene Flusskiesel und Perlmutt, für Aventurin, Bergkristall und Hämatit. Natürlich gibt es auch Glasperlen, Kunststoffperlen, Filzperlen, aber die gehören nicht zu den Materialien, die mir seelenverwandt sind. Nein, es müssen Mineralien sein, schon allein die Namen sind wie Musik und Dichtung und erfrischen mein Denken: Turmalin, Onyx, Karneol, Achat, Aragonit, Iolit, Amazonit, Sodalith, Rauchquartz, Landschaftsjaspis. Es gibt sie in Linsenform, Kugelform, Trommel- oder Walzenform, als Tropfen, Blüten oder gedreht.

2

Manchmal mische ich noch ein paar Metallperlen darunter; der Kontrast betont den Charakter der Steine.
Eine Rolle Juweliersdraht (gibt es in allen Farben) und Verschlüsse kosten auch nur ein paar Euro. Eine Zange haben wir schon, ich glaube, sie liegt noch im Heizkeller, wo ich ein Ventil reparieren wollte. Jetzt nur noch ein Tütchen sogenannte Quetschperlen, mit denen man die Perlen in Abständen auf dem Draht fixieren kann. Man schiebt sie einfach an die richtige Stelle und drückt sie mit einer kleinen Zange zusammen, schon sitzen sie fest. Früher hat man Perlen meist nur aufgefädelt, aber seit es diese Quetschperlen gibt, kann man leicht filigrane Colliers herstellen. Mir gefällt das viel besser.

3

Auf einem Frotteehandtuch, wo sie nicht wegrollen können, sortiere und kombiniere und puzzle ich, bis Form und Farben stimmen, bis es ein Ganzes ergibt, das sich nicht nur verträgt, sondern zum Berühren und Schauen einlädt. Wenn die Kette oder das Collier für eine bestimmte Person sein sollen, versuche ich natürlich, mich nach deren Geschmack, Persönlichkeit und bevorzugten Farben zu richten. Eine Kette ist wie eine Geschichte: sie erzählt etwas über ihren Träger.

4

Bei den Verschlüssen muss man auch überlegen: Ist der Schmuck für eine ältere Person? Sie kommen nicht gut mit fummeligen Verschlüssen zurecht, da bietet sich ein Magnetverschluss an. Aber meine Schwester zum Beispiel, die viel herumkommt und fast alles verliert, benötigt Verschlüsse, die nicht so schnell aufgehen.
Bestimmt kann man das alles noch viel schöner und besser machen als ich es bisher getan habe, aber ich habe auch erst damit angefangen. Und es muss nicht immer alles perfekt sein, um Freude zu machen.-
Die ganze Bastelei muss nicht länger dauern als ein, zwei Stunden, macht einen klaren Kopf, keine Schweinerei oder Geruch in der Wohnung und hat ein befriedigendes Ergebnis. Die Materialien benötigen, wenn man sie wegräumen und aufbewahren muss, nur wenig Platz. Und die fertigen Geschenke wiegen kaum etwas und lassen sich leicht und schnell im Briefumschlag verschicken.

5

Wenn mir so etwas gelungen ist, kann ich meist auch wieder schreiben. Das Schmuckbasteln, das Umgehen mit den geschliffenen, polierten Steinen hat etwas Meditatives, es fokussiert. Und eine gute Geschichte soll sein wie ein passender Schmuck: sie möchte dem Leben für einen Augenblick ein Schimmern schenken, kann im Gedächtnis bleiben als etwas, das einen hellen Eindruck hinterließ, eine schöne Erinnerung, eine Begegnung.

7

Mehr Vorlagen gibt es hier.

Julklappgeschenke

Wer in diesen Tagen ein Julklappgeschenk sucht oder „wichteln“ möchte oder wie man diesen Brauch sonst nennt, oder auch einen Preis für die Tombola auf der Vereinsfeier benötigt – der kann eigentlich mit einem guten Buch nichts falsch machen.
Das kostet rund 10 Euro, genausoviel, wie meistens für ein Julklapp-Geschenk vorgegeben wird. Es ist origineller als eine Kerze, ein Duschbad oder eine Salami. Es hält auch länger. Man kann einen persönlichen Spruch oder ein Rätsel hineinschreiben oder auch nicht. Es ist leicht einzupacken. Es ist sowohl für Männlein als auch Weiblein geeignet und außerdem für jedes Alter. Und wer ein neu erschienenes Buch ( wie z.B. „Die Füße der Sterne„) nimmt, kann auch davon ausgehen, dass der Beschenkte es noch nicht hat. Wenn man einen Band Kurzgeschichten nimmt, kann man davon ausgehen, dass zumindest einige davon dem Beschenkten gefallen, den man ja bei diesen Feiern nicht immer so gut kennt. Kurzgeschichten sind sogar bei jenen beliebt, die sonst nicht viel lesen.
Und man muß nicht einkaufen gehen, sondern kann mit einem Klick bei Amazon bestellen. Schon am nächsten Tag hat man die Lösung des „Problems“ im Briefkasten.
Ich kann für diesen Zweck meine beiden Bücher mit allerbestem Gewissen empfehlen.
„Die Füße der Sterne“ ist ein Buch mit Geschichten von Himmel und Erde: helle, hoffnungsvolle, heitere Geschichten zum Entspannen, Lächeln, Gesundwerden, zum vor dem Einschlafen oder auf der Bahnfahrt lesen, für Feiertage und Feierabende.

Kurzgeschichten

Wer Weihnachtsgeschichten für Erwachsene und Kinder sucht, findet sie hier:

Weihnachtsgeschichten für die ganze Familie

Noch mehr Auswahl gibt es beim Dr.Ronald Henss Verlag. Hier findet wirklich jeder für jeden etwas.

Billigreisen

Ich habe mich in Geschichten und Bücher in dem Moment verliebt, als ich erkannte, dass Worte mich an einen anderen Ort bringen konnten ohne dass ich mich einen Zentimeter bewegen musste. Damals war ich ungefähr vier, hatte mich in meinem Bademantel gekuschelt und lauschte meiner großen Schwester, die mir “Das Getüm” (Dietlind Neven-du-Mont) vorlas. Mit dem Getüm und seiner “Siebenmal Urgroßmutter Esmeralda” reiste ich in die Urzeit, zum Kaiser von China, mit Piraten und in Ritterburgen. Von da an war mein Fernweh unersättlich und ich war gezwungen, lesen zu lernen, da meine Schwester lieber vor Ort blieb und Kleider nähte. Bald war ich mit Kalle Wirsch unter der Erde unterwegs und flog mit dem kleinen Gespenst nachts durch den Wald.
Menschen, die die Bücher schrieben, waren für mich Magier. Mit ihren Buchstaben schenkten sie mir mehr als eine ganze Welt, in der ich mich frei bewegen konnte. Das kostete nicht einmal Eintritt. Manchmal betrachtete ich meinen Bleistift und überlegte, ob ich ihn eines Tages in einen Zauberstab verwandeln könnte. Ich wollte auch Bücher schreiben und die Menschen auf Reisen schicken. Eines Tages.
Ich bin dabei, mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen.
Das ist ein Zitat aus meiner Geschichte „Hannas Feiertage“:

„Die Milchstraße brannte sich einen Weg durch ein so unbekannt tiefes Schwarz, dass ich kaum zu atmen wagte. Mir war, als hätte jemand die Erde umgedreht wie eine Eieruhr und ich wäre als ein Sandkorn in das andere Teil gestürzt.
Es war Oktober, und zuhause war alles klar rot und gelb. Hier aber flossen neue Farben weich ineinander, überschwänglich und zahllos, als wäre ich mitten in Omas Seidenschal gelandet.
Der Strand war wie aus heißem Licht und das Meer gleichzeitig warm und kühl. Das Wasser glühte in einem Ton zwischen Türkis und Smaragd, den ich noch nie gesehen hatte, mit dunklen Flecken aus Seegraswiesen.
Über die Dünen zogen sich Ranken voll hellblauer Trichterblüten, und irgendwo in dem Gewirr dröhnte ein Zikadenorchester in einem Rhythmus, der meinen Herzschlag aufnahm als gehörte ich in dieses Land.
Wolken türmten sich hier nur morgens und abends, dann aber gewaltig. Dazwischen spann sich in hohem Bogen ein gleißender Tag von dreiunddreißig Grad im Schatten.“

Es ist wie beim Lesen: wenn ich schreibe, kann ich in jede Landschaft reisen. Es ist immer, als wäre ich wirklich dort. An dem Tag, an dem ich das geschrieben habe, war mir ausnahmsweise nach etwas Südlichem. Und ich wünsche mir, dass es mir gelingt auch die Leser genauso gründlich und billig aus einem naßkalten Novembertag wenigstens für eine Stunde in den Urlaub zu schicken. Es gibt noch so eine Geschichte:

Aus: „Seenoten“:
„Sie hatten in den flachen Wellen geplanscht und mit den Zehen nach Muschelschalen gefühlt. Noch nie zuvor hatten sie so warmes, klares Wasser und so lange leuchtende Tage erlebt. Statt eines Sandeimers, den es aus unerfindlichen Gründen nicht zu kaufen gab, hatte ihre Mutter zwei kleine Plastikaquarien erstanden. Holger baute Burgen damit, indem er es als Sandform benutzte. Heinz füllte seines immer wieder mit Meerwasser und fing mit dem Netz Schnecken, Krabben und kleine Flundern, die für ein Weilchen seine Gäste wurden. Stundenlang lag er auf dem Bauch und beobachtete sie durch die zerkratzte Scheibe, dann ließ er sie behutsam wieder frei.
Eines Tages entdeckte er zwei Wesen in seinem Behältnis, die er noch nie gesehen hatte. Mit offenem Mund saß er davor und wagte nicht zu blinzeln aus Angst, sie könnten danach verschwunden sein.
Seine Eltern kannten diese Tiere auch nicht, doch seine Mutter hatte, wie immer, ein Buch zum Nachschlagen im Koffer.
Laut Seite sechsundsiebzig waren es Fische und hießen Seenadeln. Aber dieser unschöne, pieksige Name konnte ihnen den Zauber, den sie für Heinz hatten, nicht nehmen. Für ihn waren es Märchenwesen. Sie waren durchsichtig wie ein Gedanke, dünner als ein Bleistift und nicht länger als sein Zeigefinger, mit beweglichen Augen und einem langen Maul, das ein kleines Lächeln trug. Sie schwammen aufrecht, und fast unsichtbare Flossen fächelten an ihren Seiten wie winzige Flügel. Ohne Heinz zu beachten, bewegten sie sich zwischen dem Seetang, den er mit ins Becken getan hatte, in einem stillen Ballett umeinander.
Und Heinz hörte Musik. Nicht mit den Ohren. Sie sprudelte plötzlich in seinem Kopf wie aus einem Brunnen. Erst leise, dann lauter. Verzückt hörte er zu, während sein Blick den Wesen folgte. Dann summte er die Melodie nach, die in ihm brauste. Er war noch nie so glücklich gewesen.
„Heinz“, sagte sein Vater und hockte sich neben ihn, „was singst Du da? Wo hast Du das gehört?“
„Weiß nicht“, sagte Heinz, „guck mal, Papa, wie die tanzen!“
„Ja, wunderschön“, gab Vater zu. „Aber ich wüsste wirklich gern, was das für eine Melodie ist.“
„Die kam aus meinem Kopf“, sagte Heinz. „Papa, glaubst Du, da draußen gibt es noch mehr solche Fische, die keine Fische sind?“
Die ganze Geschichte gibt es in:
Die Füße der Sterne

Wintergeheimnisse

Heute konnte Peter aus gesundheitlichen Gründen nicht aus dem Haus sondern mußte an der Beatmungsmaschine bleiben, und wir waren traurig, weil es vielleicht der letzte warme, goldene Herbsttag war. Aber wir haben uns damit getröstet, dass ich Blumenzwiebeln gepflanzt habe: kleine vielfältige Geheimnisse, die nun im kalten Boden versteckt den Winter über träumen können und sich zu regen beginnen, lange ehe man den Frühling ahnt. Weiße und gelbe Buschwindröschen um die Bänke herum, Schneeglanz, Hasenglöckchen und Sternblumen unter die Buchenhecke, frühe Tulpen und Iris in die Beete, Narzissen in die Töpfe, Elfenkrokus zum Verwildern auf die Wiese. So wünsche ich mir auch die Wirkung meiner Geschichten: Sie schlummern zwischen den Buchseiten, unsichtbar, in irgendwelchen Regalen im Verlag, bei Amazon, beim Käufer, bis irgendjemand das Buch aufschlägt. Dann fangen sie an zu leben und treiben für eine kurze Weile kleine helle Blüten im Denken des Lesers. Vielleicht verschenkt sie jemand wie einen Blumenstrauß, denn sie halten viel länger und kosten auch kaum mehr, wie eine Amazon-Leserin schrieb.
Heute war ein Tag, wie ich ihn mal in einer Geschichte beschrieben habe:
„Im Herbst wird ein Augenblick kommen, an dem der Himmel selbst den Atem anhält. Denn wenn er es schließlich wagt, auszuatmen, ist Winter. Die Blätter hängen nur noch wie ein Nachklang an der Linde, ein zartgelbes Echo des flachen Sonnenlichts. Nichts bewegt sich; unsere Fahne, die wir über dem Leben gehisst haben, hängt still an ihrer Stange. Die Meisen wagen es kaum, sich auf die fast kahlen Äste zu setzen, sondern hocken regungslos auf dem Zaun.
Wenn der Himmel ausatmet und dieser Atem die Wipfel berührt, immer schneller bis auf den Boden fegt, wird ein plötzliches erstauntes Frösteln durch alles gehen, und die Bäume stehen nackt, während ihre Farben sich auf eine Reise machen und anderswo in die Zukunft verwandeln.
Es wird der letzte warme Tag sein, und wir staunen ihn in die Länge, halten uns aneinander fest und sprechen leise, um den Wind nicht zu wecken. Wir streifen uns gegenseitig die Spinnweben aus den Haaren, klebrige, haltbare Fäden, die uns überall begegnen und in welchen Nebeltropfen silbern blinzeln wie ein Augenzwinkern und ein Versprechen.
Auch der Tau im gebeugten Gras nimmt dem Abschied den Ernst durch sein Funkeln. Der niedrige Mittag ist nicht mehr stark genug, ihn zu trocknen. Doch die Zitronenbäume in ihren Kübeln blühen ein zweites Mal und tragen gleichzeitig reife Früchte, wie um zu zeigen, das alles geht, immer, gleich was der Himmel sagt.“
Das ist aus dem Text „Des Sommers leichte Fragezeichen“ in dem Buch „Philosophischer Garten„, einem Buch für Gartenfreunde und Gartendenker.
Auch morgen ist noch nichts zu Ende, und dann werden wir wieder beide draußen im Herbst unterwegs sein, Peter und ich, während die Blumenzwiebeln in der Erde kleine Frühlingsverprechen sind.

%d Bloggern gefällt das: