Geschenke schrumpfen?/Don’t shrink the gifts

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„Ich bin so froh, dass wir keine Langschläfer sind!“ sagt mein Mann heute früh. „Wenn man den Tag am Anfang anfängt, hat man ein großes Geschenk. Wenn man ihn spät anfängt, hat man ja nur noch ein kleines Geschenk. So doof sind wir nicht.“
Dem ist nichts hinzuzufügen, oder?
Wir wollen die großen Geschenke, schließlich wissen wir nicht, wie viele es davon noch gibt. Warum sie liegenlassen oder klein machen? Nein, so doof sind wir nicht. 🙂
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„I’m so glad we always get up early“, my husband said this morning. „If you start the day at the beginning, you get a big gift. If you start it late, you only have a small gift left. We’re not so stupid.“
He is so right. We appreciate the big gifts. Why shrink them? We never know how many more of them there will be.

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Überlebende/Survivors

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Sie waren die letzten Wochen unter einer dicken eisverkrusteten Schneedecke begraben. Und jetzt sehen sie so aus – unverzagt, aufrecht und strahlend. Und die dazugehörigen Bienen haben zum Glück auch überlebt. Daran möchte ich mir ein Beispiel nehmen, wenn es mal wieder hart auf hart kommt.
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They were bruried under a thick blanket of ice and snow the past weeks. And here they are, upright, unfazed and beaming. When hard times happen to me, I want to remember them and try to be as strong.

Duschreise/Shower travels

wpid-20130221_121219.jpgOb Nachbarn, Freunde, Familie oder die Krankengymnastin – alle treibt es im Februar in die Ferne. Nach Italien, Spanien, Griechenland, auf die Kanaren oder nach Thailand. Ich kann das verstehen. Ich mag das Grau auch nicht mehr sehen – eigentlich. Und ich gönne es ihnen von Herzen. Aber ich würde trotzdem niemals um diese Jahreszeit verreisen, schon gar nicht in den Süden. Denn wenn sie wiederkommen, frieren sie alle und ärgern sich um so mehr über das Wetter.

Die Schneeglöckchen sehen sie gar nicht mehr, so voll sind ihre Gedanken von Hibiskus, Bougainvillea und Kakteenblüten. Ich mag den Februar auch nicht, obwohl er der, wie ein Freund sagte, „Monat der schnellstmöglichen Hellerwerdung“ ist und somit auch seine Berechtigung hat. Aber ich mag es, wie der Frühling sich anschleicht: in den Stimmen der Amseln, die jetzt schon abends in der Dämmerung singen als wären es fünfzehn Grad. In dem Geruch der Erde unter dem Schnee. In den grünen Spitzen, die sich reihenweise durch den Schnee bohren, pfeilgerade himmelwärts. In den Knospen, die am Pfirsichbaum täglich dicker werden. In den hellen Morgen und dem überraschenden Sonnenstand, wenn sie sich für einen Augenblick durch die Wolken mogelt. In der kleinen Aufregung der Enten, die in den freien Wasserstellen schon balzen und unauffällig nach Nistplätzen Ausschau halten. In den frischgrünen jungen Grasstellen am Südhang im Moor. – So leise schleicht der Frühling gar nicht. Der begenet mir überall, und das möchte ich nicht versäumen, in keinem einzigen Jahr. Das erste mal in kurzen Ärmeln draußen. Das erste Mal barfuß. Das erste Mal draußen essen, vielleicht noch mit Decke, aber mit Februarendoderanfangmärzsonne im Gesicht. Frühling in Deutschland ist für mich ein klarer Fall von „Weniger ist mehr“,  ein gradioses, gelungenes  Understatement.  – Und wenn mir wirklich mal alles zu grau ist, dann genügt eine Fantasiereise in Form einer heißen Dusche in unserem Delfinbad, und ich bin wieder bereit für den filigranen Berliner Früh-frühling.wpid-20130223_181320.jpg

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Neighbors, family, friends and the baker, everyone seems to leave Berlin in February. They flock south, to Italy, Greece, the Canary Islands or Asia. When they return, their thoughts are so full of tropical flowers they have no eyes for snowdrops, and they feel cold all the time.

