Feuertage (Taschenbuch)

Feuertage (Taschenbuch)

In diesem Buch gibt es Geschichten für alle Jahreszeiten:

Momentan herrscht ein geschenkter Sommer im Oktober.

27° im Schatten am 2. Oktober. Die goldenen Blätter auf dem Boden und die Schwärme von Wildgänsen am Himmel, die nach Süden ziehen wirken bei diesen Temperaturen völlig unwirklich. Wir genießen glücklich diese traumschönen Stunden mit dem intensiven Licht und den langen Schatten. Viele Worte braucht es da nicht. Silberfäden überall, und manche Blumen blühen zum zweiten Mal, selbst die Vögel singen wieder. Es ist unvergeßlich, weil ungewöhnlich. Eigentlich sollte man alles so bewußt und erstaunt erleben wie diese letzten, geschenkten Sommerstunden im Herbst.

Advertisements

Sommerlicht in Lübars

Ich bin lange nicht Fahrrad gefahren, mangels Muße. In einer geschenkten Stunde habe ich mich nun aufgemacht, auf der Suche nach kühlendem Fahrtwind. Er kühlte nicht, aber beglückte. Ich hatte ganz vergessen, was für einer Landschaft wir hier nahe sind! Unsere Straße immer geradeaus, schon verzweigt sie sich. Der linke Weg, wenn man sich an dem alten Kopfsteinpflaster vorbeipfriemelt, führt weg von der Stadt, genau auf das einzige Dorf im ehemaligen Berlin (West) zu.
Manches weist hier auch ins Nichts, wie zu Mauerzeiten:

Zu meiner Begeisterung stieß ich bald auf ein Getreidefeld, das der Stadt und der Dürre zum tapferen Trotze vor dem Märkischen Viertel steht. Wie hatte mir so ein Anblick jahrelang gefehlt! Vom Rand stibitzte ich ein paar ohnehin geknickte Ähren für die Vase in meiner Küche (früher nannten wir das „stiehlern“) und hätte mich über den Fund einiger Goldmünzen nicht so gefreut wie darüber. Das Märkische Viertel ist nicht schöner geworden dadurch, dass man einen Teil der „Häuser“ (für mich sind es Wohnschränke) in der sogenannten Papageiensiedlung bunt gestrichen hat. Aber das Bild zeigt, wie friedlich Gegensätze in Berlin koexistieren. Es ging ja einst nicht anders; aus der Not wurde Charakter.

Da ich mich im Fahrradfahren noch ungeübt fühlte, ließ ich diesen verlockenden Pfad am Waldrand seinen Weg allein gehen

und fuhr weiter auf der Wittenauer Straße bis Alt-Lübars, wo mir ein weiter Blick über eine sommerheiße, im Licht flirrende Bilderbuchlandschaft völlig unverhofft zu Füßen gelegt wurde.

Beim Anblicks dieses Baumes wünschte ich mir, mein Kollege Nils Pickert wäre anwesend, denn ihm wäre dazu sofort das passende Gedicht eingefallen. So musste ich mich mit dem Gedanken an die vielen Baumgedichte in seinem wundervollen Lyrikband „Stadtarboretum“ trösten, der noch in diesem Jahr erscheint.

Ich freue mich schon darauf, diesen Baum im Herbst zu besuchen.
In seinem Schatten ausruhen konnte ich mich nicht, denn diesen Gedanken hatten im gleichen Augenblick die Anwohner:

Mit dem freundlichen „Määäh“ im Ohr, das ich so lange nicht gehört hatte, fuhr ich sehr glücklich und erfrischt nach Hause mit dem Vorsatz, demnächst noch andere Ziele in der Gegend zu entdecken.
Ich kam an einem Wegweiser vorbei: „Barnimer Dörferweg“, und wäre der trockene Märkische Sand dort nicht so Fahrraduntauglich gewesen, hätte ich ihn veielleicht gleich ausprobiert, den 38 Grad und dem wartenden Peter ungeachtet. Der bloße Gedanke, dass man sich hier, wo zu Mauerzeiten alles zu Ende war, ungehindert auf einen „Dörferweg“ machen kann, ist für mich immer noch unfaßbar, nach all der Zeit.

Afrika liegt in Berlin. Oder umgekehrt?

38 Grad. Bilder aus der Berlin-Wittenauer Savanne.

An diesem Sommer ist ungewöhnlich:
– die Frühstückseier lassen sich nicht schälen, weil das Wasser so warm aus der Leitung kommt, dass man sie nicht abschrecken kann
– ich werde kaum munter, weil das Wasser so warm aus der Leitung kommt, dass ich mich auch nicht abschrecken kann
– ich muss weniger waschen, weil man kaum Kleidungsstücke braucht und sehr schnell angezogen ist.
– die Wespen und die Vögel teilen sich einträchtig unser Vogelbad. Da kommen Vögel, die ich hier noch nie gesehen habe, z.B. wunderschöne Stieglitze.
– die Goldfische bekommen einen Sonnenbrand, wenn sie zu lange unter den Seerosenblättern hervorkommen
– die Konzentration läßt ziemlich nach, was ungünstig ist, wenn man 24 Stunden einen schwerstbehinderten Beatmungspatienten zu pflegen hat
– ich hatte noch nie einen solchen Heißhunger auf frische Luft und Regen
– ich habe Mitleid mit der Pizza im Backofen, weil ich jetzt weiß, wie sie sich fühlt
– ich brauche kein Unkraut jäten, denn wenn man darum herumgießt, stirbt es von allein.

Freilandprosa

Ich habe mein Büro nach draußen verlegt, hinter einen kühlen grünen Vorhang aus wildem Wein, der mir in einem sanften Wind freundlich Kühlung zufächelt. Und bin froh, dass ich nicht mehr wie vor zwanzig Jahren auf meiner geliebten alten Schreibmaschine herumhämmern muß, weil das die Nachbarn in den Wahnsinn treiben und die Vögel aus dem Vogelbad verjagen würde.
Möge das schöne Ambiente auf die Prosa abfärben…

%d Bloggern gefällt das: