Die beste Karte (Frühlingsgeschichte)

Die beste Karte
(c) Patricia Koelle

Es war Ende März. Aus einem reglosen milchweißen Himmel fiel neuer Schnee auf alten, und Krokusknospen waren mitten beim Luft holen zu Ausrufezeichen erstarrt.
Frank warf triumphierend den Kreuz Buben auf das Karo As. „Fuchs gefangen! Im letzten Stich!“
Das war Glück gewesen. Er konnte sich heute nicht konzentrieren. Die Standuhr an der Wand gegenüber hielt ihm gnadenlos vor die Nase, dass die Stunden verpufften. Ihm blieben nur wenige, um sich für den Ort zu entscheiden, dem er möglicherweise den Rest seines Lebens anvertrauen würde.
„Schon wieder“, brummte Rudi aus seinem Rollkragenpullover heraus und fing missmutig an, die Punkte zu zählen.
„Dieses Jahr hört der Winter nicht auf“, stöhnte Nadine. „Man müsste an einem Palmenstrand liegen. Stattdessen spielen wir ewig Doppelkopf und quälen uns auf dem Heimweg durch Berge von Matsch und grauem Granulat, in dem man erst recht ausrutscht und das man nachher aus seinen Stiefeln kratzen muss.“
„A propos Palmen“, sagte Rudi und mischte die Karten neu, „was ist nun mit dem Angebot, Frank?“
Frank warf Nadine einen ärgerlichen Seitenblick zu. Der Winter war tatsächlich lang gewesen wie Kaugummi, und erschütternd kalt. Trotzdem wollte er nicht an Palmen denken. Rudis Frage missfiel ihm. Er hatte das Problem verjagen wollen wie eine aufdringliche Mücke, obwohl er bis morgen um sieben Uhr eine Antwort finden musste. Nicht nur Rudi wollte sie hören, sondern vor allem der Chef. Keiner von beiden würde sich in Luft auflösen.
Er versuchte, sich die Palmen vorzustellen, einen weichen Strand, sanfte Luft. Aber das Bild verschwamm sofort wieder.
An seiner Stelle tauchte Janas Gesicht auf, Jana, die im Nachbarhaus aufgewachsen war, Jana, die ihm heute wie jeden Morgen seine Bananen verkauft, Jana, mit der ihn nie mehr verbunden hatte als Kameradschaft. Frank hatte drei Beziehungen hinter sich, keine davon mit Jana. Das konnte er sich noch nicht einmal vorstellen. Aber es gehörte zu seinem Leben, dass er über die Jahre verfolgen konnte, wie sich die Lachfalten in ihren Augenwinkeln vermehrten und in Richtung ihrer Grübchen aufmachten. Die ersten hatte sie schon mit dreizehn gehabt. Er fühlte sich sicher, solange diese Strahlen am Rande seines Lebens gegenwärtig waren.
Diese Begründung allerdings wollte er Rudis Spott nicht zum Fraß vorwerfen. Vom Chef ganz abgesehen.
„Was für ein Angebot?“ fragte Kai und verteilte die Karten.
„Na, Franks Chef will ihn doch nach Florida beordern, um seine neue Zweigstelle zu führen. Und der Verrückte da denkt wirklich noch darüber nach, anstatt nach dem Köder zu schnappen wie ein hungriger Barsch nach dem Regenwurm.“
„Wenn ich ablehne, bedeutet das nichts Gutes für meine Zukunft“, sagte Frank und starrte düster auf die vier Asse in seiner Hand. „Er wird mich auf irgendeinen unbedeutenden Posten abschieben. Der konnte es noch nie ertragen, wenn jemand Nein zu einem seiner Vorschläge gesagt hat, und sei es nur, den Lieferanten der Kugelschreiber zu wechseln.“
„Aber er scheint eine Menge von dir zu halten“, sagte Kai. „Frank, das ist eine Riesenchance. Du bist gesund, im besten Alter und gerade solo. Was hält dich hier?“
Nichts, was ich so einfach erzählen könnte, dachte Frank.
Nadine stupste ihn mit dem Ellenbogen an. „Du musst Herz bedienen“, sagte sie.
„Menschenskind“, polterte Rudi, „Wie kannste da überhaupt nachdenken? Jeden Winter muss ich den Flug nach Thailand teuer bezahlen, ewig im Flieger sitzen, nur um ein paar läppische Wochen nicht zu frieren und mir die verdienten Massagen zu gönnen. Mensch, du könntest in der Sonne leben. Ich würde überallhin gehen, wo es keinen solchen dreckigen Winter gibt.“
„Bekommst du mehr Gehalt dafür?“ fragte Nadine.
„Na klar bekommt er mehr Gehalt“, sagte Rudi. „Der Job ist wie ein gewonnener Trumpf-Solo! Hast du nun Herz oder nicht?“
Frank legte eine Herz Zehn auf den Tisch. Er musste es tun, er hatte sie blank.
„Soviel hättest du nicht geben müssen, ich steche sowieso“, sagte Nadine und legte eine Kreuz Dame mitten darauf. Von der Herz Zehn war nur noch die Null zu sehen.
„So wie ich das sehe, gibt es außer deiner Trägheit keinen vernünftigen Grund, abzulehnen“, stellte Kai fest.
„Stimmt“, sagte Frank. Einen vernünftigen Grund gab es wirklich nicht.
Und er war ein vernünftiger Mensch. Seine Eltern hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass nur vernünftige Menschen eine Daseinsberechtigung haben.
Dass ihn Palmen nicht die Bohne interessierten, weil er jedes Jahr dem ersten Schneeglöckchen entgegenfieberte und diese winzige zärtliche Erwartung nicht missen mochte, war kein vernünftiger Grund, und auch keiner, der für jemanden wie Rudi oder den Chef mehr als Zigarettenasche bedeuten würde, die man achtlos abstreifen kann.