I wish them joy, but I would never want to travel at this time of year. I don’t want to miss out on the slow sneaking up of spring.  Spring around here is definitely a case of less is more, a gourgeous understatement.  I hear it in the blackbird’s song, smell the wakening earth under the greying snow, see it in an army of brave green tips breaking through icy crusts and aiming straight for a sky that brightens a little every day in spite of biting eastern winds and heavy  clouds.  In the few moments I really get tired of the Febraury grey, a daydream under the hot shower in our dolphin bathroom is travel enough for me and I am ready again for the beautiful filigree spring  of Germany.

Affenphilosophie/Monkey Philosophy

wpid-20130217_172144.jpgIn meinem Elternhaus in unserer Altberliner Wohnung mit den überwältigend hohen Zimmern gab es einen großen Eingangsraum, genannt „die Diele“.  Besucher standen etwas hilflos in dieser Weite während sie ihre Mäntel auszogen und sahen sich um, auf der Suche nach einem Orientirungspunkt.  Meist fiel ihr Blick  auf etwas, das oben an der Decke am Lampenkabel baumelte.  Die meisten brauchten einen zweiten, ungläubigen Blick, um sich zu vergewisssern, dass das, was da so  albern hing, tatsächlich das war, was es zu sein schien. Denn wer zu uns kam, kannte meinen Vater als Hochschullehrer und war der Meinung, in einen seriösen, vielleicht vornehmen Haushalt zu kommen. Kollegen meines Vaters hatten echte oder falsche Ming-Vasen im Flur oder Marmorstatuen oder zumindest einen Orientteppich.  Bei uns gab es ein paar geerbte Bauernmöbel, Teppichfliesen aus dem Baumarkt, eine abgeschabte Tischtennisplatte – und den Holzaffen an der Decke, der Besucher albern und herausfordernd angrinste und aussah, als wollte er die kleine Flasche mysteriösen Inhalts auf ungebtetene Gäste fallenlassen.  Irgendwann einmal hatte meine Mutter dieses alte Holzspielzeug an das Kabel gehängt, weil sich das so langweilig nackt unter der Decke spannte. Und weil niemand das Likörfläschen leeren wollte, das Oma als Schnäppchen ergattert hatte, bekam es der Affe in die Hand.

Wer fragte, warum da der Affe hing, bekam zur Antwort: „Warum nicht?“ oder „Ach, das ist unser Wachhund.“

Die Gäste, oft erst verunsichert, fühlten sich am Ende bei uns stets wohler als in den Haushalten mit den Ming-Vasen.  Für mich war der Affe ein Symbol dafür, dass meine Eltern uns lehrten, dass man erstens nicht wie alle anderen sein muss, im Gegennteil, zweitens es egal ist was diese anderen denken und drittens, dass man nichts zu ernst nehmen darf.

Mein Vater ist nun schon zwei Jahre tot, aber der Affe hängt noch immer da, jetzt schon 45 Jahre,  und hat ein Auge darauf, wer meine Mutter besucht. Und ich finde es  beruhigend, dass er noch da ist.

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In my childhood home we had a  large entrance hall. Rooms are high in old german houses. Visitors would stand a little helpless in its vastness while they took off their coats, looking around for a point of orientation. Often, their glance alighted on a strange figure that hung from a lamp cord under the ceiling. They looked twice before believing their eyes. Because my father was a renowned scientist and they expected a serious, elegant household. Colleagues of my father had ming vases and marble statues in their entrance halls. Not so my parents. There was hand-me-down furniture, a shabby ping-pong-table and – the wooden monkey that hung on the ceiling and greeted people with a silly grin, looking as if it might drop the small bottle it held on unwelcome visitors. – My mother had hung the old toy there because she thought the lamp cord looked so boring. And since nobody wanted to empty the little bottle my grandma had bought becuase it was cheap, she gave it to the monkey. – Some visitors asked: „Why the monkey?“ and would get the answer: „Why not?“ or „Oh, it’s our watchdog!“

Guests in the end felt more welcome in our house than in the houses with the ming vases. For me, the monkey is the symbol of what our parents taught us: First, you don’t have to be like everybody else. Second, it doesn’t matter what other people think. Third, don’t ever take anything more serious than it is.

