Frühe Minusgrade (Gedicht)

Frühe Minusgrade
(c) Patricia Koelle

In atemlos erstaunter Stille lief
heut erster Frost durch überraschte Nacht
und hat eiskalt die späte schwüle Pracht
der Dahlien angezählt. Sie hängen tief.

Aus zitternd goldnem Licht gebaut
erschien uns gestern noch die Stadt
bis Winterahnung sie erschüttert hat.
Die Blätter fallen, fallen ohne Laut

und Erde trägt nun flüchtiges Gewand
das, in der Geisterstunde weich gestürzt,
bunt wärmend unser tiefes Schauern kürzt:
noch hält das Leuchten trotzig stand.

Die wilden Gänse schwatzen, treiben
sich plötzlich eiliger nach Süden
eh sie im Morgen doch ermüden.
Sich fremd gewordne Schwäne bleiben.

Nur für die Stunde des Erwachens
trägt dunkles Wasser zarte Haut –
malt Brüche, Falten, gluckert, taut
als Echo eines Sommerlachens.

Die letzten Mücken tanzen aufgewühlt
wo rau auf schreckerstarrten Gräsern klebt
der Glanz des Reifs, der unsre Sehnsucht hebt,
hell dekoriert und sanft verhüllt – und kühlt.

Schnee im Flur

Also, das gibt mir dann doch zu denken. Da es gerade wieder einige Zentimeter Schnee hingeschmissen hat, hatte ich Schnee an den Stiefeln, der dann beim Ausziehen wie immer auf den Teppich im Flur fiel, wo er keinen Schaden anrichtet.
Nun weiß ich ja, dass unser Haus, weil ebenerdig und nicht unterkellert, fußkalt ist. Kein Problem, da wir ja zum Glück in einem Land leben, in dem man nach Belieben dicke Socken kaufen kann.
Aber ist das normal, wenn dieser Schnee im Flur nach einer Stunde immer noch nicht geschmolzen ist???

Abgesehen davon erkenne ich meine Nachbarn auf der Straße nicht mehr, weil sie so eingemummelt sind. Den Streusplitt von der Straße finde ich sogar im Bett wieder. Der getränkelieferant stand heute schon um acht vor der Tür. „Ich mußte so schnell fahren, sonst frieren mir unterwegs die Flaschen auf!“ erklärte er. Und Dieter schrieb mir eine SMS: „Hier auf Fuerteventura sind 20 Grad.“ Worauf ich antworten konnte: „Hier sind auch 20 Grad!“ Allerdings minus….

Kleine Albernheit

Ist um den Mensch die Welt ganz weiß
zahlt er für Sonne jeden Preis,
doch ist’s im Sommer wirklich heiß
sehnt er prompt sich nach dem Eis.
So drehn wir munter uns im Kreis.
Das Universum lächelt leis.
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Das Bild ist eine Panoramaaufnahme des Herrenholzbeckens Richtung Schluchseestraße/Höllentalweg.

Engel vor dem Fenster

Was für ein tiefdunkler, frostiger, tonloser Morgen. Ich stehe immer um sieben auf, brauche eine Dreiviertelstunde für mich ehe meine bessere Hälfte aufwacht. Da er gar nicht mehr stehen kann, ist es jedes Mal ein risikobehafteter Kraftakt für uns beide, ihn aus dem Bett in den Rollstuhl zu bekommen, anzuziehen etc. Deshalb nehme ich mir die Zeit für einen Tee, und zum wach werden. Eigentlich bin ich jemand, der sehr gut allein sein kann, ja, gelegentlich muss. Doch seltsam. Den ganzen Tag gehen bei uns Nachbarn, Freunde, Postboten, Ärzte, Lieferanten ein und aus. Aber in diesen dunklen Morgenstunden beschleicht mich anfallsweise eine bodenlose Einsamkeit, vielleicht ein Nacheffekt schon fast vergessener nächtlicher Alpträume. Wahrscheinlich kennt Ihr dieses Gefühl auch. – Doch jedes Mal, auch jetzt, bei lichtlosen Minusgraden mitten im Dezember, kurz vor Sonnenwende, flattert plötzlich eine Amsel vor dem Fenster; ein himmlisch-irdischer Engel in schwarzem Federkleid. In der kahlen Brombeere, im Apfelbaum oder auf der Straße vor den Mülltonnen. Und immer streut sie ein paar wunderschöne, tröstliche Flötentöne in das gnadenlose Dunkel. Als ob sie es damit hervorruft, schleicht dann die erste Ahnung von Morgendämmerung über den Horizont.
Die Angst und Einsamkeit sind mit dem ersten Ton verflogen.

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