Familienengel (Adventsgeschichte)

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Familienengel
© Patricia Koelle

Der Novembersturm spielte sich auf und rüttelte sogar im Erdgeschoss an den Fenstern der Villa, dabei stand sie schon hundert Jahre und hatte ihn noch nie hereingelassen. Die Unruhe des Windes war ansteckend. Oskar wäre gern auf- und abgelaufen um seine steigende Nervosität zu bändigen, aber er war nur zwanzig Jahre jünger als das Haus, und seine Beine und sein Atem benahmen sich entsprechend. Selbst mit Stock war er schlecht zu Fuß. Deswegen war er auch zu Hause geblieben und wartete nicht mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn im Krankenhausflur darauf, dass Neles Zwillinge zur Welt kommen würden.
Er wurde Urgroßvater! Kaum zu glauben.
Draußen senkte sich kalte Dunkelheit über die Straße. Es würde noch Stunden dauern, bis er etwas aus dem Krankenhaus hörte. Was, wenn etwas schief ging bei seiner Nele? Zwillinge, da wusste man doch nie…!
Irgendwie musste er sich beschäftigen. Seine Hände, die waren noch geschickt. Aber die Adventskränze, für die er schon immer zuständig war, hatte er schon längst fertig geflochten, einen für sich, einen für seine Tochter Hanna und natürlich einen für Nele. Fertig geschmückt waren sie auch schon, mit roten Kerzen und Tannenzapfen. Am nächsten Sonntag würden sie stolz die erste helle Flamme tragen. Die Wohnung duftete würzig nach den frischen Tannenzweigen. Hmmm, aber irgendwie sahen die Kränze langweilig aus, alle gleich. Oskar starrte sie grübelnd an. Eigentlich wollte er etwas ganz Besonderes für Nele.
Ein Bild aus seinen Kindertagen stieg plötzlich in ihm auf. Das war ewig her, aber in letzter Zeit erinnerte er sich immer öfter an vergessen geglaubte Einzelheiten von damals. Dafür vergaß er, was er zu Mittag gesessen hatte. Oder ob überhaupt. Das bekümmerte ihn nicht, war es doch eine gute Ausrede, öfter von Hannas Plätzchen zu naschen.
Damals hatte etwas geglitzert auf dem Adventskranz, etwas Wichtiges. Was war es nur? Oskar lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen; so konnte er die alten Erinnerungsbilder besser sehen. Und da fiel es ihm ein. Die Familienengel!
Sie waren aus Metallfolie gefertigt, von seinem großen Bruder Max. Der größte war aus silberner und roter Folie, mit einem strahlenden Heiligenschein, der stand für den Vater. Die Mutter trug einen grünen Rock mit geprägtem Blumenmuster. Die drei kleinen stellten Max, Oskar und ihre Schwester Gisa dar.
Er, Oskar, hatte es sich nie nehmen lassen, die Engel vor dem ersten Advent aus dem Keller zu holen. Sie wurden nicht zusammen mit dem anderen Weihnachtsschmuck auf dem Dachboden aufbewahrt. Dort war es im Sommer zu heiß, und ihre Köpfe und Hände, die aus Wachs geformt waren, wären geschmolzen.
Oskar nahm die Figuren jeden Winter sorgsam aus ihren kleinen Kartons und stellte sie zwischen die Kerzen auf den Kranz. Jedes Jahr waren sie anders angeordnet. Meist standen Vater und Mutter zusammen in einem von den vier Zwischenräumen, und die Kinder hatten jedes einen für sich. Gisa bestand für ihren Engel immer auf dem neben der Mutter, solange sie klein war. Sie hatte ein wenig Angst vor dem Vater, der recht streng sein konnte. Max mochte am liebsten den gegenüber seiner Eltern, da war sein Engel ihnen nicht zu nahe und konnte sie im Auge behalten, denn Max ging schon gern eigene Wege und spielte auch den einen oder anderen Streich.
Oskar war es recht, er stand so neben dem Vater, mit dem er sich recht gut verstand, und weit genug weg von Gisa, die ihn gern ärgerte. Sie wusste ja, er war ein Junge und durfte sich gegen die Kleine nicht wehren.
In späteren Jahren änderte Oskar je nach Gefühl die Anordnung. Es gab eine Zeit, da gab es oft lauten Streit oder kühles Schweigen zwischen den Eltern. Da stellte er die Elternengel lieber in getrennte Zwischenräume, so dass sie sich nicht zu nahe kamen und eine Kerze das Dunkel zwischen ihnen erleuchtete. Dafür teilte sein Engel sich mit Max’ Engel einen Platz, so fühlte er sich sicherer in der brüderlichen Kameradschaft. Gisa war zufrieden mit ihrem Zwischenraum, sie lebte in ihrer eigenen Mädchenwelt. Wieder später war es Max, der mit allen Streit suchte und oft nicht einmal am Advent zu Hause war; jetzt teilten sich der Vater und Oskar einen Platz in einer Art Männerfreundschaft. Irgendwann waren die Eltern sich wieder einig, dafür waren die Kinder beim Erwachsenwerden voneinander abgerückt. Doch ganz gleich, wie die Anordnung gerade war: Hauptsache, alle Engel waren auf dem Kranz versammelt. Dann war für Oskar die Welt in Ordnung. Schließlich aber war Max ausgezogen und auf geheimnisvolle Weise verschwand mit ihm auch sein Engel. Mutter behauptete, der sei kaputtgegangen, Wachs und Folie hielten schließlich nicht ewig und überhaupt seien die Kinder nun zu alt für solche Spielereien. Aber Oskar bestand darauf, dass die verbleibenden vier Engel weiterhin auf dem Kranz ihre Plätze einnahmen. Doch der fehlende Max machte ihn unruhig; das Bild stimmte einfach nicht und so protestierte er schließlich nicht mehr, als Mutter feststellte, dass ohnehin mit den Jahren hier eine wächserne Hand verbogen, dort ein Folienflügel zerrissen worden war, ja, bei Vater sogar der Heiligenschein verloren ging und man doch jetzt zu den traditionellen Tannenzapfen zurückkehren könne.
