Wie man der Liebe und einem Wünschwas begegnet

Tegeler Fließ

Sind Sie schon einmal einem Wünschwas begegnet?

„…Verwirrt schaute Udo sich um. Im ersten Moment glaubte er, dass jemand einen Schneeball nach ihm geworfen hatte, aber nein, dafür war dieses Etwas viel zu schnell gewesen und zu hart gelandet.
Vorsichtig ging er näher und sah ein Männlein aus einem Einschlagkrater kriechen. Es rappelte sich auf, hustete und klopfte sorgfältig den Schnee von seinem blauen Mantel. Danach strahlte es Udo an. „Hallo!“…
Vor Weihnachten ein Wünschwas zu treffen, macht das Leben leichter. Oder etwa doch nicht?
Diese humorvolle, überraschende und weise Geschichte von Sabine Ludwigs ist auch dann ein Geschenk, wenn einem eine solche Begegnung nicht vergönnt ist.
In dem Buch „Weihnachtsgeschichten Band 3“ gibt es noch zwei weitere bezaubernde Geschichten von ihr sowie Geschichten von weiteren Autoren.

Auch von mir sind drei Geschichten enthalten. Eine erzählt von dem Beginn einer Liebe, die es ohne Weihnachten nie gegeben hätte:

Weihnachtliche Schatzsuche
Patricia Koelle

„Jana Dessin konnte sich nicht vom Fenster losreißen. Eigentlich war es kein Tag, an dem man freiwillig hinaus schaut. Es war Mitte Januar, kalt, windig und traurig grau, denn es lag kein Schnee. Auf der Straße war nur unterwegs, wer es nicht vermeiden konnte. Bis auf den Mann, den Jana nun schon eine Weile beobachtete. Er hatte einen dunklen Haarkranz mit eleganten weißen Schläfen, und einen Bart, in dem sich das Weiß mit dem Dunkel mischte. Schlank und aufrecht war er, aber sie vermutete, dass er genau wie sie auf die Sechzig zuging. Sie beobachtete ihn jedoch nicht, weil sie ihn attraktiv fand, sondern weil sie zu gern gewusst hätte, was er da nur trieb. Es sah aus, als ginge er Gassi mit einem Hund, der an jedem Baum stehen blieb, nur: sie konnte keinen Hund entdecken. Gestern schon war ihr dieses seltsame Verhalten aufgefallen. Kurz entschlossen zog sie ihre Jacke an und ging hinunter. Eigentlich hatte sie sowieso einen Spaziergang machen wollen, sie hatte sich nur nicht aufraffen können. Als sie aus der Haustür kam, stand er gebückt über einem der weggeworfenen Weihnachtsbäume, die in Haufen an der Bordsteinkante lagen, und tastete darin herum…“

„Die Wunschkerzen“ erzählt davon, wie uns nahestehende Menschen, die nicht mehr da sind, auf geheimnisvolle Weise dennoch anwesend sein können:

„…Das Geschichtenerzählen begann nach der Bescherung. Sämtliche elektrischen Lichtquellen im Haus wurden ausgeschaltet, selbst das Aquarium und die Küchenlampe, die sonst durch den Flur geschimmert hätte. Dann suchte sich jeder von uns unter den über dreißig Kerzen eine aus, von der er glaubte, dass sie als letzte verlöschen wurde. Meine Eltern, Oma Rena, die eine oder andere anwesende Tante, mein Bruder, meine Schwestern, jeder traf seine Wahl mit Gründlichkeit und Bedacht. Ich hatte es da meist am Leichtesten; irgendeine bestimmte Kerze schien mich jedes Mal anzuzwinkern als sei eine Freundschaft zwischen uns. Allerdings habe ich nie Recht behalten.
Nach etwa zwei Stunden waren die ersten Kerzen aus, aber es dauerte stets noch eine weitere Stunde, bis auch die letzte Flamme das Wachs aufgebraucht hatte. Mit jeder, die das Dunkel verschluckte, mehrten sich die Schatten und die Geschichten wirkten geheimnisvoller, bis auch das Erzählen verlöschte und wir nur noch mit fast angehaltenem Atem auf die tapfersten Kerzen blickten.

Und in
„Wenn Weihnachten einen Haken hat“ wird das Geheimnis gelüftet, was jemand fangen kann, der mit einer Angel ohne Köder an einem zugefrorenen Fluß sitzt.

„…Fips formte einen Schneeball, warf ihn an den Stamm einer Kiefer und malte versonnen mit dem Finger ein Gesicht hinein. Die Weihnachtsbäume seiner Kindheit würde ohnehin niemand mehr hinbekommen. Nur zarte Strohsterne und weiße und durchsichtige Kugeln wie Seifenblasen, ein klein wenig Lametta und ein paar geschnitzte Holzfiguren. Echte Äpfel. Und der Duft, der in den Zweigen hing, fast als könne man ihn sehen, wie Spinnweben.
Als er weiterging, entdeckte er den Mann. Gebeugt saß der im Schnee auf der Böschung, in einen langen Mantel gehüllt, und starrte unbewegt auf den Kanal. Neben ihm steckte eine Angel in einem Schneehaufen. Fips wusste, dass es Angler gab, die ein Loch in das Eis bohrten und im Winter die besten Fische herausholten. Doch die saßen für gewöhnlich nicht an Heiligabend nachts um einundzwanzig Uhr am Wasser. Und vor allem nicht, wenn gar kein Loch im Eis war. Die helle Fläche war ungebrochen, und der Haken baumelte wurmlos wenige Zentimeter darüber.
Fips blieb stehen. „Frohe Weihnachten! Kann ich Ihnen helfen?“…

Und wer die letzte Geschichte in dem Buch nicht liest, bleibt ein klein wenig ärmer als nötig. Sie stammt aus der Feder Nicole Dallingers und erzählt von einem kleinen Jungen, der einen dringenden Brief an das Christkind schreibt und an Heiligabend eine Antwort bekommt, die jeder von uns schon einmal gesucht hat. Eine Leseprobe dieser Geschichte findet man hier.

Wer noch mehr über das Buch erfahren möchte, findet eine ausführliche Zusammenfassung hier.

Bananenromantik

Ach ja, die Zeitumstellung! Ich finde die Sommerzeit eine prima Sache; ich mag die langen hellen Abende. Da ich sieben Tage die Woche früh aufstehen muß, habe ich mich aber gestern auch über die geschenkte Stunde gefreut. Meine innere Uhr dachte hingegen anders und warf mich zur gewohnten Zeit aus dem Bett. Ich hatte nicht wirklich etwas dagegen, denn ich liebe diese Stunde vor dem Tag, allein mit mir und meiner Riesentasse Tee und der Dämmerung, die vor dem Fenster aus dem Dunkel schleicht. Ich fische Ruhe und Ideen für Geschichten, Spuren von Gedichten oder Limericks aus dieser Dämmerung. Der allererste Lichtschein läßt die Zitronen und Mandarinen vor dem Fenster aufleuchten. Bald muß ich sie in den Schuppen mit dem durchsichtigen Dach bringen, in dem sie überwintern. Aber noch sind sie ein Echo von Tropenträumen.

Da wir in der Stadt wohnen, gibt es keinen wirklichen Horizont, über den der Tag heraufsteigen könnte. Aber im freundlichen Schutz der Dämmerung leihe ich mir einen aus, das Garagendach von Gegenüber zum Beispiel, und stelle mir vor, er sähe so aus:

Oder so:

und dann würde ich, wenn der Tee alle ist, das hier machen:

Aber da ich in Berlin bin, rufen die ersten Pflichten und ich lasse den Morgen erst mal allein. Aber ein wenig später mache ich uns ein Tablett, und dann gehen wir draußen frühstücken, Peter und ich, auch jetzt noch, bei sechs Grad, auch wenn uns die Nachbarn für „beklopft“ halten, wie meine Oma zu sagen pflegte. Peter bekommt eine Decke, damit er und auch der Motor vom Rollstuhl nicht frieren, und ich einen kuscheligen Pullover, und dann essen wir Toast und Ei unter dem Bananenbaum.

Das ist eine Freilandbanane. Beim ersten Frost ist sie Matsch. Dann schneidet man sie auf einen halben Meter herunter und deckt den unansehnlichen Stumpf mit einem Haufen Laub und einem Sack zu. Wenn ich sie im Frühling davon befreie, ist eigentlich nur braunes, glitschiges Zeugs übrig. Doch im Mai, wenn ich nicht mehr daran glaube, dann schießen die Blätter Richtung Himmel, jedes größer als das andere. Von Juni bis August braucht sie für jedes Riesenblatt ungefähr eine Woche. Für mich ist sie wie ein Beweis, dass immer dann etwas Tolles entsteht, wenn man nicht mehr daran glaubt. Und dafür, dass man seine Tropenträume zur Not auch in einen Berliner Oktober versetzen kann.
Aus diesen Blättern könnte man auch ein prima Halloween Kostüm machen. Die sind groß genug um ein Kind damit zu bekleiden, auf jeden Fall groß genug um einen Blattrock zu gestalten, und sie halten auch ohne Wasser lange.
Wenn wir an diesem Platz frühstücken können, fängt der Tag gut an. Und wir tun es auch wie heute bei Regen, denn da gibt es neben der Banane noch ein Dach, unter dem wir sitzen können. Die Tropfen machen Musik auf den Bananenblättern und wir sind glücklich, denn wir haben uns, und den Garten.

Heute hat der Tag nicht nur gut angefangen sondern hört auch gut auf. Ich habe die erste unabhängige Meinung zu meinem Buch „Die Füße der Sterne“ bekommen. Eine Leserin von BookCrossing schrieb: „Kurzgeschichten, wie ich sie mir schöner nicht wünschen kann.“
Nachzulesen hier. Ich bin gerührt. Sie vergab 10 von 10 möglichen Sternen. Das macht mir Mut, auch wenn es schwer ist und bleiben wird, Bücher zu verkaufen. Die Geschichten haben jemandem Freude gemacht. So soll es sein.

Wenn die Banane übrigens schließlich Winterschlaf macht und der erste Schnee kommt, werde ich meinen Wunschzettel für Weihnachten schon mal rauslegen. Damit alles so bleibt und wir nächstes Jahr wieder unter dem Bananenbaum frühstücken können. Zusammen.

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