Wo der Himmel wuchs

DSC08167

Wo der Himmel wuchs (Leseprobe aus: Die Füße der Sterne)
(c) Patricia Koelle

„Heute kommt uns die Butterkeksoma nicht abholen“, hatte Wolfgang gesagt, damals, an irgendeinem jener langen Sommertage als wir beide sechs waren und in derselben Klasse. Der kleine Wolfgang, der jeden so gefährlich treffend zeichnen konnte, und der ständig seine winzige Brille von der sommersprossigen Nase nahm, unterwegs irgendwo hinlegte und dort vergaß. „Sie ist jetzt im Himmel!“ Unwillkürlich sah ich nach oben, wo zwei Flugzeuge weiße Linien zeichneten wie die in meinem ungeliebten ersten Schreibheft. „Wie, im Himmel? Ist sie verreist?“
„Sie ist tot“, sagte Wolfgang seelenruhig, putzte seine Brille mit dem Ärmel, klappte sie sorgfältig zusammen und legte sie auf dem Zaun ab. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, und jetzt ist sie im Himmel.“
Die Butterkeksoma war Wolfgangs Oma. Sie holte uns beide ab, weil mein Zuhause auf Wolfgangs Weg lag, und immer, wenn sie uns zur Begrüßung umarmt hatte, zog sie mich spielerisch am Zopf, gab Wolfgang einen zärtlichen Klaps und dann bekamen wir einen Keks in die Hand gedrückt. Ich begriff dunkel, dass sie dies nun wohl nie wieder tun würde. Gab es im Himmel überhaupt Butterkekse?
„Stimmt es, dass man in den Himmel kommt, wenn man tot ist?“ fragte ich zuhause meine Mutter. „Wer weiß“, sagte Mutter. „Lass deine Schuhe bitte nicht wieder im Flur liegen!“ Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Er fand, dass Kinder sich über gewisse Dinge keine Gedanken zu machen brauchten. Das hatte ich bisher auch nicht getan. Wohl wusste ich, dass meine Mutter einmal Brüder gehabt hatte, die nicht aus dem Krieg wiedergekommen waren, dafür aber hin und wieder wie Gespenster in einer gewissen Traurigkeit umherhuschten, die sie manchmal befiel. Wenn dieses dunkle und unverständliche Ereignis Krieg nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar Opas gehabt wie manche anderen Kinder. Doch bei uns wurde über Dinge, die man nicht ändern kann, nie gesprochen. Und so dachte ich zunächst tatsächlich kaum über diesen Himmel nach, von dem Wolfgang erzählt hatte. Nur wenn ich Butterkekse aß, fiel er mir gelegentlich ein.
Doch drei Jahre später war es Wolfgang selbst, der in den Himmel kam. Er hatte seine Brille auf einer Schaukel liegen lassen und war vor einen Bus gelaufen. Ich versuchte, ihn zwischen den unruhigen Septemberwolken zu entdecken, doch der Himmel schien furchtbar weit weg.
Seltsamerweise war es mein Vater, der mich zu trösten suchte, indem er mich nachts auf den Balkon mitnahm und mir die Sternbilder erklärte. „Das ist der Große Wagen, dort der Schwan und hier, die Kassiopeia, auch das Himmels-W genannt.“ Es half mir tatsächlich etwas; ich fand, die Sterne schienen ein wenig tiefer und somit erreichbarer als der Himmel bei Tag. Doch das riesige leuchtende „W“ verfolgte mich bis in meine Träume. „Wer weiß?“ schien es zu sagen. „Warum? Wo?“ Offenbar hatte selbst der Himmel offene Fragen. Große Fragen. Ich konnte immer noch nichts mit ihm anfangen, nicht mit dem Himmel der Toten. Mein Himmel war der, in den ich meinen Drachen steigen ließ und gegen meine Vorstellungskraft hoffte, dass Wolfgang sich von oben herunterbeugen und ihn von der Schnur pflücken würde, wenn sie nur lang genug war. Er tat es nicht, und ich begann zu glauben, dass er sich geirrt haben musste.
Doch dann fuhren wir in den Ferien meinen mir bis dato unbekannten Großonkel besuchen, der auf einer Nordseeinsel lebte…

Weiter geht’s in:

fuessecover
auch als epub erhältlich

Sommergedicht 3 – Strandgut

DSC00084

Strandgut
© Patricia Koelle

Es flüstert heut der Wind am Strand
was er des Nachts im Meere fand,
erzählt mir halbverlorne Träume
die ich einstmals anvertraute
den Wellen, als ich Burgen baute
im Schatten ferner Palmenbäume.

Lang konnte ich die nicht mehr orten.
Nun find ich wieder sie im Norden.
Der Ozean hat sie gut behütet,
sie gediehen und wurden groß.
Vorsorglich erst hab ich sie bloß
mit Muschelschalen eingetütet.

