Himmel noch mal…

…der Himmel ist so selten zu sehen, also, der blaue, meine ich, da muß man das sofort ausnutzen wenn er sich kurz zeigt und ein wenig Farbe fliegen lassen.
Allerdings war es auch so windig, dass die Seifenblasen immer gleich aus dem Foto geflüchtet sind. Mit sich nahmen sie den Wetterfrust über alle Berge bzw. Hausdächer 🙂
Übrigens, beim BioLektor habe ich mal wieder was Interessant-Schönes gefunden.

Wetterwirklichkeitswandlung

„Heute gibt es nur kurze Regentropfen!“ sagte der Wettermann heute im Wetterradio.
Das fand ich eine nette Vorstellung; ich frage mich aber, wie das Wetter wird, wenn es lange Regentropfen gibt.
Die Sonne war sehr lange nicht da. Warm ist es auch nicht gerade. Aber anscheinend kann ich mit dem Wetter besser umgehen als die meisten. Möglicherweise weil ich als Autorin das Glück habe, mich einfach anderswohin und anderswann zu versetzen. Im Moment arbeite ich an einem Kinderbuch, das mich an einen tropischen Strand meiner Kindheit bringt. Und da geht es mir gut, ich spüre die Sonne, höre die Wellen, begegne Fischen, schmecke Salz und selbstgepflückte Orangen – und am Ende kommt hoffentlich eine brauchbare Geschichte dabei heraus.
Natürlich kann man so eine Wetterwirklichkeitswandlung auch vollziehen, indem man schöne „> Frühlings- und Sommergeschichten liest.
Und die Erde hat den Regen gebraucht; auch wenn es schwer zu glauben ist, aber der Garten war schon wieder trocken.
Außerdem ist es herrlich, sich abends in ein warmes Bett kuscheln zu können und die Regentropfen auf das Fensterbrett platschen zu hören – egal, ob kurze oder lange Tropfen 🙂

Begegnung im Herbst (Herbstgeschichte)

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Begegnung im Herbst
© Patricia Koelle

Endlich! Ich ließ mich in den durchgesessenen Ohrensessel sinken und legte die Füße auf die Heizung. Den Urlaub in den Tropen konnten wir vergessen. Der Gang zur Bank war unerfreulich gewesen, aber nicht ganz so erschreckend wie das Novemberwetter, das uns mitten im Oktober überrollt hatte. Der Sturm hatte eine gemeine, kriechende nasse Kälte aus dem Osten gebracht die sich sogar unter den von Miriam gestrickten Pullover schlich und genussvoll in meinen ehemals warmen Schuhen ausbreitete. Dankbar umklammerte ich meine heiße Teetasse. Kurz ehe mir die Augen zufielen, glaubte ich, aus der dämmrigen Ecke beim Bücherregal etwas huschen zu sehen.
Ich riss die Augen wieder auf und starrte angestrengt auf die Heizung. Ich hätte schwören können, dass sich neben meinen nassen Füßen eine kleine, undeutliche Gestalt niedergelassen hatte. Sie zappelte dermaßen herum, dass es mir unmöglich ist, ihre genaue Form zu beschreiben, auf jeden Fall gestikulierte sie mit irgendwelchen Zipfeln; vielleicht trug sie auch wie ich einen zu großen Pullover. Auf jeden Fall sprach sie mit mir, ich merkte es jetzt erst.
„Stell dir vor“, sagte das Wesen, „man hat mich einfach vergessen! In dieser stickigen Tankstellenkneipe irgendwo im Süden auf der Autobahn! Wahrscheinlich war der Qualm so dicht, dass man mich gar nicht mehr sehen konnte. Oder der Gestank von Sonnenöl vernebelt den Menschen das Hirn.“
„Mmmmh“, machte ich verblüfft und zwinkerte mit den Augen. Das Wesen wurde nicht deutlicher. Es schien sich gemütlich auf der Heizung zurechtzurutschen. Tatsache, jetzt zupfte es sogar an meinem Socken.
„Egal“ meinte es munter, „nun bin ich ja hier!“
„Wo…kommst du denn her?“ brachte ich fertig, nahm aus Verlegenheit einen tiefen Zug aus meinem dampfenden Becher und verschluckte mich.
Das Wesen huschte herbei, klopfte mir überraschend kräftig auf den Rücken und ließ sich auf meiner Schulter nieder. Ich spürte einen leichten, nicht unangenehmen Druck.
„Schlummere ruhig weiter, Schlafmütze“, sagte es, „ich berichte dir von meinem Land.“ Es beugte sich vor und zog ein wenig an meinem Ohr, als sei das eine Tüte, in die es etwas hineinfüllen wollte. Seine Stimme war jetzt klarer und seltsam tief für seine Größe. Ich musste an meinen Großvater denken, der mir vor einem halben Leben hier in diesem Ohrensessel Märchen erzählt hatte.
„Bei mir zuhause“, begann es leise und geheimnisvoll, „da gibt es unglaubliche Gewächse. Sie fürchten nicht Frost und Schnee, sondern heben Eis und gefrorene Erde mit Leichtigkeit an, obwohl sie klein und zart sind wie ein Pinselstrich. Dabei steigt ein Duft aus ihrer Mitte, der süßer ist als der Frühling selbst, nur weiß es kaum jemand, weil sich selten einer so tief bückt. Ihre Formen sind wie die Sterne, wie Musikinstrumente, wie kunstvolle Kleider und ihre Farben strahlen hell. Mit ihrem Zauber locken sie erstaunliche fliegende Wesen an…“
„Übertreibst du nicht ein wenig?“ fragte ich verschlafen. „Es muss wohl ein Land der Aufschneider sein, aus dem du stammst.“
Das Wesen bohrte mit einem Zipfel seiner quecksilberbeweglichen Gestalt anklagend in meinem Mundwinkel. „Du solltest nicht herablassend lächeln. Das hier ist eine ernste Geschichte! Diese Wesen besitzen durchsichtige Flügel von größter Schönheit. Sie wirken unglaublich zart und segeln doch auf jedem Wind. Andere schillern in allen Farben und wieder andere sind aus weichen Federn. Ihre Besitzer sind in der Lage, feine Gebilde zu weben. Manche summen, viele singen die schönsten Melodien.“
„Haben sie denn Grund, zu singen?“ fragte ich ungläubig, wider Willen neugierig geworden.
„Aber gewiss! Der Himmel, unter dem sie leben, hat so viele Gesichter, dass sie nie müde werden, sich darunter zu bewegen. Er besitzt schimmernde Bogen voller Farben, kühlende silberne Tropfen, die Leben bringen, leuchtende Gebirge, die sich ständig verändern und in einem lautlosen Tanz mit dem Wind spielen. Zu anderen Zeiten ist er voll weicher Dunkelheit und Sterne, zeigt eine Fülle ferner Welten. Und selbst dann singen manche der Wesen…“
Mir kam das entfernt bekannt vor, aber ich wollte meinen Gesprächspartner nicht unterbrechen, es erzählte so angenehm. Vielleicht hatte mein Opa mir das Märchen schon einmal vorgelesen.
„Die Erde“, fuhr das Wesen fort, „das Land, auf das dieser Himmel blickt, ist nach dem Frost voll sanften Grüns und übermütiger Farben. Später trägt es Flächen aus Gold und Bäume voller frischer, aromatischer Früchte in unvorstellbar vielen Farben und Formen. Weite Seen lassen den Himmel in Spiegel blicken, so als sei den glücklichen Bewohnern dieser Himmel doppelt geschenkt. An ihren Ufern lädt sonnenwarmer Sand zum Ruhen ein, während glitzernde Fische springen und Ringe auf das Wasser malen.“
„Nun, auch bei euch wird der Sommer nicht ewig dauern,“ murmelte ich. Das Wesen beugte sich hastig vor und richtete meine Tasse gerade, die mir beinahe aus der Hand geglitten wäre. „Du solltest besser aufpassen!“ schalt es. „Natürlich dauert er nicht ewig. Du beleidigst mein Land! So langweilig ist es nicht, das wäre ja grausig! Nein, schließlich kehren die Winde zurück, und treiben manche der fliegenden Wesen auf Reisen. Dafür verwandeln sie die Blätter in Kunstwerke, bis das Land in einem kostbaren Farbenrausch glüht…“
Ich war plötzlich hellwach und setzte mich gerade. „Moment mal….“
Das Wesen klammerte sich hartnäckig an meinem Ohr fest. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es grinste.
„….dann hüllt sich erst alles in sanfte, geheimnisvolle Nebel und schließlich fallen weiße, unglaublich zarte Kristalle. Jeder besitzt eine einzigartige Form, und doch kann man aus ihnen andere Dinge von vergänglicher Schönheit erschaffen. Die Seen werde zu Flächen, auf denen man tanzen kann, und alle Wege wandeln sich und bekommen ein ganz neues Gesicht, so dass man ihnen nicht widerstehen kann und sich aufmacht, ihnen zu folgen.“
Ich fiel mir plötzlich selbst ein, wie ich mit drei Jahren vor einem Krokus gekniet hatte, der sich durch den Schnee gearbeitet hatte und mir erschien wie aus allen Märchen dieser Welt geboren. Ein zweiundvierzig Jahre alter Duft stieg mir in die Nase. „He, das ist mein Land, von dem du redest!“
Das Wesen verließ meine Schulter und schwebte vor meinem Gesicht. „Guck an, jetzt kommst du wieder drauf! Dabei habe ich dir noch nicht mal die Hälfte erzählt, nix von Bergen, Höhlen, Meeren. Man könnte neidisch werden, oder? Es sei denn, man jammert lieber! Aber da du mich im letzten Frühling in Italien an der Autobahn vergessen hast, als du nur Palmen im Kopf hattest, ist das ja auch kein Wunder, wenn du mürrisch bist.“
„Wer bist du?“
„Dein eigener Gedanke, du Schussel. Pass in Zukunft besser auf. Ich hab mir die Mühe, dir hinterher zu rennen, nur gemacht, weil…“ hier wurde es noch durchsichtiger, als sei es verlegen.
„Nun…?“
„Weil mir der Herbst gefehlt hat!“ Mit diesen Worten war es ganz verschwunden. Aber ich spürte, wie sich eine Gewissheit in mir genau dort niederließ, wohin sie gehörte, und eine Wärme, die nicht von der Heizung stammte, auch nicht vom Tee.
Ich stand auf und kramte im Schrank nach meinen vernünftigen alten Stiefeln. Die nebelweiche silbrige Dämmerung vor dem Fenster war unwiderstehlich. Ich wollte unbedingt ein paar dieser herrlichen rotgoldenen, würzig riechenden Herbstblätter für den Tisch sammeln, bevor es dunkel wurde. Das würde auch Miriam gefallen.

Mehr Geschichten gibt es in
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Der Himmel ist gut wie er ist

Silberblau steigt vor dem Küchenfenster der Morgen über den Horizont. Der Himmel ist kristallklar und noch höher als sonst. Gänse ziehen Richtung Süden, eine pfeilförmig geordnete Gruppe nach der anderen. Sie erzählen von kommender Kälte – genau wie der Wetterbericht. Darum bringe ich nachmittags die Kübelpflanzen in den Schuppen. Bis jetzt haben sie alle noch geblüht, die Engelstrompete und der Hibiskus und die Malve und ungefähr vierzehn andere. Die Tomaten und Erdbeeren trugen noch eine letzte Frucht und die Zitronen und Mandarinen sind alle reif geworden, in einem kleinen Garten in Berlin im November.
Inzwischen aber ist der Himmel tief und grau, ein frischer Wind jagt dichte Wolken und ein paar Möwen vor sich her. Die Möwen sind ein lieber Gruß von der See, auch wenn diese nur vom Seggeluchbecken im Märkischen Viertel stammen.

Ein grauer Himmel kann so schön sein

Der Nachbar steht im Garten und jammert. „Was für ein olles Wetter“, beschwert er sich, „und es ist zu kalt und die Tage sind zu kurz.“ Zu kurz wofür denn? Sie haben immer noch vierundzwanzig Stunden, die man mit Leben füllen kann. Und er geht auch im Sommer nicht zwölf Stunden spazieren. Auch die Verwandten jammern über die Novemberstimmung und den grauen Himmel. Sie wären lieber in Thailand, in Afrika, auf Gran Canaria. Als gäbe es den Himmel nur dort, als wäre unserer verschwunden, nur weil er nicht mehr blau ist! Das Schöne am Himmel ist, dass man ihn überall und immer trifft – und siehe da, nicht nur im Rest der Welt, sondern auch genau hier. Ich streite mich spielerisch mit dem Wind um die gefallenen Blätter, die goldenen Himmelskonfetti, die ich in die Laubsäcke zu stopfen versuche, und bin glücklich. Ich mag auch den grauen Himmel, ich lese doch auch nicht immer nur dasselbe Buch. Und ich wende mich auch von keinem Freund ab, nur weil er mal finster dreinschaut!

Ein grauer Himmel ist nie nur grau

Der graue Himmel erzählt von Sturm, der frische, saubere Luft in die Stadt und neue Gedanken ins Hirn bläst, von Schneespaziergängen und gemütlichen Winterabenden voller Kerzenlicht und Zweisamkeit. Dass wir noch zusammen sein können, Peter und ich, und all das erleben dürfen – was brauchen wir dafür blauen Himmel? Wir wollen jede Sorte Himmel in unserem Leben, keinen davon versäumen! Der Himmel ist gut so, wie er ist. Was müssen wir in andere Länder, wenn doch dieses Stückchen Erde hier jeden Tag anders aussieht, riecht, schmeckt, spricht? Trotz Peters Rollstuhl und Beatmungsgerät, trotz ungewisser Zukunft sind wir, scheint mir, gesünder als diejenigen, die ständig unter Fernweh leiden. Jeder Tag ist vom Schicksal nur geliehen – es kommt uns nicht in die Tüte, einen davon ungenutzt zurückzugeben, nur weil der Himmel grau ist.
Die dahinjagenden schwarzgrauen Wolken erzählen mir auch von lange verstorbenen Freunden. Da war jene alte Dame, die aus Russland stammte und mir mit fast hundert Jahren erzählte, wie sie bei solchem Himmel als langhaariges Kind auf der zugefrorenen Newa Pferdeschlittenfahrten genoss. Wenn sie sprach, sah man die schweren Wolken mit den Pferden um die Wette jagen, hörte man die Schlittenglocken, das Stöhnen des Eises unter den Hufen und das Lachen eines Mädchens aus einer anderen Zeit. Sie schrieb immer noch wunderbare Gedichte darüber und hatte Augen und ein Lächeln, dass ich nie vergessen werde, weil es bewies, dass man auch mit hundert nicht alt sein muss.
Ich denke auch an einen toten Freund, der mein Leben geprägt hat und der mich just an einem solch grauen Novembertag anrief und fand, es wäre genau der richtige Tag um eine Dampferfahrt und ein Picknick zu machen, was sich als wahr erwies. Ihm habe ich in meiner Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ (in: “Weihnachtsgeschichten“) ein Denkmal gesetzt, eine Geschichte, die es ohne Winterhimmel nie gegeben hätte. Auch viele andere Geschichten der Autoren in diesem Buch kommen nicht ohne Winterwetter aus. Und in „Weihnachtsgeschichten Band 3“ gibt es sogar eine Geschichte, die erklärt, warum Regen an Weihnachten viel wunderbarer sein kann als Schnee. Diese Geschichten können aber manch dunklen Vorweihnachtstag heller machen für diejenigen, die sich mit einem grauen Himmel beim besten Willen nicht anfreunden können. Wer die Tage zu kurz findet, kann sich über lange Abende freuen – zum Beispiel zum Lesen.
Mein Garten sieht nun kahler aus ohne die Zitronenbäume und Blätterhaufen, aber dafür hat der Himmel mehr Platz: aus dem Fenster ist freiere Sicht. Davor steht eine Solarlaterne, in deren Licht bald die Schneeflocken tanzen werden.
Außerdem blühen ungeniert der Winterjasmin und der duftende Schneeball, und auch die Zaubernuss wird sich bald öffnen. Wenn die Vorübergehenden den Winterjasmin blühen sehen, halten sie ihn für eine Forsythie und denken, ich hätte irgendwie gemogelt. Die meisten halten es einfach nicht für möglich, dass es hierzulande Blumen gibt, die auch bei Frost und Schnee völlig unbeirrt Blüten tragen. Ja, das Gelb des Winterjasmins läuft vor dem grauen Himmel erst zu richtig großer Form auf. Warum diese Pflanzen zu dieser Zeit blühen, habe ich in meiner Geschichte „Der heilige Strohsack“ (in „Der Weihnachtswind“) erzählt. Schuld ist nämlich ein ganz normaler, armer kleiner Junge der zur Zeit Christi Geburt hoch oben im Norden lebte…

Winterjasmin

Jetzt regnet es, und das freut mich, denn der Boden ist trocken, die Erde durstig, und wenn der Frost kommt, ist das nicht gut für sie Wurzeln. Außerdem füllt der Regen den Teich, so dass die Fische sicher sind und auch eine Eisschicht überleben können. Ich hätte das sonst mit dem Schlauch machen müssen, aber der Himmel ist so zuvorkommend und tut es von selbst. Jetzt ein schöner Regen, und wenn der Himmel dann sein Versprechen hält und es in ein paar Tagen schneit, dann gehen wir spazieren und Peter malt mit den Rollstuhlrädern fröhliche Kringelspuren, die verkünden: Der Himmel ist gut so, wie er ist.
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