Sommergedanke

Ich liege auf dem Rücken auf der Wiese und sehe die Schwalben durch den Sommerhimmel fliegen. Alles ist so groß und voller Wunder um mich. Ich klebe sicher auf der Haut des Planeten wie ein Magnet an der Kühlschranktür, weil ich von der Schwerkraft gehalten werde. Ist es nicht toll, dass man sich auf etwas so bodenlos verlassen kann, so tief und selbstverständlich vertrauen wie auf die Schwerkraft?
Aber „bodenlos“ kann ausgerechnet dafür nicht das richtige Wort sein. Was ist das richtige Wort?

Werbeanzeigen

Feuertage (Taschenbuch)

Feuertage (Taschenbuch)

In diesem Buch gibt es Geschichten für alle Jahreszeiten:

Momentan herrscht ein geschenkter Sommer im Oktober.

27° im Schatten am 2. Oktober. Die goldenen Blätter auf dem Boden und die Schwärme von Wildgänsen am Himmel, die nach Süden ziehen wirken bei diesen Temperaturen völlig unwirklich. Wir genießen glücklich diese traumschönen Stunden mit dem intensiven Licht und den langen Schatten. Viele Worte braucht es da nicht. Silberfäden überall, und manche Blumen blühen zum zweiten Mal, selbst die Vögel singen wieder. Es ist unvergeßlich, weil ungewöhnlich. Eigentlich sollte man alles so bewußt und erstaunt erleben wie diese letzten, geschenkten Sommerstunden im Herbst.

Warmer Wind

An Tagen wie diesen, wenn es dreißig Grad sind und dennoch ein stürmischer Herbstwind unterwegs ist, treibt ein Glück in der Luft, das tiefer ist als Worte. Ich liege auf der Wiese und höre zu. In der Buche erzählt der Wind anders als in der Eiche daneben und der Kastanie dahinter. Alle drei haben ihre ganz eigene Stimme. Der Wind macht ein Orchester daraus, eine leichte, wilde, triumphierende, fragende und geheimnisvolle Sinfonie. Ein Echo flüstert in der kleinen Trauerbirke über mir, eine zweite Stimme, ein Kanon vielleicht. In solchen Stunden denke ich nicht an Geschichten, aber der Zauber, dem ich lausche, bereitet den Boden, das Fundament für die Worte, die darauf erst wachsen können, später.

Früher, viel früher hätte ich bei diesen Temperaturen das hier gemacht:

aber da ich in diese Wanne nicht mehr passe, plansche ich mit derselben Freude im Grün der Wiese, im Himmelblau über allem, im Windgeisterchor und dem Geruch warmer Erde.
Wenn es dann morgen regnet, sind die Worte wieder dran, sommererfrischt und herbstwindgelüftet und tausend Jahre jünger.

Sommerlicht in Lübars

Ich bin lange nicht Fahrrad gefahren, mangels Muße. In einer geschenkten Stunde habe ich mich nun aufgemacht, auf der Suche nach kühlendem Fahrtwind. Er kühlte nicht, aber beglückte. Ich hatte ganz vergessen, was für einer Landschaft wir hier nahe sind! Unsere Straße immer geradeaus, schon verzweigt sie sich. Der linke Weg, wenn man sich an dem alten Kopfsteinpflaster vorbeipfriemelt, führt weg von der Stadt, genau auf das einzige Dorf im ehemaligen Berlin (West) zu.
Manches weist hier auch ins Nichts, wie zu Mauerzeiten:

Zu meiner Begeisterung stieß ich bald auf ein Getreidefeld, das der Stadt und der Dürre zum tapferen Trotze vor dem Märkischen Viertel steht. Wie hatte mir so ein Anblick jahrelang gefehlt! Vom Rand stibitzte ich ein paar ohnehin geknickte Ähren für die Vase in meiner Küche (früher nannten wir das „stiehlern“) und hätte mich über den Fund einiger Goldmünzen nicht so gefreut wie darüber. Das Märkische Viertel ist nicht schöner geworden dadurch, dass man einen Teil der „Häuser“ (für mich sind es Wohnschränke) in der sogenannten Papageiensiedlung bunt gestrichen hat. Aber das Bild zeigt, wie friedlich Gegensätze in Berlin koexistieren. Es ging ja einst nicht anders; aus der Not wurde Charakter.