Oskar öffnete die Augen. Er bedauerte, das ihm die Sache mit den Engeln nicht eingefallen war, als seine Hanna klein war. Oder wenigstens Nele Aber er hatte nicht viel Zeit für seine Tochter gehabt. Da war die Arbeit gewesen; schwere Zeiten eben. Und dann hatte er es einfach vergessen.
Oskar tastete nach dem Telefon und rief oben bei Frau Wilsky an. Die hatte kleine Kinder, die ständig bastelten, sie konnte ihm bestimmt weiterhelfen.
„Haben Sie zufällig Metallfolie?“ erkundigte er sich.
Kurze Zeit später saß er vor einem Karton mit schimmernden Blättern aus roter, blauer, grüner, silberner und goldener Folie, die geheimnisvoll knisterte. Schere, Zirkel, Lineal und Kleber sowie eine alte Wachskerze hatte er in seinem Sekretär gefunden. Er konnte sich genau erinnern, wie man die Engel machte; es war ganz leicht. Man musste nur Kreise ausschneiden, die in der Mitte ein Loch hatten. Von außen schnitt man einen Schlitz bis in die Mitte und formte dann aus dem Folienkreis eine Art umgekehrte Eiswaffel. Das war der Rock. Bei den weiblichen Engeln konnte man sogar Falten hineinkniffen. Einen zweiten Kreis aus einer andersfarbigen Folie faltete man auf die Hälfte und stülpte ihn mit der runden Seite nach unten über den Rock; das war die Bluse. Bei den Frauen konnte man mit einem stumpfen Bleistift ein Blumenmuster hinein drücken. Dann formte man aus dem Kerzenwachs eine Kugel, das war der Kopf. Den steckte man auf einen Zahnstocher, und diesen Zahnstocher dann durch die Löcher in der Mitte von Bluse und Rock.
Nun schnitt man noch Flügel aus und klebte sie säuberlich hinten an das Oberteil. Ebenso einen zarten Heiligenschein, den man am Kopf befestigte. Auch Frisuren ließen sich gut aus dünnen Folienstreifen formen; Gisa trug auch als Engel ihren langen Pferdeschwanz, und Max seine Künstlermähne, auf der er schon früh bestand. Das Gesicht malte man auf das Wachs. Aus Wachs waren auch die kleinen Hände, die man einfach in die Blusenärmel klebte.
Oskar vergaß die Zeit völlig, so sehr hatte er mit dem Engel erschaffen zu tun. Er merkte nicht einmal, dass der Wind verstummt war und jetzt zusammen mit dem Tannenduft eine andächtige Stille das Zimmer füllte. Vier strahlende Engel entstanden unter seinen lebenserfahrenen Händen. Der größte war für Jakob, in den sich seine Nele vor zwei Jahren verliebt hatte. Sie hätte es nicht besser treffen können. Der zweite war für Nele: wunderschön, mit einem reich verzierten Gewand und ihrem liebenswerten Lächeln. Und die zwei kleinen stellten natürlich Julius und Jenny dar; so sollten die Zwillinge heißen.
Behutsam stellte Oskar die Engel in die Zwischenräume auf den Kranz, der für Neles Familie bestimmt war. Die Tannenzapfen legte er weg, die würden nun lange nicht mehr gebraucht werden.
Sollte das Glück ihm einmal ein drittes Urenkelkind bescheren, dann konnten sich Julius und Jenny einen Zwischenraum teilen, schließlich waren sie Zwillinge.
Oskar schaltete die Schreibtischlampe aus. Der Adventskranz schien im dämmrigen Zimmer durch das bunte Funkeln darauf geheimnisvoll zu leuchten, obwohl die Kerzen gar nicht an waren. Auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Der Lichtkegel der Scheinwerfer stahl sich für einen Moment durch den Spalt im Vorhang, traf die Heiligenscheine der beiden kleinen Engel und ließ sie silbern aufblitzten.
Oskar trat ans Fenster um die Gardine richtig zu schließen. Dabei entdeckte er, dass es angefangen hatte zu schneien. Um die Gaslaternen war der Boden schon weiß.
Das Telefon läutete. Hastig suchte Oskar danach und fand es unter den restlichen Folienblättern. Mit plötzlich zitternden Fingern drückte er die Taste.
„Sie sind da!“ jubelte Hannas Stimme in sein Ohr. „Kerngesund, alle, Nele und die Zwillinge! Sie sind da, du bist Uropa!“
Lächelnd legte Oskar den Hörer weg und sah zu den Engeln hinüber, die unter seinen Händen geboren waren. „Ihr seid da!“ sagte er leise. „Dem Himmel sei Dank!“
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Ganz normale Zauberbonbons (Weihnachtsgeschichte)

