Kennt Ihr Kalle?

Leseprobe aus „Die eine, große Geschichte“.

….
Der Himmel berührte tatsächlich an den Rändern nicht mehr die Erde. Er schwebte auf einem Ring aus Licht. „Horizont, Kalle, das ist der Horizont“, mahnte er sich. Auch wenn er nie am Meer gewesen war, gehört hatte er einiges, da kam man nicht drum herum als Sohn eines Pädagogen, der auch nach dem Zähneputzen und vor dem Frühstück Lehrer war.
Der Ring aus Licht war unten aprikosenfarben, darauf lag schmales Grün, und dann kam Blau bis zum Rand der tiefhängenden Wolken. Aber nicht nur ein Blau. Kalle senkte den Blick vor diesem gewaltigen Chor aus Blau und schrieb das Wort in sein Notizbuch. „Blau!“ Er würde dann schon wissen, was er gemeint hatte. Das Ausrufezeichen würde seine Erinnerung bewachen. Blau gehörte auf jeden Fall in die eine, große Geschichte, die er in diesem Moment ganz um sich herum spürte. Das klang nicht nach viel, aber es war ein neues, großes Blau, das nicht das Geringste mit dem Blau der Trikots von seinem Verein Hertha BSC zu tun hatte oder Annelieses engen Jeanswesten.
Er war froh über das vertraute Wolkengrau, das einen Deckel auf das Blau legte und dessen Regen den Staub der zurückgelassenen Stadt zusammen mit dem kleinen Erschrecken von seinem Gesicht wischte.
Erst zaghaft, dann mutiger lief er die Mole bis zum Ende. Niemand außer ihm war mehr hier, die anderen Touristen waren umgekehrt oder gleich zwischen Cappuccino und Torte in den Cafés hängengeblieben.
Am Ende stand ein Leuchtturm, grün, und in der Ferne entdeckte er einen zweiten, roten. Zwillingswächter an einem Tor zur Welt, zur Ferne, zum Blau. Dazwischen fuhren Schiffe, riesige Fähren, kleine Segelschiffe, ein Motorboot der Polizei auf Schaumkronen. Kalle lehnte sich an den Leuchtturm, ihm war schwindelig von dieser bewegten Weite. Sie löschte für den Augenblick die Straßen der Stadt, die Menschenmengen, den Benzingeruch, alles Vertraute aus ihm und den Boden unter seinen Füßen.
Er vergaß die Zeit; hier war sie überflüssig. Als er müde wurde, setzte er sich auf den äußersten der Felsen, die um das Ende der Mole aufgeschüttet waren, um die Gewalt der Wellen zu brechen.
Ein weißes, klobiges Schiff fuhr aus dem Hafen, so dicht an der Mole und an Kalle vorbei, dass er es fast hätte berühren können. Menschen lehnten an der Reling, manche sahen nach vorn, andere zurück, einige winkten. Kalles Blick traf einen anderen, einen aus grauen Augen unter entschiedenen Brauen. Dazu gehörte ein Lächeln, dessen Mundwinkel sich leicht nach unten bogen und das dadurch umso heller wirkte. Der Blick einer Frau mit schulterlangen dunklen Haaren, in denen der Fahrtwind eine Extraschleife drehte, einer zierlichen Frau in taubenblauer Jacke und weißen Hosen. Sie gehörte nicht zu denen, die winkten. Sie warf ihren Blick wie ein Tau über die Armlänge Meer, und er machte sich mit einem doppelten Knoten in Kalles Erinnerung fest….

Neuer Roman – Abenteuer für 99 Cent

Neuer Roman – Abenteuer für 99 Cent


Wer hat nicht schon mal daran gedacht, spontan zu kündigen und alles hinter sich zu lassen? Aber wer macht das schon?
Kalle macht es.
Kalle Brennicke ist Busfahrer in der Großstadt. Wie viele andere hat er schon als kleiner Junge davon geträumt. Gegen den Willen seines Vaters hat er diesen Traum wahr gemacht. Bis zu jenem Tag, als ein Fahrgast etwas verliert, das für andere nur Müll ist. Kalle aber kann von diesem Moment an nicht mehr weiterfahren. Bei ihm löst es eine Erinnerung aus – und eine Hoffnung. Er denkt an einen Tag, als er mit Susanna auf einer Wiese saß. An das verlorene Gefühl von damals, als er jung und alles möglich war. Und weiß in diesem Moment, dass sein alter Traum zu Ende ist. Sein Chef und Anneliese vermuten ein Burnout, aber Kalle sieht das anders. Genau genommen hat er sogar drei gute Gründe, um alles hinzuschmeißen und sich auf den Weg und eine Suche zu machen, nicht nur nach dem Anfang eines neuen Traumes. Da ist auch noch seine Nebenbeschäftigung, die er niemandem verraten hat, weil ihn seine Kollegen auslachen würden …

Teil 1 umfasst Kapitel 1 – 9, ca. 50 Buchseiten

Wunsch auf den Weg

Jakobsweg
Für Hansjörg

Mal fern der kantig scharfen Alltagshektik
Geduld und Kraft mit ausgefransten Rändern
des vollen Tags und volleren Kalendern,
auch aller wirklich schlauen Dialektik

wünsch ich dir nunmehr heitre, gute Stunden,
die ziehn an heilig seelentiefen Orten
ganz leis vorbei, weitab von allen Worten,
wo sich Momente unvergesslich runden.

Und mit dir wandern die Gedanken derer,
die liebend dir verbunden; es begleiten
dich lachend Freunde aus den alten Zeiten
wie auch Erinnerung an gute Lehrer.

Hier ausnahmsweise mögest du nicht eilen,
auf weisem Weg die vielen Schritte spüren
die dich zu dir und deinem Leben führen,
in Andacht wie zur Heilung still verweilen.

So finde Bänke, die zum Ruhen laden,
sieh Licht auf sonnenheißen Kirchenziegeln,
find Pfützen, die den ganzen Himmel spiegeln,
dann abends Muße mit den Kameraden.

Wenn mal am Horizont Gewitter flimmern
auf diesem schönen ganz besondren Gang
ein schwerer Kilometer wird dir lang
mag klar ein stärkend Segen für dich schimmern.

Und wird die Welt auch später wieder schnell,
so atme jetzt den Regenduft der Erde,
und bleibe häufig sinnend stehn und werde
allein in dir umfassend leicht und hell.

© Patricia Koelle

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