Heimgekehrt betracht ich sie,
frag mich natürlich ernsthaft, wie
mach endlich ich draus Wirklichkeit?
Sie sollen mutig sein wie Löwen,
dem Sturme trotzen wie die Möwen
doch bin ich dazu schon bereit?

Bisher hab ich es nicht gekonnt,
wart stets auf Licht am Horizont.
Und die Fluten kommen, gehen
bis meine Lebenszeit verrinnt
und am Ende nichts gewinnt –
dieses ist vorauszusehen.

So lass ich sie jetzt endlich steigen
eh sich die Sommertage neigen
eh sie und ich erneut verzagen
lassen wir auf Himmelsbrisen
voll Zuversicht und voll Genießen
uns wie von einem Drachen tragen.

___________
Wer Strand- und Urlaubsgeschichten sucht, findet sie in diesem Buch:

fuessecover

Gutenachtgeschichte für Kinder

Das Traumnest

© Patricia Koelle

„Du darfst noch mal zum Strand gehen, Daniel“, sagte Mama nach dem Abendessen. „Aber nur bis zu der schiefen Palme.“
Die schiefe Palme war Daniels Lieblingsplatz. Sie war so schief, dass man auf ihrem Stamm sitzen und mit den Beinen baumeln konnte wie auf einem Schaukelpferd.
Es waren Daniels erste Sommerferien. Danach würde er in die zweite Klasse kommen. Daniels Papa fand, dass die ersten Sommerferien etwas ganz Besonderes sind. Deswegen hatten sie in diesem Jahr eine weite Reise gemacht, in ein Land, in dem das Wasser im Meer so warm war wie in der Badewanne zuhause. Außerdem gab es da so viele Sterne am Himmel, dass es Daniel ganz schwindlig wurde, wenn er nach oben guckte.
Die Sonne fing gerade an, rot zu werden und unterzugehen, da sah Daniel von seinem Sitzplatz auf der Palme aus etwas sehr Großes, Dunkles aus den Wellen auftauchen. Es wurde immer größer. Ganz langsam krabbelte es an Land. Daniel vergaß vor Schreck beinahe zu atmen. Was, wenn es ein Seeungeheuer war?
Aber als es näher kam, fürchtete er sich nicht mehr. Oder höchstens ein bisschen. Das war ja eine Schildkröte! Er kannte Schildkröten, denn seine Tante hatte eine, die er manchmal mit Salat füttern durfte. Die war aber nur so groß wie seine Hand. Diese hier war so groß, dass Daniel darauf hätte reiten können. Ob sie doch gefährlich war?
Eigentlich sah sie nur sehr müde aus. Daniel sprang von der Palme und ging vorsichtig auf die Schildkröte zu.
„Hallo, ich bin Thea“, sagte diese leise.
Daniel staunte. „Warum kannst du sprechen?“, fragte er.
„Ich bin über hundert Jahre alt“, sagte sie, „ich habe schon sehr viele Menschen getroffen. Außerdem lernt man viel, wenn man so lange lebt.“
„Bist du deswegen so müde?“, wollte Daniel wissen.
„Ja, wahrscheinlich“, sagte Thea. „Bist du jemand, der ein Geheimnis bewahren kann?“
„Ich verpetze nie jemanden“, versicherte Daniel.
„Das ist gut“, meinte Thea. „Ich muss nämlich ein tiefes Loch graben, in das ich meine letzten Eier legen kann. Aber das ist sehr schwer, wenn man so alt und so langsam ist. Könntest du mir wohl helfen?“
Den Rest der Geschichte gibt es hier

Billigreisen

Ich habe mich in Geschichten und Bücher in dem Moment verliebt, als ich erkannte, dass Worte mich an einen anderen Ort bringen konnten ohne dass ich mich einen Zentimeter bewegen musste. Damals war ich ungefähr vier, hatte mich in meinem Bademantel gekuschelt und lauschte meiner großen Schwester, die mir “Das Getüm” (Dietlind Neven-du-Mont) vorlas. Mit dem Getüm und seiner “Siebenmal Urgroßmutter Esmeralda” reiste ich in die Urzeit, zum Kaiser von China, mit Piraten und in Ritterburgen. Von da an war mein Fernweh unersättlich und ich war gezwungen, lesen zu lernen, da meine Schwester lieber vor Ort blieb und Kleider nähte. Bald war ich mit Kalle Wirsch unter der Erde unterwegs und flog mit dem kleinen Gespenst nachts durch den Wald.
Menschen, die die Bücher schrieben, waren für mich Magier. Mit ihren Buchstaben schenkten sie mir mehr als eine ganze Welt, in der ich mich frei bewegen konnte. Das kostete nicht einmal Eintritt. Manchmal betrachtete ich meinen Bleistift und überlegte, ob ich ihn eines Tages in einen Zauberstab verwandeln könnte. Ich wollte auch Bücher schreiben und die Menschen auf Reisen schicken. Eines Tages.
Ich bin dabei, mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen.
Das ist ein Zitat aus meiner Geschichte „Hannas Feiertage“:

