Neuerscheinung

Tatsächlich! Nächste Woche gibt es druckfrische Bücher!
Bestellt werden kann schon jetzt (Klick auf das Cover). Natürlich dann auch bei Amazon etc. und in der Buchhandlung Eures Vertrauens.

Seit Jahren drängte diese Geschichte danach, geschrieben zu werden, aber es wollte mir nicht gelingen, bis mir ein Licht aufging: Ich hatte an der falschen Stelle angefangen. Dann ging es wie von selbst – allerdings nur, weil ich das Manuskript online als Blog geschrieben habe, unter einem Pseudonym. So hatte ich aufmerksame Leser, die viele Fehler sofort ausgebügelt und mir ständig Mut gemacht und Zuversicht geschenkt haben. Auch an dieser Stelle ihnen allen noch einmal ganz herzlichen Dank!!!
Ein dickes Dankeschön natürlich auch an den Verlag für all die Mühe.
Nun kann ich nur noch hoffen, dass der Roman seinen Weg zu Lesern findet…

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Gedankenplaneten

So wie die beiden hier in den regenfeuchten Frühling träumen, so habe ich in den letzten Tagen an meinem Schreibtisch geträumt.
Planeten entstehen, indem sich Materie zusammenballt, verdichtet, eine immer größere Anziehungskraft entwickelt und sich alle verschiednenen Fremdkörper einverleibt, die durchs All getrieben kommen. So ähnlich ist es mit Ideen. Auch mit Romanplänen. Mein Problem war gerade, dass das, was an Fragmenten angesaust kam, auf zwei verschiedene Objekte verteilt werden muss. Das eine klebt hier, jenes da. Manchmal haftet etwas woanders als gedacht. Die Körper entwickeln ein Eigenleben. Teile stoßen zusammen, spalten sich, gehen getrennte Wege oder schleudern sich aus der Bahn. Am Ende nehmen sie doch Gestalt an, wenngleich eine offene, noch lange wandelbare, und koexistieren, ohne sich zu behindern.
Es gibt also wieder einmal zwei Romanentwürfe. Dann musste ich mich für einen entscheiden. Der andere wird warten und im Hintergrund wachsen.
Durch einen Brief, der gestern landete, fehlende Rechercheinfos und aufmunternde Worte enthielt, habe ich mich entschieden. Einfach angefangen. Heute habe ich das zweite Kapitel fast beendet. So einen Roman zu schreiben, das ist wie ein zweites Leben geschenkt bekommen, ein Paralleluniversum, in dem man sich austoben kann. Es ist herrlich aufregend. Im Gegensatz zum letzten Mal wird dies bis auf geringfügige Spuren kein autobiographischer, sondern völlig fiktiver Roman. Ein wenig länger und komplexer, und ich werde mir mehr Zeit lassen. Es wird auch Pausen geben, weil es Sommer ist, und aus diversen Gründen wenig Zeit zum Schreiben. Aber einmal gestartet, wird die Geschichte auch ihren Weg gehen bis zum Ende.
Wer hin und wieder reinschnuppern möchte, wie der Entstehungsprozess so läuft, der kann das gerne tun:
HIER

Wetterwirklichkeitswandlung

„Heute gibt es nur kurze Regentropfen!“ sagte der Wettermann heute im Wetterradio.
Das fand ich eine nette Vorstellung; ich frage mich aber, wie das Wetter wird, wenn es lange Regentropfen gibt.
Die Sonne war sehr lange nicht da. Warm ist es auch nicht gerade. Aber anscheinend kann ich mit dem Wetter besser umgehen als die meisten. Möglicherweise weil ich als Autorin das Glück habe, mich einfach anderswohin und anderswann zu versetzen. Im Moment arbeite ich an einem Kinderbuch, das mich an einen tropischen Strand meiner Kindheit bringt. Und da geht es mir gut, ich spüre die Sonne, höre die Wellen, begegne Fischen, schmecke Salz und selbstgepflückte Orangen – und am Ende kommt hoffentlich eine brauchbare Geschichte dabei heraus.
Natürlich kann man so eine Wetterwirklichkeitswandlung auch vollziehen, indem man schöne „> Frühlings- und Sommergeschichten liest.
Und die Erde hat den Regen gebraucht; auch wenn es schwer zu glauben ist, aber der Garten war schon wieder trocken.
Außerdem ist es herrlich, sich abends in ein warmes Bett kuscheln zu können und die Regentropfen auf das Fensterbrett platschen zu hören – egal, ob kurze oder lange Tropfen 🙂

Vorlese-Adventskalender

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Da der erste Advent näher rückt, möchte ich auf meinen kostenfreien Vorlese-Adventskalender für kleinere Kinder hinweisen. Es handelt sich um Vorweihnachtsgeschichten über einen kleinen Drachen und zwei Kinder. Er beginnt am 1. Advent, also dem 29, November, mit folgender Vorgeschichte:

„Großvater“, sagte Fissinor an einem grauen Tag im November, „ich möchte so gerne wissen, wie es ist, ein Menschenkind zu sein!“
„Hast du nicht genug damit zu tun, ein Drache zu sein?“ brummelte Kumulor. Er hatte gut reden, schließlich war er uralt und konnte sich bestimmt nicht mehr daran erinnern, wie es ist, wenn man das Fliegen und Feuerspucken erst noch richtig lernen muss.
„Trotzdem!“ sagte Fissinor. Trotzdem war sein Lieblingswort. Der kleine Drache konnte sehr hartnäckig sein. Das muss man auch als junger Drache, denn die alten Drachen haben schon soviel erlebt, dass man sie nicht so leicht dazu bekommt, zuzuhören. Sie sind immerzu am Nachdenken. Vielleicht ist das ja bei Menschenkindern anders, dachte Fissinor.
„Menschenkinder spielen manchmal“, sagte er. „So ähnlich wie wir. Ich hab das am Strand gesehen, und in der Stadt. Sie machen dabei so ein schönes Geräusch. Und Menschen sind spannend. Sie haben eine Art Drachen gebaut, in den sie einsteigen und fliegen können. Sie bauen Städte, die wie spitze Gebirge aussehen. Und die Städte spucken Rauch, genau wie wir. Ich wüsste einfach gern, wie Menschen sind.“
„Menschen sind sehr seltsam“, sagte Kumulor und sah aus als wollte er ein Nickerchen machen. Und wenn ein alter Drache ein Nickerchen macht, dauert es sehr, sehr lange.
„Großvater!“
„Also gut. Aber du solltest warten, bis die magische Zeit beginnt. Die Menschen haben ein ähnliches Fest wie unser Feuerfest. Sie nennen es Weihnachten. Es fängt nicht wie bei uns zur Sonnenwende an, sondern drei Tage später. Aber schon vier Wochen davor beginnen sie daran zu denken und zünden Kerzen an, das sind ganz kleine Feuer. In dieser Zeit sind die Menschen offener für das, was sie Wunder oder Märchen nennen. Und sie sind auch ein bisschen friedlicher gestimmt. Dann suchst du dir ein Menschenkind, mit dem du reden kannst. Zum Glück gibt es Drachen schon seit so viel Millionen Jahren, dass wir die Sprachen der meisten Lebewesen beherrschen. Ich werde dir Bescheid geben, wenn es soweit ist. Und nun lass mich in Ruhe!“ Brummend steckte er den gewaltigen Kopf unter seinen Flügel.
Fissinor war zufrieden, denn wenn Kumulor endlich etwas versprochen hatte, dann hielt er es auch. Jetzt musste er nur noch Geduld haben. Das würde schwer werden, denn die Geduld von kleinen Drachen ist noch genauso klein wie sie selbst. Aber sooo lange war es ja gar nicht mehr bis zum Feuerfest.

Alle Geschichten finden sich hier.

Lesung zum Mauerfall

08. November 2009 11 Uhr

Mauerstücke – Erinnerungsstücke

Kostenfreie Bildung am Sonntagmorgen

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer, die von 1961 bis 1989 unser Land in zwei feindliche Lager teilte. Geschichten zahlreicher Autoren aus Ost und West erinnern an die deutsch-deutsche Grenze. Die Autorinnen und Herausgeberinnen Bettina Buske und Patricia Koelle stellen ihre Geschichten vor.

Ort: Kontaktstelle Wilmersdorf, Sigmaringer Str. 28, B-Wilmersdorf

U-Bhf. Blissestraße od. Fehrbelliner Platz, Tel. 86409307

Kontakt und Anmeldung: Christel Heilmann, Telefon und Fax 883 25 27

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Ganz normale Zauberbonbons (Weihnachtsgeschichte)

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Ganz normale Zauberbonbons
© Patricia Koelle

Der Wind wehte Blätter in den Hausflur. Liam kam gleichzeitig mit ihnen und Frau Bonilla an den Briefkästen an. Seit er neun geworden war, durfte er den Briefkastenschlüssel an seinem Schlüsselbund tragen und die Post herausholen. Darauf war er stolz. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um an den Kasten zu kommen. Frau Bonilla dagegen musste sich bücken und schnaufte dabei. Sie war alt. Manchmal hatte Liam ein wenig Angst vor ihr. Sie war zwar etwas gebeugt, aber doch recht groß, ihr Blick war grimmig und ihre Stimme tief und außerdem laut, weil sie schwerhörig war.
Heute schnaufte Frau Bonilla besonders heftig. „Ach!“ sagte sie dann und stöhnte. Liam sah zu ihr hoch und erschrak, weil ihre Augen so traurig waren. „Tut Ihnen was weh, Frau Bonilla?“ fragte er laut.
„Ach nein“, sagte sie und schloss ihren Briefkasten wieder zu. Er war leer gewesen. Er war eigentlich immer leer. „Es ist nur…“ Durchdringend sah sie Liam an, als frage sie sich, ob sie ihm ein Geheimnis anvertrauen könne. „Es ist einfach so schrecklich, dass der Sommer zuende ist!“
Liam starrte sie verblüfft an. Was war denn daran schrecklich? „Aber der Sommer ist doch schon lange zuende. Es ist Herbst, und alles ist golden und bunt und man kann Drachen steigen lassen…“
„Herbst!“ sagte Frau Bonilla verächtlich, Es klang, als würde sie von der Ratte sprechen, die ihr neulich an den Mülltonnen begegnet war. „Und dann noch Winter!“
„Im Winter ist doch Weihnachten, in ein paar Tagen ist schon der erste Advent…“
Aber von Frau Bonilla war nur noch der Rücken zu sehen. Sie verschwand hinter ihrer Wohnungstür.
Liam musste den ganzen Nachmittag über Frau Bonillas Worte nachdenken. Er konnte sich überhaupt nicht auf seine Hausaufgaben konzentrieren. „Schrecklich!“, das sagten die Menschen sonst von Unglücken, Erdbeben, Kriegen und Krankheiten. Wie konnte es jemand schrecklich finden, dass der Sommer zu Ende war? Das war doch ganz normal. Aber die große Traurigkeit in Frau Bonillas Augen hatte Liam erschreckt. Es hatte ausgesehen, als ob sie Angst hatte.
Beim Abendessen erzählte er seinen Eltern davon. „Ach weißt du“, sagte sein Vater, „Frau Bonilla ist alt. Alten Menschen tun die Knochen weh, wenn es kalt wird. Und manchmal haben sie Angst, dass es ihr letzter Sommer gewesen sein könnte. Da kann es einem schon mal schrecklich vorkommen, wenn der zu Ende ist.“
Liam versuchte, sich das vorzustellen. Es war sehr schwierig. „Kann man da nichts machen?“
Vater lächelte. „Nein, dagegen kann man nicht wirklich etwas machen. Jeder Sommer geht irgendwann zu Ende.“
„Ja, aber dagegen, dass Frau Bonilla so traurig ist?“
„Ich werde bald Adventsplätzchen backen“, sagte Liams Mutter, „dann kannst du ihr einen Teller runterbringen.“
Das war eine gute Idee, aber Liam hatte das Gefühl, dass die Plätzchen nicht wirklich den Sommer zurückholen würden.
„Kannst du noch den Müll runterbringen?“
Nachdenklich brachte Liam den Eimer in den Hof. Heute war keine Ratte an der Tonne, aber er traf Herrn Kniesch. Herr Kniesch war noch älter als Frau Bonilla. „Herr Kniesch“, fragte Liam, „finden Sie es auch schrecklich, dass der Sommer zu Ende ist?“
„Ja, soll ich es etwa schön finden? Der Sommer ist ja schon ewig her, der wärmt nicht mehr. Warum guckst du mich so an?“ Herr Kniesch zog seine schwarze Jacke enger um sich und runzelte die Stirn noch mehr als sonst.
„Ich wollte sehen, ob Sie traurig sind.“
„Einen Freudentanz werde ich wohl kaum aufführen bei dem Sauwetter“. Kopfschüttelnd verschwand Herr Kniesch im Haus.
Liam sah sich um. Die Bäume waren schon fast kahl, und im Himmel war silberhell der Mond unterwegs. Auch der Herbst war schon zu Ende. Er freute sich auf die Adventsplätzchen, und nicht nur auf die. Nikolaus, Schneemänner, der Weihnachtsbaum.
Aber jetzt, da er wusste, dass alte Menschen im Winter traurig sind, war das Freuen auf einmal gar nicht mehr so einfach. Das war, als ob man zum Backen aus Versehen Salz statt Zucker nimmt. Es wollte ihm nicht schmecken. Auch in Herrn Knieschs Augen hatte er das Novembergrau gesehen. Das verfolgte Liam bis in die Nacht. Er träumte von traurigen Augen und kalten Tagen, an denen es gar nicht mehr hell wurde.
In der Schule passte er nicht richtig auf. Zum Glück war Freitag, und am Wochenende machte der Weihnachtsmarkt auf.
„Das fängt ja immer früher an“, brummelte Liams Vater, der nicht wirklich Lust auf einen Bummel hatte. Im Fernsehen lief Fußball. „Aber morgen ist der erste Advent!“ sagte Liam und zog ihn am Ärmel. „Komm schon, ist doch nicht weit.“
Liam durfte eine Runde Karussell fahren, dann aßen sie Bratäpfel, weil die so schön nach Weihnachten dufteten. An der Glühweinbude traf Vater einen Freund, der über Fußball redete. „Hol dir gebrannte Mandeln oder so was,“ sagte er zu Liam und drückte ihm ein paar Münzen in die Hand. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde wieder hier.“
„Okay“. Liam steckte die Hände in die Tasche und schlenderte zu dem Stand gegenüber. „Brunos besondere Bonbons“ stand schnörkelig auf dem grünen Holzschild darüber. Prüfend betrachtete Liam die Haufen und Dosen bunten Zuckerzeugs.
„Na, was gefunden?“ sagte eine tiefe Stimme. Ein Mann beugte sich über den Tresen. Er war fast so rund wie mache seiner Bonbons, und seine spiegelglatte Glatze leuchtete im Laternenlicht ganz bunt. Bruno, vermutete Liam.
„Was ist denn an deinen Bonbons so besonders?“ wollte Liam wissen. „Sie sehen aus wie alle anderen Bonbons auf dem Weihnachtsmarkt.“
Bruno strich sich erstaunt über die Lichtreflexe auf seinem Kopf. Hatte ihn das noch niemand gefragt? „Naja“, erkärte er, „die wirklich besonderen Bonbons habe ich natürlich nicht hier vorne. Die bekommt nur, wer sie wirklich braucht. Einfach nur Naschen wollen ist nicht Grund genug. Wofür willst du sie denn?“
„Hast du Bonbons für traurige alte Leute?“
„Hmmm, nanu. Warum sind sie denn traurig?“ erkundigte sich Bruno.
„Weil der Sommer zu Ende ist! Sie finden das ganz schrecklich.“
„Also, ein Sommer ist immer erst dann wirklich zuende, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert“, sagte Bruno.
Liam dachte an Zitroneneis und daran, wie er mit Nele barfuss am Bach nach jungen Libellen gesucht hatte. Dann an Herrn Kniesch, wie er gesagt hatte, dass der Sommer ihn schon ewig nicht mehr wärmte. „Ich glaube, sie erinnern sich wirklich nicht mehr.“
Der Wind jagte ein paar Regentropfen unter das Dach und auf Brunos Glatze, wo sie zu funkeln anfingen. Liam starrte fasziniert darauf und hoffte, dass er später auch einmal eine haben würde. Bruno schien angestrengt nachzudenken und bemerkte es nicht. „Warte“, sagte er schließlich und bückte sich hinter den Tresen. Liam hörte es rascheln und rumpeln. Schließlich tauchte Bruno wieder auf und hob triumphierend ein staubiges kleines Glas hoch. Darin lagen dicke Bonbons, jedes einzelne in durchsichtiges, schimmerndes Papier gewickelt. Sie waren himbeerfarben – und sie sahen auch aus wie Himbeeren. Bruno schraubte das Glas auf. Es knirschte leise. „Riech mal!“
Liam steckte die Nase hinein. „Mmmh! Das riecht ja toll nach Sommer.“
„Na also.“
„Sind die auch besonders genug, um zu wirken? Ganz normale Bonbons helfen nämlich bestimmt nicht.“
„Das“, sagte Bruno wichtig, „sind ganz normale Zauberbonbons. Die helfen! Außerdem habe ich keine besseren.“
„Und was kosten die?“ Liam befürchtete, dass er sich Zauberbonbons gar nicht leisten konnte, auch nicht ganz normale.
„Für dich, 50 Cent.“
Liam fischte in seiner Tasche. Das reichte gerade! Aber die Kirchenglocke schlug. Die Viertelstunde war um! Hastig drückte er Bruno die Münze in die Hand und verstaute die Bonbons vorsichtig in seiner Jackentasche. Er schnaufte vom Rennen fast so sehr wie Frau Bonilla, als er wieder am Glühweinstand ankam, gerade als der Vater sich nach ihm umzusehen begann.
Zuhause ging Liam in die Küche. „Soll ich noch den Müll runterbringen?“
„Gerne!“ Seine Mutter wunderte sich ein bisschen, aber das war ihm egal. Er brauchte einen Grund, noch mal an die Briefkästen zu kommen.
Zum Glück passten die Bonbons gerade so durch die Schlitze. Eins für Frau Bonilla. Eins für Herrn Kniesch. Und da Liam gerade dabei war, auch eins für Frau Pfender, eins für Herrn Grunow und eins für Frau von Fersberg. Sie waren alle alt, und auch wenn Frau Pfender zum Beispiel noch nie novembertraurige Augen gehabt hatte – sicher ist sicher.
„Peng!“ machten die Bonbons geheimnisvoll in den metallenen Kästen.
Als Liam den Müll draußen in die volle Tonne stopfte, kitzelte ihn etwas am Ohr. Er sah auf und bemerkte, dass es angefangen hatte zu schneien. Hurra! Sommer war schön, aber Winter eben auch. Vielleicht reichte der Schnee bald zum Schlittenfahren.
Tatsächlich schneite es die ganze Nacht. Frau Bonilla würde darüber bestimmt nicht glücklich sein, dachte Liam, als er morgens aus dem Fenster sah. So viel Winter! Aber er konnte nicht anders, er freute sich.
Und als Jonas von nebenan bei ihm klingelte, hatte er seinen Schlitten auch schon aus dem Keller geholt. Dabei hatte er kurz nach den Briefkästen gesehen. Die Sonntagszeitungen steckten nicht mehr darin – also mussten alle auch ihre Bonbons gefunden haben.
Im Park war es so lustig, dass er gar nicht mehr an Frau Bonilla oder die Bonbons dachte. Das Rodeln auf dem frischen Schnee ging wunderbar. Als das langweilig wurde, bauten sie eine Burg aus Schneebällen, was in einer Schneeballschlacht endete. Müde und glücklich bogen Liam und Jonas schließlich wieder in ihre Straße ein.
„Guck mal, was is’n da los?“ sagte Jonas. Verblüfft sah Liam, dass mehrere Leute auf der kleinen Grünfläche vor dem Haus damit beschäftigt waren, einen mächtigen Schneemann zu bauen. „Aber, das ist ja…“ Frau Bonillas große, leicht gebeugte Gestalt war schon von weitem deutlich zu erkennen. Herr Knieschs Jacke auch.
„Liam, du kommst gerade richtig!“ rief Frau Pfender. „Hilf uns doch, den Kopf draufzusetzen!“
„Ja!“ Frau Bonillas Stimme war ja wegen ihrer schlechten Ohren immer laut, aber diesmal war sich Liam sicher, dass sie auch wegen der Freude darin so hallte. „Schieb du von unten, es fehlt nur noch ein klein wenig Kraft!“
Daraufhin rollte Herr Kniesch die dritte Kugel noch einmal über den Hof. „Eins, zwei, drei, hopp!“ kommandierte Frau Bonilla. Mit vereinten Kräften hievten sie den Kopf auf die beiden schon fertigen, sehr dicken Kugeln. Dabei sah Liam, dass in Frau Bonillas Augen kein November mehr war. Sie leuchteten.
„Ist es jetzt nicht mehr schrecklich, dass der Sommer vorbei ist?“ fragte er.
„Jetzt gerade nicht!“ Frau Bonilla hatte ein nettes Lächeln, entdeckte Liam. „Da war so eine Werbung im Briefkasten, wahrscheinlich von der Sonntagszeitung, weißt du. Ein Himbeerbonbon. Bei dem Geschmack kamen mir lauter Erinnerungen an ganz viele Sommer.“
„Marthe, du bist so groß, bring mal die Nase an!“ sagte Frau Pfender und drückte Frau Bonilla eine Mohrrübe in die Hand. Liam hatte gar nicht gewusst, dass Frau Bonilla einen Vornamen hatte. Er überlegte, wie sie wohl als Mädchen ausgesehen hatte.
„An was haben Sie sich denn erinnert?“ fragte er.
„Ach..“ sagte sie und lächelte in sich hinein. „Da war der Karl und das Sommerfest, auf dem ich mit ihm getanzt habe. Und Himbeeren pflücken waren wir auch mal…“
„Soso, der Karl,“ schmunzelte Frau Pfender.
„Hattest du kein Bonbon?“ fragte Frau Bonilla.
„Doch,“ sagte Frau Pfender, „mir ist auch Verschiedenes eingefallen, aber meine Erinnerung heißt nicht Karl.“
„Meine heißt Lina“, sagte Herr Kniesch, „und die Himbeeren haben wir geklaut damals, im Nachbargarten.“
„Und was hat das jetzt alles mit dem Schneemann zu tun?“ wollte Liam wissen. Die Bonbons mussten tatsächlich Zauberbonbons gewesen sein. Sie hatten nicht den letzten, sondern sogar ganz viele alte Sommer zurückgeholt. Und die Lachfalten um Herrn Knieschs Augen, die waren da vorher nie gewesen.
„Ach weißt du,“ sagte Frau Bonilla, „Wir haben gemerkt, dass so ein Sommer nie zu Ende ist, solange man sich daran erinnern kann.“
„Und da ist uns eingefallen, dass Sommer nur schön sein können, wenn es auch Winter gibt“, ergänzte Frau Pfender.
„Ja – und dass Zeit viel zu schade ist, um keine Erinnerungen daraus zu machen,“ sagte Frau von Fersberg triumphierend, die mit einem Zylinderhut aus dem Haus kam. „Schaut, ich hab ihn gefunden!“ Mit Schwung setzte sie dem Schneemann den Hut auf den Kopf.
„Da fehlt noch was.“ Herr Kniesch wickelte seinen Schal vom Hals und reichte ihn Frau Bonilla, die ihn dem Schneemann elegant über die Schultern warf.
„Klasse!“ sagte Liam bewundernd. „Schade, dass der bald wieder schmilzt.“
„Nana,“ sagte Frau Bonilla. „Wenn der nicht schmilzt, kann der nächste Sommer ja nicht kommen.“
Anscheinend hatte sie die Angst, dass es für sie gar keinen Sommer mehr geben würde, irgendwo im Schnee verloren.
„Ach was“, sagte Herr Kniesch, „wenn der schmelzen will, bekommt er ein Himbeerbonbon!“

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Mehr Geschichten gibt es in
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Nette Kritik

Heute habe ich mich über eine weitere unabhängige Lesermeinung zu „Die Füße der Sterne“ gefreut:
„Hach, die Geschichten sind wirklich sehr schön geschrieben!! Himmel auf Abwegen und Windflüchter fand ich besonders gut und bei dem Bernsteinschiff musste ich mir ein Tränchen verdrücken. Aber eigentlich waren es ausnahmslos tolle Kurzgeschichten!“
Quelle: Bookcrossing

Begegnung im Herbst (Herbstgeschichte)

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Begegnung im Herbst
© Patricia Koelle

Endlich! Ich ließ mich in den durchgesessenen Ohrensessel sinken und legte die Füße auf die Heizung. Den Urlaub in den Tropen konnten wir vergessen. Der Gang zur Bank war unerfreulich gewesen, aber nicht ganz so erschreckend wie das Novemberwetter, das uns mitten im Oktober überrollt hatte. Der Sturm hatte eine gemeine, kriechende nasse Kälte aus dem Osten gebracht die sich sogar unter den von Miriam gestrickten Pullover schlich und genussvoll in meinen ehemals warmen Schuhen ausbreitete. Dankbar umklammerte ich meine heiße Teetasse. Kurz ehe mir die Augen zufielen, glaubte ich, aus der dämmrigen Ecke beim Bücherregal etwas huschen zu sehen.
Ich riss die Augen wieder auf und starrte angestrengt auf die Heizung. Ich hätte schwören können, dass sich neben meinen nassen Füßen eine kleine, undeutliche Gestalt niedergelassen hatte. Sie zappelte dermaßen herum, dass es mir unmöglich ist, ihre genaue Form zu beschreiben, auf jeden Fall gestikulierte sie mit irgendwelchen Zipfeln; vielleicht trug sie auch wie ich einen zu großen Pullover. Auf jeden Fall sprach sie mit mir, ich merkte es jetzt erst.
„Stell dir vor“, sagte das Wesen, „man hat mich einfach vergessen! In dieser stickigen Tankstellenkneipe irgendwo im Süden auf der Autobahn! Wahrscheinlich war der Qualm so dicht, dass man mich gar nicht mehr sehen konnte. Oder der Gestank von Sonnenöl vernebelt den Menschen das Hirn.“
„Mmmmh“, machte ich verblüfft und zwinkerte mit den Augen. Das Wesen wurde nicht deutlicher. Es schien sich gemütlich auf der Heizung zurechtzurutschen. Tatsache, jetzt zupfte es sogar an meinem Socken.
„Egal“ meinte es munter, „nun bin ich ja hier!“
„Wo…kommst du denn her?“ brachte ich fertig, nahm aus Verlegenheit einen tiefen Zug aus meinem dampfenden Becher und verschluckte mich.
Das Wesen huschte herbei, klopfte mir überraschend kräftig auf den Rücken und ließ sich auf meiner Schulter nieder. Ich spürte einen leichten, nicht unangenehmen Druck.
„Schlummere ruhig weiter, Schlafmütze“, sagte es, „ich berichte dir von meinem Land.“ Es beugte sich vor und zog ein wenig an meinem Ohr, als sei das eine Tüte, in die es etwas hineinfüllen wollte. Seine Stimme war jetzt klarer und seltsam tief für seine Größe. Ich musste an meinen Großvater denken, der mir vor einem halben Leben hier in diesem Ohrensessel Märchen erzählt hatte.
„Bei mir zuhause“, begann es leise und geheimnisvoll, „da gibt es unglaubliche Gewächse. Sie fürchten nicht Frost und Schnee, sondern heben Eis und gefrorene Erde mit Leichtigkeit an, obwohl sie klein und zart sind wie ein Pinselstrich. Dabei steigt ein Duft aus ihrer Mitte, der süßer ist als der Frühling selbst, nur weiß es kaum jemand, weil sich selten einer so tief bückt. Ihre Formen sind wie die Sterne, wie Musikinstrumente, wie kunstvolle Kleider und ihre Farben strahlen hell. Mit ihrem Zauber locken sie erstaunliche fliegende Wesen an…“
„Übertreibst du nicht ein wenig?“ fragte ich verschlafen. „Es muss wohl ein Land der Aufschneider sein, aus dem du stammst.“
Das Wesen bohrte mit einem Zipfel seiner quecksilberbeweglichen Gestalt anklagend in meinem Mundwinkel. „Du solltest nicht herablassend lächeln. Das hier ist eine ernste Geschichte! Diese Wesen besitzen durchsichtige Flügel von größter Schönheit. Sie wirken unglaublich zart und segeln doch auf jedem Wind. Andere schillern in allen Farben und wieder andere sind aus weichen Federn. Ihre Besitzer sind in der Lage, feine Gebilde zu weben. Manche summen, viele singen die schönsten Melodien.“
„Haben sie denn Grund, zu singen?“ fragte ich ungläubig, wider Willen neugierig geworden.
„Aber gewiss! Der Himmel, unter dem sie leben, hat so viele Gesichter, dass sie nie müde werden, sich darunter zu bewegen. Er besitzt schimmernde Bogen voller Farben, kühlende silberne Tropfen, die Leben bringen, leuchtende Gebirge, die sich ständig verändern und in einem lautlosen Tanz mit dem Wind spielen. Zu anderen Zeiten ist er voll weicher Dunkelheit und Sterne, zeigt eine Fülle ferner Welten. Und selbst dann singen manche der Wesen…“
Mir kam das entfernt bekannt vor, aber ich wollte meinen Gesprächspartner nicht unterbrechen, es erzählte so angenehm. Vielleicht hatte mein Opa mir das Märchen schon einmal vorgelesen.
„Die Erde“, fuhr das Wesen fort, „das Land, auf das dieser Himmel blickt, ist nach dem Frost voll sanften Grüns und übermütiger Farben. Später trägt es Flächen aus Gold und Bäume voller frischer, aromatischer Früchte in unvorstellbar vielen Farben und Formen. Weite Seen lassen den Himmel in Spiegel blicken, so als sei den glücklichen Bewohnern dieser Himmel doppelt geschenkt. An ihren Ufern lädt sonnenwarmer Sand zum Ruhen ein, während glitzernde Fische springen und Ringe auf das Wasser malen.“
„Nun, auch bei euch wird der Sommer nicht ewig dauern,“ murmelte ich. Das Wesen beugte sich hastig vor und richtete meine Tasse gerade, die mir beinahe aus der Hand geglitten wäre. „Du solltest besser aufpassen!“ schalt es. „Natürlich dauert er nicht ewig. Du beleidigst mein Land! So langweilig ist es nicht, das wäre ja grausig! Nein, schließlich kehren die Winde zurück, und treiben manche der fliegenden Wesen auf Reisen. Dafür verwandeln sie die Blätter in Kunstwerke, bis das Land in einem kostbaren Farbenrausch glüht…“
Ich war plötzlich hellwach und setzte mich gerade. „Moment mal….“
Das Wesen klammerte sich hartnäckig an meinem Ohr fest. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es grinste.
„….dann hüllt sich erst alles in sanfte, geheimnisvolle Nebel und schließlich fallen weiße, unglaublich zarte Kristalle. Jeder besitzt eine einzigartige Form, und doch kann man aus ihnen andere Dinge von vergänglicher Schönheit erschaffen. Die Seen werde zu Flächen, auf denen man tanzen kann, und alle Wege wandeln sich und bekommen ein ganz neues Gesicht, so dass man ihnen nicht widerstehen kann und sich aufmacht, ihnen zu folgen.“
Ich fiel mir plötzlich selbst ein, wie ich mit drei Jahren vor einem Krokus gekniet hatte, der sich durch den Schnee gearbeitet hatte und mir erschien wie aus allen Märchen dieser Welt geboren. Ein zweiundvierzig Jahre alter Duft stieg mir in die Nase. „He, das ist mein Land, von dem du redest!“
Das Wesen verließ meine Schulter und schwebte vor meinem Gesicht. „Guck an, jetzt kommst du wieder drauf! Dabei habe ich dir noch nicht mal die Hälfte erzählt, nix von Bergen, Höhlen, Meeren. Man könnte neidisch werden, oder? Es sei denn, man jammert lieber! Aber da du mich im letzten Frühling in Italien an der Autobahn vergessen hast, als du nur Palmen im Kopf hattest, ist das ja auch kein Wunder, wenn du mürrisch bist.“
„Wer bist du?“
„Dein eigener Gedanke, du Schussel. Pass in Zukunft besser auf. Ich hab mir die Mühe, dir hinterher zu rennen, nur gemacht, weil…“ hier wurde es noch durchsichtiger, als sei es verlegen.
„Nun…?“
„Weil mir der Herbst gefehlt hat!“ Mit diesen Worten war es ganz verschwunden. Aber ich spürte, wie sich eine Gewissheit in mir genau dort niederließ, wohin sie gehörte, und eine Wärme, die nicht von der Heizung stammte, auch nicht vom Tee.
Ich stand auf und kramte im Schrank nach meinen vernünftigen alten Stiefeln. Die nebelweiche silbrige Dämmerung vor dem Fenster war unwiderstehlich. Ich wollte unbedingt ein paar dieser herrlichen rotgoldenen, würzig riechenden Herbstblätter für den Tisch sammeln, bevor es dunkel wurde. Das würde auch Miriam gefallen.

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