Today, after 45  years, the monkey still hangs there, keeping an eye on who visits my mother. And it feels good to see it there still.

Trübsinnige Deutsche?

Wann sind die Deutschen eigentlich so langweilig und unfroh geworden? Oder besser, die Berliner, die ja zu einem großen Teil gar nicht deutsch sind? Oder ist es ein gesamtdeutsches Phänomen? In meiner Kindheit waren die Autos zumindest in Berlin (West) Zitronengelb, Erdbeerrot, Laubfroschgrün und Himmelblau. Die Straßen strahlten Lebenslust aus. Schadhafte Stellen wurden mit großen Aufklebern abgedeckt – Enten, Bälle, Hunde, Pinguine, Fahnen oder ganze gemalte Landschaften zierten die Kotflügel und Motorhauben.
Und heute? Auf den Straßen und auf den Parkplätzen der Gebrauchtwagenhändler sehe ich einen Einheitsbrei aus Anthrazit und Nebelgrau (Verzeihung: Silber). Manche fahren immerhin noch Weiß, und die ganz Verwegenen olivgrün, depressivdunkeldunkelblau oder gar ein schmutziges Weinrot. Die Integration läuft besser, als man denkt. Auch die Türkischen und chinesischen berliner fahren Anthrazit und Aubergine. Aufkleber und Schadstellen gibt es nirgends, eine verschämte Silhouette der Insel Sylt an der Stoßstange ist das höchste der Gefühle. Die farbigen Schriftzüge auf den Autos der sozialen Pflegedinste sind der einzige heitere Lichtblick. Dir Trabis in der DDR waren bunter als die Gesamtberliner Straßen heutzutage.
Wie kommt’s?
Wenn ich meinen Garten dieser Mode entsprechend bepflanzen wollte, wäre nur nackte Erde und Efeu erlaubt, vielleicht mit einer schmutzig weinroten Dahlie hier und da.
Schade eigentlich. Haben wir den Mut zur Farbe verloren? Zur Individualität? Finden wir Einheitsanthrazit wirklich schön? Spiegelt es unsere Laune? Haben wir die Phantasie verloren? Haben wir Angst, gefressen zu werden wie eine Sardine, die aus dem Schwarm ausschert? Schämen wir uns der Abgase so sehr, dass wir beim Autofahren am liebsten nicht gesehen werden wollen?
Jetzt weiß ich: Es ist eine späte Rache Honeckers aus dem Jenseits, oder ein Gruß von Margot, die sich immer noch in Chile ausruht: Jetzt, da die DDR weg ist, sind wir alle gleich.

Sternenmusik

Gestern nacht war es sternenklar und sogar dunkel, für Berliner Verhältnisse, also viele Sterne und Sternbilder zu sehen, nicht nur der Große Wagen. Eine schmale Mondsichel schwamm hinter der frühlingsgrünen Buchenhecke und lieh ihr ein Schimmern. Es duftete dicht nach Flieder, Maiglöchchen und sommerwarmer Erde. Und dann fingen von unten am Fließ her die Nachtigallen an zu singen, rundum. Es war schon ein bißchen, als ob die Musik und die Sterne zusammengehörten. Und ich als Mensch kam mir recht überflüssig vor. Aber glücklich, lauschen und staunen zu dürfen.

Durchsetzungsfähiger Optimismus

Jedes Jahr wieder staune ich über das, was aus den Ritzen wächst. Steine im Weg, wen stört das schon, wenn es den Himmel zu erobern gibt!
Da haben diese kleinen, hartnäckigen Pflanzen etwas mit Schriftstellern gemeinsam. Ohne Optimismus, Verrücktheit, Borniertheit und lautes Buntsein geht es nicht, und auch wenn nur wenig dabei herauskommt, es lohnt sich trotzdem 🙂
Man muss auch nicht Autor sein, um sich ein Beispiel daran zu nehmen.