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Ganz normale Zauberbonbons
© Patricia Koelle

Der Wind wehte Blätter in den Hausflur. Liam kam gleichzeitig mit ihnen und Frau Bonilla an den Briefkästen an. Seit er neun geworden war, durfte er den Briefkastenschlüssel an seinem Schlüsselbund tragen und die Post herausholen. Darauf war er stolz. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um an den Kasten zu kommen. Frau Bonilla dagegen musste sich bücken und schnaufte dabei. Sie war alt. Manchmal hatte Liam ein wenig Angst vor ihr. Sie war zwar etwas gebeugt, aber doch recht groß, ihr Blick war grimmig und ihre Stimme tief und außerdem laut, weil sie schwerhörig war.
Heute schnaufte Frau Bonilla besonders heftig. „Ach!“ sagte sie dann und stöhnte. Liam sah zu ihr hoch und erschrak, weil ihre Augen so traurig waren. „Tut Ihnen was weh, Frau Bonilla?“ fragte er laut.
„Ach nein“, sagte sie und schloss ihren Briefkasten wieder zu. Er war leer gewesen. Er war eigentlich immer leer. „Es ist nur…“ Durchdringend sah sie Liam an, als frage sie sich, ob sie ihm ein Geheimnis anvertrauen könne. „Es ist einfach so schrecklich, dass der Sommer zuende ist!“
Liam starrte sie verblüfft an. Was war denn daran schrecklich? „Aber der Sommer ist doch schon lange zuende. Es ist Herbst, und alles ist golden und bunt und man kann Drachen steigen lassen…“
„Herbst!“ sagte Frau Bonilla verächtlich, Es klang, als würde sie von der Ratte sprechen, die ihr neulich an den Mülltonnen begegnet war. „Und dann noch Winter!“
„Im Winter ist doch Weihnachten, in ein paar Tagen ist schon der erste Advent…“
Aber von Frau Bonilla war nur noch der Rücken zu sehen. Sie verschwand hinter ihrer Wohnungstür.
Liam musste den ganzen Nachmittag über Frau Bonillas Worte nachdenken. Er konnte sich überhaupt nicht auf seine Hausaufgaben konzentrieren. „Schrecklich!“, das sagten die Menschen sonst von Unglücken, Erdbeben, Kriegen und Krankheiten. Wie konnte es jemand schrecklich finden, dass der Sommer zu Ende war? Das war doch ganz normal. Aber die große Traurigkeit in Frau Bonillas Augen hatte Liam erschreckt. Es hatte ausgesehen, als ob sie Angst hatte.
Beim Abendessen erzählte er seinen Eltern davon. „Ach weißt du“, sagte sein Vater, „Frau Bonilla ist alt. Alten Menschen tun die Knochen weh, wenn es kalt wird. Und manchmal haben sie Angst, dass es ihr letzter Sommer gewesen sein könnte. Da kann es einem schon mal schrecklich vorkommen, wenn der zu Ende ist.“
Liam versuchte, sich das vorzustellen. Es war sehr schwierig. „Kann man da nichts machen?“
Vater lächelte. „Nein, dagegen kann man nicht wirklich etwas machen. Jeder Sommer geht irgendwann zu Ende.“
„Ja, aber dagegen, dass Frau Bonilla so traurig ist?“
„Ich werde bald Adventsplätzchen backen“, sagte Liams Mutter, „dann kannst du ihr einen Teller runterbringen.“
Das war eine gute Idee, aber Liam hatte das Gefühl, dass die Plätzchen nicht wirklich den Sommer zurückholen würden.
„Kannst du noch den Müll runterbringen?“
Nachdenklich brachte Liam den Eimer in den Hof. Heute war keine Ratte an der Tonne, aber er traf Herrn Kniesch. Herr Kniesch war noch älter als Frau Bonilla. „Herr Kniesch“, fragte Liam, „finden Sie es auch schrecklich, dass der Sommer zu Ende ist?“
„Ja, soll ich es etwa schön finden? Der Sommer ist ja schon ewig her, der wärmt nicht mehr. Warum guckst du mich so an?“ Herr Kniesch zog seine schwarze Jacke enger um sich und runzelte die Stirn noch mehr als sonst.
„Ich wollte sehen, ob Sie traurig sind.“
„Einen Freudentanz werde ich wohl kaum aufführen bei dem Sauwetter“. Kopfschüttelnd verschwand Herr Kniesch im Haus.
Liam sah sich um. Die Bäume waren schon fast kahl, und im Himmel war silberhell der Mond unterwegs. Auch der Herbst war schon zu Ende. Er freute sich auf die Adventsplätzchen, und nicht nur auf die. Nikolaus, Schneemänner, der Weihnachtsbaum.
Aber jetzt, da er wusste, dass alte Menschen im Winter traurig sind, war das Freuen auf einmal gar nicht mehr so einfach. Das war, als ob man zum Backen aus Versehen Salz statt Zucker nimmt. Es wollte ihm nicht schmecken. Auch in Herrn Knieschs Augen hatte er das Novembergrau gesehen. Das verfolgte Liam bis in die Nacht. Er träumte von traurigen Augen und kalten Tagen, an denen es gar nicht mehr hell wurde.
In der Schule passte er nicht richtig auf. Zum Glück war Freitag, und am Wochenende machte der Weihnachtsmarkt auf.
„Das fängt ja immer früher an“, brummelte Liams Vater, der nicht wirklich Lust auf einen Bummel hatte. Im Fernsehen lief Fußball. „Aber morgen ist der erste Advent!“ sagte Liam und zog ihn am Ärmel. „Komm schon, ist doch nicht weit.“
Liam durfte eine Runde Karussell fahren, dann aßen sie Bratäpfel, weil die so schön nach Weihnachten dufteten. An der Glühweinbude traf Vater einen Freund, der über Fußball redete. „Hol dir gebrannte Mandeln oder so was,“ sagte er zu Liam und drückte ihm ein paar Münzen in die Hand. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde wieder hier.“
„Okay“. Liam steckte die Hände in die Tasche und schlenderte zu dem Stand gegenüber. „Brunos besondere Bonbons“ stand schnörkelig auf dem grünen Holzschild darüber. Prüfend betrachtete Liam die Haufen und Dosen bunten Zuckerzeugs.
„Na, was gefunden?“ sagte eine tiefe Stimme. Ein Mann beugte sich über den Tresen. Er war fast so rund wie mache seiner Bonbons, und seine spiegelglatte Glatze leuchtete im Laternenlicht ganz bunt. Bruno, vermutete Liam.
„Was ist denn an deinen Bonbons so besonders?“ wollte Liam wissen. „Sie sehen aus wie alle anderen Bonbons auf dem Weihnachtsmarkt.“
Bruno strich sich erstaunt über die Lichtreflexe auf seinem Kopf. Hatte ihn das noch niemand gefragt? „Naja“, erkärte er, „die wirklich besonderen Bonbons habe ich natürlich nicht hier vorne. Die bekommt nur, wer sie wirklich braucht. Einfach nur Naschen wollen ist nicht Grund genug. Wofür willst du sie denn?“
„Hast du Bonbons für traurige alte Leute?“
„Hmmm, nanu. Warum sind sie denn traurig?“ erkundigte sich Bruno.
„Weil der Sommer zu Ende ist! Sie finden das ganz schrecklich.“
„Also, ein Sommer ist immer erst dann wirklich zuende, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert“, sagte Bruno.
Liam dachte an Zitroneneis und daran, wie er mit Nele barfuss am Bach nach jungen Libellen gesucht hatte. Dann an Herrn Kniesch, wie er gesagt hatte, dass der Sommer ihn schon ewig nicht mehr wärmte. „Ich glaube, sie erinnern sich wirklich nicht mehr.“