„Die Milchstraße brannte sich einen Weg durch ein so unbekannt tiefes Schwarz, dass ich kaum zu atmen wagte. Mir war, als hätte jemand die Erde umgedreht wie eine Eieruhr und ich wäre als ein Sandkorn in das andere Teil gestürzt.
Es war Oktober, und zuhause war alles klar rot und gelb. Hier aber flossen neue Farben weich ineinander, überschwänglich und zahllos, als wäre ich mitten in Omas Seidenschal gelandet.
Der Strand war wie aus heißem Licht und das Meer gleichzeitig warm und kühl. Das Wasser glühte in einem Ton zwischen Türkis und Smaragd, den ich noch nie gesehen hatte, mit dunklen Flecken aus Seegraswiesen.
Über die Dünen zogen sich Ranken voll hellblauer Trichterblüten, und irgendwo in dem Gewirr dröhnte ein Zikadenorchester in einem Rhythmus, der meinen Herzschlag aufnahm als gehörte ich in dieses Land.
Wolken türmten sich hier nur morgens und abends, dann aber gewaltig. Dazwischen spann sich in hohem Bogen ein gleißender Tag von dreiunddreißig Grad im Schatten.“

Es ist wie beim Lesen: wenn ich schreibe, kann ich in jede Landschaft reisen. Es ist immer, als wäre ich wirklich dort. An dem Tag, an dem ich das geschrieben habe, war mir ausnahmsweise nach etwas Südlichem. Und ich wünsche mir, dass es mir gelingt auch die Leser genauso gründlich und billig aus einem naßkalten Novembertag wenigstens für eine Stunde in den Urlaub zu schicken. Es gibt noch so eine Geschichte:

Aus: „Seenoten“:
„Sie hatten in den flachen Wellen geplanscht und mit den Zehen nach Muschelschalen gefühlt. Noch nie zuvor hatten sie so warmes, klares Wasser und so lange leuchtende Tage erlebt. Statt eines Sandeimers, den es aus unerfindlichen Gründen nicht zu kaufen gab, hatte ihre Mutter zwei kleine Plastikaquarien erstanden. Holger baute Burgen damit, indem er es als Sandform benutzte. Heinz füllte seines immer wieder mit Meerwasser und fing mit dem Netz Schnecken, Krabben und kleine Flundern, die für ein Weilchen seine Gäste wurden. Stundenlang lag er auf dem Bauch und beobachtete sie durch die zerkratzte Scheibe, dann ließ er sie behutsam wieder frei.
Eines Tages entdeckte er zwei Wesen in seinem Behältnis, die er noch nie gesehen hatte. Mit offenem Mund saß er davor und wagte nicht zu blinzeln aus Angst, sie könnten danach verschwunden sein.
Seine Eltern kannten diese Tiere auch nicht, doch seine Mutter hatte, wie immer, ein Buch zum Nachschlagen im Koffer.
Laut Seite sechsundsiebzig waren es Fische und hießen Seenadeln. Aber dieser unschöne, pieksige Name konnte ihnen den Zauber, den sie für Heinz hatten, nicht nehmen. Für ihn waren es Märchenwesen. Sie waren durchsichtig wie ein Gedanke, dünner als ein Bleistift und nicht länger als sein Zeigefinger, mit beweglichen Augen und einem langen Maul, das ein kleines Lächeln trug. Sie schwammen aufrecht, und fast unsichtbare Flossen fächelten an ihren Seiten wie winzige Flügel. Ohne Heinz zu beachten, bewegten sie sich zwischen dem Seetang, den er mit ins Becken getan hatte, in einem stillen Ballett umeinander.
Und Heinz hörte Musik. Nicht mit den Ohren. Sie sprudelte plötzlich in seinem Kopf wie aus einem Brunnen. Erst leise, dann lauter. Verzückt hörte er zu, während sein Blick den Wesen folgte. Dann summte er die Melodie nach, die in ihm brauste. Er war noch nie so glücklich gewesen.
„Heinz“, sagte sein Vater und hockte sich neben ihn, „was singst Du da? Wo hast Du das gehört?“
„Weiß nicht“, sagte Heinz, „guck mal, Papa, wie die tanzen!“
„Ja, wunderschön“, gab Vater zu. „Aber ich wüsste wirklich gern, was das für eine Melodie ist.“
„Die kam aus meinem Kopf“, sagte Heinz. „Papa, glaubst Du, da draußen gibt es noch mehr solche Fische, die keine Fische sind?“
Die ganze Geschichte gibt es in:
Die Füße der Sterne

%d Bloggern gefällt das: