Eine Frage der Definition

„Was für ein Sch…wetter“, schimpft der Nachbar.
„Was für ein Sch…wetter!“ schimpft der Briefträger.
Ganz genau: Was für ein wunderbares SchREIBwetter!
Kalt, windig, patschnass. Da gibt es keinen besseren Platz als den Schreibtisch. Mir gefällt’s!

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Erde in den Händen

Diesen Vergißmeinichtbrunnen widme ich allen, die wie ich zur Zeit mit Freude in der Frühlingserde wühlen, und sei es nur in einem Blumentopf. Das habe ich heute den ganzen Tag getan, bei herrlicher Sonne, und nun fällt gerade ein sanfter Schauer und läßt den Boden nach Leben, Erinnerungen und Träumen duften.

Frische Blumen, frisches Buch

So ein sanfter Frühlingsregen mit dem Funkeln und dem Duft, den er weckt, ist etwas Wunderbares. Jedesmal wenn ich den Garten betrete ist eine neue Blüte aus dem Nichts auferstanden, getauft und gekrönt von Tropfenperlen.

Seltsam ist, dass die Amseln neuerdings um Mitternacht singen, bis um ein Uhr früh, die ganze Geisterstunde durch. Ich las aber irgendwo, dass Stadtamseln das nun so machen. Zur Nachtigall werden sie dadurch nicht. Aber ich mag es, ihnen zu lauschen, auch wenn sie meinen Rythmus stören. Es fühlt sich falsch an, klingt aber schön. Im Gegensatz zu Gedichten. Wenn die sich falsch anfühlen, klingen sie meist auch nicht schön.-
Die ersten Hummeln und Bienen habe ich nun auch gesichtet, aber da mir offenbar Ronalds Gabe zum Insektenflüsterer fehlt, waren sie kamerascheu. Gut, dass Blumen erst als Samen Flügel haben.

So frisch wie die Blüten ist das Romanmanuskript, das vor mir liegt. Fertig. So fertig, wie ein Manuskript eben ist, wenn man den Epilog gerade erst geschrieben hat. Da gibt es noch viel zu feilen und zu basteln, vom Korrigieren ganz zu schweigen. Aber es ist geschrieben und ausgedruckt, von Seite 1 bis 161, rechtzeitig für meinen Mann zum Geburtstag. Ich löse damit ein altes Versprechen ihm und mir gegenüber ein, das mir schon lange heftig auf der Seele lag. Man weiß nie, wann es zu spät ist. Lange habe ich es aufgeschoben, weil ich Angst davor hatte: es ist eine persönliche Geschichte, in die ich mich zurückversetzen musste, auch in die dunklen Stunden.
Nun ist es ein gutes, seltsames Gefühl. Um mich nicht zu verloren zu fühlen, habe ich mit dem nächsten Roman begonnen. Bei dem kann ich mir Zeit lassen. Aber ich freue mich darauf, und im Kopf ist die Geschichte auch schon fertig, die Menschen lebendig.
Der fertige Roman darf derweil ein wenig abkühlen, ehe ich mich ans Überarbeiten setze. Ich bin gespannt ob er eines Tages auch in den Köpfen einiger Leser ein paar schöne Blüten treibt…

Der Himmel ist gut wie er ist

Silberblau steigt vor dem Küchenfenster der Morgen über den Horizont. Der Himmel ist kristallklar und noch höher als sonst. Gänse ziehen Richtung Süden, eine pfeilförmig geordnete Gruppe nach der anderen. Sie erzählen von kommender Kälte – genau wie der Wetterbericht. Darum bringe ich nachmittags die Kübelpflanzen in den Schuppen. Bis jetzt haben sie alle noch geblüht, die Engelstrompete und der Hibiskus und die Malve und ungefähr vierzehn andere. Die Tomaten und Erdbeeren trugen noch eine letzte Frucht und die Zitronen und Mandarinen sind alle reif geworden, in einem kleinen Garten in Berlin im November.
Inzwischen aber ist der Himmel tief und grau, ein frischer Wind jagt dichte Wolken und ein paar Möwen vor sich her. Die Möwen sind ein lieber Gruß von der See, auch wenn diese nur vom Seggeluchbecken im Märkischen Viertel stammen.

Ein grauer Himmel kann so schön sein

Der Nachbar steht im Garten und jammert. „Was für ein olles Wetter“, beschwert er sich, „und es ist zu kalt und die Tage sind zu kurz.“ Zu kurz wofür denn? Sie haben immer noch vierundzwanzig Stunden, die man mit Leben füllen kann. Und er geht auch im Sommer nicht zwölf Stunden spazieren. Auch die Verwandten jammern über die Novemberstimmung und den grauen Himmel. Sie wären lieber in Thailand, in Afrika, auf Gran Canaria. Als gäbe es den Himmel nur dort, als wäre unserer verschwunden, nur weil er nicht mehr blau ist! Das Schöne am Himmel ist, dass man ihn überall und immer trifft – und siehe da, nicht nur im Rest der Welt, sondern auch genau hier. Ich streite mich spielerisch mit dem Wind um die gefallenen Blätter, die goldenen Himmelskonfetti, die ich in die Laubsäcke zu stopfen versuche, und bin glücklich. Ich mag auch den grauen Himmel, ich lese doch auch nicht immer nur dasselbe Buch. Und ich wende mich auch von keinem Freund ab, nur weil er mal finster dreinschaut!

Ein grauer Himmel ist nie nur grau

Der graue Himmel erzählt von Sturm, der frische, saubere Luft in die Stadt und neue Gedanken ins Hirn bläst, von Schneespaziergängen und gemütlichen Winterabenden voller Kerzenlicht und Zweisamkeit. Dass wir noch zusammen sein können, Peter und ich, und all das erleben dürfen – was brauchen wir dafür blauen Himmel? Wir wollen jede Sorte Himmel in unserem Leben, keinen davon versäumen! Der Himmel ist gut so, wie er ist. Was müssen wir in andere Länder, wenn doch dieses Stückchen Erde hier jeden Tag anders aussieht, riecht, schmeckt, spricht? Trotz Peters Rollstuhl und Beatmungsgerät, trotz ungewisser Zukunft sind wir, scheint mir, gesünder als diejenigen, die ständig unter Fernweh leiden. Jeder Tag ist vom Schicksal nur geliehen – es kommt uns nicht in die Tüte, einen davon ungenutzt zurückzugeben, nur weil der Himmel grau ist.
Die dahinjagenden schwarzgrauen Wolken erzählen mir auch von lange verstorbenen Freunden. Da war jene alte Dame, die aus Russland stammte und mir mit fast hundert Jahren erzählte, wie sie bei solchem Himmel als langhaariges Kind auf der zugefrorenen Newa Pferdeschlittenfahrten genoss. Wenn sie sprach, sah man die schweren Wolken mit den Pferden um die Wette jagen, hörte man die Schlittenglocken, das Stöhnen des Eises unter den Hufen und das Lachen eines Mädchens aus einer anderen Zeit. Sie schrieb immer noch wunderbare Gedichte darüber und hatte Augen und ein Lächeln, dass ich nie vergessen werde, weil es bewies, dass man auch mit hundert nicht alt sein muss.
Ich denke auch an einen toten Freund, der mein Leben geprägt hat und der mich just an einem solch grauen Novembertag anrief und fand, es wäre genau der richtige Tag um eine Dampferfahrt und ein Picknick zu machen, was sich als wahr erwies. Ihm habe ich in meiner Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ (in: “Weihnachtsgeschichten“) ein Denkmal gesetzt, eine Geschichte, die es ohne Winterhimmel nie gegeben hätte. Auch viele andere Geschichten der Autoren in diesem Buch kommen nicht ohne Winterwetter aus. Und in „Weihnachtsgeschichten Band 3“ gibt es sogar eine Geschichte, die erklärt, warum Regen an Weihnachten viel wunderbarer sein kann als Schnee. Diese Geschichten können aber manch dunklen Vorweihnachtstag heller machen für diejenigen, die sich mit einem grauen Himmel beim besten Willen nicht anfreunden können. Wer die Tage zu kurz findet, kann sich über lange Abende freuen – zum Beispiel zum Lesen.
Mein Garten sieht nun kahler aus ohne die Zitronenbäume und Blätterhaufen, aber dafür hat der Himmel mehr Platz: aus dem Fenster ist freiere Sicht. Davor steht eine Solarlaterne, in deren Licht bald die Schneeflocken tanzen werden.
Außerdem blühen ungeniert der Winterjasmin und der duftende Schneeball, und auch die Zaubernuss wird sich bald öffnen. Wenn die Vorübergehenden den Winterjasmin blühen sehen, halten sie ihn für eine Forsythie und denken, ich hätte irgendwie gemogelt. Die meisten halten es einfach nicht für möglich, dass es hierzulande Blumen gibt, die auch bei Frost und Schnee völlig unbeirrt Blüten tragen. Ja, das Gelb des Winterjasmins läuft vor dem grauen Himmel erst zu richtig großer Form auf. Warum diese Pflanzen zu dieser Zeit blühen, habe ich in meiner Geschichte „Der heilige Strohsack“ (in „Der Weihnachtswind“) erzählt. Schuld ist nämlich ein ganz normaler, armer kleiner Junge der zur Zeit Christi Geburt hoch oben im Norden lebte…

Winterjasmin

Jetzt regnet es, und das freut mich, denn der Boden ist trocken, die Erde durstig, und wenn der Frost kommt, ist das nicht gut für sie Wurzeln. Außerdem füllt der Regen den Teich, so dass die Fische sicher sind und auch eine Eisschicht überleben können. Ich hätte das sonst mit dem Schlauch machen müssen, aber der Himmel ist so zuvorkommend und tut es von selbst. Jetzt ein schöner Regen, und wenn der Himmel dann sein Versprechen hält und es in ein paar Tagen schneit, dann gehen wir spazieren und Peter malt mit den Rollstuhlrädern fröhliche Kringelspuren, die verkünden: Der Himmel ist gut so, wie er ist.
——–

Bananenromantik

Ach ja, die Zeitumstellung! Ich finde die Sommerzeit eine prima Sache; ich mag die langen hellen Abende. Da ich sieben Tage die Woche früh aufstehen muß, habe ich mich aber gestern auch über die geschenkte Stunde gefreut. Meine innere Uhr dachte hingegen anders und warf mich zur gewohnten Zeit aus dem Bett. Ich hatte nicht wirklich etwas dagegen, denn ich liebe diese Stunde vor dem Tag, allein mit mir und meiner Riesentasse Tee und der Dämmerung, die vor dem Fenster aus dem Dunkel schleicht. Ich fische Ruhe und Ideen für Geschichten, Spuren von Gedichten oder Limericks aus dieser Dämmerung. Der allererste Lichtschein läßt die Zitronen und Mandarinen vor dem Fenster aufleuchten. Bald muß ich sie in den Schuppen mit dem durchsichtigen Dach bringen, in dem sie überwintern. Aber noch sind sie ein Echo von Tropenträumen.

Da wir in der Stadt wohnen, gibt es keinen wirklichen Horizont, über den der Tag heraufsteigen könnte. Aber im freundlichen Schutz der Dämmerung leihe ich mir einen aus, das Garagendach von Gegenüber zum Beispiel, und stelle mir vor, er sähe so aus:

Oder so:

und dann würde ich, wenn der Tee alle ist, das hier machen:

Aber da ich in Berlin bin, rufen die ersten Pflichten und ich lasse den Morgen erst mal allein. Aber ein wenig später mache ich uns ein Tablett, und dann gehen wir draußen frühstücken, Peter und ich, auch jetzt noch, bei sechs Grad, auch wenn uns die Nachbarn für „beklopft“ halten, wie meine Oma zu sagen pflegte. Peter bekommt eine Decke, damit er und auch der Motor vom Rollstuhl nicht frieren, und ich einen kuscheligen Pullover, und dann essen wir Toast und Ei unter dem Bananenbaum.

Das ist eine Freilandbanane. Beim ersten Frost ist sie Matsch. Dann schneidet man sie auf einen halben Meter herunter und deckt den unansehnlichen Stumpf mit einem Haufen Laub und einem Sack zu. Wenn ich sie im Frühling davon befreie, ist eigentlich nur braunes, glitschiges Zeugs übrig. Doch im Mai, wenn ich nicht mehr daran glaube, dann schießen die Blätter Richtung Himmel, jedes größer als das andere. Von Juni bis August braucht sie für jedes Riesenblatt ungefähr eine Woche. Für mich ist sie wie ein Beweis, dass immer dann etwas Tolles entsteht, wenn man nicht mehr daran glaubt. Und dafür, dass man seine Tropenträume zur Not auch in einen Berliner Oktober versetzen kann.
Aus diesen Blättern könnte man auch ein prima Halloween Kostüm machen. Die sind groß genug um ein Kind damit zu bekleiden, auf jeden Fall groß genug um einen Blattrock zu gestalten, und sie halten auch ohne Wasser lange.
Wenn wir an diesem Platz frühstücken können, fängt der Tag gut an. Und wir tun es auch wie heute bei Regen, denn da gibt es neben der Banane noch ein Dach, unter dem wir sitzen können. Die Tropfen machen Musik auf den Bananenblättern und wir sind glücklich, denn wir haben uns, und den Garten.

Heute hat der Tag nicht nur gut angefangen sondern hört auch gut auf. Ich habe die erste unabhängige Meinung zu meinem Buch „Die Füße der Sterne“ bekommen. Eine Leserin von BookCrossing schrieb: „Kurzgeschichten, wie ich sie mir schöner nicht wünschen kann.“
Nachzulesen hier. Ich bin gerührt. Sie vergab 10 von 10 möglichen Sternen. Das macht mir Mut, auch wenn es schwer ist und bleiben wird, Bücher zu verkaufen. Die Geschichten haben jemandem Freude gemacht. So soll es sein.

Wenn die Banane übrigens schließlich Winterschlaf macht und der erste Schnee kommt, werde ich meinen Wunschzettel für Weihnachten schon mal rauslegen. Damit alles so bleibt und wir nächstes Jahr wieder unter dem Bananenbaum frühstücken können. Zusammen.

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