Der Wind jagte ein paar Regentropfen unter das Dach und auf Brunos Glatze, wo sie zu funkeln anfingen. Liam starrte fasziniert darauf und hoffte, dass er später auch einmal eine haben würde. Bruno schien angestrengt nachzudenken und bemerkte es nicht. „Warte“, sagte er schließlich und bückte sich hinter den Tresen. Liam hörte es rascheln und rumpeln. Schließlich tauchte Bruno wieder auf und hob triumphierend ein staubiges kleines Glas hoch. Darin lagen dicke Bonbons, jedes einzelne in durchsichtiges, schimmerndes Papier gewickelt. Sie waren himbeerfarben – und sie sahen auch aus wie Himbeeren. Bruno schraubte das Glas auf. Es knirschte leise. „Riech mal!“
Liam steckte die Nase hinein. „Mmmh! Das riecht ja toll nach Sommer.“
„Na also.“
„Sind die auch besonders genug, um zu wirken? Ganz normale Bonbons helfen nämlich bestimmt nicht.“
„Das“, sagte Bruno wichtig, „sind ganz normale Zauberbonbons. Die helfen! Außerdem habe ich keine besseren.“
„Und was kosten die?“ Liam befürchtete, dass er sich Zauberbonbons gar nicht leisten konnte, auch nicht ganz normale.
„Für dich, 50 Cent.“
Liam fischte in seiner Tasche. Das reichte gerade! Aber die Kirchenglocke schlug. Die Viertelstunde war um! Hastig drückte er Bruno die Münze in die Hand und verstaute die Bonbons vorsichtig in seiner Jackentasche. Er schnaufte vom Rennen fast so sehr wie Frau Bonilla, als er wieder am Glühweinstand ankam, gerade als der Vater sich nach ihm umzusehen begann.
Zuhause ging Liam in die Küche. „Soll ich noch den Müll runterbringen?“
„Gerne!“ Seine Mutter wunderte sich ein bisschen, aber das war ihm egal. Er brauchte einen Grund, noch mal an die Briefkästen zu kommen.
Zum Glück passten die Bonbons gerade so durch die Schlitze. Eins für Frau Bonilla. Eins für Herrn Kniesch. Und da Liam gerade dabei war, auch eins für Frau Pfender, eins für Herrn Grunow und eins für Frau von Fersberg. Sie waren alle alt, und auch wenn Frau Pfender zum Beispiel noch nie novembertraurige Augen gehabt hatte – sicher ist sicher.
„Peng!“ machten die Bonbons geheimnisvoll in den metallenen Kästen.
Als Liam den Müll draußen in die volle Tonne stopfte, kitzelte ihn etwas am Ohr. Er sah auf und bemerkte, dass es angefangen hatte zu schneien. Hurra! Sommer war schön, aber Winter eben auch. Vielleicht reichte der Schnee bald zum Schlittenfahren.
Tatsächlich schneite es die ganze Nacht. Frau Bonilla würde darüber bestimmt nicht glücklich sein, dachte Liam, als er morgens aus dem Fenster sah. So viel Winter! Aber er konnte nicht anders, er freute sich.
Und als Jonas von nebenan bei ihm klingelte, hatte er seinen Schlitten auch schon aus dem Keller geholt. Dabei hatte er kurz nach den Briefkästen gesehen. Die Sonntagszeitungen steckten nicht mehr darin – also mussten alle auch ihre Bonbons gefunden haben.
Im Park war es so lustig, dass er gar nicht mehr an Frau Bonilla oder die Bonbons dachte. Das Rodeln auf dem frischen Schnee ging wunderbar. Als das langweilig wurde, bauten sie eine Burg aus Schneebällen, was in einer Schneeballschlacht endete. Müde und glücklich bogen Liam und Jonas schließlich wieder in ihre Straße ein.
„Guck mal, was is’n da los?“ sagte Jonas. Verblüfft sah Liam, dass mehrere Leute auf der kleinen Grünfläche vor dem Haus damit beschäftigt waren, einen mächtigen Schneemann zu bauen. „Aber, das ist ja…“ Frau Bonillas große, leicht gebeugte Gestalt war schon von weitem deutlich zu erkennen. Herr Knieschs Jacke auch.
„Liam, du kommst gerade richtig!“ rief Frau Pfender. „Hilf uns doch, den Kopf draufzusetzen!“
„Ja!“ Frau Bonillas Stimme war ja wegen ihrer schlechten Ohren immer laut, aber diesmal war sich Liam sicher, dass sie auch wegen der Freude darin so hallte. „Schieb du von unten, es fehlt nur noch ein klein wenig Kraft!“
Daraufhin rollte Herr Kniesch die dritte Kugel noch einmal über den Hof. „Eins, zwei, drei, hopp!“ kommandierte Frau Bonilla. Mit vereinten Kräften hievten sie den Kopf auf die beiden schon fertigen, sehr dicken Kugeln. Dabei sah Liam, dass in Frau Bonillas Augen kein November mehr war. Sie leuchteten.
„Ist es jetzt nicht mehr schrecklich, dass der Sommer vorbei ist?“ fragte er.
„Jetzt gerade nicht!“ Frau Bonilla hatte ein nettes Lächeln, entdeckte Liam. „Da war so eine Werbung im Briefkasten, wahrscheinlich von der Sonntagszeitung, weißt du. Ein Himbeerbonbon. Bei dem Geschmack kamen mir lauter Erinnerungen an ganz viele Sommer.“
„Marthe, du bist so groß, bring mal die Nase an!“ sagte Frau Pfender und drückte Frau Bonilla eine Mohrrübe in die Hand. Liam hatte gar nicht gewusst, dass Frau Bonilla einen Vornamen hatte. Er überlegte, wie sie wohl als Mädchen ausgesehen hatte.
„An was haben Sie sich denn erinnert?“ fragte er.
„Ach..“ sagte sie und lächelte in sich hinein. „Da war der Karl und das Sommerfest, auf dem ich mit ihm getanzt habe. Und Himbeeren pflücken waren wir auch mal…“
„Soso, der Karl,“ schmunzelte Frau Pfender.
„Hattest du kein Bonbon?“ fragte Frau Bonilla.
„Doch,“ sagte Frau Pfender, „mir ist auch Verschiedenes eingefallen, aber meine Erinnerung heißt nicht Karl.“
„Meine heißt Lina“, sagte Herr Kniesch, „und die Himbeeren haben wir geklaut damals, im Nachbargarten.“
„Und was hat das jetzt alles mit dem Schneemann zu tun?“ wollte Liam wissen. Die Bonbons mussten tatsächlich Zauberbonbons gewesen sein. Sie hatten nicht den letzten, sondern sogar ganz viele alte Sommer zurückgeholt. Und die Lachfalten um Herrn Knieschs Augen, die waren da vorher nie gewesen.
„Ach weißt du,“ sagte Frau Bonilla, „Wir haben gemerkt, dass so ein Sommer nie zu Ende ist, solange man sich daran erinnern kann.“
„Und da ist uns eingefallen, dass Sommer nur schön sein können, wenn es auch Winter gibt“, ergänzte Frau Pfender.
„Ja – und dass Zeit viel zu schade ist, um keine Erinnerungen daraus zu machen,“ sagte Frau von Fersberg triumphierend, die mit einem Zylinderhut aus dem Haus kam. „Schaut, ich hab ihn gefunden!“ Mit Schwung setzte sie dem Schneemann den Hut auf den Kopf.
„Da fehlt noch was.“ Herr Kniesch wickelte seinen Schal vom Hals und reichte ihn Frau Bonilla, die ihn dem Schneemann elegant über die Schultern warf.
„Klasse!“ sagte Liam bewundernd. „Schade, dass der bald wieder schmilzt.“
„Nana,“ sagte Frau Bonilla. „Wenn der nicht schmilzt, kann der nächste Sommer ja nicht kommen.“
Anscheinend hatte sie die Angst, dass es für sie gar keinen Sommer mehr geben würde, irgendwo im Schnee verloren.
„Ach was“, sagte Herr Kniesch, „wenn der schmelzen will, bekommt er ein Himbeerbonbon!“

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Der Weihnachtsbaumsieg

Heute war der große Tag, an dem wir den Weihnachtsbaum gekauft haben. Für uns hat das jährlich eine ganz besondere Bedeutung: dass Peter es immer noch schafft, den Weihnachtsbaum nach Hause zu bringen.
Heute war eigentlich alles gegen uns. Der Elektrorollstuhl ist seit Wochen nicht in Ordnung. Etwas stimmt mit der Elektronik nicht, immer wieder fällt sie teilweise aus und dann geht gar nichts mehr. Aber da keine Werkstatt den Fehler findet, müssen wir damit leben. Außerdem sind unsere gewohnten Weihnachtsbaumhändler um die Ecke, die es gab seit ich denken kann, dieses Jahr nicht erschienen. Wir mussten also zum weiter weg gelegenen Baumarkt. Der aber hat eine sehr lange, extrem steile Einfahrt. Der Rolli kann das gerade noch bewältigen. Darum sind wir auch heute gefahren, trotz Regens und Kälte, denn wenn der angesagte Schneematsch erst kommt, geht das überhaupt nicht mehr. Der Regen ist allerdings auch nicht gut für den Rolli, und die Kälte nicht für Peter – die wenigen halb funktionstüchtigen Muskeln, die er noch hat, werden bei dieser Temperatur so steif, dass er kaum noch lenken kann.
Dort angekommen, stellten wir fest, dass in dem großen Baumarkt nur eine ganz kleine Ecke für den Tannenbaumverkauf gedacht war. Ohne die vom Weihnachtsbaumverkäufer gewohnte nette Bedienung und Beratung mit Zollstock. Die wenigen Bäume, die da lieblos hingeworfen waren, teils verpackt und sehr zerdrückt, sahen aus wie die Wirtschaftskrise persönlich – unten hungrig und oben herum sehr nackt.
Aber auf meinen persönlichen Weihnachts-Mann kann ich mich verlassen. Der fuhr ein paarmal im Kreis, nahm die armseligen Gewächse genau in Augenschein und sagte dann: „Der da hinten, der dritte von links unter den fünf krummen – der ist es!“
Ich zog ihn am Wipfel heraus – der ziemlich schief war, schüttelte, und wir stellten fest, dass das tatsächlich der einzig passable unter allen war. Nicht nur das, er hatte etwas ausgesprochen Individuelles und war sogar unten herum so schlank, dass er ins Wohnzimmer passt und Peter trotzdem noch vorbeifahren kann.
Wer braucht schon einen perfekten Baum – gerade wir doch nicht! Bei uns darf alles rein, was irgendwie ein bisschen schief, krumm oder anders ist. Mit diesem haben wir uns sofort verstanden.
Ich schob den Baum also durch den Trichter mit dem Netz – hatte ich auch noch nie gemacht, ging aber ganz leicht – und fand keine Schere, mit der man das Netzt hätte abschneiden können. Aber wozu waren wir in einem Baumarkt. Ich habe mir die teuerste Baumschere geschnappt und damit die Nylonfäden durchgesägt. Aber zurückgelegt habe ich sie nicht sondern für die anderen Kunden liegen lassen. Selber schuld, wenn weit und breit keine Bedienung da ist.
Nun brauchten wir nur noch Peters Hand wenigstens etwas aufwärmen und richtig an den Fahrhebel legen, den Baum hinten auf seinen Gepäckträger stellen, ich stützte die Spitze, und ab ging es, zur Kasse und dann die steile Einfahrt wieder rauf. Die Batterie vom Rolli ist auch nicht mehr so fit, schon gar nicht bei Kälte, aber sie hat es so gerade noch geschafft. Übrigens haben wir noch nie einen so billigen Baum bekommen. Da sie keiner ausgemessen hat, hatten sie einen Einheitspreis. „Der ist halt dies Jahr etwas kleiner, macht doch nichts“, meinte Peter. Nein – das macht wahrlich nichts! Hauptsache, meinem Schatz geht es so gut, dass solche Aktionen noch möglich sind. Alles andere ist mir sowas von egal – da kann der Baum meinetwegen auch dreißig Zentimeter hoch sein.

Wir sind auch bis nach Hause gekommen, zur Freude der Autofahrer über drei Ampeln hinweg. Es wirkt immer ein wenig wie eine Prozession.
Auf der Terrasse haben wir ihn wieder aus dem Netz befreit und erstmal an den Zaun gelehnt, wo wir ihn durchs Fenster sehen und uns jeden Tag daran freuen können bis wir ihn hereinholen.
Dann habe ich ihn ausgemessen. Und, was soll ich sagen? Wer meine Geschichte „Der Rollbaum“ kennt, wird nicht überrascht sein.
Der Baum ist ganz genau zwei Meter vierzig hoch. Wenn man sich die schiefe Spitze gerade denkt. Aber es gibt nichts, was wir besser können als das.
Auf der Terrasse, auf der er jetzt steht, blühen über dem Torbogen immer noch die Rosen unverzagt vor sich hin, obwohl wir wiederholt Frost und Schnee hatten. Ich werte das mal als ein sehr gutes Zeichen für unsere Liebe.

Aus meiner Geschichte „Der Rollbaum“ in „Der Weihnachtswind
(eine Geschichte, die sich wegen ihrer Kürze sehr gut zum Vorlesen eignet).

„Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.
Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum deswegen jedes Jahr ein Stückchen höher.
Der Elektromotor vom Rollstuhl brummt, als hätte sich eine Hummel aus dem Sommer verirrt, und unter den Reifen knirscht der Schnee. An den Bordsteinkanten muss Johannes vorsichtig sein und rückwärts fahren, sonst kippt der Stuhl um. Manchmal muss er auch Umwege fahren. Aber egal, wie lang es dauert, Johannes kommt an. Der Baumverkäufer freut sich schon, wenn er ihn von weitem sieht.
Johannes fährt auf den Platz voller Bäume und dreht sich ein paar Mal schweigend im Kreis. „Der da“, sagt er dann und zeigt auf einen, der ganz weit hinter den anderen am Zaun lehnt.
Der Verkäufer zieht den Baum heraus. „Stimmt“, sagt er anerkennend, „das ist der Schönste. Aber ist der nicht zu groß?“
„Der ist zwei Meter vierzig“, sagt Johannes, „der passt genau!“
„Der ist mindestens zwei achtzig“, sagt der Verkäufer und greift den Zollstock aus der Tasche. Dann schüttelt er den Kopf, denn der Baum ist auf den Zentimeter genau zwei Meter vierzig hoch. Johannes strahlt.
„Wie kommt der Baum jetzt nach Hause?“ fragt der Verkäufer, obwohl er die Antwort kennt. Er hört sie so gerne.
„Das macht mein Mann“, sagt Johannes’ Frau stolz.“

Wer wissen will, wie die Geschichte weitergeht, findet sie hier:

Weihnachtsgeschichten

Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder

Das geheimnisvolle Geschenk
(c) Patricia Koelle

Kalli saß auf der Fensterbank und starrte in die grauen Wolken. Genauso schwer wie die aussahen fühlten sich auch seine Gedanken an. Seit Micha von nebenan weggezogen war, hatte er keinen Freund mehr gefunden, nicht nebenan und nicht in der Schule. Und dabei war das schon fast ein Jahr her! Ausgerechnet am Nikolaustag war es gewesen, dass der Umzugswagen um die Ecke bog und Micha endgültig fort war.
Der Winter war lang gewesen und der Sommer nicht so toll, und nun konnte er sich gar nicht auf Weihnachten freuen. Es machte keinen Spaß, alleine Ball zu spielen und Fahrrad zu fahren, und in der Schule stand er auf dem Pausenhof und schämte sich, weil ihn keiner fragte, ob er beim Einkriege mitmachen wollte. „Du musst einfach selber fragen, dann wird das schon“, sagte sein Vater. Aber so leicht war das eben nicht. Auch wenn Kalli allen Mut zusammen nahm und es versuchte, wollte einfach kein Wort herauskommen, wenn er den anderen gegenüberstand.
Es klopfte an seiner Zimmertür und Onkel Werner steckte den Kopf herein. „Ich wollte nur Tschüß sagen. Ich fahr doch morgen nach Island. In drei Wochen komm ich wieder, genau am Nikolaustag.“
„Tschüß“, brummelte Kalli.
„Nanu“, sagte Onkel Werner und kam nun doch herein. „Das klingt aber so gar nicht fröhlich. Was ist los? Freust du dich gar nicht, dass in kaum sieben Wochen Weihnachten ist?“
„Zu Weihnachten kriege ich doch auch keinen Freund“, sagte Kalli. Bei Onkel Werner kamen die Worte ganz leicht. Und das, obwohl der ziemlich groß war und eine tiefe Stimme und riesige Hände hatte. Onkel Werner war mutig. Er war schon in Australien tauchen gewesen und hatte Haifischzähne gefunden. Einen trug er jetzt an einer Kette um den Hals. Kalli durfte ihn manchmal anfassen. Wenn man mit dem Daumen darüber fuhr, war er ganz schön scharf. Manche von den Zähnen waren sogar zu Stein geworden, weil sie schon ewig im Meer gelegen hatten. Am liebsten hätte Kalli Onkel Werner und seine Haifischzähne mal mit in die Schule genommen. Das hätte die anderen Jungs bestimmt beeindruckt.
„Hmm. Island ist ja nicht weit weg vom Nordpol. Vielleicht kann ich ja mit dem Weihnachtsmann sprechen“, meinte Onkel Werner und zupfte sich nachdenklich am Bart, der dafür eigentlich zu kurz war. „Machs gut, Kalli.“ Weg war er. Aber die Wolken sahen auf einmal nicht mehr so dick aus.
Drei Wochen können ganz schön lang sein. Kalli konnte kaum abwarten, ob Onkel Werner tatsächlich den Weihnachtsmann treffen würde oder ihm wenigstens eine Nachricht schicken. Inzwischen schneite es nassen Matsch, und Kalli wurde auf dem Schulhof von den größeren Jungs eingeseift. Fast musste er weinen, denn in dem Matsch waren kleine Steinchen, die brennende Kratzer auf seiner Nase hinterließen. Die anderen lachten nur.
Am Nikolaustag saß Kalli wieder auf der Fensterbank neben dem großen Engel in dem weiten weißen Gewand, der in der Adventszeit hier stand seit Kalli denken konnte. Gedankenverloren aß einen Schokoladenschneemann, den er in seinem Stiefel gefunden hatte. Heute interessierten ihn die Wolken nicht. Er sah ungeduldig die Straße entlang. Nach und nach leuchteten an den Fenstern die Lichterketten und Sterne auf. Nun musste Onkel Werner doch kommen! Denn der hielt immer, was er versprach. Es war schon fast zu dunkel, um ihn zu sehen, als er endlich auftauchte. In der Dämmerung sah er noch größer aus, beinahe selbst wie der Weihnachtsmann. Tatsächlich hatte er auch seinen Bart wachsen lassen.
Kalli lief rasch hinunter und hüpfte ungeduldig von einem Bein auf das andere, während Onkel Werner sich mit seiner Mutter unterhielt. Während sie das Päckchen auspackte, dass sie mitgebracht bekommen hatte, zog er Onkel Werner am Ärmel. „Warst du beim Weihnachtsmann?“
„Pssst“, sagte Onkel Werner und zog ihn die Treppe hinauf. In Kallis Zimmer winkte er Kalli auf einen Stuhl und schloss sorgfältig die Tür. „Märchenhafte Geschenke müssen ihr Geheimnis behalten. Wenn jeder davon weiß, verlieren sie ihren Magie.“
„Was für ein Geschenk denn? Ich will doch einen Freund!“
„Immer mit der Ruhe. Noch ist ja nicht Weihnachten. Aber der Weihnachtsmann hat mir verraten, wie ich dir helfen kann. Und dann musste ich ganz schön lange suchen, um den Gegenstand zu finden, den er mir empfohlen hat. Island ist groß, und es liegen sehr viele Steine herum. Dazwischen einen ganz bestimmten zu entdecken ist gar nicht so leicht, wie du dir denken kannst. Oder hast du noch nie ein ganz bestimmtes Puzzlestück zwischen vielen anderen gesucht?“
„Doch, aber wozu brauchen wir denn einen Stein?“
„Das ist natürlich ein ganz besonderer Stein. Genau genommen ist es gar kein Stein.“ Das wurde ja immer geheimnisvoller. Onkel Werner legte ein kleines Päckchen in Kallis Hand. Es roch nach Onkel Werners Tabak und darin war etwas Schweres. Vorsichtig wickelte Kalli das blaue Seidenpapier ab.
Zum Vorschein kam tatsächlich ein flacher Stein. Er hatte genau dieselbe Farbe wie Kallis Hand. Und die Form – auf der einen Seite waren seltsame Löcher darin – und die Größe – nein, das konnte wirklich kein Stein sein. Es war …es war …. „Ein Ohr!“ rief Kalli und ließ es vor Schreck auf den Teppich fallen.
„Na, na“, sagte Onkel Werner und bückte sich danach. „Ein Ohr ist kein Haifischzahn. Das beißt nicht.“
„Aber Onkel Werner … wem gehört es denn? Man kann doch nicht einfach ein Ohr finden!“
„Auf Island schon!“ sagte Onkel Werner triumphierend. „Das ist ja das Tolle. Erinnerst du dich an die versteinerten Haifischzähne und an das, was ich dir von den Haifischen erzählt habe? Dass sie ihr Leben lang neue Zähne bekommen, wenn sie welche verlieren?“
„Klar, aber ….“
„Nix aber. Das ist bei manch anderen Lebewesen ähnlich. Bloß für die sind es nicht die Zähne, die am Wichtigsten sind. Sondern zum Beispiel die Ohren.“ Onkel Werner machte eine bedeutungsvolle Pause und gab Kalli den Stein zurück. „Und das hier ist ein Trollohr. Ein versteinertes natürlich.“
„Natürlich“, wiederholte Kalli verblüfft und drehte das Ohr hin und her. Es war ganz eindeutig ein Ohr. „Aber sind Trolle nicht böse?“
„Es gibt böse und es gibt freundliche. Wie bei den Haifischen übrigens auch. Aber es ist so: bei den bösen nutzen sich die Ohren nicht ab, denn sie hören den Menschen nicht zu sondern haben nur Unfug im Kopf. Aber die freundlichen Trolle bekommen soviel Wünsche und Geschichten zu hören, da brauchen sie manchmal neue Ohren, so wie die Haifische neue Zähne. Die alten verlieren sie einfach. Aber so wie die verlorenen Haifischzähne scharf bleiben – du hast dir ja an meinem schon mal den Daumen geritzt – so bleiben auch die Trollohren scharf und hören alles, was man hineinspricht. Trolle leben sehr sehr lange, viel länger als wir Menschen.“
„Und deshalb ist das Ohr schon zu Stein geworden?“

Versteinertes Trollohr

„Genau. Und da die Trolle durch die vielen Ohren, die nach ein paar Jahrhunderten Trollleben zusammenkommen, auch eine Menge erfahren, werden sie immer weiser und wissen zu allem einen Rat. Die meisten Ohren liegen natürlich zwischen den Steinen herum und niemand findet sie. Sonst könnte selbst den Trollen zuviel werden, was sie so alles erzählt bekommen. Aber wie Du siehst, habe ich Glück gehabt. Vermutlich war der Weihnachtsmann da nicht ganz unschuldig dran.“ Onkel Werner lehnte sich zufrieden in Kallis Schreibtischstuhl zurück, der gefährlich ächzte.
„Und was hilft mir das jetzt dabei, einen Freund zu bekommen?“
„Na, denk mal nach. Hast du noch nie bemerkt, dass Probleme kleiner werden oder sogar verschwinden, wenn man sie jemandem erzählt?“
Hmmm. Kalli dachte nach. Doch, er wusste, was Onkel Werner meinte. Gerade bei ihm hatte das schon öfter funktioniert. Zum Beispiel, als Kalli ihm von der Fünf in Mathe erzählt hatte. Da war das auf einmal gar nicht mehr so schlimm gewesen. Aber wenn man sich einen Freund wünschte, dann war das doch viel schwieriger.
„Siehst du, aber manchmal ist es ja auch gar nicht so einfach, jemandem von seinen Sorgen zu erzählen. Aber so einem Trollohr, dem kannst du alles erzählen. Das verrät ja nichts. Und es lacht dich auch nicht aus. Aber es hört immer zu!“
„Und dann darf man sich was wünschen? So wie bei Feen? Können Trolle auch zaubern?“
„Nein. Ein Troll ist ein Troll. Aber probiere es doch einfach aus. Der Weihnachtsmann wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er mir das für dich empfohlen hat. So, und nun muss ich runter zu deiner Mutter. Bestimmt schimpft sie schon, weil der Kaffee kalt wird.“
Kalli blieb sitzen und betrachtete das Trollohr. Er hatte es so lange in der Hand gehalten, dass es ganz warm geworden war. Es fühlte sich freundlich an, genau wie Onkel Werner behauptet hatte. Das mit den freundlichen Trollen war jedenfalls leichter zu glauben als das mit den freundlichen Haien. Ein bisschen komisch kam er sich schon vor, aber es war ja niemand hier. Vorsichtig hob er das Ohr an seinen Mund. „Ich wünsche mir so sehr einen Freund“, flüsterte er hinein. Er war sich nicht sicher, warum er flüsterte. Aber das Ganze war schließlich ein Geheimnis.
Und wohin jetzt mit dem Ohr? Ein Ohr steckt man nicht so einfach in die Hosentasche. Es durfte ja auch nicht zerbrechen, und in der Schule wurde sowieso alles geklaut. Kalli sah sich im Zimmer um. Der Engel! Der konnte darauf aufpassen, und falls der Troll, dem das Ohr gehörte, doch nicht so nett war, würde der Engel aufpassen, dass nichts Schlimmes passierte. Kalli steckte das Ohr in den weiten seidigen Ärmel. Er hatte mal gehört, wie Vater über Onkel Werner sagte: „Der hat immer noch ein As im Ärmel!“ Der Engel hatte jetzt also ein Trollohr im Ärmel. Ob das was nützen würde? …

Wie die Geschichte weitergeht, erfährt man hier:

Eine wunderschöne Reise für 10.80

Wer zuhause in der Kuschelecke eine traumhaft schöne und außerdem weihnachtliche Reise machen möchte, die über die Grenzen der Welt und des Daseins hinausgeht und trotz aller märchenhaftigkeit voll lebendiger und spannender Lebensweisheit ist, der kann das für 10.80 Euro und einen Klick mühelos tun:

Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten

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Kurzbeschreibung:
Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten ist die Geschichte von Lucas, der seiner kleinen Schwester Laura in der Weihnachtszeit eine lange Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte von der kleinen Seele Paul, die nach einem mehr als tausendjährigen Schlaf zur Erde reist, um die Frau zu suchen, die ihr das irdische Leben schenken wird. Es ist die Geschichte vom Engel Mimir, der seinem Schützling das Leben auf der Erde zeigt. Es ist eine Geschichte von den Menschen, von ihren guten und ihren schlechten Seiten. Es ist eine Geschichte voller Poesie und voller Liebe zum Leben und zu den Menschen.
Und als Zugabe gibt es eine Weihnachtsgeschichte von Max und Mäxchen und Borco, dem Hirtenhund.

Dieses Buch eignet sich bestens zum Vorlesen. Dabei wird es nicht nur die kleinen Zuhörer sondern auch den Vorleser verzaubern.
Wer sich und seinen Kindern oder Enkeln dieses Geschenk nicht macht, läuft Gefahr, etwas ganz Besonderes, Leuchtendes zu versäumen.

Ein guter Tag

Es ist ein guter Tag, um ein Blog zu starten. Peters Rollstuhl ist repariert. Peter ist mein Ehemann und mein Glück, und er kann nur in einem ganz bestimmten Elektrorollstuhl sitzen, der für ihn gemacht ist. Seit über einer Woche konnten wir die buntleuchtende Herbstwunderwelt nur durch das Fenster bewundern. Gestern abend kam der Rolli aus der Werkstatt. Heute Morgen schien, ganz anders als vom Wettermann versprochen, die Sonne und wir haben uns auf den Weg gemacht – erst im Garten gefrühstückt und die Blumen besucht, dann Äpfel geernetet, dann einen Spaziergang zum Bäcker gemacht um uns ausnahmsweise zur Feier des Tages ein Stück Kuchen zu gönnen. Nichts ist selbstverständlich – aber wie herrlich, wenn man diese kleinen Dinge neu entdecken darf!
Über Peter und den Rolli gibt es übrigens eine kurze Weihnachtsgeschichte in meinem Buch „Der Weihnachtswind„. Weil sie so kurz und so heiter ist, wird sie gern auf Weihnachtsfeiern vorgelesen. Hier eine kleine Leseprobe:
„Wenn im Dezember ein klarer Tag kommt, an dem die Welt winterhimmelblau leuchtet, dann sehen die Nachbarn in der Kranichstraße öfter aus dem Fenster als sonst. Sie wissen, dass an einem solchen Tag Johannes seine Weihnachtsmannmütze aufsetzt, seine Frau ruft und mit seinem Rollstuhl losfährt, um den Weihnachtsbaum zu holen.
Eine Krankheit hat Johannes die Schritte gestohlen, obwohl er noch jung ist. Aber zu seinem Weihnachtsbaum kommt er trotzdem. Dieser Baum soll mindestens so groß sein wie Johannes, wenn er aufrecht stünde. Und Johannes ist kein kleiner Mann. Innen ist er sogar noch größer. Vielleicht wird der Baum darum jedes Jahr ein Stückchen höher…“

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