Mauergeschichtenberg

Wir hatten ja einen Schreibwettbewerb zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gestartet. Nun ist der Einsendeschluss abgelaufen und ich lese mich durch einen Berg von Geschichten. Ob ein Buch daraus wird, wird sich zeigen. Aber für mich hat es sich schon gelohnt. Es hilft mir selbst, die Zeit aufzuarbeiten. So ganz kann ich das alles noch immer nicht begreifen. Nicht, dass die Mauer fiel, sondern dass es sie überhaupt gab – und wie wir damit gelebt haben, dieser verrückte und doch normale Alltag, voller Absurditäten.

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(Foto: (c) Elisabeth Koelle)

Es ist faszinierend, was der eine oder andere beschreibt. Eigentlich erzählen alle dieselbe Geschichte, und doch bedeutet sie für jeden etwas anderes. Mir steht alles plötzlich wieder ganz lebendig vor Augen. Nun sehen wir im Fernsehen auch gerade noch den Dreiteiler „Die Wölfe“.
Eine ganze Menge Mauer auf einmal, wahrscheinlich träume ich heute Nacht davon. Aber diese Geschichten müssen erzählt und gehört, dürfen nicht vergessen werden!
Ich hoffe sehr, dass wir ein Buch daraus machen und so dazu beitragen können. Ein Buch über die Menschen, die Giraffen und Reißverschlüsse an die Mauer malten und über die, die das nicht durften und sich darum schließlich friedlich selbst von ihr befreiten.
Heute früh war ich noch traurig, weil offenbar gerade niemand mehr mein Buch „Die Füße der Sterne“ kauft. Jetzt kommt mir das Problem nichtig vor, im Vergleich zu den Mauergeschichten. Im Übrigen, in mein Buch, in meine Geschichten habe ich meinen ganzen Glauben an die Menschheit gesteckt. Und solcher Glaube war es ja, der die Mauer zum Einsturz gebracht hat. Das ist die Hauptsache: Ob einer ein Buch kauft oder nicht, dieser mein Glaube an die Menschheit hat sich immer wieder bestätigt.

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Weihnachtsträumerei

Wenn ich jetzt die weihnachtlichen Lichter auf den Straßen sehe und an dem Café vorbeigehe, in dem meine Geschichte „Cafékalender“ spielt, glaube ich manchmal, Paul Kiewitz dort sitzen zu sehen. Ob er immer noch mit der Kellnerin Christina als Komplizin heimlich den traurigsten Gästen eine Adventsüberraschung zukommen lässt?
Ich wünsche mir dann, ich könnte mich wirklich mit den Menschen aus meinen Geschichten dort an einem Tisch treffen und hören, wie es ihnen geht. Herausfinden, wie sie miteinander auskommen – schließlich leben sie alle in einem Buch („Die Füße der Sterne“) zusammen. (Naja, fast alle, denn Paul und Christina sind aus „Der Weihnachtswind„). Irgendwie vermisse ich sie, schließlich habe ich sie erfunden. Aber ihre Geschichten sind längst fertig, und ich muss mich am Ende jeder Geschichte von ihnen verabschieden.
Wie es wohl Viktor geht – ob er inzwischen ein Zuhause gefunden hat? Ist die junge Journalistin Karla März befördert worden, nachdem ihr trotz des störrischen Forschers mit dem unmöglichen Benehmen dieser tolle Artikel gelungen ist? Und was ist mit Theo Knoll, diesem Pedanten, der sich so verändert hat – ist er jetzt mit der Biologielehrerin zusammen? Ich sehe ihn vor mir, wie er ihr einen dampfenden Tee eingießt. Karla trinkt natürlich lieber Cappuccino. Paul tuschelt da drüben mit Christina, die hecken ganz sicher schon wieder etwas aus.
Frank kann ich hier nicht treffen, der ist ja leider verstorben, nachdem er sich seinen verrückten Traum erfüllt hat. Ja, aber die resolute Frau da drüben, das könnte Regina sein, die für die Kollegen vom Flughafen ein mehr oder weniger verdächtiges Weihnachtsgeschenk sucht. Und im Gemüseladen, die Frau, die die Äpfel in die Tüte packt – ist das Reni, und spielt sie immer noch morgens im Park mit der dreiundneunzigjährigen Lene verstecken?
Das Pärchen dort, das Hand in Hand an dem Stand mit den Kerzen stehen bleibt, so habe ich mir Rainer und Viktoria vorgestellt, für die Robin damals die Sterne durcheinander gebracht hat. Ob er wohl doch noch dafür gefeuert wurde?
Gern würde ich sie alle auf ein Crépe einladen oder eine Bratwurst. Aber stattdessen werde ich wohl nie erfahren, was aus ihnen geworden ist. Und ob Menschen das Buch kaufen und Karla, Theo und die anderen auf diese Weise für einen Lesemoment in ihr eigenes Leben einladen. Das wünsche ich mir – denn jedes Mal, wenn eine der Geschichten gelesen wird, werden Karla, Theo, Reni und die anderen ein klein wenig wahr und lebendig. Das wäre schön, denn sie alle zeigen, wie es ist, ein ganz normaler Mensch zu sein und doch immer Hoffnung in sich zu tragen oder wiederzufinden. Sie passen, obwohl es sich um Geschichten für das ganze Jahr handelt, in diese dunkle und doch helle Zeit, in die Weihnachtstage, denn sie haben erfahren, warum sich das Leben lohnt, und wissen davon zu erzählen, ganz einfach indem sie sind, wie sie sind.

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