Hafenträume/Marina Dreams

Hafenträume/Marina Dreams

Hier würde ich jetzt gern sitzen und mein Manuskript korrekturlesen – am Hafen von Kühlungsborn. Warum faszinieren Häfen so? Weil dort so vieler Menschen Träume ein-und auslaufen, vorüberziehen, Segel setzen, vom Wind getragen werden heimkommen, ankommen, ankern?

This is where I would like to sit now, while correcting my manuscript. The marina at Kuehlungsborn, Germany, Baltic Sea. What is it that makes ports and marinas so fascinating? Is it because so many people’s dreams come and go there, pass by, set sails, are carried by the wind, come home, arrive, anchor there?

Aufbruch

Während mein bester Freund auf dem Jakobsweg unterwegs ist, packen wir für unsere zwei Wochen an der Ostsee. Für uns ist eine solche Reise aufgrund von Peters Behinderung auch ein Jakobsweg, eine Herausforderung über viele Hindernisse und Überwindung hin zu uns selbst. Diesmal haben wir zum ersten Mal eine Ferienwohnung gemietet statt in einer Kurklinik unterzukommen. Das heißt, wir sind ganz auf uns allein gestellt. Kein Klingelknopf, wenn wir Hilfe brauchen weil etwas nicht klappt: wenn ich es nicht schaffe, Peter aus dem Bett zu holen, weil der Rollstuhl wegrutscht oder er die Balance verliert. Oder etwas Unvorhersehbares eintritt. Kein vertrauter Technikdienst wenn die Beatmungsmaschine versagt oder der Elektrorolli. Es erfordert eine ganze Menge Mut. Aber wir waren die letzte zwei Jahre schon nicht weg. Und Peter freut sich wahnsinnig auf die Reise. Also Augen zu und durch, wir schaffen das! Freitag geht es los und ich kann nur hoffen, dass es keinen großen Stau gibt, das wird zu anstrengend für Peter.-

Heute kommt noch der Gutachter, der entscheidet, ob Peter den nötigen neuen Elektrorolli bekommt. Dass das jemand entscheiden muss ist gut und richtig, ich sehe ja, wieviel Mißbrauch mit Elektrorollstühlen getrieben wird. Dennoch ist es immer entwürdigend, wenn man begutachtet wird und um Lebensnotwendiges betteln muss. Aber auch das werden wir hinbekommen…

Schneeträume

Hier schweben traumleichte Flöckchen vom Berliner Himmel, vereinzelt, trotz der Kälte bleibt wenig liegen. Die Webcams zeigen mir meine Lieblingslandschaften, den Strand in Ahrenshoop an der Ostsee

schon recht winterweiß

und den Amrumer Strand, das Watt, meine seelische Heimat,
auch schon winterlich bezuckert:

Wunderbar wild und einsam ist es dort jetzt, es duftet nach Frost auf dem Meer und der Wind erzählt von Sturm und Salz. Jede Menge Platz für Gedanken und weite Wanderungen ist da und lebendiggebliebene Erinnerungen treiben zusammen mit dem Sand über die Dünen und das Watt während ein gelegentlicher Sonnenstrahl die Priele aufblitzen lässt. Im Watt bilden sich im Spiel von Ebbe und Flut wundersame zarte, zerbrechliche Litzen aus Eis, von ewiger Vergänglichkeit, vergänglicher Ewigkeit, aus Staunen und Tränen und Naturgewalten. Jeden Tag, jeden Moment fällt das Licht verblüffend anders in einer großartigen, tonlosen, berauschenden Musik, schlagen neue Farben Bogen zwischen Tag und Nacht, Anfang und Ende, schimmern zitternde Spiegel bei jedem Schritt am Flutsaum und darüber hinaus.
Gern wäre ich da jetzt… gerade jetzt, in der dunkelsten, kältesten Zeit schmerzt das Heimweh nach jener Landschaft am meisten.
Doch es ist fünfzehn Jahre her seit ich das letzte Mal dort war; sie ist so fern wie der Mond, denn Peter ist so weit nicht reisefähig, und ihn alleinlassen, das kommt nicht in Frage. Macht nichts: Die Landschaft ist in mir, und wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt, trägt er ihren Geruch, ihre Farben, ihren Geschmack und ihre Töne, ihre Stimme und ihre Botschaft.
Von dieser Landschaft erzählt übrigens meine Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ in dem Buch „Weihnachtsgeschichten.“

Ostseegrüße

Heute zogen die Kraniche übers Haus, in ordentlicher Formation pfeilgerade Richtung Süden. Wir hören so gern ihre Rufe, sie sind für uns jedesmal ein Gruß von der See, unserer zweiten Heimat. Sie kommen aller Wahrscheinlichkeit nach von den Boddenwiesen, um Zingst herum, wo sie sich im Herbst sammeln zum großen Flug. Auch wir sind dort fast jedes Jahr. An der See finde ich die meisten Geschichten und die besten, an der See ist meine Seele zuhause und mein Denken, auch wenn ich mein Leben in Berlin verbringe.
Wenn die Kraniche nach Süden fliegen wecken sie keine Sehnsucht in mir, doch wenn sie zurückkehren, bekomme ich Heimweh und würde sie gerne begleiten.
Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben, dort auf dem Fischland. Den Anfang habe ich jetzt als Titel für mein Blog entwendet:

Fischland-Darß

Alles voller Himmel
der Wind trägt Deine Töne
die Wellen fließen uns
kühl in die Morgen

Kiefern klammern Ausrufezeichen
schräg auf fallende Dünen
hissen weiße Möwenflaggen
bleiben zum Trotz aufrecht
Dünengras zeichnet helle Wege

Wurzeln treiben wie Flaschenpost
vom Leben gefüllt
Tang schlingt Schriftzeichen
auf den Rand der Welt

Ich steige barfuß
auf nasse Wortinseln
vielleicht sind sie bewohnbar
sobald ich sie lesen kann

Der still gewordene Horizont
schmeckt nach Algen
riecht nach Salz und oben
mit den Wolkenquallen ziehen
Flammfarben über die Schaumkronen

Verlorene Schemtterlinge am Flutsaum
Sanddornbeeren zwischen Muscheln
Kranichfedern schreiben Ahnung
neuer Tage und Versprechen

alles voller Himmel

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