Da ich mich im Fahrradfahren noch ungeübt fühlte, ließ ich diesen verlockenden Pfad am Waldrand seinen Weg allein gehen

und fuhr weiter auf der Wittenauer Straße bis Alt-Lübars, wo mir ein weiter Blick über eine sommerheiße, im Licht flirrende Bilderbuchlandschaft völlig unverhofft zu Füßen gelegt wurde.

Beim Anblicks dieses Baumes wünschte ich mir, mein Kollege Nils Pickert wäre anwesend, denn ihm wäre dazu sofort das passende Gedicht eingefallen. So musste ich mich mit dem Gedanken an die vielen Baumgedichte in seinem wundervollen Lyrikband „Stadtarboretum“ trösten, der noch in diesem Jahr erscheint.

Ich freue mich schon darauf, diesen Baum im Herbst zu besuchen.
In seinem Schatten ausruhen konnte ich mich nicht, denn diesen Gedanken hatten im gleichen Augenblick die Anwohner:

Mit dem freundlichen „Määäh“ im Ohr, das ich so lange nicht gehört hatte, fuhr ich sehr glücklich und erfrischt nach Hause mit dem Vorsatz, demnächst noch andere Ziele in der Gegend zu entdecken.
Ich kam an einem Wegweiser vorbei: „Barnimer Dörferweg“, und wäre der trockene Märkische Sand dort nicht so Fahrraduntauglich gewesen, hätte ich ihn veielleicht gleich ausprobiert, den 38 Grad und dem wartenden Peter ungeachtet. Der bloße Gedanke, dass man sich hier, wo zu Mauerzeiten alles zu Ende war, ungehindert auf einen „Dörferweg“ machen kann, ist für mich immer noch unfaßbar, nach all der Zeit.

Afrika liegt in Berlin. Oder umgekehrt?

38 Grad. Bilder aus der Berlin-Wittenauer Savanne.

An diesem Sommer ist ungewöhnlich:
– die Frühstückseier lassen sich nicht schälen, weil das Wasser so warm aus der Leitung kommt, dass man sie nicht abschrecken kann
– ich werde kaum munter, weil das Wasser so warm aus der Leitung kommt, dass ich mich auch nicht abschrecken kann
– ich muss weniger waschen, weil man kaum Kleidungsstücke braucht und sehr schnell angezogen ist.
– die Wespen und die Vögel teilen sich einträchtig unser Vogelbad. Da kommen Vögel, die ich hier noch nie gesehen habe, z.B. wunderschöne Stieglitze.
– die Goldfische bekommen einen Sonnenbrand, wenn sie zu lange unter den Seerosenblättern hervorkommen
– die Konzentration läßt ziemlich nach, was ungünstig ist, wenn man 24 Stunden einen schwerstbehinderten Beatmungspatienten zu pflegen hat
– ich hatte noch nie einen solchen Heißhunger auf frische Luft und Regen
– ich habe Mitleid mit der Pizza im Backofen, weil ich jetzt weiß, wie sie sich fühlt
– ich brauche kein Unkraut jäten, denn wenn man darum herumgießt, stirbt es von allein.

Reichtum neben der Straße

Wenn es nicht bald regnet, sieht es schlecht aus für dieses große, dicke Sommergrün, das überschwänglich und schwer und zufrieden auf der Erde liegt als ein kaum begreifbarer Reichtum, nach dem wir uns im November schon wieder sehnen werden. Aber noch hält es jeden Winkel am Rand dieser lärmenden, stinkenden Stadt glücklich besetzt. Auf manchen Flächen verbrennt es bereits in ihrer Gnadenlosigkeit, und sogar das Unkraut welkt, aber ich sehe geflissentlich daran vorbei.
Noch ist Zeit für sommertief grüne Begegnungen.

Freilandprosa

Ich habe mein Büro nach draußen verlegt, hinter einen kühlen grünen Vorhang aus wildem Wein, der mir in einem sanften Wind freundlich Kühlung zufächelt. Und bin froh, dass ich nicht mehr wie vor zwanzig Jahren auf meiner geliebten alten Schreibmaschine herumhämmern muß, weil das die Nachbarn in den Wahnsinn treiben und die Vögel aus dem Vogelbad verjagen würde.
Möge das schöne Ambiente auf die Prosa abfärben…

%d Bloggern gefällt das: