Die Blätter zweier Himmel

Vorgestern war ich auf einer Hochzeit, mitten im Wald. Standesamt, nicht Kirche. Die Trauung fand draußen statt. Das Paar war spürbar glücklich; ich freue mich riesig für sie. Doch die Rosen im Bogen über ihnen waren aus Plastik. Der Wind trug alle Worte davon, so dass sie das Geheimnis des Brautpaars blieben – was ja in Ordnung ist. Mir fehlte die Feierlichkeit der Kirche und Musik, die nicht von einem ausgeleierten Band kam; ich fühlte mich seltsam fremd und fern, wie immer in einer Menschenmenge.

Gestern war nach langer Zeit jemand zu Besuch, mit dem ich seit 28 Jahren tief befreundet und noch länger seelenverwandt bin, obwohl er mir fast ein Vierteljahrhundert voraus hat. Nun hat er einen schweren Sturz von der Leiter hinter sich, gefolgt von sechs gebrochenen Rippen und einer dauerhaft verletzten Lunge; in seiner Niere schläft ein Tumor, von dem man nicht weiß, wie lange noch. Ich ging ihm entgegen, erkannte ihn von weitem und doch nicht. Früher stürmte er alle Wege entlang, war sich stets selbst einen Schritt voraus, brannte an beiden Enden, schlief kaum aus Angst, Leben zu versäumen. Nun geht er langsam, ein wenig unregelmäßig. Damals konnte ich immerhin zwei Zentimeter zu ihm aufsehen, nun merke ich: es ist jetzt umgekehrt. Das tut weh. Zerbrechlich ist er, vor dem Hintergrund der gelben Blätter, die auch die Bäume zarter aussehen lassen als sie sind. Aber sein Lachen, so viel größer als er, rückt für mich noch immer die Welt gerade, wie damals, wie seitdem: unerschütterlich, auch wenn ein neuer Unterton mitschwingt.
Er erzählt von alten Kollegen, die gerade verstorben sind: Professoren, bei denen ich Vorlesungen gehört habe, ich erinnere mich. Nicht an die Vorlesungen, aber an Gesichter, Stimmen, Gesten. Lebendig, auch jetzt noch.
Auch Freunde sind ihm verlorengegangen, alte Kameraden. „Die Einschläge kommen näher, schneller“, sagt er. Fühlt er sich unter Beschuß? Ich habe organisatorisch immer die Kohlen aus dem Feuer geholt für ihn, nun kann ich ihn nicht mehr beschützen, nur mit ihm lachen über uns selbst, den alten Zauber heraufbeschwören für einen Herbstnachmittag.

Heute war ich auf dem Friedhof, meine Schwiegermutter hätte Geburtstag gehabt und ich bringe ihr Blumen. Sie hat in jeder Krise zu mir gestanden als wir uns noch kaum kannten, mehr als meine eigene Familie, und doch war ich ihr nie so nahe wie sie es sich gewünscht hätte. Daneben liegt mein Schwiegervater, den ich nicht mehr kennenlernen durfte und der an der Krankheit starb, die er unwissentlich an meinen Mann vererbte. Daneben der andere Sohn, mein Schattenbruder, der keine Vierzig wurde und den ich auch nicht kennenlernte und der dennoch immer unsichtbar gegenwärtig ist.
Ich zünde die Kerze an, pflanze die Astern und die Erika in die herbstduftende Erde. Die Gräber drumherum sind fast alle verfallen, Löwenzahn wächst dort und Vogelmiere, nur die Namen erzählen Geschichten, dort, wo die Steine noch nicht verschwunden sind. Manche Namen sind erst ein paar Jahre alt und doch sehen die Gräber so aus

Auf anderen wohnen ausgelassen Blüten obwohl die Namen längst unauffindbar schweigen.

Den Bäumen sieht man an, dass sie aus den Schicksalen von Generationen wachsen.

Ich mag Friedhöfe. Als Jugendliche folgte ich den langen Schritten meines Vaters über Friedhöfe im ganzen Land, er betrieb Ahnenforschung und wir waren auf der Suche nach bestimmten Familiennamen, überall andere. Wir fanden sie oft, manchmal auch nicht, dann galt es alte, nach Moder riechende Kirchenbücher zu durchstöbern. Wir fanden so viele Geschichten, von denen es gar nicht mehr wichtig war, ob sie zu uns gehörten. Sie gehörten der Menschheit, von der wir ein ehrfürchtiger winziger Teil sein durften, sie gehörten alle unseren Vorfahren, ob blutsverwandt oder nicht.
Es gab auch Zeiten, da beneidete ich die, die da so friedlich unter den Steinen träumen durften und zu Blumen werden, in den Schatten alter, aufrechter Kirchen.
Heute fühle ich mich hier lebendiger als auf der Hochzeit, trödle herum während der Herbst sich mit jedem treibenden Blatt ein wenig tiefer senkt. Wie kommt es, dass ich mich so oft den Toten näher fühler als den Lebenden? „Mit den Toten führen wir die tiefsten Gespräche, weil sie nicht mehr widersprechen können“, sagte ein Kollege mir. Ja, vielleicht führe ich mit den Toten die tiefsten, wortlosen Gespräche, doch sie antworten mir, indem sie auf ihre Weise gültig gegenwärtig sind, nahe und immer, zeitlos. Sie prägen meinen Weg.

Im Gießbottich sehe ich helle Blätter auf der Oberfläche treiben, so hell wie die, die schon lange auf dem Grund liegen und durch das dunkle, aber klare Wasser deutlich sichtbar sind. Ein Echo von Blau schaukelt dazwischen in dem hölzernen Rund, ein zweiter, tieferer Himmel. Es freut mich, diesem passenden Bild für meine Gedanken von eben zu begegnen. Die Lebenden treiben auf der Oberfläche, doch die Toten, in der Tiefe ruhend, haben nichts von ihrem Leuchten und ihrer Wirklichkeit verloren. Es ist nur nicht mehr ihre Zeit, aber das heißt nicht, das ihre Zeit an Gültigkeit verloren hat. Mein Spiegelbild schwebt irgendwo dazwischen und sieht beiden ins Auge, bis ich die Gießkanne in das Wasser tauche. Sie zieht die lebendigen Blätter von der Oberfläche in einen Strudel; die auf dem Grund bleiben in der Stille liegen.

Auf dem Weg zum Tor finde ich diese steinernen Raben, deren Schnäbeln ein Jahrhundert die Schärfe genommen hat wie auch dem Stein, den sie betrachten, die Buchstaben. Und doch wirken sie hellwach, wie gerade erst gelandet – in einer Zeit, die langsamer läuft als die Menschen. Sie scheinen in den braunen Blättern nach Käfern zu stöbern. Sie gefallen mir, besser als alle anderen Gedenksteine auf dem Friedhof.

Auch einen Engel treffe ich, der den Großstadtschmutz desselben Jahrhunderts trägt; ein sehr nachdenklicher Engel, der sicher noch nicht herausgefunden hat, warum er Zeuge zweier Kriege, einer Teilung und einer Diktatur werden mußte, von vielem anderen abgesehen; heute aber sieht er Kinder spielen, die sich Eicheln zuwerfen und dabei vor Lachen das Gleichgewicht verlieren. Mir ist, als habe er – bzw. sie – einen Moment geschmunzelt. Darunter steckt ein Schild: „Denkmal sucht Pate“. Ein Schutzengel, der einen Paten sucht – wer mag sich dieser Aufgabe gewachsen fühlen?

Auf der Heimfahrt spüre ich ohne Zusammenhang ein sehr lebendiges Verlangen nach der kleinen Packung Johannisbeereis, das der Sommer in meinem Gefrierfach übrig gelassen hat. Mein Gast von gestern hätte nach Pistazieneis verlangt. Ich erinnere mich an einen Sommertag vor fünfundzwanzig Jahren, als er um einen Kuss wettete, dem Eismann an der Gedächtniskirche noch eines abschwatzen zu können, obwohl der längst eingepackt hatte. Natürlich gewann er. Und ich bin zuversichtlich, dass er jetzt dem Schicksal noch einiges abschwatzen kann. Seine ausholenden Gesten, mit denen er mir einst wie jetzt vieles so umfassend nahebrachte, mit denen er die Welt aus den Angeln heben und bunter, greifbarer, größer wieder aufhängen konnte, sind leiser geworden, doch an Überzeugungskraft haben sie nicht verloren.
Gestern, auf dem Bahnhof beim Abschied, spiegelten sie sich in einer Pfütze, auf der helle Blätter lagen.

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Schwierige schmierige Zeiten

Diese erstaunlichen, märchenhaften Wesen, die ich in lang vergangenen Sommern auf den für ihre einzigartigen Muschelvorkommen bekannten Inseln Sanibel und Captiva an der Golfküste Floridas gesammelt habe, gehen gerade im Öl zugrunde, möglicherweise unwiederbringlich. Mit ihnen die freundlichen Pelikane, mit denen ich geschwommen bin, die zarten Seenadeln, Quallen, Anemonen, die Rochen, alles alte Gefährten. Auch die anmutigen Wasserschlangen, die zauberhaften Anhingas, die kleinen und großen Kaimane und Alligatoren, die Seekühe. Die Pfeilschwanzkrebse, bei denen es sich um lebende Fossilien handelt. So viele empfindliche Lebewesen der Mangrovensümpfe und der Everglades…
Für meine Trauer um sie gibt es keine Worte.
Florida ist kein reiches Land, viele sind dort bitterarm und leben allein vom Fischfang und den Touristen. Auch für sie bricht alles zusammen.
Aber es ist zu billig, die ganze Katastrophe nur auf Ölmultis und Politiker zu schieben. Auch ich mag es, wenn die Heizung läuft und der Teekessel kocht. Wir alle sind schuld. Ich hoffe, dass wir dazulernen und sich in den nächsten Jahrzehnten Grundlegendes ändert. Die Indianer hatte es schon mal begriffen, und viele andere Völker auch. Es muss möglich sein. Irgendwann.

Kreatives Schneckenhaus

Ich möchte hier einen Ausschnitt von einem Bild vorstellen, das mein Freund Thomas Hentschel einst gemalt hat und das im Moment meine kreative Stimmung gut wiedergibt.


(c) Thomas Hentschel

In jenem Schneckenhaus am Ende einer lichtbeschienenen Treppe fühle ich mich oft wohl, zumal man in einem kreativen Rausch auch mal fröhlich auf dem Hosenboden herausrutschen kann. Die Pinsel, die im Herbst aus Frühlingserde heraus aufstreben, die Bleistift-anspitz-abfälle, die zu Schmetterlingsflügeln mutieren und sich in einen Himmel aufmachen dürfen, der mal dunkel und wolkenzerrissen, mal voller Licht und Geheimnisse ist – so fühlen sich meine Gedanken und Phantasien allemal, und die überdimensionalen verschlungenen Gänseblümchen als Anker am Fuße des Ganzen, auf die mag ich in meiner Welt nie verzichten.
Ja, Thomi-thomas, das passt alles, immer noch, auch mehr oder weniger auf den Tag genau dreizehn Jahre nach deinem Tod. Es passt auf mich, wie es auf dich, auf uns gepaßt hat, heute wie damals.
Du schleichst dich in so viele meiner Texte und färbst sie, manchmal melancholisch, immer mit einem unerwarteten Traum.
Dein Vater hat mir heute die schriftliche Genehmigung erteilt, die wenigen Zeichnungen und vielen Texte die ich von dir habe nach Belieben Veröffentlichen zu dürfen, er meinte, es sei ganz in deinem Sinne, und das denke ich auch.
Das Internet gab es damals nicht, Computer lagen dir nicht, du hantiertest lieber mit Pinsel, Farben, Füller, Tinte… und schreibst dich immer noch in mein Leben. Unter deine täglichen Briefe hast du jedes Mal geschrieben: „To be continued!“
To be continued, daran hat dich der Tod nicht hindern können. Daran liegt es wohl auch, dass du in meinem Roman erheblich mehr Platz einnimmst als geplant.

Wo der Himmel wuchs

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Wo der Himmel wuchs (Leseprobe aus: Die Füße der Sterne)
(c) Patricia Koelle

„Heute kommt uns die Butterkeksoma nicht abholen“, hatte Wolfgang gesagt, damals, an irgendeinem jener langen Sommertage als wir beide sechs waren und in derselben Klasse. Der kleine Wolfgang, der jeden so gefährlich treffend zeichnen konnte, und der ständig seine winzige Brille von der sommersprossigen Nase nahm, unterwegs irgendwo hinlegte und dort vergaß. „Sie ist jetzt im Himmel!“ Unwillkürlich sah ich nach oben, wo zwei Flugzeuge weiße Linien zeichneten wie die in meinem ungeliebten ersten Schreibheft. „Wie, im Himmel? Ist sie verreist?“
„Sie ist tot“, sagte Wolfgang seelenruhig, putzte seine Brille mit dem Ärmel, klappte sie sorgfältig zusammen und legte sie auf dem Zaun ab. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, und jetzt ist sie im Himmel.“
Die Butterkeksoma war Wolfgangs Oma. Sie holte uns beide ab, weil mein Zuhause auf Wolfgangs Weg lag, und immer, wenn sie uns zur Begrüßung umarmt hatte, zog sie mich spielerisch am Zopf, gab Wolfgang einen zärtlichen Klaps und dann bekamen wir einen Keks in die Hand gedrückt. Ich begriff dunkel, dass sie dies nun wohl nie wieder tun würde. Gab es im Himmel überhaupt Butterkekse?
„Stimmt es, dass man in den Himmel kommt, wenn man tot ist?“ fragte ich zuhause meine Mutter. „Wer weiß“, sagte Mutter. „Lass deine Schuhe bitte nicht wieder im Flur liegen!“ Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Er fand, dass Kinder sich über gewisse Dinge keine Gedanken zu machen brauchten. Das hatte ich bisher auch nicht getan. Wohl wusste ich, dass meine Mutter einmal Brüder gehabt hatte, die nicht aus dem Krieg wiedergekommen waren, dafür aber hin und wieder wie Gespenster in einer gewissen Traurigkeit umherhuschten, die sie manchmal befiel. Wenn dieses dunkle und unverständliche Ereignis Krieg nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar Opas gehabt wie manche anderen Kinder. Doch bei uns wurde über Dinge, die man nicht ändern kann, nie gesprochen. Und so dachte ich zunächst tatsächlich kaum über diesen Himmel nach, von dem Wolfgang erzählt hatte. Nur wenn ich Butterkekse aß, fiel er mir gelegentlich ein.
Doch drei Jahre später war es Wolfgang selbst, der in den Himmel kam. Er hatte seine Brille auf einer Schaukel liegen lassen und war vor einen Bus gelaufen. Ich versuchte, ihn zwischen den unruhigen Septemberwolken zu entdecken, doch der Himmel schien furchtbar weit weg.
Seltsamerweise war es mein Vater, der mich zu trösten suchte, indem er mich nachts auf den Balkon mitnahm und mir die Sternbilder erklärte. „Das ist der Große Wagen, dort der Schwan und hier, die Kassiopeia, auch das Himmels-W genannt.“ Es half mir tatsächlich etwas; ich fand, die Sterne schienen ein wenig tiefer und somit erreichbarer als der Himmel bei Tag. Doch das riesige leuchtende „W“ verfolgte mich bis in meine Träume. „Wer weiß?“ schien es zu sagen. „Warum? Wo?“ Offenbar hatte selbst der Himmel offene Fragen. Große Fragen. Ich konnte immer noch nichts mit ihm anfangen, nicht mit dem Himmel der Toten. Mein Himmel war der, in den ich meinen Drachen steigen ließ und gegen meine Vorstellungskraft hoffte, dass Wolfgang sich von oben herunterbeugen und ihn von der Schnur pflücken würde, wenn sie nur lang genug war. Er tat es nicht, und ich begann zu glauben, dass er sich geirrt haben musste.
Doch dann fuhren wir in den Ferien meinen mir bis dato unbekannten Großonkel besuchen, der auf einer Nordseeinsel lebte…

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Flaschenpost. Gedicht (Sonett)

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Flaschenpost
(c) Patricia Koelle

Mit dir nur konnte Tage ich bemalen
für uns war große Dichtung jede Stunde
als wir noch von der Zukunft Reichtum stahlen
leicht lasen wir der Sterne helle Kunde

Es lockte Wind die Träume zu Spiralen
du jagtest Zweifel gnadenlos zugrunde
wir suchten Glück in zarten Muschelschalen
mit Neugierfunkeln atemlos im Bunde

Auf meine Fragen kamst du wie gerufen
Wir lebten auch in jedem Abgrund hoch
Dein Lachen trug mich über alle Stufen

Selbst auf Vergänglichkeit lag Lied und Glanz
als Tod schon stumm in deinem Schatten kroch
sprach noch dein Schritt von einem stillen Tanz

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Vermächtnis im Laub

Man kann es mit der Ordnungsliebe auch übertreiben. Alle jammern über das fallende Laub. Manche Gartenbesitzer scheinen unter den Bäumen zu stehen und auf die Blätter zu warten, damit auch ja keines ihren englischen Rasen berührt. Laub scheint dieser Tage die Plage der Nation darzustellen.
Ich liebe es, auch wenn ich manchmal Blasen bekomme, wenn ich es denn endlich auch mal aufharke, damit nichts darunter erstickt. Für mich erzählt es von dem vergangenen Frühling, von glücklichen Sommertagen, wie lauter alte Briefe. Es raschelt und duftet wie das Leben selbst. Wenn ich früher übermütig war, bin ich vom Garagendach in die Laubhaufen gesprungen. Dieses ausgelassene Gefühl habe ich heute noch manchmal, wenn ich eine Geschichte schreibe und in zuviel Wörtern bade, die ich dann wieder aus dem Text streichen muss.
Es ist doch faszinierend, dass all dieses Rot und Gelb das ganze Jahr über in den Blättern ist, man es aber jetzt erst sieht, da das Grün verschwindet. Und wie unterschiedlich das Laub, je nach Blattform, zu Boden segelt, fällt, kreiselt, schwebt. Die Art, wie Tautropfen sich darauf sammeln, zur Lupe werden oder das Licht einfangen.
Ich kannte jemanden, der noch mehr damit anzufangen wußte. Nennen wir ihn Walter, denn so heißt er in meinen Geschichten. Das war lange vor meiner Heirat mit Peter. Mit Walter verband mich eine bittersüße Freundschaft, die das Leben feierte und wie das Echo einer Liebe war, die hätte sein sollen. Wenn das Leben nicht zu groß für Walter gewesen wäre und seines schon fast zu Ende, als ich ihn kennen lernte. Walter war Lehrer und Künstler, und er mochte alte Blätter.
Mein Text „Vermächtnis im Laub“ erzählt davon:

„Für mich stehst du noch immer auf jedem Bahnhof, den ich betrete, und wartest auf den Zug nach Potsdam.
Dabei wolltest du irgendwann ein fröhlicher alter Mann werden, wie du auf der Fähre nach Kladow, mit einer Currywurst in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand, einmal bemerktest. Wir waren unterwegs, so wie du immer unterwegs warst, von dir weg, von uns. Doch je mehr du dich davonmachtest, innerlich und schließlich ganz, umso mehr schriebst du dich mit deinem Zeichenstift unwiderruflich in meine Welt. Es wird immer alte, zerbröselnde Blätter geben, hinter Hausecken, unter Bänken, an Ufern, und du bist in ihnen, zwischen ihnen, treibst dich herum mit ihnen im Wind, um meine Füße. Abends finde ich sie in meinen Hosenaufschlägen. Du blätterst in meinem Leben, nur anders.
Auf der anonymen Grabstelle in Potsdam gibt es kein altes Laub, nicht im Frühling, nicht einmal im Herbst. Dort ist sauber gefegt. Da, wo du sein solltest, ist nichts von dir, doch überall woanders. Du bist nie angekommen. Nicht einmal das eigenwillige Unkraut wächst auf jener Wiese, das im April weinrot blüht und das ich zum ersten Mal auf einem unserer Entdeckungsausflüge sah. Ich benannte es kurzerhand nach dir. In den Jahren danach nahm die Walterblume immer mehr von der Stadt in Beschlag. Sie blüht an Bahngleisen, Laternen und auf Fußgängerinseln, verdrängt im Park den Rasen und findet sich in Balkonkästen wie ein Aprilscherz. Sie gehört zu den Nesseln, besticht durch ihre Farbe, wird aber wehrhaft, wenn man ihr zu nahe kommt. Dein Name passt zu ihr.
Bevor wir uns das erste Mal sahen, kannte ich dich eine Ewigkeit nur aus deinen Briefen. Du machtest lange und mit Vergnügen ein Geheimnis aus dir. Jemand hatte dir erzählt, dass ich Manuskripte abtippe, und vertrauensvoll schicktest du mir deins, obwohl wir nichts voneinander wussten. Für das fertige erste Kapitel brachte mir die Post einen Dank von dir in Form eines braungelben, löchrigen Birkenblatts, aufgeklebt auf eine alte Karteikarte. Viele Füße waren achtlos darauf getreten, nachdem es fiel. Du allein hattest etwas Besonderes darin wahrgenommen und dich danach gebückt. Durch ein paar Striche, ein Auge, eine angedeutete Dämmerung schwebte verspielt über einer kleinen Landschaft eindeutig das, was du auch darunter geschrieben hattest: „Nachdenklicher Fledermausgeist“.
Du hattest kein Geld. Du bezahltest meine Tipparbeiten fortan in Blattgeistern und der eigenwilligen Freundschaft, die nebenbei entstand. Nie zuvor und nie wieder habe ich so sehr auf die Post gewartet. Meine Wände und Regale bevölkerten sich mit deinen Wesen und die Nachbarn kamen aus Neugier öfter vorbei, um den Blattgeist des Tages in Augenschein zu nehmen.
Da gibt es den „Vierflügeligen Großohren-Geist“, der aus einer Kleeblüte mit langem Stängel entstanden ist und einen winzigen Kirchturm umkreist, als gehöre ihm der Himmel und der Himmel sei größer als alles andere. Der frierende „Pelikan-Geist im Wintermantel“ aus einem umgekehrten Erdbeerblatt lehnt an der Standuhr und beobachtet die Zeit. Der „Einbeinige Krähen-Geist“ mit dem süffisanten Lächeln hat einen zerfaserten Blattrest als Körper, in dem außer dir kein Mensch auf dieser Welt etwas anderes als Abfall gesehen hätte. Und der „Schnurrbärtige Tanzgeist“ bekam seinen Schwung von einem jungen Eichenblatt, das noch immer vom Wind getragen scheint, nachdem es zwölf Jahre auf der Rückseite eines Kassenzettels klebt.
Wenn du in Schwierigkeiten warst, half ich, soweit es ging, und du bedanktest dich in Bildern. Wirklich erreichen konnte ich dich nie; seltsam nur, dass ich dich bis heute ebenso wenig verlieren konnte.
Kurz vor deinem Tod schenktest du mir ein Bild, das verblüffend solider war als alle anderen und Gewicht hatte, so als glaubtest du, die leichten Geister könnten nicht ausreichen, um dich in meiner Erinnerung zu halten. Es war ein breites, armlanges Stück Baumstamm, das an einem deiner letzten Wintertage in deinem Kamin gebrannt, dann geschwelt hatte und schließlich verlöscht war. Tiefschwarz verkohlt, hatte es eine seltsame Form mit schuppiger Oberfläche angenommen. Du schraubtest es auf ein helles Brett, verliehst ihm mit einer schützenden Lackschicht einen seidenmatten Glanz und montiertest darin ein einziges zyklopenhaftes Auge. Ein blaues, nachdenkliches Auge, das einmal einer Schaufensterpuppe gehört hatte, mit einem klappbaren Lid und Wimpern. „Es kann dich anglimpsen oder du kannst es ausglimpsen, ganz wie du willst“, sagtest du. Glimpsen, das Wort hast du erfunden, weil dir schlichtes Sehen nicht genügte. Glimpsen, das hieß staunen, hieß einen Augenblick Glück beim Schauen, hieß, ein Leuchten vorzufinden.
Ein großer Dübel hält das schwere Objekt fest an meiner Wand. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaut es mir über die Schulter. Wenn ich mich umdrehe, sieht es mich an. Je nach Lichteinfall entstehen immer neue Gesichter auf dem Holz. Ich habe das Auge nie geschlossen; es bleibt wach. Ich erzähle ihm wortlos meine Geschichten. Manchmal ist es mir unheimlich, doch ich stelle mich seinem Blick. Es ist dir merkwürdig ähnlicher als dein Selbstportrait.
Doch auch ohne diesen Baumstamm, der mich fixiert, wärest du geblieben, indem du wiederkommst. Im Frühling ist es am stärksten; dann streunt nicht nur das vorjährige braune Herbstlaub aus seinen Verstecken hervor, sondern mit der Tageslänge strecken sich über mir die neuen Blätter dem Wolkengrau entgegen, hellgrün, hungrig, unaufhaltsam. Unter den Bäumen legt ihnen die Walterblume einen roten Teppich zu Füßen. Die Blätter wachsen, breiten sich aus, färben sich von hell über tiefgrün ins Braune, werden fallen, werden von dir erzählen, werden mir ein Echo deines spöttischen Schmunzelns schenken und unerwartete Ideen. Du bist mein Perpetuum mobile geworden. Ich will nichts von dem versäumen, was mir der Alltag zuwirft. Du hast mir gezeigt, was sich in dem verbirgt, auf das andere treten. Deine Zeichen in den Blättern mahnen mich immer neu. Du bist unterwegs, du treibst meine Gedanken um wie der Wind deine Spuren. Wo Blätter sind, schweigst du nicht.“

Ja, und dann gibt es noch die Geschichte „Der Engel am Ende des Himmels“ in dem Buch „Weihnachtsgeschichten.
Mit dieser Geschichte habe ich Walter so etwas wie ein Denkmal gesetzt. Sie erzählt von einem ganz besonderen Abschied. Hier ein Auszug:
„Walter war mein Freund gewesen, nicht DER Freund, aber einer von jenen, die die Tage anders färben, als sie ohne ihre Gegenwart gewesen wären.
Sein Tod war nicht unerwartet gewesen. Ich hatte ihn bei unserem letzten Treffen in Walters Augen gesehen, als eine geduldige Gegenwart. Ja, ich hatte Walter in diesem Wissen sogar einen Abschiedskuss gegeben, den ersten und letzten Kuss, den es zwischen uns gegeben hatte, und in dem Kuss war ein Bedauern gewesen und ein Frösteln.
Doch ich hatte noch viele Briefe und Telefonate in unsere Zeit gerechnet. Walter pflegte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu klingeln, um zwei oder drei Uhr, und mir Bruchstücke von Geschichten vorzulesen, die ihn gerade faszinierten. Nach dem ersten Ärger gewöhnte ich mich daran und fiel, wenn er seine Gegenwart in meinem Ohr mit dem Hörerklicken beendete, sofort und besser in den Schlaf, in den ich die Geschichten mitnahm und zu Ende träumte. Kurz vor Weihnachten waren es immer besonders viele Geschichten, als gäbe es in Walter einen Stau, den er noch vor Jahresende auflösen musste.
Manchmal waren es auch kratzige Lieder, die er mit seinem ausgeleierten Diktafon im Radio gehört und aufgenommen hatte und mir durch das Telefon vorspielte. Schon da hörte es sich an, als würde er von viel weiter weg anrufen als von dieser Erde. Im November war es „I believe in Angels“ gewesen, immer und immer wieder, obwohl das gar nicht zu Walter passte…

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