Herbstgarten

Das Wetter schwenkt um. Das ist einerseits schade, denn das war der schönste September aller Zeiten. Andererseits steigen mit dem schlechten Wetter meist die ebook-Verkäufe, was wiederum erfreulich wäre. Und auch das Interesse an Weihnachtsgeschichten könnte bald steigen.
Einstweilen ein paar Herbstimpressionen aus dem Garten.

Der Mais blickt in den Herbsthimmel:

Die Dichterlaube und die Besucherbank schmücken sich mit Rot:

Die Dahlie zündet schon mal ein wärmendes Feuer an:

während der Kormoran die letzten Sonnenstrahlen nutzt.

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Feuertage (Taschenbuch)

Feuertage (Taschenbuch)

In diesem Buch gibt es Geschichten für alle Jahreszeiten:

Momentan herrscht ein geschenkter Sommer im Oktober.

27° im Schatten am 2. Oktober. Die goldenen Blätter auf dem Boden und die Schwärme von Wildgänsen am Himmel, die nach Süden ziehen wirken bei diesen Temperaturen völlig unwirklich. Wir genießen glücklich diese traumschönen Stunden mit dem intensiven Licht und den langen Schatten. Viele Worte braucht es da nicht. Silberfäden überall, und manche Blumen blühen zum zweiten Mal, selbst die Vögel singen wieder. Es ist unvergeßlich, weil ungewöhnlich. Eigentlich sollte man alles so bewußt und erstaunt erleben wie diese letzten, geschenkten Sommerstunden im Herbst.

Warmer Wind

An Tagen wie diesen, wenn es dreißig Grad sind und dennoch ein stürmischer Herbstwind unterwegs ist, treibt ein Glück in der Luft, das tiefer ist als Worte. Ich liege auf der Wiese und höre zu. In der Buche erzählt der Wind anders als in der Eiche daneben und der Kastanie dahinter. Alle drei haben ihre ganz eigene Stimme. Der Wind macht ein Orchester daraus, eine leichte, wilde, triumphierende, fragende und geheimnisvolle Sinfonie. Ein Echo flüstert in der kleinen Trauerbirke über mir, eine zweite Stimme, ein Kanon vielleicht. In solchen Stunden denke ich nicht an Geschichten, aber der Zauber, dem ich lausche, bereitet den Boden, das Fundament für die Worte, die darauf erst wachsen können, später.

Früher, viel früher hätte ich bei diesen Temperaturen das hier gemacht:

aber da ich in diese Wanne nicht mehr passe, plansche ich mit derselben Freude im Grün der Wiese, im Himmelblau über allem, im Windgeisterchor und dem Geruch warmer Erde.
Wenn es dann morgen regnet, sind die Worte wieder dran, sommererfrischt und herbstwindgelüftet und tausend Jahre jünger.

Goldener Moment

Gestern waren wir ein wenig verzweifelt, weil das neue Rollstuhlkissen wieder falsch geliefert wurde und der neue Rolli noch immer nicht benutzbar ist. Heute habe ich den Garten eingewintert, oder besser, ein sehr lieber Freund hat Schwerstarbeit geleistet und ich bin ihm zur Hand gegangen. Im Schlamm gewühlt, Töpfe geschleppt, Berge von Unkraut gefunden, geschnippelt, gepflanzt, angebunden, Gartenmöbel geräumt, dies und jenes zugedeckt. Es war schon recht dunkel im Garten weil die Hecke und die Bäume ihn um diese Jahreszeit früh in tiefen Schatten tauchen.
Und dann kam die Sonne um die Ecke und ich sah hoch und dieser plötzlich goldene Baum ragte über mir in den herbstklaren Abendhimmel wie die Erleuchtung persönlich. Selbst das allerschönste Kirchenfenster wird von diesem Leuchten bei Weitem übertroffen. Es war einer der Momente in denen ich verstehe, warum man früher von göttlichen Erscheinungen sprach. Ich war zutiefst gerührt und beglückt und wußte wieder, wofür das Leben gedacht ist. Ein wenig wie vom Blitz getroffen stand ich da, es war, als kondensierten sich in diesem Leuchten Glück, Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte, verlorene und gewonnene Liebe, Vergangenheit und Zukunft. Und zwischen den glühenden Ästen hing eine lautlose, grandiose und zärtliche Musik.
Nein, ich hatte nichts getrunken, es war nur ein Goldrausch.
Im Übrigen war auch sonst reichlich Gold im Garten, aber dieses Leuchten in dem Moment, das war etwas Großes, das war so unerwartet und so unbeschreiblich schön. Das ist das, was über Worte hinausgeht und das selbst der beste Schriftsteller nicht einfangen kann. Ein Maler, vielleicht, aber dann ist dieser Herbstabendduft nicht dabei…

Eine Frage der Definition

„Was für ein Sch…wetter“, schimpft der Nachbar.
„Was für ein Sch…wetter!“ schimpft der Briefträger.
Ganz genau: Was für ein wunderbares SchREIBwetter!
Kalt, windig, patschnass. Da gibt es keinen besseren Platz als den Schreibtisch. Mir gefällt’s!

Mähdanken

Am letzten warmen Tag habe ich im Leuchten der schrägen Sonne den Rasen zum wohl letzten Mal in diesem Jahr gemäht. Langsam und mit Genuss; das ist jedes Jahr ein kleines Ritual für mich, mit dem ich Abschied vom Sommer nehme, dankbar für das, was war. Es gibt kaum einen grüneren, lebendigeren, schöneren Duft für mich als gemähtes Gras. Das ganze Glück des Frühlings steckt darin und alle Erinnerungen eines langen Sommers. Wie viele Füße sind über dieses Gras gelaufen, barfuss und in jeder möglichen und unmöglichen Sorte Schuhe (G. zum Beispiel hat den Rasen mit ihren Pfennigabsätzen gleich vertikutiert). Der Enkel unseres Freundes hat ebenso darauf ein Nickerchen gemacht wie unser über achtzigjähriger Onkel. Peter hat mit seinen Rollstuhlreifen darauf Kringel in den Morgentau gemalt. Ich habe darauf ein Buch zuende geschrieben, später die druckfrischen Exemplare aus dem Karton geholt, und ein neues begonnen. Ein begeistertes Verlagsgründungstreffen fand hier statt, ein dankbares Grillen mit einem intensivmedizinischen Pflegeteam, ein familiäres Pfingstbeisammensein auf dem eine Hochzeit und eine Schwangerschaft verkündet wurde; ein Arbeitstreffen von Peters Kollegen, ein Wiedersehen mit einer alten Liebe. Peter und ich haben jeden Morgen hier gefrühstückt, egal bei welchem Wetter. All die Worte, die zwischen die Grashalme gefallen sind – ich denke, sie machen die Wiese grüner, saftiger, lassen sie tiefer wurzeln. Es gab wochenlange Dürre und wochenlange Kälte mit Dauerregen, alles hat der Rasen ertragen und geschluckt, hat immer wieder Grün und Gänseblümchen, Klee und Pusteblumen beherbergt. Aus dem Rasenschnitt vom letzten Jahr wurde Kompost, der in den Beeten um so mehr Blumen hervorzauberte.
Nach dem Mähen liege ich auf dem Rücken im Gras und atme diesen Duft tief, ganz tief, damit er über den Winter reicht. Ich hatte nicht viel Zeit im Sommer, einfach nur der Erde nahe zu sein, aber manchmal habe ich mir ein paar Minuten gestohlen und hatte dabei die besten Ideen.
Nun darf der Grasschnitt wieder in der Komposttonne schlafen, da hat er es schön warm im Winter, und ein paar Igel, Frösche und Mäuse auch.
A propos Frosch, der ist mir dabei auch begegnet. Ich beseitige das letzte Gras, er die letzten Fliegen. So wie ich dabei überlege, ob ich das nächste Kapitel schaffe, überlegt er, ob er den nächsten Sprung bewältigen wird. Ich freue mich über seine Gesellschaft und die einiger später Schmetterlinge und Libellen, vor allem aber über das Grillenkonzert.

Septemberpfützen-Schimmer (Gedicht)

Der Text von vorgestern rollte sich nachts in meinem Traum zu einem Gedicht zusammen. Das Gedicht wuselte den Tag über wie ein aufgeschrecktes Eichhörnchen in meinem Kopf herum weil einige Zeilen metrisch nicht funktionieren wollen. Erst durch die schnelle, kundige und großzügigige Hilfe meiner geduldigen Lehrmeisterin Claudia Sperlich erhielt es Schliff.
Claudia Sperlich wuchs dichtend auf. Von ihr und ihrem Vater sind gerade zwei wunderschöne Gedichtbände erschienen:
Martin Sperlich – Im Verse wird das Schwere leicht
Claudia Sperlich – Mit Deinen Flügeln will ich fliegen
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Besuch im Herbst
(c) Patricia Koelle

Erinnerung legt unsichtbare Bilder
uns flüchtig auf die herbstlich kühlen Gleise
ich kenne deinen Schritt schon aus der Ferne
du trittst für alles ein auf deine Weise

Du hebst die Welt mir heut noch aus den Angeln –
mit deinem Lachen konntest du das immer –
hängst sie mir bunter, größer, wieder auf
gespiegelt im Septemberpfützen-Schimmer.

Der Friedhof drüben ist ein stummer Zeuge:
dort wachen steinern unvergänglich Raben
Jahrzehnte über Leben und Geschichten
die sie uns ungeniert im Voraus haben.

Ein Krokus keimt darunter schon den Frühling
Gewesenes erscheint mir wie geträumt
doch deine Stimme ist so tief vertraut
auf Goldgrund tritt der Abend lichtgesäumt.

Die alten Blätter fallen still und langsam
beim Abschied. Unsern Zeiten bleiben Reste.
Wir halten uns für einen Augenblick,
als stiegen sie so wieder an die Äste.

Die Blätter zweier Himmel

Vorgestern war ich auf einer Hochzeit, mitten im Wald. Standesamt, nicht Kirche. Die Trauung fand draußen statt. Das Paar war spürbar glücklich; ich freue mich riesig für sie. Doch die Rosen im Bogen über ihnen waren aus Plastik. Der Wind trug alle Worte davon, so dass sie das Geheimnis des Brautpaars blieben – was ja in Ordnung ist. Mir fehlte die Feierlichkeit der Kirche und Musik, die nicht von einem ausgeleierten Band kam; ich fühlte mich seltsam fremd und fern, wie immer in einer Menschenmenge.

Gestern war nach langer Zeit jemand zu Besuch, mit dem ich seit 28 Jahren tief befreundet und noch länger seelenverwandt bin, obwohl er mir fast ein Vierteljahrhundert voraus hat. Nun hat er einen schweren Sturz von der Leiter hinter sich, gefolgt von sechs gebrochenen Rippen und einer dauerhaft verletzten Lunge; in seiner Niere schläft ein Tumor, von dem man nicht weiß, wie lange noch. Ich ging ihm entgegen, erkannte ihn von weitem und doch nicht. Früher stürmte er alle Wege entlang, war sich stets selbst einen Schritt voraus, brannte an beiden Enden, schlief kaum aus Angst, Leben zu versäumen. Nun geht er langsam, ein wenig unregelmäßig. Damals konnte ich immerhin zwei Zentimeter zu ihm aufsehen, nun merke ich: es ist jetzt umgekehrt. Das tut weh. Zerbrechlich ist er, vor dem Hintergrund der gelben Blätter, die auch die Bäume zarter aussehen lassen als sie sind. Aber sein Lachen, so viel größer als er, rückt für mich noch immer die Welt gerade, wie damals, wie seitdem: unerschütterlich, auch wenn ein neuer Unterton mitschwingt.
Er erzählt von alten Kollegen, die gerade verstorben sind: Professoren, bei denen ich Vorlesungen gehört habe, ich erinnere mich. Nicht an die Vorlesungen, aber an Gesichter, Stimmen, Gesten. Lebendig, auch jetzt noch.
Auch Freunde sind ihm verlorengegangen, alte Kameraden. „Die Einschläge kommen näher, schneller“, sagt er. Fühlt er sich unter Beschuß? Ich habe organisatorisch immer die Kohlen aus dem Feuer geholt für ihn, nun kann ich ihn nicht mehr beschützen, nur mit ihm lachen über uns selbst, den alten Zauber heraufbeschwören für einen Herbstnachmittag.

Heute war ich auf dem Friedhof, meine Schwiegermutter hätte Geburtstag gehabt und ich bringe ihr Blumen. Sie hat in jeder Krise zu mir gestanden als wir uns noch kaum kannten, mehr als meine eigene Familie, und doch war ich ihr nie so nahe wie sie es sich gewünscht hätte. Daneben liegt mein Schwiegervater, den ich nicht mehr kennenlernen durfte und der an der Krankheit starb, die er unwissentlich an meinen Mann vererbte. Daneben der andere Sohn, mein Schattenbruder, der keine Vierzig wurde und den ich auch nicht kennenlernte und der dennoch immer unsichtbar gegenwärtig ist.
Ich zünde die Kerze an, pflanze die Astern und die Erika in die herbstduftende Erde. Die Gräber drumherum sind fast alle verfallen, Löwenzahn wächst dort und Vogelmiere, nur die Namen erzählen Geschichten, dort, wo die Steine noch nicht verschwunden sind. Manche Namen sind erst ein paar Jahre alt und doch sehen die Gräber so aus

Auf anderen wohnen ausgelassen Blüten obwohl die Namen längst unauffindbar schweigen.

Den Bäumen sieht man an, dass sie aus den Schicksalen von Generationen wachsen.

Ich mag Friedhöfe. Als Jugendliche folgte ich den langen Schritten meines Vaters über Friedhöfe im ganzen Land, er betrieb Ahnenforschung und wir waren auf der Suche nach bestimmten Familiennamen, überall andere. Wir fanden sie oft, manchmal auch nicht, dann galt es alte, nach Moder riechende Kirchenbücher zu durchstöbern. Wir fanden so viele Geschichten, von denen es gar nicht mehr wichtig war, ob sie zu uns gehörten. Sie gehörten der Menschheit, von der wir ein ehrfürchtiger winziger Teil sein durften, sie gehörten alle unseren Vorfahren, ob blutsverwandt oder nicht.
Es gab auch Zeiten, da beneidete ich die, die da so friedlich unter den Steinen träumen durften und zu Blumen werden, in den Schatten alter, aufrechter Kirchen.
Heute fühle ich mich hier lebendiger als auf der Hochzeit, trödle herum während der Herbst sich mit jedem treibenden Blatt ein wenig tiefer senkt. Wie kommt es, dass ich mich so oft den Toten näher fühler als den Lebenden? „Mit den Toten führen wir die tiefsten Gespräche, weil sie nicht mehr widersprechen können“, sagte ein Kollege mir. Ja, vielleicht führe ich mit den Toten die tiefsten, wortlosen Gespräche, doch sie antworten mir, indem sie auf ihre Weise gültig gegenwärtig sind, nahe und immer, zeitlos. Sie prägen meinen Weg.

Im Gießbottich sehe ich helle Blätter auf der Oberfläche treiben, so hell wie die, die schon lange auf dem Grund liegen und durch das dunkle, aber klare Wasser deutlich sichtbar sind. Ein Echo von Blau schaukelt dazwischen in dem hölzernen Rund, ein zweiter, tieferer Himmel. Es freut mich, diesem passenden Bild für meine Gedanken von eben zu begegnen. Die Lebenden treiben auf der Oberfläche, doch die Toten, in der Tiefe ruhend, haben nichts von ihrem Leuchten und ihrer Wirklichkeit verloren. Es ist nur nicht mehr ihre Zeit, aber das heißt nicht, das ihre Zeit an Gültigkeit verloren hat. Mein Spiegelbild schwebt irgendwo dazwischen und sieht beiden ins Auge, bis ich die Gießkanne in das Wasser tauche. Sie zieht die lebendigen Blätter von der Oberfläche in einen Strudel; die auf dem Grund bleiben in der Stille liegen.

Auf dem Weg zum Tor finde ich diese steinernen Raben, deren Schnäbeln ein Jahrhundert die Schärfe genommen hat wie auch dem Stein, den sie betrachten, die Buchstaben. Und doch wirken sie hellwach, wie gerade erst gelandet – in einer Zeit, die langsamer läuft als die Menschen. Sie scheinen in den braunen Blättern nach Käfern zu stöbern. Sie gefallen mir, besser als alle anderen Gedenksteine auf dem Friedhof.

Auch einen Engel treffe ich, der den Großstadtschmutz desselben Jahrhunderts trägt; ein sehr nachdenklicher Engel, der sicher noch nicht herausgefunden hat, warum er Zeuge zweier Kriege, einer Teilung und einer Diktatur werden mußte, von vielem anderen abgesehen; heute aber sieht er Kinder spielen, die sich Eicheln zuwerfen und dabei vor Lachen das Gleichgewicht verlieren. Mir ist, als habe er – bzw. sie – einen Moment geschmunzelt. Darunter steckt ein Schild: „Denkmal sucht Pate“. Ein Schutzengel, der einen Paten sucht – wer mag sich dieser Aufgabe gewachsen fühlen?

Auf der Heimfahrt spüre ich ohne Zusammenhang ein sehr lebendiges Verlangen nach der kleinen Packung Johannisbeereis, das der Sommer in meinem Gefrierfach übrig gelassen hat. Mein Gast von gestern hätte nach Pistazieneis verlangt. Ich erinnere mich an einen Sommertag vor fünfundzwanzig Jahren, als er um einen Kuss wettete, dem Eismann an der Gedächtniskirche noch eines abschwatzen zu können, obwohl der längst eingepackt hatte. Natürlich gewann er. Und ich bin zuversichtlich, dass er jetzt dem Schicksal noch einiges abschwatzen kann. Seine ausholenden Gesten, mit denen er mir einst wie jetzt vieles so umfassend nahebrachte, mit denen er die Welt aus den Angeln heben und bunter, greifbarer, größer wieder aufhängen konnte, sind leiser geworden, doch an Überzeugungskraft haben sie nicht verloren.
Gestern, auf dem Bahnhof beim Abschied, spiegelten sie sich in einer Pfütze, auf der helle Blätter lagen.

Jeder Tag ist Erntedank

Diese letzten warmen Tage sind so rund und reif, samtig weich und leuchtend wie die sonnenwarmen Pfirsiche aus unserem Garten, die tief und süß nach allem schmecken, was uns im Sommer begegnete. Ebenso schnell wie die Pfirsiche zerfallen wenn man sie nicht hier und jetzt ißt werden diese Tage vorbei sein. Wir kosten sie aus bis zur Neige, mit Frühstück am See und Grillen im Kreise lieber Freunde, mit Gesprächen und mit Schweigen, mit einer bewussten Zärtlichkeit: wie groß und wunderbar ist es, dass wir diesen langen Sommer hindurch atmen, schmecken, sehen, berühren, hören konnten. Nichts davon ist selbstverständlich. Regenluft, Walderdbeeren, Schwalben, warme Erde, Nachtigallen. Und das in glücklicher Zweisamkeit oder mit den erwähnten Freunden.
Abends fahre ich noch mit dem Fahrrad zum Briefkasten. Grillduft schwebt von den Balkonen und mischt sich mit dem Geruch nach Herbstblättern und Sommergras über dem Seggeluchbecken. Früh werden die Blätter gelb dieses Jahr. In einer Geschichte habe ich mal von einem „septembergelben Eimer“ erzählt und jemand fragte mich: Was meinst du mit Septembergelb? Für mich ist das glasklar: Dieses erste Gelb in den Blättern an den Astspitzen, dieses leuchtende, strahlende Goldgelb, in dem unterschwellig noch das Grün des Sommers, ja sogar des Frühlings wie ein Echo schimmert, das stolz und überschwänglich alles feiert, was gewesen ist um dann wie ein Segen auf die Erde zu schweben und in sie zu sinken, die es geboren hat – das ist Septembergelb. Und es ist ein Versprechen, dass es im Frühling Löwenzahn, Primeln und Osterglocken geben wird – aber das ist ein anderes Gelb.

– Zu meinem Erstaunen sind die Schwalben noch da – müssten sie nicht längst weg sein? Sonst haben sie sich hier schon Mitte August verabschiedet.
Die Schatten sind lang geworden im Seggeluchbecken,

die Kontraste im Fließ schärfer

und im Wald spielen Lichtreflexe weil die tiefliegende Sonne in geheime Winkel dringt.

Die Wiese wird zum grünleuchtenden Märchen, gemahnt daran, genau hinzusehen, jetzt, denn bald wird es hier anders aussehen.

Ich genieße die tiefen Schatten und die grandiosen Lichtpunkte dazwischen und freue mich ganz insgeheim auf ein wenig mehr Biss in der Luft und ein wenig mehr Einsamkeit hier unten am Fließ, auf Sturm und Blätterrascheln und den ersten Frost.
Zuhause zähle ich an der Engelstrompete 57 Blüten. Ich habe sie vor Jahren als angefaulten handgroßen Sprössling aus einem gammeligen Supermarkt gerettet, in dem ich sonst nie einkaufe. Sie hat bewiesen dass es sich auch lohnen kann, für etwas Kleines, Schimmeliges, hoffnungslos Wirkendes Geld auszugeben.

Spontanvegetation

Während unserer Reise hat sich in unserer Blumenampel ein Löwenzahn breitgemacht. Er sitzt da so dekorativ und zufrieden drin als hätte ich Wochen damit verbracht, ihn extra für diesen Zweck aufzuziehen. Ich freue mich an seinen frech frühlingsgrünen Blättern, sommersonnigen Blüten und fröhlichen Pusteblumen, die mir etwas von ihrer Leichtigkeit abgeben, und heute wirbeln mit dem Wind die ersten Samen vor dem Fenster herum.
Ich war versucht, für sie lauter leere Blumenampeln aufzuhängen, aber sie werden auch so ihren Platz finden.

Ich widme diesen spontanen Blumengruß meinem Verleger Ronald Henss, der sich so viel Mühe mit „Alles voller Himmel“ gegeben hat, damit nicht „alles voller Fehler“ ist, und der solche Wiesenblumen auch mag.
Allerdings kann er besser fotografieren.

Auch die Goldrute hat sich von selbst in diversen Gartenwinkeln angesiedelt, von denen ich gar nicht wußte dass es sie gibt. Ich mag sie sehr, nicht nur weil sie die Wappenblume meines Geburtsstaates Alabama ist. Ihr ist ein ganz besonders Leuchten eigen, und etwas Elegantes; sie vereinigt das Schönste von Spätsommer und Frühherbst in sich und verkündet, dass das Blühen noch längst nicht vorbei ist. Sie teilt meine Lieblingsjahreszeit mit mir. Wir sind gewissermaßen seelenverwandt.

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