Der Baum ist wieder gerollt

Mein Liebster hat den Weihnachtsbaum geholt. Mit dem Rolli nach Hause gebracht, wie es sein soll, damit die Geschichte wieder stimmt:

„Leseprobe aus „Der Weihnachtswind
Der Rollbaum

Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.
Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum deswegen jedes Jahr ein Stückchen höher.
Der Elektromotor vom Rollstuhl brummt, als hätte sich eine Hummel aus dem Sommer verirrt, und unter den Reifen knirscht der Schnee. An den Bordsteinkanten muss Johannes vorsichtig sein und rückwärts fahren, sonst kippt der Stuhl um. Manchmal muss er auch Umwege fahren. Aber egal, wie lang es dauert, Johannes kommt an. Der Baumverkäufer freut sich schon, wenn er ihn von weitem sieht…“

Der Baumverkäufer allerdings war schon im letzten Jahr pleite. Jetzt müssen wir den Baum aus dem Baumarkt holen, wo er zwar deutlich billiger ist, man aber nicht bedient wird, und die Auswahl ist sehr bescheiden. Daher haben wir das heute gemacht, solange noch was da ist und das Wetter so warm und trocken. Meine bessere Hälfte hat natürlich wieder auf den ersten Blick in dem Chaos dort den einzigen passenden und schönsten Baum geortet. Und die Rollibatterie hat die Last auch verkraftet, obwohl wir die steile Auffahrt hinauf mußten und bestimmt wieder ein Bild für Götter abgegeben haben.
Nun, Weihnachten kann kommen!

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Weihnachtsmarkt mit Hindernissen

Gestern waren wir auf unserem kleinen Weihnachtsmarkt im Märkischen Viertel.
Andere Leute ziehen sich eine Jacke an und gehen los. Wenn man einen Liebsten im Rollstuhl hat, der den Großteil des Tages auf eine Beatmungsmaschine angewiesen ist, sieht das etwas anders aus. Die Maschine lassen wir zu Hause, aber:
Wir müssen 14 Tage vorher den Telebus buchen. Das heißt, wir hoffen einfach, dass zwei Wochen später das Wetter gut ist. Denn bei Temperaturen unter sechs Grad spinnt der Rollstuhl. Regen verträgt die Elektronik auch nur bedingt, außerdem kann ich Peter, wenn er nass wird, nicht einfach umziehen. Die Zeit können wir auch nicht einfach wählen, die bestimmt der Bus mit.
Am Tag vor der Fahrt muss der Akku des Rollis aufgeladen werden, desgleichen der von der mobilen Absaugpumpe für die Lunge. Peter muss sich ausruhen, gleichzeitig aber seine Arbeit schaffen.
Einpacken muss ich außerdem Zubehör wie sterile Handschuhe und Absaugkatheter für die Lunge, Ersatzröhrchen für die Kanüle, die Peter seit dem Luftröhrenschnitt im Hals trägt, Sprechaufsätze und diverses andere.
Vor der Fahrt müssen wir durch Inhalieren etc. die Lunge richtig frei kriegen.
Jacke anziehen und Gurt um ist auch nicht so leicht für einen Muskelkranken, der nicht aufstehen und auch im Sitzen kaum Gleichgewicht halten kann.
Dann müssen wir die Telebusfahrer bestechen, damit sie langsam fahren, denn jedes Schlagloch – und Berlins Straßen bestehen fast ausschließlich aus Schlaglöchern – ist eine Qual und Gefahr für einen Muskelkranken, der keine Erschütterung durch Muskelspannung ausgleichen kann.
Auf dem Weihnachtsmarkt ist soviel Publikumsverkehr, dass ich nicht immer neben Peter gehen kann, muß ich aber, weil er allein nicht mehr die Kraft hat, den Rollihebel zu bedienen, ich muß seinen Arm ein wenig unterstützen.
Da er den Kopf nicht allein heben kann, müssen wir anhalten und den Rollisitz und Rücken elktrisch nach hinten kippen, wenn er etwas sehen will, z.B. die Weihnachtslichter in den Bäumen.
Das hat soweit alles ganz gut geklappt gestern, war aber sehr anstrengend für ihn, zumal der Bus auf dem Rückweg eine halbe Stunde zu spät kam und Peter langsam die Luft ausging.
Aber: Wir haben die Weihnachtslichter gesehen, wir haben einen sehr leckeren Crépe mit Zucker und Zimt gegessen und einen sehr leckeren alkoholfreien Cocktail im Palmencafé getrunken, wo die Stämme der Palmen aller mit Lichterketten umwickelt sind.
Zuhause wartete eine warme trockene Stube auf uns, und wir können uns glücklich schätzen. Dennoch dachte ich gestern: eigentlich schade, dass all die Menschen um uns herum auf dem Weihnachtsmarkt sich nicht bewußt sind, was für ein Riesenglück sie haben, dass sie laufen können und jeder Atemzug eine Selbstverständlichkeit ist.

Übrigens, meine Geschichte „Cafékalender“ in dem Buch „Der Weihnachtswind“ spielt genau in diesem Café. Hier eine Leseprobe:

„Auf die engelsgleiche Verkäuferin mit der glitzernden Weihnachtszipfelmütze allerdings schien die Stimmung ihrer Gäste abgefärbt zu haben. Vielleicht war sie auch nur erschöpft. Unter dem weißen Plüschbesatz der Mütze passte der mürrische Ausdruck, mit dem sie ihm seinen Espresso servierte, nicht im Mindesten zu ihrem Gesicht. Das Namensschild auf ihrer Bluse erzählte, dass sie Christina hieß. Immerhin, dachte Paul, passt doch.
„Bringen Sie mir bitte die Rechnung“, bat er und schenkte ihr sein bestes Lächeln. „Und schreiben Sie bitte den Kaffee und die Torte mit darauf, die die weißhaarige Frau an dem Tisch neben der Kuchentheke hatte. Aber sagen Sie ihr keinesfalls, wer das bezahlt hat.“
„Wieso?“ In Christinas Augen wachte zum ersten Mal, seit er sie beobachtete, Interesse an etwas auf. „Kennen Sie sie?“
„Nein. Es soll nur eine kleine Überraschung sein. Ich finde, sie kann etwas Aufheiterung gebrauchen.“
Christina musterte die Frau, als hätte die sich eben erst hingesetzt. „Kann schon sein.“
„Ach, und servieren Sie ihr bitte auch noch so einen wunderbaren „Bali Wintertraum Spezial“, sagte Paul und wies auf sein leeres Glas.
„Auch auf Ihre Rechnung?“
„Ja, wenn Sie so lieb wären.“
Verwundert, aber bereitwillig huschte Christina davon und kam kurz darauf mit der Rechnung und einem Karamellbonbon wieder.
„Die wird sich aber ganz schön wundern!“ sagte sie noch, als sie das Trinkgeld einsteckte.
„Ich hoffe, sie wird sich auch freuen“, sagte Paul und schlüpfte in seinen Mantel. Er seinerseits freute sich auf seine Frau und sein Sofa.
„Sie möchten schon gehen? Wollen Sie denn nicht…“
„Was?“
Christina wurde rot. „Ich dachte, Sie wollen noch sehen, ob ich ihr den Drink wirklich bringe und nicht noch mal abkassiere. Ich meine, das wissen Sie doch sonst gar nicht.“
„Sie heißen Christina und tragen eine Weihnachtsmannmütze“, sagte Paul. „Ich vertraue Ihnen.“ Er grinste sie an und ging, ohne sich umzudrehen.
„Donnerwetter“, sagte Christina zu dem leeren Kuchenteller. Dann ging sie den Cocktail mixen.
Paul war zwei Tage später wieder im Einkaufszentrum, da er ein bestelltes Medikament abholen musste. Ohne dass er es wollte, blieb er erneut im Café Bali hängen. Warum sollte er sich nicht so einen guten Espresso gönnen oder einen Cappuccino? Er brauchte doch kein schlechtes Gewissen haben. Seine Frau war noch nicht zuhause, und er musste sich daran gewöhnen, Zeit zu haben.
Ehe er sich einen Stuhl zurechtgerückt hatte, kam schon Christina auf ihn zu geeilt. „Stellen Sie sich vor“, berichtete sie atemlos, „sie hat geweint!“
„Geweint?“ fragte er erschrocken.
„Ja, die Frau für die Sie bezahlt haben. Vor Freude. Sie sagte, sie kann sich nicht erinnern, wann ihr das letzte Mal jemand was geschenkt hat. Und dann auch noch ein völlig Fremder. Sie sah plötzlich ganz anders aus. Voller Lachfalten!“ Christina gestikulierte um ihr junges Gesicht, als könne sie die Falten, die sie so beeindruckt hatten, darauf legen. „Und den Cocktail hat sie ganz ausgetrunken.“
Paul sagte nicht, dass er auch Christina kaum wiedererkannte, so lebendig war sie jetzt. „Das ist schön. Bringen Sie mir bitte einen Cappuccino?“
„Klar. Und ich soll Sie grüßen. Von der Frau. Sie sagte, sie wird sowas auch mal machen. Übrigens, an dem Tag hat mir der Job auch endlich mal wieder Spaß gemacht.“
Paul sah gedankenverloren an den Palmen hinauf, an welchen sich die kleinen Lichter in den Himmel schraubten. Statt Kokosnüssen hingen große goldene Schneeflocken in den Wipfeln, und irgendwo darüber blinzelten die echten Sterne zwischen den Blättern durch das Glasdach.
Er hatte nicht gedacht, dass seine kleine Geste, mit der er nur ein winziges Zeichen gegen die Einsamkeit mancher hatte setzen wollen, einen solchen Dominoeffekt auslösen würde. Es verblüffte ihn. Ja, es erschreckte ihn sogar ein wenig.
„Können wir das nicht noch mal machen?“ fragte Christina verschwörerisch leise, als sie ihm den Cappuccino hinstellte. „Da sitzt nämlich so ein junger Mann. Neben dem Plastiknikolaus. Er sieht genauso aus wie die Frau von neulich…“

Goldrausch

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Es war zauberhaft gestern am Fließ unten. Die Gräben waren nach all dem Regen so voll wie nie und spiegelten den tiefblauen Herbsthimmel. Kein Wind ging; die goldenen Blätter rieselten ganz lautlos und langsam zur Erde. Peter konnte auch mit, die Wege waren gerade trocken genug für den Rollstuhl, und auch warm genug, denn unter 5 Grad funktioniert er nicht richtig. Kostbar, so kostbar sind diese Tage…
Wer auch so empfindet, für den ist vielleicht das Jahreszeiten-Freu-Büchlein ein schönes Geschenk.

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Fußballfest

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Gestern waren wir beim Testspiel von „unserer“ Hertha BSC beim 1.FC Lübars.
Das war für Peter mit dem Rollstuhl gut erreichbar, wir konnten bei bestem Wetter am Seggeluchbecken vorbei, wo Schilf und Rohrkolben jetzt über 2 Meter hoch stehen, und dann direkt ins kleine Stadion. Die Atmosphäre war wunderbar friedlich, obwohl es recht voll war. Es duftete nach Zuckerwatte, kleine Kinder in Hertha-Trikots lagen auf der Aschebahn auf dem Bauch und schmausten gebrannte Mandeln, Omas trugen auch Trikots und schrieen Tooor! – ein richtig schönes Volksfest in Blau und Grün – Hertha und der Himmel trugen blau, der Rasen und Lübars grün. Es gab 23 Tore zu sehen. Für Peter war es ein tolles Erlebnis.

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Und hier gibt es noch eine Fußballgeschichte von mir:

Oma Brigges Torwart
(c) Patricia Koelle

Weltmeisterschaft. Endspiel. Und Deutschland war dabei! Alle waren dabei. Auch die, die sich sonst mit keinem Zipfel ihres Lebens für Fußball interessierten und Ecke nicht von Abstoß unterscheiden konnten. Sie richteten in diesen Stunden ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Stadion, als sei es eine Salatschüssel, in der sich die Gefühle des gesamten Landes trafen und zu einem bunten und schmackhaften Ganzen mischten. Auf den Straßen war es totenstill, in unserem Wohnzimmer tobte das Leben. Meine Tante Monika balancierte mangels besserer Sitzgelegenheit auf einem Gartenstuhl und wollte alles über den Familienstand des Nationaltrainers wissen, dessen Augen ihr gefielen.
Meine Frau hüpfte wie ein Storch mit dem vollen Kaffeetablett über die ausgestreckten Beine der Kinder meines Freundes Peer Brigge, die sich auf diversen Kissen sielten und uns allen mit Wachsstiften eine Deutschlandfahne auf die Stirn gemalt hatten. Auch ihrer Oma, die kerzengerade und erwartungsvoll neben mir auf dem Sofa saß und die Nationalhymne mitsang. Sie wollte am nächsten Tag zu Kur, und da sie vorher noch mal ihre Familie sehen wollte, hatte Peer sie kurzerhand mitgebracht.
Daneben diskutierte Anja Brigge mit den Nachbarn, deren Fernseher gerade jetzt defekt war, über die Frisuren der Schiedsrichter.
Anstoß. Sieben Minuten später Freistoß für Deutschland, ganz nah am gegnerischen Strafraum.
„Mensch, lasst das doch den B. machen!“ brüllte Peer und wischte sich schon den Schweiß von der Stirn, der die Deutschlandfahne schmelzen ließ.
„So darf doch die Mauer nicht stehen! Sind die bekloppt? “ ereiferte sich sein Sohn.
„Tooor!“ schrie der Nachbar, der aus Ärger über seinen Fernseher schon längst nicht mehr nüchtern war.
„Der Torwart ist ja fantastisch“, sagte Oma Brigge begeistert. „Guckt doch mal, wie der springen kann! Der hüpft so schnell hin und her, dass da keiner vorbei kommt. Wie ein Gummiball. Der macht alles dicht.“
„Oma, das ist der gegnerische Torwart. Der darf gar nicht gut sein“, belehrte Klein-Tina sie tadelnd.
Der Torwart hatte tatsächlich eine bemerkenswerte Technik. Sowas hatten wir noch nie gesehen. B. hatte noch nicht mal Luft geholt, da sprang der schon wie ein Wilder von rechts nach links, von links nach rechts, von unten nach oben und schlug dabei mit den Armen wie ein startender Schwan mit den Flügeln. Obwohl er eher klein war, füllte er den ganzen Torraum. Konfus semmelte B. den Ball weit über die Latte.
„Ist so was erlaubt?“ regte sich Peer auf.
„Der Torwart ist einfach Klasse“, freute sich Oma Brigge. „Der ist konsequent. Der macht das mit Leidenschaft.“
„Mutter“, jammerte Peer, „Du kannst unmöglich die Nationalhymne singen und dann diesen unfairen Typen anhimmeln!“
„Der sieht doch gar nicht gut aus“, fand meine Frau zu meiner Zufriedenheit.
„Och, naja“, sagte Tante Monika.
„Der ist aber doch gut“, beharrte Oma Brigge. „So wär ich auch gern gewesen. So hätt ich gern gelebt.“
„Wie meinst’n das jetzt?“ fragte Anja.
„Na, der ist doch überall. Er lässt keine Ecke aus.“ Sie fuchtelte nachdrücklich mit ihrem Stock. „Der ist springlebendig. Und mutig. Es ist ihm wurscht, wie er aussieht, auch wenn er anders ist als alle anderen. Der macht sein Ding, so wie er es für richtig hält.“
„Ruhe“, schrie Peer, „wer hat denn jetzt diese gelbe Karte gekriegt?“
Dann ein kollektives Aufstöhnen. Gegentor! „Was ist mit dem K. los“, ereiferte sich der Nachbar. „Das könnte ich ja besser.“
„Die sollen wieder auf der anderen Seite spielen“, forderte Oma Brigge, „ich will den Torwart sehen.“
„Der soll bloß stillhalten“, knurrte Peer, „wir brauchen sofort den Ausgleich!“
„Habt Ihr noch Bier?“ fragte der Nachbar.
„Der Torwart braucht auch keins“, sagte Oma herausfordernd, „der ist hellwach.“
Ich holte eine Runde Bier, und eine Apfelschorle für Oma Brigge.
„Peer“, sagte sie als der ihr einschenkte, „war ich auch so gut?“ Peer sah sie an. In ihrem Ton war etwas, was ihn für einen Moment sogar vom WM-Endspiel ablenkte.
„Du warst klasse“, sagte er, „auch wenn wir den einen oder anderen Unfug und manche schlechte Note an Dir vorbei gemogelt haben. Du warst immer überall, wo man Dich gebraucht hat. Egal, wie sehr Du springen musstest.“
Anja klopfte ihr auf die Schulter. „Du hast jedes Problem aufgefangen, auch ohne große Handschuhe“, ergänzte sie schmunzelnd.
„Wir waren eine gute Mannschaft, unsere Familie – oder?“ fragte sie Peer und ergriff ihn beim Handgelenk.
„Das sind wir“, versicherte er und drückte sie, „und Du warst ein besserer Kapitän als K., da kannste sicher sein!“
„Schade, dass ich nicht immer so frech und übermütig war wie dieser Torwart.“ Oma Brigge lächelte wieder. „Setz Dich, Junge, wir wollen Fußball gucken. Es ist nur so, der Bursche da erinnert mich irgendwie an das Beste in meinem Leben.“
Der Nachbar war eingenickt, die Kinder rollten zufrieden auf dem Teppich herum und kauten Gummibärchen; selbst auf dem Spielfeld tat sich nicht viel. Bis wie aus dem Nichts, der Ausgleich fiel. „Getunnelt!“ schrie Peer. „Herrlich, wie der den getunnelt hat!“
Peers Sohn stürzte im Freudentaumel nach draußen und warf mit Knallfröschen um sich.
„Siehste“, sagte Oma Brigge, „der Torwart ist ja sogar noch besser, als ich dachte.“
„Wieso denn, Oma? Der hat doch gerade den Ball ins Tor gelassen!“ Tina verstand gar nichts mehr.
„Schon, aber sieh ihn Dir an.“
Der Torwart saß auf dem Gras und lachte herzlich, stand dann auf und schüttelte dem deutschen Stürmer die Hand.
Eigentlich gefiel er mir auch.
„Der kann auch über sich selber lachen, wenn ihm mal was danebengeht! Das versuche ich nach 82 Jahren immer noch zu lernen“, erklärte Oma Brigge. „Naja, aber den Spaß, den der bei der Arbeit hat, den hatte ich auch.“
Der Torwart stand nämlich schon wieder im Tor und hüpfte, hin und her, auf und ab, und schlug dabei mit den Armen, als sei das Leben ein einziger Flugversuch. Und wir warteten auf unseren Führungstreffer. Und warteten. Und aßen Kuchen und warteten noch weitere 45 Minuten, und warteten während der Verlängerung. Die Luft wurde trotz des offenen Fensters stickig, und der Nachbar schnarchte. Die Farben der Deutschlandfahnen waren längst auf Nasen und Ohren verschmiert, und wir waren heiser vom Brüllen.
Dann kam das Elfmeterschießen. Auch Oma Brigge hielt es nicht mehr auf dem Sofa.
Und dieser merkwürdige Typ hüpfte auf der Linie seines Tores. Hin und her, auf und ab, und schlug mit dem Armen, als wollte er die Welt umrühren.
Zu gern hätte ich einen Weltmeister Deutschland gefeiert, aber auch ich erwischte mich bei dem heimlichen Wunsch, dieser ungewöhnliche Mensch würde alle Bälle halten.
Ich glaube, jeder von uns ist ein wenig mitgesprungen an diesem Frühsommerabend, an dem Deutschland endlich wieder Weltmeister werden wollte. Wir haben mitgefiebert.
Mit dem gegnerischen Torwart.
Ich weiß nicht, ob es seine Begeisterung war, die uns angesteckt hatte, oder Oma Brigges.
Jedenfalls hielt er fast alle Bälle.
Deutschland wurde Vizemeister. Und wir waren müde und sehr zufrieden.
An den Torwart dachten wir noch Jahre später, immer dann, wenn uns zu etwas die rechte Lust fehlte.
Dann ermahnten wir uns gegenseitig: „Mach es wie Oma Brigges Torwart.“

Mehr Geschichten gibt es hier:

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Kein Staub im Himmel

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Gestern hat es geregnet. Bei minus vierzehn Grad. Ich habe mich sehr gewundert, wie das sein kann, bis die Wetterfrau es erklärte: der Himmel war zu sauber! Zwar wußte ich, dass Schneeflocken sich nur um kleine Partikel herum bilden können. Die zauberhaften, zarten Kristalle brauchen eine Basis aus Schmutz, auf der sie wachsen können. Die Philosophie dahinter hat mir schon immer gefallen. Aber dass der Himmel über Berlin zu sauber für Schnee sein könnte, darauf bin ich nicht gekommen (ob meine Mutter dort war, Staub wischen?) Und das, obwohl sein tiefes, kaltes Leuchten dieser Tage durchaus so wirkt. Ich mag die Klarheit dieses Eiseskälte, obwohl sie mir auch ein wenig unheimlich ist. Unsere Rohre sind alt, die Heizung auch, ob sie wohl durchhalten? Und die tropischen Pflanzen draußen im Schuppen – ob die kleine Heizung das schafft? Unsere Jalousien krachen verdächtig, sie befinden sich ohnehin in der Auflösung. Und auf dem Flachdach birst ab und zu mit einem Knall eine Eisscholle. Obwohl ich im Herbst oben war und die Abflüsse von Laub befreit habe, muß doch wieder eine Pfütze oben gestanden haben.
Aber das helle Strahlen und Funkeln jedes Zweiges ist einfach unwiderstehlich. Solche Klarheit wünsche ich mir in meinem Leben, meinen Gedanken – und tatsächlich, irgenwie scheint sie abzufärben. Alles wirkt ein bißchen einfacher. Mir wird deutlicher, was mir am Wichtigsten ist, und dass ich mehr dafür tun muß und mich nicht so mit Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten aufhalten. Vielleicht schaffe ich dies Jahr das, was ich wirklich will. Vorerst aber genieße ich das Wetter. Für Peter ist es allerdings schwer, er kann mit dem Rollstuhl überhaupt nicht raus, denn bei den Temperaturen gibt der Motor sofort den Geist auf. Aber wir haben es uns drin besonders gemütlich gemacht. Geist und Seele ruhen sich aus, machen Winterschlaf mit der Welt zusammen, und unter der eisigen Decke rühren sich schon die Schneeglöckchen, und die Ideen für das neue Jahr.

Der Weihnachtsbaumsieg

Heute war der große Tag, an dem wir den Weihnachtsbaum gekauft haben. Für uns hat das jährlich eine ganz besondere Bedeutung: dass Peter es immer noch schafft, den Weihnachtsbaum nach Hause zu bringen.
Heute war eigentlich alles gegen uns. Der Elektrorollstuhl ist seit Wochen nicht in Ordnung. Etwas stimmt mit der Elektronik nicht, immer wieder fällt sie teilweise aus und dann geht gar nichts mehr. Aber da keine Werkstatt den Fehler findet, müssen wir damit leben. Außerdem sind unsere gewohnten Weihnachtsbaumhändler um die Ecke, die es gab seit ich denken kann, dieses Jahr nicht erschienen. Wir mussten also zum weiter weg gelegenen Baumarkt. Der aber hat eine sehr lange, extrem steile Einfahrt. Der Rolli kann das gerade noch bewältigen. Darum sind wir auch heute gefahren, trotz Regens und Kälte, denn wenn der angesagte Schneematsch erst kommt, geht das überhaupt nicht mehr. Der Regen ist allerdings auch nicht gut für den Rolli, und die Kälte nicht für Peter – die wenigen halb funktionstüchtigen Muskeln, die er noch hat, werden bei dieser Temperatur so steif, dass er kaum noch lenken kann.
Dort angekommen, stellten wir fest, dass in dem großen Baumarkt nur eine ganz kleine Ecke für den Tannenbaumverkauf gedacht war. Ohne die vom Weihnachtsbaumverkäufer gewohnte nette Bedienung und Beratung mit Zollstock. Die wenigen Bäume, die da lieblos hingeworfen waren, teils verpackt und sehr zerdrückt, sahen aus wie die Wirtschaftskrise persönlich – unten hungrig und oben herum sehr nackt.
Aber auf meinen persönlichen Weihnachts-Mann kann ich mich verlassen. Der fuhr ein paarmal im Kreis, nahm die armseligen Gewächse genau in Augenschein und sagte dann: „Der da hinten, der dritte von links unter den fünf krummen – der ist es!“
Ich zog ihn am Wipfel heraus – der ziemlich schief war, schüttelte, und wir stellten fest, dass das tatsächlich der einzig passable unter allen war. Nicht nur das, er hatte etwas ausgesprochen Individuelles und war sogar unten herum so schlank, dass er ins Wohnzimmer passt und Peter trotzdem noch vorbeifahren kann.
Wer braucht schon einen perfekten Baum – gerade wir doch nicht! Bei uns darf alles rein, was irgendwie ein bisschen schief, krumm oder anders ist. Mit diesem haben wir uns sofort verstanden.
Ich schob den Baum also durch den Trichter mit dem Netz – hatte ich auch noch nie gemacht, ging aber ganz leicht – und fand keine Schere, mit der man das Netzt hätte abschneiden können. Aber wozu waren wir in einem Baumarkt. Ich habe mir die teuerste Baumschere geschnappt und damit die Nylonfäden durchgesägt. Aber zurückgelegt habe ich sie nicht sondern für die anderen Kunden liegen lassen. Selber schuld, wenn weit und breit keine Bedienung da ist.
Nun brauchten wir nur noch Peters Hand wenigstens etwas aufwärmen und richtig an den Fahrhebel legen, den Baum hinten auf seinen Gepäckträger stellen, ich stützte die Spitze, und ab ging es, zur Kasse und dann die steile Einfahrt wieder rauf. Die Batterie vom Rolli ist auch nicht mehr so fit, schon gar nicht bei Kälte, aber sie hat es so gerade noch geschafft. Übrigens haben wir noch nie einen so billigen Baum bekommen. Da sie keiner ausgemessen hat, hatten sie einen Einheitspreis. „Der ist halt dies Jahr etwas kleiner, macht doch nichts“, meinte Peter. Nein – das macht wahrlich nichts! Hauptsache, meinem Schatz geht es so gut, dass solche Aktionen noch möglich sind. Alles andere ist mir sowas von egal – da kann der Baum meinetwegen auch dreißig Zentimeter hoch sein.

Wir sind auch bis nach Hause gekommen, zur Freude der Autofahrer über drei Ampeln hinweg. Es wirkt immer ein wenig wie eine Prozession.
Auf der Terrasse haben wir ihn wieder aus dem Netz befreit und erstmal an den Zaun gelehnt, wo wir ihn durchs Fenster sehen und uns jeden Tag daran freuen können bis wir ihn hereinholen.
Dann habe ich ihn ausgemessen. Und, was soll ich sagen? Wer meine Geschichte „Der Rollbaum“ kennt, wird nicht überrascht sein.
Der Baum ist ganz genau zwei Meter vierzig hoch. Wenn man sich die schiefe Spitze gerade denkt. Aber es gibt nichts, was wir besser können als das.
Auf der Terrasse, auf der er jetzt steht, blühen über dem Torbogen immer noch die Rosen unverzagt vor sich hin, obwohl wir wiederholt Frost und Schnee hatten. Ich werte das mal als ein sehr gutes Zeichen für unsere Liebe.

Aus meiner Geschichte „Der Rollbaum“ in „Der Weihnachtswind
(eine Geschichte, die sich wegen ihrer Kürze sehr gut zum Vorlesen eignet).

„Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.
Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum deswegen jedes Jahr ein Stückchen höher.
Der Elektromotor vom Rollstuhl brummt, als hätte sich eine Hummel aus dem Sommer verirrt, und unter den Reifen knirscht der Schnee. An den Bordsteinkanten muss Johannes vorsichtig sein und rückwärts fahren, sonst kippt der Stuhl um. Manchmal muss er auch Umwege fahren. Aber egal, wie lang es dauert, Johannes kommt an. Der Baumverkäufer freut sich schon, wenn er ihn von weitem sieht.
Johannes fährt auf den Platz voller Bäume und dreht sich ein paar Mal schweigend im Kreis. „Der da“, sagt er dann und zeigt auf einen, der ganz weit hinter den anderen am Zaun lehnt.
Der Verkäufer zieht den Baum heraus. „Stimmt“, sagt er anerkennend, „das ist der Schönste. Aber ist der nicht zu groß?“
„Der ist zwei Meter vierzig“, sagt Johannes, „der passt genau!“
„Der ist mindestens zwei achtzig“, sagt der Verkäufer und greift den Zollstock aus der Tasche. Dann schüttelt er den Kopf, denn der Baum ist auf den Zentimeter genau zwei Meter vierzig hoch. Johannes strahlt.
„Wie kommt der Baum jetzt nach Hause?“ fragt der Verkäufer, obwohl er die Antwort kennt. Er hört sie so gerne.
„Das macht mein Mann“, sagt Johannes’ Frau stolz.“

Wer wissen will, wie die Geschichte weitergeht, findet sie hier:

Weihnachtsgeschichten

Der Himmel ist gut wie er ist

Silberblau steigt vor dem Küchenfenster der Morgen über den Horizont. Der Himmel ist kristallklar und noch höher als sonst. Gänse ziehen Richtung Süden, eine pfeilförmig geordnete Gruppe nach der anderen. Sie erzählen von kommender Kälte – genau wie der Wetterbericht. Darum bringe ich nachmittags die Kübelpflanzen in den Schuppen. Bis jetzt haben sie alle noch geblüht, die Engelstrompete und der Hibiskus und die Malve und ungefähr vierzehn andere. Die Tomaten und Erdbeeren trugen noch eine letzte Frucht und die Zitronen und Mandarinen sind alle reif geworden, in einem kleinen Garten in Berlin im November.
Inzwischen aber ist der Himmel tief und grau, ein frischer Wind jagt dichte Wolken und ein paar Möwen vor sich her. Die Möwen sind ein lieber Gruß von der See, auch wenn diese nur vom Seggeluchbecken im Märkischen Viertel stammen.

Ein grauer Himmel kann so schön sein

Der Nachbar steht im Garten und jammert. „Was für ein olles Wetter“, beschwert er sich, „und es ist zu kalt und die Tage sind zu kurz.“ Zu kurz wofür denn? Sie haben immer noch vierundzwanzig Stunden, die man mit Leben füllen kann. Und er geht auch im Sommer nicht zwölf Stunden spazieren. Auch die Verwandten jammern über die Novemberstimmung und den grauen Himmel. Sie wären lieber in Thailand, in Afrika, auf Gran Canaria. Als gäbe es den Himmel nur dort, als wäre unserer verschwunden, nur weil er nicht mehr blau ist! Das Schöne am Himmel ist, dass man ihn überall und immer trifft – und siehe da, nicht nur im Rest der Welt, sondern auch genau hier. Ich streite mich spielerisch mit dem Wind um die gefallenen Blätter, die goldenen Himmelskonfetti, die ich in die Laubsäcke zu stopfen versuche, und bin glücklich. Ich mag auch den grauen Himmel, ich lese doch auch nicht immer nur dasselbe Buch. Und ich wende mich auch von keinem Freund ab, nur weil er mal finster dreinschaut!

Ein grauer Himmel ist nie nur grau

Der graue Himmel erzählt von Sturm, der frische, saubere Luft in die Stadt und neue Gedanken ins Hirn bläst, von Schneespaziergängen und gemütlichen Winterabenden voller Kerzenlicht und Zweisamkeit. Dass wir noch zusammen sein können, Peter und ich, und all das erleben dürfen – was brauchen wir dafür blauen Himmel? Wir wollen jede Sorte Himmel in unserem Leben, keinen davon versäumen! Der Himmel ist gut so, wie er ist. Was müssen wir in andere Länder, wenn doch dieses Stückchen Erde hier jeden Tag anders aussieht, riecht, schmeckt, spricht? Trotz Peters Rollstuhl und Beatmungsgerät, trotz ungewisser Zukunft sind wir, scheint mir, gesünder als diejenigen, die ständig unter Fernweh leiden. Jeder Tag ist vom Schicksal nur geliehen – es kommt uns nicht in die Tüte, einen davon ungenutzt zurückzugeben, nur weil der Himmel grau ist.
Die dahinjagenden schwarzgrauen Wolken erzählen mir auch von lange verstorbenen Freunden. Da war jene alte Dame, die aus Russland stammte und mir mit fast hundert Jahren erzählte, wie sie bei solchem Himmel als langhaariges Kind auf der zugefrorenen Newa Pferdeschlittenfahrten genoss. Wenn sie sprach, sah man die schweren Wolken mit den Pferden um die Wette jagen, hörte man die Schlittenglocken, das Stöhnen des Eises unter den Hufen und das Lachen eines Mädchens aus einer anderen Zeit. Sie schrieb immer noch wunderbare Gedichte darüber und hatte Augen und ein Lächeln, dass ich nie vergessen werde, weil es bewies, dass man auch mit hundert nicht alt sein muss.
Ich denke auch an einen toten Freund, der mein Leben geprägt hat und der mich just an einem solch grauen Novembertag anrief und fand, es wäre genau der richtige Tag um eine Dampferfahrt und ein Picknick zu machen, was sich als wahr erwies. Ihm habe ich in meiner Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ (in: “Weihnachtsgeschichten“) ein Denkmal gesetzt, eine Geschichte, die es ohne Winterhimmel nie gegeben hätte. Auch viele andere Geschichten der Autoren in diesem Buch kommen nicht ohne Winterwetter aus. Und in „Weihnachtsgeschichten Band 3“ gibt es sogar eine Geschichte, die erklärt, warum Regen an Weihnachten viel wunderbarer sein kann als Schnee. Diese Geschichten können aber manch dunklen Vorweihnachtstag heller machen für diejenigen, die sich mit einem grauen Himmel beim besten Willen nicht anfreunden können. Wer die Tage zu kurz findet, kann sich über lange Abende freuen – zum Beispiel zum Lesen.
Mein Garten sieht nun kahler aus ohne die Zitronenbäume und Blätterhaufen, aber dafür hat der Himmel mehr Platz: aus dem Fenster ist freiere Sicht. Davor steht eine Solarlaterne, in deren Licht bald die Schneeflocken tanzen werden.
Außerdem blühen ungeniert der Winterjasmin und der duftende Schneeball, und auch die Zaubernuss wird sich bald öffnen. Wenn die Vorübergehenden den Winterjasmin blühen sehen, halten sie ihn für eine Forsythie und denken, ich hätte irgendwie gemogelt. Die meisten halten es einfach nicht für möglich, dass es hierzulande Blumen gibt, die auch bei Frost und Schnee völlig unbeirrt Blüten tragen. Ja, das Gelb des Winterjasmins läuft vor dem grauen Himmel erst zu richtig großer Form auf. Warum diese Pflanzen zu dieser Zeit blühen, habe ich in meiner Geschichte „Der heilige Strohsack“ (in „Der Weihnachtswind“) erzählt. Schuld ist nämlich ein ganz normaler, armer kleiner Junge der zur Zeit Christi Geburt hoch oben im Norden lebte…

Winterjasmin

Jetzt regnet es, und das freut mich, denn der Boden ist trocken, die Erde durstig, und wenn der Frost kommt, ist das nicht gut für sie Wurzeln. Außerdem füllt der Regen den Teich, so dass die Fische sicher sind und auch eine Eisschicht überleben können. Ich hätte das sonst mit dem Schlauch machen müssen, aber der Himmel ist so zuvorkommend und tut es von selbst. Jetzt ein schöner Regen, und wenn der Himmel dann sein Versprechen hält und es in ein paar Tagen schneit, dann gehen wir spazieren und Peter malt mit den Rollstuhlrädern fröhliche Kringelspuren, die verkünden: Der Himmel ist gut so, wie er ist.
——–

Ein guter Tag

Es ist ein guter Tag, um ein Blog zu starten. Peters Rollstuhl ist repariert. Peter ist mein Ehemann und mein Glück, und er kann nur in einem ganz bestimmten Elektrorollstuhl sitzen, der für ihn gemacht ist. Seit über einer Woche konnten wir die buntleuchtende Herbstwunderwelt nur durch das Fenster bewundern. Gestern abend kam der Rolli aus der Werkstatt. Heute Morgen schien, ganz anders als vom Wettermann versprochen, die Sonne und wir haben uns auf den Weg gemacht – erst im Garten gefrühstückt und die Blumen besucht, dann Äpfel geernetet, dann einen Spaziergang zum Bäcker gemacht um uns ausnahmsweise zur Feier des Tages ein Stück Kuchen zu gönnen. Nichts ist selbstverständlich – aber wie herrlich, wenn man diese kleinen Dinge neu entdecken darf!
Über Peter und den Rolli gibt es übrigens eine kurze Weihnachtsgeschichte in meinem Buch „Der Weihnachtswind„. Weil sie so kurz und so heiter ist, wird sie gern auf Weihnachtsfeiern vorgelesen. Hier eine kleine Leseprobe:
„Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.
Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum darum jedes Jahr ein Stückchen höher…“

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