Schreibtischaufräumblockade/Writer’s Desktidying Block

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Schreibblockaden kennen wohl alle Autoren, aber neu ist mir, dass es eine ernstzunehmende Schreibtischaufräumblockade gibt. Ich erlebe das zum ersten Mal. Ich habe mein Manuskript vor Tagen fertiggestellt und an den Verlag geschickt.  Nun bringe ich es nicht fertig, die Zettel und Werkzeuge wegzuordnen, die sich in der Hektik der letzten Projekttage wild angesammelt haben. Dabei sind schon Notizen für die neue Geschichte darunter, Abschiedsschmerz kann es also nicht sein.  Ein seltsames Phänomen! Aber wenn ich es noch länger zu ergründen versuche, dann wird es wohl nicht vorbeigehen. Eine Freundin und Kollegin sagte mir, das sei nicht therapierbar. Ich werde ihr nun das Gegenteil beweisen und den Schreibtisch aufräumen. Pikobello.  Hm, ich könnte natürlich auch erst einen Tee trinken… oder die Wäsche zusammenlegen… oder…

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All of us Author’s know Writer’s block. But I have only just discovered that there is a serious ailment called something like „Writer’s desktidying block“.  I completed my novel manuscript days ago and sent it to the publisher, but I can’t bring myself to clean up the notes and other debris that invaded my desk in the creative panic high of the last chapters. It may be the difficulty of parting with a story one has lived in for so long, yet I don’t think so, since there are notes among there for the second part of the trilogy. But if I try any longer to understand this strange disease it will presumeably not go away. A fellow writer told me it is a chronic and incurable disorder. So I will now prove her wrong and clean up my desk! Immediately! Or should I have some tea first? Or see to the washing? Or…

Erschwingliche Juwelen

Neben dem Schreiben brauche ich manchmal etwas Konkretes, Wortloses.
Wörter und Sätze aneinanderreihen und zu einem so stimmigen Bild fügen, dass ein Leuchten darin versteckt ist: eigentlich ist das der Schmuckherstellung nicht unähnlich.

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Vielleicht hilft es mir deshalb, Steine in die Hand zu nehmen wenn ich beim Schreiben nicht weiterkomme. Sie fühlen sich fest, kühl und klar an. Ganz abgesehen davon kommen auch schöne Geschenke dabei heraus. Oder man tut etwas für das eigene Selbstbewusstsein.
Eine Tüte Steinperlen kann man wunderbar im Internet bestellen. Sicher wäre es aufregender, wenngleich anstrengender, in fremder Erde nach ihnen zu schürfen, in Minen nach den uralten Geheimnissen des Planeten zu suchen. Aber das übersteigt meine Möglichkeiten, also stöbere ich fröhlich im Onlineshop und suche mir heraus, was mich inspiriert. Das muss nicht teuer sein. Den Lapislazuli lasse ich deswegen sein und entscheide mich für geschliffene Flusskiesel und Perlmutt, für Aventurin, Bergkristall und Hämatit. Natürlich gibt es auch Glasperlen, Kunststoffperlen, Filzperlen, aber die gehören nicht zu den Materialien, die mir seelenverwandt sind. Nein, es müssen Mineralien sein, schon allein die Namen sind wie Musik und Dichtung und erfrischen mein Denken: Turmalin, Onyx, Karneol, Achat, Aragonit, Iolit, Amazonit, Sodalith, Rauchquartz, Landschaftsjaspis. Es gibt sie in Linsenform, Kugelform, Trommel- oder Walzenform, als Tropfen, Blüten oder gedreht.

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Manchmal mische ich noch ein paar Metallperlen darunter; der Kontrast betont den Charakter der Steine.
Eine Rolle Juweliersdraht (gibt es in allen Farben) und Verschlüsse kosten auch nur ein paar Euro. Eine Zange haben wir schon, ich glaube, sie liegt noch im Heizkeller, wo ich ein Ventil reparieren wollte. Jetzt nur noch ein Tütchen sogenannte Quetschperlen, mit denen man die Perlen in Abständen auf dem Draht fixieren kann. Man schiebt sie einfach an die richtige Stelle und drückt sie mit einer kleinen Zange zusammen, schon sitzen sie fest. Früher hat man Perlen meist nur aufgefädelt, aber seit es diese Quetschperlen gibt, kann man leicht filigrane Colliers herstellen. Mir gefällt das viel besser.

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Auf einem Frotteehandtuch, wo sie nicht wegrollen können, sortiere und kombiniere und puzzle ich, bis Form und Farben stimmen, bis es ein Ganzes ergibt, das sich nicht nur verträgt, sondern zum Berühren und Schauen einlädt. Wenn die Kette oder das Collier für eine bestimmte Person sein sollen, versuche ich natürlich, mich nach deren Geschmack, Persönlichkeit und bevorzugten Farben zu richten. Eine Kette ist wie eine Geschichte: sie erzählt etwas über ihren Träger.

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Bei den Verschlüssen muss man auch überlegen: Ist der Schmuck für eine ältere Person? Sie kommen nicht gut mit fummeligen Verschlüssen zurecht, da bietet sich ein Magnetverschluss an. Aber meine Schwester zum Beispiel, die viel herumkommt und fast alles verliert, benötigt Verschlüsse, die nicht so schnell aufgehen.
Bestimmt kann man das alles noch viel schöner und besser machen als ich es bisher getan habe, aber ich habe auch erst damit angefangen. Und es muss nicht immer alles perfekt sein, um Freude zu machen.-
Die ganze Bastelei muss nicht länger dauern als ein, zwei Stunden, macht einen klaren Kopf, keine Schweinerei oder Geruch in der Wohnung und hat ein befriedigendes Ergebnis. Die Materialien benötigen, wenn man sie wegräumen und aufbewahren muss, nur wenig Platz. Und die fertigen Geschenke wiegen kaum etwas und lassen sich leicht und schnell im Briefumschlag verschicken.

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Wenn mir so etwas gelungen ist, kann ich meist auch wieder schreiben. Das Schmuckbasteln, das Umgehen mit den geschliffenen, polierten Steinen hat etwas Meditatives, es fokussiert. Und eine gute Geschichte soll sein wie ein passender Schmuck: sie möchte dem Leben für einen Augenblick ein Schimmern schenken, kann im Gedächtnis bleiben als etwas, das einen hellen Eindruck hinterließ, eine schöne Erinnerung, eine Begegnung.

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Mehr Vorlagen gibt es hier.

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