Sanfter Anfang

2012. Ein möglicherweise ganzes neues Jahr voller Zukunft, was für ein Geschenk. Es fängt an, wie das alte aufhörte: Mit zehn Grad plus, mit Rosen, Ringelblumen und Mücken, und einem sanften warmen Regen bei Windstille. Mir gefällt es. Da wir seit Jahren alkoholfrei Silvester feiern, erlebe ich den Tag ohne Kopfschmerzen und mit klaren Augen. Nicht allen scheint es so zu gehen, denn die Straßen, durch die ich in der milden, silbern schimmernden Dämmerung spaziere, sind menschenleer. Nur feuchte Papierfetzen liegen dort, die Überbleibsel der bunten Sterne am Himmel von gestern, die daran erinnern, wie flüchtig Träume sein können, kurz, hochfliegend und funkelnd. Ich will sie alle sehen, genießen, solange sie da sind, die funkelnden Augenblicke, Berührungen und Gedanken. Seit dem Tod meines Vaters ist alles noch kostbarer, zerbrechlicher, tiefer geworden. Ich will das Schreiben ernster nehmen in diesem neuen Jahr, mehr schaffen. Es wird Veränderungen geben, und es ist unsicherer geworden was morgen ist. Aber schreiben will ich, und das Leben über allem nicht vergessen.
Die Sterne von gestern sind verloschen, aber eine Kerze kann man sich immer anzünden. Ich freue mich auf das Jahr, egal, was es bringen mag.

Eine große Nachtmusik

Gestern gab es ein schweres Frühlingsgewitter, mit stundenlangem Donnergrollen und Blitztheater.
Nachts trat ich nochmal vor die Tür und fand mich in einem Märchenmoment. Alles war still und frisch, nur ein leises silbernes Tröpfeln klang im Hintergrund. Der Wind hatte Apfelblüten auf den Weg gestreut, die weiß durch die Nachtschwärze leuchteten. Ebenso waren die Magnolien- und Anemomenblüten ungeniert grandiose Echos der Sterne. Fliederduft lag greifbar dick über dem Garten.
Und dann fingen die Nachtigallen an zu singen. Sie hatten schon tagsüber kaum eine Pause eingelegt, doch jetzt, im Dunkeln und der Stille, war erst Magie in ihren unverwechselbaren fließenden, perlenden, treibenden Flötentönen. Erinnerung und Hoffnung, Tod und Leben, Trauer und Jubel, Abschied und Willkommen, alles gleichzeitig und noch mehr lag darin. Alles zusammen, der Gesang und der nächtliche Garten wurden zu einer einzigen großartigen Musik, dem Geschenk eines unvergesslichen Moments. Eine wortlose und für einen Augenblick glasklare Antwort auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens.

Lebenstauglicher Hinweis

Draußen liegt mal wieder Schnee, wenn auch vorübergehend, irgendwie matschig und vom Winter halbherzig hingeschlampt; kein Wetter zum Spazierengehen. Statt dessen habe ich weiter aufgeräumt und dabei in alten Büchern gestöbert. In einem Wörterbuch von 1905 fand ich einen eingehefteten Zettel mit der Überschrift „Bitte“, der so liebevoll höflich geschrieben ist, dass ich ihn mir am liebsten als Gebrauchsanweisung nicht nur für die Bücher, die ich schreibe, sondern auch für mein Leben, gewissermaßen als Mahnung und Leitfaden, an die Tür heften würde:

BITTE
“ Alle, die dieses Buch benutzen werden, besonders Lehrer und Schüler, bitten wir, an seiner Vervollkommnung, die wir selbst unaussgesetzt im Auge behalten, dadurch mitwirken zu wollen, dass sie uns auf Mängel, die sich bei längerem Gebrauche etwa herausstellen mögen, aufmerksam machen. Es wird meistens genügen, auf der Rückseite dieses Zettels die Stelle des Schriftstellers, Lesebuches oder dergleichen, die sich mit Hülfe der Angaben unsers Wörterbuches nicht erklären lässt, genau zu bezeichnen und die in Betracht kommenden Worte daraus anzuführen, nötigenfalls zu unterstreichen. Jede Buchhandlung wird so gefällig sein, den Zettel kostenlos zu befördern. Wir sagen im Voraus allen, die unserer Bitte entsprechen, aufrichtig Dank und versichern, dass die Anregungen, die uns zu teil werden, bei einer neuen Bearbeitung gewissenhaft benutzt werden sollen.“
Der Verfasser: Dr.L.Kellner. Die Verlagsbuchhandlung: Friedr.Vieweg & Sohn.

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