schneeglk

Aber wie konnte er das Land verlassen, in dem er als Vierjähriger bäuchlings auf einem Heidschnuckenfell gelegen und ein Ost- und ein Westsandmännchen gesehen hatte? Er hatte gedacht, die Träume kämen nicht, wenn nicht beide bei ihm gewesen wären. Ein Land, dessen vorübergehende Zerrissenheit durch eine Mauer, die für die einen tödlich war und an der andere kurzerhand ihre Gartengeräte aufhingen, er erst viel später begriffen hatte, und in dem er sich doch jederzeit ganz und geerdet fühlte.
Ein frisches Graubrot hatte damals genau eine Mark gekostet. Er fühlte sich erwachsen, als seine Mutter ihm das erste Mal eine solche Mark anvertraute und ihn allein zum Bäcker schickte. Es gab einen Keks umsonst vom Verkäufer, und den Geruch einer Welt, die ihre Ordnung hatte und schmeckte. Auf dem Heimweg biss er von der noch warmen, dampfenden Kruste ab.
Inzwischen gab es die Mark nicht mehr, und sie hätte auch nicht mehr für einen ganzen Brotlaib gereicht, aber der Geruch hatte sich nicht geändert; und Frank fragte sich, ob er im Gegensatz zu damals, als er sich so groß fühlte, nicht wieder kleiner würde, wenn er ihn gegen irgendeinen südlichen Duft eintauschte.
„Ihr habt verloren“, sagte Kai und betrachtete zufrieden den Stapel Stiche vor sich.
„Will jemand noch’n Kaffee?“ fragte Nadine.
„Danke“, sagte Frank und schob den Stuhl zurück. „Ich muss gehen.“
„Werden wir wohl in Zukunft Skat spielen müssen, wenn wir nur noch zu dritt sind“, sagte Rudi.
„Werdet ihr wohl“, sagte Frank und schloss langsam die Tür hinter sich. Rudi tat ihm schmerzhaft leid. Er würde weiter jeden Winter nach Thailand flüchten und irgendwann achtzig werden, ohne jemals beglückt vor einem Schneeglöckchen zu stehen. Nie würde er an einem Spätsommerabend andächtig die Grillen belauschen. Er nahm sie nicht wahr.
Grillen gab es auch in Florida, aber sie hatten andere Stimmen.
Stimmen ohne Erinnerungen.
Frank schlief in dieser Nacht nicht. Er saß mit einer Tasse Kakao im tröstlichen Lichtkreis seiner Stehlampe aus Studienzeiten und jagte seine Gedanken erfolglos auf die Suche nach einem vernünftigen Grund. Alles, was ihm einfiel, war ein Urlaub auf einer Nordseeinsel. Gab es ein anderes Land mit einer Küste, an der täglich das halbe Meer ausatmete und verschwand und man zwischen lebendigen Muscheln und Seeanemonen von Insel zu Insel wandern konnte?
Oder das Wochenende an der Ostsee, an dem sich der Himmel bei Sonnenuntergang grün färbte und am Morgen einer besonderen Wetterlage wegen die Küste Dänemarks auf dem Kopf stehend am Horizont spiegelte?
Er seufzte und stellte sich das Leben in Florida vor. Gewiss würde es ihm dort nicht wie hier im letzten August passieren, dass man ihn auf einer Geschäftsreise als einzigen Gast in einem Burghotel einquartierte, wo das Personal ihn vergaß und abends einschloss. Am Morgen hatte er Zeit, alles in Ruhe zu untersuchen, sich als Burgherr zu fühlen und in der geheimnisdunklen Küche ein Frühstück zusammenzusuchen, ehe ihn jemand befreite.
Dann waren da die Dezember, zuhause, wenn die Häuserblocks ihre aufrechte Hässlichkeit verleugneten und die stolz übertriebenen Lichter in allen Fenstern eine seltsame Wärme in die schmutzige Stadtkälte warfen.
Nein. Nichts davon war vernünftig. Vernünftig waren Palmen, eine interessante berufliche Zukunft und ein gutes Gehalt.
„Eine kluge Entscheidung!“ lobte Franks Vater am nächsten Tag durchs Telefon.

dsc05472
Der Chef war nicht überrascht von Franks Zusage. Er kannte nur den gewandten Manager mit Bügelfalten, nicht den Frank, der das erste glühende Herbstblatt mit einem kindlichen Freudenhüpfer begrüßte oder einen heimlichen Dialog mit einem schiefen Schneemann führte. Er hatte nie in Betracht gezogen, dass der ablehnen würde. Er hielt das Ticket schon bereit.
Frank packte, vermietete seine Wohnung ab dem nächsten Quartal und verabschiedete sich von Jana. Von ihren Lachfalten konnte er sich nicht verabschieden. Sie zeigten sich nicht, als sie ihn ansah.
Er stand auf dem Flughafen und wartete darauf, dass er der blau uniformierten Dame sein Ticket zeigen durfte. Vor dem Fenster landeten brausend Maschinen, sogen Menschen ein und machten sich wieder auf. Er dachte an die steilen Treppen, die früher an die Flugzeugtüren gerollt wurden. Sie wirkten, als führten sie direkt in den Himmel. Als Kind hatte er jeden Schritt darauf voll Ehrfurcht getan und befürchtet, zwischen den offenen Stufen heruntergeweht zu werden.
Das Schönste an Reisen waren jedes Mal die vertrauten Reihen von blauen Lichtern auf der Landebahn, die den Weg wiesen, wenn er heimkehrte.
Und die Frage aufwarfen, warum er fort gewesen war.
Die blaue Dame nahm ihm die Koffer ab, als wären sie leicht. Auf dem Tresen stand ein kleiner Kuchen mit einer Kerze darauf und eine Vase mit Blumen. Zwischen einer Margerite und einer Narzisse blickte schmal ein Schneeglöckchen hervor.
„Haben Sie Geburtstag?“ fragte Frank.
„Ja. Ihr Ticket, bitte!“
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Frank. „Bitte geben Sie mir meine Koffer wieder!“
Egal, welchen Trumpf der Chef in der Hand hatte, Frank war sich auf einmal todsicher. Er spielte auf der Seite der blauen Lichter und würde die ganz eigene beste Karte, seine Heimat, bestimmt nicht abwerfen.


Wer noch mehr Frühlings- und andere Geschichten lesen oder zum Muttertag verschenken möchte, findet sie in meinem Buch „Die Füße der Sterne“.

fuessecover

Werbeanzeigen

Frühlingsgeschichten

Endlich! Der Frost ist verflogen und die Sonne überzeugt wieder, berührt. Wir atmen auf, atmen durch. Die Blumen auch. Hoffnung streift wie ein warmer Wind über das Land, durch das Leben. Pläne, Ideen, Vorfreude huschen in die Tage wie Licht.

dsc03811

Das macht Lust auf Frühlingsgedichte, Frühlingsgeschichten.
Wer Frühlingsgeschichten lesen oder zum Muttertag verschenken möchte, findet auch in dem Buch „Die Füße der Sterne“ welche.
Die Zeitschrift „Bella“ schrieb in ihrer Ausgabe 2/2010:
GLÜCK ZUM LESEN
Für den einen ändert sich das Leben, nur weil er einmal schwimmen geht. Für den anderen bringt ein Pappkarton die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Und ein weiterer Mensch bewirkt, dass sich die Sterne anders benehmen als sonst. Wenn wir genauer hinsehen, ist unser Alltag voller Wunder. Patricia Koelle zeigt uns die Magie der kleinen Dinge in ihrer zauberhaften Kurzgeschichtensammlung “Die Füße der Sterne” (Dr. Ronald Henss Verlag).

Ein paar Leseproben:

Aus: Der Morgen von Gestern
…In dieser Aprildämmerung trug der Himmel zartgraue Falten und Hellgrün war über die nackten Bäume gewischt wie feuchter Staub. Die Erde roch nach frischem Kräuterbrot als sie aus dem Haus trat. Dicke Stille lag im dünnen Nebel über den Straßen, nur weit oben zogen Kraniche mit lauten Rufen nach Norden über die Großstadt hinweg, in der sie niemals landen würden. Die Sonne war noch lange nicht aufgegangen. Es war gerade fünf Uhr vorbei, aber Reni musste um sechs im Laden sein. Wenn Herr Yilmaz vom Fruchthof kam wurde sie gebraucht, um die Paletten auszuladen, das Obst zu sortieren und die Preise zu schreiben. Reni liebte ihre Arbeit, ihre Kunden, und beinahe ihren Chef.
Selten begegnete ihr um diese Zeit jemand auf der Straße. Erst am Bahnhof fanden sich sonst andere verschlafene Gesichter ein. Darum fiel ihr die kleine Gestalt schon von weitem auf. Schmal stand sie an der Ampel, ging dann ein paar Schritte zurück und sah sich ratlos um, die Arme verschränkt, als wollte sie sich darin einwickeln. Lange Haare bewegten sich im kühlen Wind ungekämmt um ihre Schultern…

Aus: Eine Frage der Zeit
…Ich fasste mir ein Herz und klingelte. Der Gong war heiser.
Es passierte gar nichts. Ich ging ums Haus und stellte fest, dass es frische Fußspuren zwischen einer Hintertür und einer Voliere gab, in der ein riesiger schwarzer Vogel kreischte und enorme Schwingen ausbreitete. Gleichzeitig fing drinnen ein Hund zu bellen an. „Ruhig, Cerberus“ rief eine Stimme. Eigentlich hätte eine rübezahlmäßige Basstimme hierhergepasst. Stattdessen war es war eine überraschend sympathische Tenorstimme.
Aber „Cerberus“! Der Höllenhund. Das Kläffen klang zwar nicht sehr gefährlich, aber ein Cerberus konnte ja eigentlich nur bissig sein.
Das wurde ja immer besser. Und der schwarze Riesenvogel sah auch nicht sehr vertrauenerweckend aus. Vielleicht würde ich als Zwerg zu Tante Marietta zurückkehren, oder als Kröte. Wahrscheinlich war Julius Anwander eine männliche Hexe, und darum war meine Tante so schlecht auf ihn zu sprechen. Das wäre ja mal eine gute Story für den Priemer.
„Lass die Kindereien, Karla“, schimpfte ich mit mir selbst, und ging klopfen, diesmal nachdrücklich und an der Hintertür.
Irgendwo schlug eine andere Tür. Ich hoffte, er hatte Cerberus eingesperrt.
„Wer ist da?“ fragte die sympathische Tenorstimme von drinnen.
„Karla März. Meine Mutter war eine Cousine dritten Grades von Ihnen.“
Die Tür wurde mit Schwung aufgerissen. Cerberus kam herausgestürzt und sprang schwanzwedelnd an mir empor.
Der Höllenhund war ein winziger, weißer Terrier, von dem im Schnee kaum mehr zu erkennen war, als ein paar schwarze Knopfaugen. Darum trug ich mein bestes Lächeln, als ich meine Aufmerksamkeit auf Julius Anwander lenkte.
Er erwiderte es nicht.
Nicht, dass er unfreundlich wirkte. Sein Blick war sachlich.
Zu meiner Überraschung war er nicht größer als meine eigenen einsfünfundsechzig, und er trug auch nicht den Vollbart, den ich aus irgendeinem Grunde erwartet hatte. Er war schmal, hatte etwas wirre Locken und trug eine randlose Brille, alte Jeans und ein kurzärmeliges T-shirt mit der Aufschrift „Be happy.“
So hatte sich der Priemer einen romantischen Helden bestimmt nicht vorgestellt.
„Was wollen Sie?“
„Einen Verwandten besuchen?“ versuchte ich.
„Warum?“
Die Frage war berechtigt. Ich hatte es immer gehasst, irgendwelche Verwandten zu besuchen, die ich entweder nicht kannte oder nicht mochte. Aber Pflichtgefühl wurde in unserer Familie großgeschrieben. Dass Julius davon nichts zu halten schien, machte ihn noch sympathischer.
„Hören Sie, ich bin seit über zwei Stunden unterwegs, meine Füße sind nass und ich wünsche mir eine Tasse Tee, meinetwegen auch heißes Wasser.“
„Das ist wenigstens ein Grund“, sagte er. „Kommen Sie rein.“
Ich durfte mich in die Küche auf die Bank setzen. Zum Glück war die Heizung dahinter. Julius Anwander braute mir eine Tasse Tee von merkwürdig grauer Farbe. Dann setzte er sich mir gegenüber und stellte mir eine Sanduhr vor die Nase. Sie war nicht viel größer als eine Eieruhr.
„So“, sagte er. „Wenn die abgelaufen ist, gehen Sie wieder.“
Das verschlug mir die Sprache, was nicht oft vorkommt.
Aber der Sand rieselte, und Julius meinte, was er sagte. Ich zweifelte nicht daran.
„Machen Sie das immer so? Auch mit Ihren Freunden?“ fragte ich empört.
„Mit allen“, versicherte er.
„Sie wissen ja noch nicht mal, was ich von Ihnen will.“
„Nein. Ich warte immer noch darauf, dass Sie es mir sagen.“
Eins zu Null für ihn. Ich schlürfte meinen Tee und überlegte.
„Ich habe Ihre Bücher gelesen. Eigentlich wollte ich danach Arktisforscherin werden“, erzählte ich.
„Was hindert Sie daran?“
So ein Mist. Auf Umwegen ging es nicht. Er war von der direkten Sorte.
„Warum geben Sie keine Interviews?“ platzte ich heraus.
„Warum sagen Sie nicht, dass Sie eines wollen?“
„Also gut. Mein Chef setzt mich unter Druck. Ich jobbe bei unserer Lokalzeitung.“
Julius zeigte auf die Sanduhr. Die letzten Körner fielen gerade auf den kleinen Hügel am Boden. „Ihre Zeit ist um“, sagte er. „Und Sie sehen nicht wirklich aus wie jemand, der sich von einem Chef unter Druck setzen lässt.“
Ich lehnte mich nach vorn. Meine Füße froren immer noch, und ich war müde und erbost. Dafür hatte ich nun karierte Wände und einen stundenlangen Fußmarsch ertragen. „Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, dass mich Ihre Bücher tatsächlich beeindruckt haben? Dass ich es toll fand, mit Julius Anwander verwandt zu sein und mich gefragt habe, warum seine Familie ihn nicht kennt? Dass ich wirklich gerne wüsste, wer Sie sind und warum Sie sich zurückgezogen haben?“

Aus: „Zitronenluft“ :
…Trotz der steifen Brise und der Kapuze über ihren Ohren hörte Ella Berger plötzlich ein Getöse, ein Poltern und einen erschrockenen Ausruf. Die Geräusche kamen aus dem Garten, an dem sie gerade vorbeigelaufen war. Sie zögerte, dann kehrte sie um, lehnte sich über die verwitterte Holzpforte und rief „Hallo? Alles in Ordnung?“
Sicher war sie sich nicht, aber sie glaubte, im Wind einen Hilferuf zu hören….Zu Ellas Rechten kuschelten sich steile Gärten hinter den Deich. Reetgedeckte Häuser saßen darin wie in einem Nest. Die Gärten waren sandig und karg; es gab nicht viel nahrhafte Erde hier, und die meisten Gartenblumen waren zu zart, um dem Wind zu trotzen. Nur ein paar späte Narzissen kämpften in einigen Kuhlen darum, aufrecht zu bleiben.
Dass es Frühling war, sah man ansonsten fast nur an der Farbe des Himmels und den zarten Blättern einiger weniger verfrorener Birken, die sich hier und da in windgeschützten Ecken ans Leben klammerten. Es gab sonst kaum Bäume auf der Insel, nur einige in die Dünentäler geduckte Kiefern.
Als sie sich jetzt auf der Suche nach dem Hilferufenden über das fremde Tor beugte, konnte sie nichts sehen, denn der Garten fiel besonders steil ab, und links und rechts duckten sich Kiefern. Kurz entschlossen drückte sie die Klinke. Es war nicht verschlossen. Etwas mühsam stieg sie die Düne herab und sah sich staunend um. Der Abhang war sandig gewesen wie die gewohnte Insellandschaft, aber hier unten war alles anders. Der Boden bestand aus fruchtbarer schwarzer Erde, es gab ein Stück wirklichen weichen, dichten Rasens und drei runde Beete, die sich in den Schutz der Düne schmiegten und dicht gefüllt waren mit zarten weißen und blauen Glockenblumen, violettem Fingerhut, Purpurglöckchen und anderen Blumen, die sie hier nie vermutet hätte.
An die Hauswand lehnte sich eine Art Gewächshaus, eher ein Schuppen, und von dort kamen die Geräusche. Die Tür war angelehnt. Ella stapfte in ihren Gummistiefeln hin und klopfte. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Jawohl bitte“, kam eine Basstimme von drinnen.
Ella stieß die Tür auf und fiel fast über ein paar große nackte Füße. Zu den Füßen gehörte ein ziemlich stattlicher Mann, der auf dem Rücken lag, offensichtlich umgeworfen und festgeklemmt von einem Baum in einem blauen Kübel…

fuessecover1

Aus: „Himmel auf Abwegen“
…„Wenn Sie beide nichts ändern, wird ganz sicher nichts mehr zu retten sein“, sagte Robin streng. „Ich sitze auch nicht da und überlege, ob der alte Projektor nicht auf den Schrott gehört. Ich fummele daran herum, bis er wieder geht. Das ist auch nicht immer einfach. Aber für einen Neuen ist kein Geld da, ebenso wie man sich nicht einfach ein neues Leben kaufen kann. Bis jetzt habe ich die Sterne noch immer wieder in Gang bekommen.“
Viktoria dachte nach. „Schon“, sagte sie. „Aber den Lauf der Sterne können Sie auch nicht ändern. Die sind da, wo sie eben sind. Die Milchstraße führt dahin, wo sie immer hingeführt hat. Die Planeten müssen auf ihrer vorgeschriebenen Bahn bleiben. Ich glaube nicht, dass das Ende unserer Ehe noch abzuwenden ist. Sternschnuppen stürzen ab, verglühen. Wir sind schon viel zu dicht über dem Horizont.“
„Schade“, sagte Robin. „Da kann ich dann wohl auch nichts machen. Schön, dass die Sterne Ihnen wenigstens jeden Abend ein bisschen Trost bieten. Kommen Sie ruhig weiterhin, man kann nie wissen.“
Er stand auf. „So, nun muss ich aber nach Hause. Nicht, dass mein Gummiboot auch noch ein Leck bekommt.“ Er schaltete den Projektor ab, drehte sorgfältig die Lichter aus, und ließ Viktoria draußen auf dem Bürgersteig mit ihrer Traurigkeit und dem Frühlingsabend allein.
Er wäre nicht Robin gewesen, wenn er so schnell aufgegeben hätte. Das musste sie ja nicht gleich wissen. Heute noch nicht.
Aber morgen.
Am nächsten Abend war Viktoria wieder da. Robin riss ihre Eintrittskarte ab und sagte freundlich guten Abend. Sie sah ihn ein wenig unsicher an. Er lächelte ihr unverbindlich zu und sagte „Der Nächste, bitte.“ Seine Erleichterung ließ er sich nicht anmerken. Er hatte ernsthaft befürchtet, sie verscheucht zu haben.
Der Saal blieb an diesem Abend ziemlich leer. Der honigduftende weiche Frühling draußen war einfach zu schön. Die wenigen Gäste jedoch, die anwesend waren, hatten allen Grund, zu staunen.
Der diensthabende Professor auch. Nach den ersten drei Minuten verschlug es ihm schlichtweg die Sprache, was noch nie vorgekommen war…

Aus: Jojo
….Opa Gerhard staunte darüber, was Jojo alles fand. Er selbst hätte das meiste davon nie bemerkt. Es war erst Ende März, ein kalter März obendrein, und Jojo hatte sage und schreibe die offenen Blüten dreiundzwanzig verschiedener Blumen gefunden.
Bei den schönsten Wundern sprang Jojo vor Freude auf und ab wie ein Gummiball, wenn er sie entdeckte. Andere hielt er eine Ewigkeit in der Hand und betrachtete sie mit großen Augen.
Wenn sie damit fertig waren, die Namen zu suchen und die Dinge zu zählen, machte Opa Gerhard ein Foto. Die Fotos klebte er später in ein Heft, das er „Jojos Tagebuch“ nannte. Dann legte Opa Gerhard die Blüten in eine Wasserschale und stellte sie auf den Wohnzimmertisch, und den Rest füllte Jojo in den Käfer und brachte ihn auf den Komposthaufen.
Am nächsten Tag ging alles von vorne los.
Ein paar Mal wollte Opa Gerhard für Abwechslung sorgen. Er schenkte Jojo Murmeln und zeigte ihm, wie man in der Sandkiste Murmelbahnen baut. Dann versuchte er es mit Matchbox-Autos. Dann mit Sandförmchen.
Doch Jojo nahm die Murmeln, die Autos und die Förmchen, befühlte sie, buddelte mit viel Entschiedenheit ein Loch unter dem Haselnussstrauch und begrub alles darin.
„Naja“, brummte Opa Gerhard, „irgendwie hast Du ja recht. Alles totes Zeug, und Tote werden begraben.“…

fuessecover2

Das Buch ist auch ein schönes Frühlingsgeschenk. Statt Blumenstrauß oder Pralinen. Es macht nicht dick und verwelkt nicht, erwärmt aber die Seele und heitert auf, so wie der Himmel in diesen Tagen.

%d Bloggern gefällt das: